Zwergenmützchen

von Josef Haltrich

~11 Min

Es war ein­mal ein Müller, der hat­te drei Söhne und eine Tochter. Die Tochter hat­te er sehr gerne, die Söhne kon­nte er nicht lei­den. Sie kon­nten ihm nie etwas recht machen, und er war immer unzufrieden mit ihnen. Die Brüder waren deshalb sehr trau­rig und wün­scht­en oft, sie wären weit weg von zu Hause und von ihrem Vater. Manch­mal saßen sie zusam­men, klagten und seufzten und wußten nicht, was sie anfan­gen sollen. Eines Tages, als sie wieder ein­mal trau­rig beisam­men saßen, sagte ein­er von ihnen betrübt: Ach wenn wir nur ein Zwer­gen­mützchen hät­ten, dann gin­ge es uns bess­er. Wie meinst du daß?, fragte ein­er der bei­den anderen Brüder.
Die Zwerge, die in den grü­nen Bergen wohnen, erk­lärte der Brud­er, haben Mützchen, die man auch Nebelkäp­pchen nen­nt. Wenn man sie auf­set­zt, wird man unsicht­bar. Das ist eine schöne Sache, man kann Leuten , die einem Bös­es wollen, aus dem Weg gehen und hinge­hen, wohin man will und kein Men­sch sieht es, solange man das Zwer­gen­mützchen auf dem Kopf trägt.
Die Zwerge, antwortete der älteste, sind ein drol­liges und ver­spieltes Volk. Oft spie­len sie auch mit ihren Mützchen. Sie wer­fen es in die Luft und wup­ps sind die sicht­bar. Nun muß man nur gut auf­passen, wenn ein Zwerg sein Mützchen in die Luft wirft, sich den Zwerg pack­en und das Mützchen sel­ber fan­gen. Dann muß er sicht­bar bleiben und man wird Herr über die Zwer­gen­sipp­schaft. Man kann dann entwed­er das Mützchen behal­ten und auf diese Weise sich selb­st unsicht­bar machen oder von den Zwer­gen soviel dafür ver­lan­gen, daß man für sein Leben aus­ge­sorgt hat
Die Zwerge sind näm­lich ein reich­es Volk. Sie haben Macht über alles Met­all in der Erde und ken­nen alle Geheimnisse und Wun­derkräfte der Natur. Durch ihre Lehren kön­nen sie aus einem Dum­men einen Klu­gen machen und aus einem faulen Stu­den­ten einen hochgelehrten Pro­fes­sor.
Das wäre wun­der­bar, sagten die Brüder.
Kannst du nicht hinge­hen, sagte der ältere Brud­er. Und bald machte er sich auf dem Weg nach den grü­nen Bergen. Der Weg war weit und der gute Junge kam erst gegen Abend bei den Zwer­gen­ber­gen an. Dort legte er sich in das grüne Gras an eine Stelle, wo sich noch Spuren der Zwer­gen­tänze im Mondlicht zeigten. Und siehe da, nach kurz­er Zeit taucht­en schon einige Zwerge ganz in sein­er Nähe auf, war­fen ihre Mützchen in die Luft und hop­sten und purzel­ten durcheinan­der. Bald fiel ein Zwer­gen­mützchen ganz in sein­er Nähe zu Boden. Er griff schnell danach, aber der Zwerg, dem das Mützchen gehörte, war viel flink­er wie er und erhaschte das Mützchen sel­ber. Laut schrie der Zwerg: Diebe, Räu­ber, und bei diesem Ruf stürzten sich alle Zwerge auf den armen Knaben. Der war gegen diese große Über­ma­cht hil­f­los und mußte es geschehen lassen, daß diese Zwerge ihn gefan­gen nah­men und ihn in ihre unterirdis­che Woh­nung schleppten. Die Zeit verg­ing und die bei­den jün­geren Brüder sorgten sich, weil der ältere nicht zurück­kehrte. Auch ihre Schwest­er, die san­ft und gut war, hat­te Angst um den Bruder

Nur der Vater knur­rte: Von mir aus soll der Bursche doch zum Teufel sein, dann haben wir wenig­stens einen unnützen Ess­er weniger, aber er wird wohl wieder auf­tauchen, Unkraut verge­ht nicht.
Aber es verg­ing Tag um Tag, ohne daß der ältere Brud­er zurück­kehrte. Der Vater wurde gegen die bei­den zu Hause gebliebe­nen Brüder immer gröber und härter. Die Söhne immer trau­riger und eines Tages sagte der mit­tlere: Weißt du was, Brud­er, ich werde mich jet­zt sel­ber auf dem Weg zu den grü­nen Berge machen. Vielle­icht gelingt es mir, ein Zwer­gen­mützchen zu bekom­men, ich denke näm­lich, daß unser älter­er Brud­er schon lange so ein Mützchen ergat­tert hat und in die weite Welt gegan­gen ist, um sein Glück zu machen. Darüber hat er uns bes­timmt vergessen. Ich aber komme ganz bes­timmt zurück, wenn ich ein solch­es Mützchen habe. Wenn ich aber nicht zurück­komme, dann habe ich kein Glück gehabt. In diesem Fall, lebe du wohl. Trau­rig tren­nten sich die bei­den Brüder und der mit­tlere machte sich auf dem Weg zu den grü­nen Bergen.

Aber es erg­ing ihm genau so, wie es seinem ältesten Brud­er ergan­gen war. Er sah die Zwerge mit ihren Mützchen spie­len, wollte eine erhaschen, wurde aber vorher ent­deckt und von den Zwer­gen gefes­selt und in ihre unterirdis­che Woh­nung geschleppt. Sehn­süchtig wartete der­weil der jüng­ste Brud­er daheim in der Müh­le, doch nach einiger Zeit war ihm klar, daß sein Brud­er auch kein Glück gehabt hat­te. Darüber wurde er sehr trau­rig. Auch die Schwest­er war betrübt. Nur der Vater blieb gle­ichgültig. Hin ist hin brummte er: Wem es zu Hause nicht gefällt, der soll sich gefäl­ligst aus dem Staub machen. Was macht ihr euch Sor­gen um den Kerl, aus den Augen, aus dem Sinn.
Der jüng­ste Brud­er war untröstlich und er sagte zu sein­er Schwest­er: Liebe Schwest­er, auch ich werde jet­zt fort­ge­hen, selb­st wenn es mir so erge­ht wie meinen Brüdern. Ich kann es nicht mehr ertra­gen, wie der Vater mich behan­delt. Lebe wohl und lasse es dir gut gehen.
Die Schwest­er wollte ihren jüng­sten Brud­er erst gar nicht gehen lassen, denn ihn hat­te sie beson­ders gern. Er aber machte sich trotz­dem auf den Weg und über­legte wie er es anstellen kön­nte, ein Zwer­gen­mützchen zu bekom­men. Bald kam er in den grü­nen Bergen an und erkan­nte an den Spuren im Gras schnell die Wiese, auf der die Zwerge nachts ihre Tänze vollführten. Ruhig legte er sich hin und wartete.

Bald kamen auch die Zwerge und trieben ihre Späße. Ein Mützchen fiel ganz in der Nähe zu Boden, doch der kluge Junge griff noch nicht danach. Erst als ihm ein drittes Mützchen genau in die Hände fiel, hielt er es fest und sprang auf.
Diebe, Räu­ber!, schrie der Zwerg, dem das Mützchen gehörte, mit greller Stimme. Sofort liefen alle Zwerge her­bei, aber sie kon­nten den Jun­gen nicht sehen und ihm nichts anhab­en, weil er das Mützchen hat­te. Die Zwerge heul­ten, zeterten und jam­merten, er solle ihnen doch um alles in der Welt das Käp­pchen zurück­geben.
Um alles in der Welt?, fragte der kluge Knabe. Aus dem Han­del kön­nte etwas wer­den, nur will ich vorher hören, worin? Wo sind meine Brüder?
Die sind unten im Inneren der grü­nen Berge, antwortete der Zwerg, dem das Mützchen gehört hat­te.
Und was tun sie da?
Sie dienen.
So, sie dienen. Und ihr dient jet­zt mir! Los, schnell zu meinen Brüdern. Ihr Dienst ist nun zu Ende und eur­er fängt an. Die Zwerge mußten nun gehorchen, ob sie woll­ten oder nicht, denn gegen den Men­schen mit dem Mützchen waren sie macht­los. Die Wirkung des Mützchens war unbeschreib­lich. Die bestürzten und beküm­merten Zwer­glein führten ihren Gebi­eter an die Stelle, wo sich die Öff­nung zum Inneren der Berge befand. Rasch trat­en alle ein und es ging hin­unter in die Woh­nun­gen der Zwerge. Welch­er Glanz tat sich ihnen auf: riesige Hallen, große und uner­mäßliche Räume, aber auch kleine Zim­mer und Kämmerchen.

Nun ver­langte der Knabe seine Brüder zu sehen. Diese wur­den her­beige­bracht und der jüng­ste sah, daß sie Dienerklei­dung tru­gen. Wehmütig und trau­rig riefen sie: Ach, kommst du auch, unser jüng­ster Brud­er? So sind wir drei in der Gewalt der Zwer­gen. Nie wieder wer­den wir das Tages­licht und die grü­nen Wälder sehen.
Liebe Brüder, seid beruhigt, das Blatt hat sich gewen­det, sprach der jüng­ste und herrschte die Zwerge an. Bringt Her­ren­klei­der und Prunk­gewän­der für meine Brüder und mich. Dabei hielt er das Mützchen ganz fest in sein­er Hand. Mit Hil­fe der Diener klei­de­ten sich die Brüder nun fürstlich und ließen dann den Tisch deck­en mit den erlesen­sten Speisen und Getränken. Zum Essen mußten die Musikan­ten auf­spie­len und The­ater­spiel­er und Pan­tomi­men auftreten. In diesen Kün­sten besaßen die Zwerge eine hohe Fertigkeit…

Dann sucht­en sich die Brüder die besten Gemäch­er aus, ließen eine gläserne Kutsche mit prächti­gen Pfer­den bespan­nen und besichti­gen das hell erleuchtete Reich. Sie sahen Edel­ste­in­grot­ten, her­rliche Wasser­spiele, sil­berne Lilien, gold­ene Son­nen­blu­men, kupferne Rosen und alles strahlte von Glanz, Pracht und Her­rlichkeit.
Später begann der jüng­ste Brud­er mit den Zwer­gen zu ver­han­deln und nan­nte seine Bedin­gun­gen. Erstens soll­ten die Zwerge einen Trank aus köstlichen Heilkräutern brauen. Der sollte für das kranke Herz des Vaters sein, damit es sich umkehre und Liebe zu den Söh­nen empfind­et. Zweit­ens mußten viel Gold, Sil­ber und Edel­stein her, damit die liebe Schwest­er mit einem Brautschatz aus­ges­tat­tet wer­den kon­nte, der so reich war, wie der ein­er Königstochter. Drit­tens mußte auch für die Brüder ein Wagen mit Edel­steinen und Kun­st­geräten, wie sie nur Zwerge so kun­stvoll und her­rlich anfer­ti­gen kon­nten, beladen wer­den. Außer­dem noch ein Wagen voll mit Goldmünzen

Dazu kam noch ein beque­mer Wagen mit Glas­fen­stern, indem die Brüder sel­ber fahren woll­ten. Zu allen drei Wagen ver­langten sie alles Nötige: Kutsch­er, Pferde, Geschirr und Riemen­zeug. Die Zwerge wan­den und krümmten sich, weil sie der Mei­n­ung waren, diese Bedin­gun­gen seien viel zu hart. Aber es half ihnen nichts.
Wenn ihr nicht wollt, so sagte der jüng­ste Brud­er, so ist es mir auch recht. Dann bleiben wir bei euch. Hier ist es ja ganz nett. Aber dann werde ich jedem sein Mützchen weg­nehmen und dann kön­nt ihr mal sehen, was das gibt. Dann seid ihr näm­lich nicht mehr unsicht­bar. Die Men­schen wer­den jeden von euch totschla­gen, den sie ent­deck­en. Außer­dem werde ich jede Menge Kröten sam­meln und sie jedem von euch beim Schlafenge­hen mit ins Bett geben. In dem Moment wo das Wort Kröte aus­ge­sprochen war, sanken alle Zwerge auf die Knie nieder und riefen: Gnade, Gnade nur das nicht, denn Kröten sind für Zwerge das Abscheulich­ste, das man sich denken kann.
Ihr dum­men Zwerge, rief der jün­gere Brud­er aus, meine Forderun­gen sind doch sehr beschei­den. Ich hätte noch viel, viel mehr ver­lan­gen kön­nen aber ich bin ein guter Men­sch. Wenn ich wollte, kön­nte ich euch alles weg­nehmen und das Mützchen dazube­hal­ten. Dann würde ich für immer und ewig über euch herrschen, denn mit dem Mützchen würde ich, wie ihr wisst, nicht ster­ben. Wollt ihr mir also meine drei kleinen Bedin­gun­gen nicht doch lieber erfüllen? Da endlich erk­lärten die Zwerge sich bere­it, den Forderun­gen nachzukom­men, weil sie ein­sa­hen, daß es das Beste für sie wäre. Sie macht­en sich daran, alles her­beizuschaf­fen, was der Herrsch­er ver­langt hatte.

In der Müh­le des alten gries­grämi­gen Müllers ging es zu der Zeit auch recht trau­rig zu. Als auch der jüng­ste Sohn auf und davon gegan­gen war, knur­rte der Alte: Nun ist auch der fort. Soll er bleiben wo er ist. Das hat man davon, wenn man Kinder großzieht. Nun ist nur noch meine Tochter da, mein Augapfel, mein Liebling. Aber die Tochter saß dort und weinte bit­tere Trä­nen. Glaub­st du schon wieder, ich soll wohl denken, du weinst um deine Brüder. Aber ich weiß es bess­er, du weinst um deinen Lieb­haber, der dich heirat­en will. Dieser Habenichts besitzt nichts, genau wie du auch. Ich habe nichts, was ich euch geben kön­nte. Meine Müh­le ste­ht still, kein Rad dreht sich und schlechter kann es um eine Müh­le nicht ste­hen. Ich kann nicht mahlen und du kannst nicht heirat­en.
Solche Reden mußte sich das arme Mäd­chen jeden Tag anhören und sie verg­ing fast vor stillem Leid. Da hielt eines schö­nen Mor­gens eine prächtige Kutsche vor der Müh­le. Kleine Diener öffneten die Tür und her­aus stiegen drei hüb­sche Her­ren in kost­baren Gewän­dern. Die Diener ran­nten um die Begleit­wa­gen und luden Kisten, Kas­ten und schwere Truhen aus.
Guten Mor­gen Vater! Guten Mor­gen Schwest­er! Da sind wir wieder, riefen die drei Brüder. Diese star­rten die Ankömm­linge ver­wun­dert an.
Trink mit uns ein Willkom­men­strunk, lieber Vater, rief der Älteste und nahm einem der Diener einen Flasche aus der Hand. Dann schenk­te er einen kun­stvoll gear­beit­eten Gold­pokal voll und ließ den Vater trinken. Dieser trank und gab den Pokal weit­er, so daß dieser die Runde machte.
Sofort strömte dem Vater Wärme in das kalte Herz und die Wärme wurde zum Feuer, zum Feuer der Liebe. Er weinte vor Rührung und Freude, fiel seinen Söh­nen in die Arme, küsste sie und seg­nete sie. Da kam auch der Geliebte der Tochter. Auch er durfte trinken und seine zukün­ftige Frau in die Arme schließen. Vor Freude fin­gen die Mühlräder, die so lange stillge­s­tanden hat­ten, sich zu drehen und sie dreht­en sich schneller und schneller und schneller.