Wie’s der Alte macht, ist’s immer richtig

von Hans Christian Andersen

~9 Min

Eine Geschichte werde ich dir erzählen, die ich hörte, als ich noch ein klein­er Knabe war. Jedes Mal, wenn ich an die Geschichte dachte, kam es mir vor, als würde sie immer schön­er. Denn es geht mit Geschicht­en wie mit vie­len Men­schen. Sie blühen mit zunehmen­dem Alter auf.

Gewiss warst du doch schon ein­mal auf dem Lande. Dort wirst du wohl auch ein altes Bauern­haus mit Stro­hdach gese­hen haben. Moos und Kräuter wach­sen von sel­ber auf dem Dach. Ein Storchennest befind­et sich auf dem First, denn der Storch ist unver­mei­dlich! Die Wände des Haus­es sind schief, die Fen­ster niedrig, und nur ein einziges Fen­ster ist so ein­gerichtet, dass es geöffnet wer­den kann. Der Back­ofen springt aus der Wand her­vor, ger­ade wie ein klein­er dick­er Bauch. Der Flieder­baum hängt über den Zaun, und unter seinen Zweigen ist ein Wassertüm­pel, in dem eine oder mehrere Enten liegen. Ein Ket­ten­hund, der alles und jeden anbellt, ist auch da.

Ger­ade so ein Bauern­haus stand draußen auf dem Lande. In diesem Hause wohn­ten zwei alte Leute, ein Bauer und eine Bäuerin. Sie hat­ten nur sehr wenig, doch ein Stück war darunter, das nicht ent­behrlich war. Das war ein Pferd, das sich von dem Grase nährte, das es an den Einzäu­nun­gen der Land­straße fand. Der alte Bauer ritt auf diesem Pferd zur Stadt und seine Nach­barn liehen es sich oft aus und erwiesen den alten Leuten manch anderen Dienst dafür.

Doch dann schien es ihnen das Beste, das Pferd zu verkaufen oder es gegen irgen­det­was wegzugeben, das ihnen mehr nützen kön­nte. Aber was kon­nte dies wohl sein? Das wirst du, Alter, am besten wis­sen”, sagte die Frau zu ihm. Heute ist Jahrmarkt! Reite in die Stadt, gib das Pferd für Geld hin oder mache einen guten Tausch. Wie du es auch machst, mir ist’s recht. Reite nur zum Jahrmarkt!”

Sie knüpfte ihm sein Hal­stuch mit ein­er Dop­pelschleife um, denn das kon­nte sie bess­er als er. Das macht sich sehr hüb­sch!”, rief sie, strich seinen Hut glatt und küsste ihn auf seinen war­men Mund. Dann ritt er fort auf dem Pferd, welch­es verkauft oder einge­tauscht wer­den sollte. Ja, der Alte ver­stand dies schon!

Die Sonne bran­nte heiß, keine Wolke war am Him­mel zu sehen. Auf dem Weg staubte es sehr, die vie­len Leute, die den Jahrmarkt besuchen woll­ten, fuhren, rit­ten oder legten den Weg zu Fuß zurück. Nir­gends gab es Schat­ten gegen den Brand der Sonne.

Auf dem Weg kam auch ein­er an, der seine Kuh zu Mark­te trieb. Die Kuh war so schön, wie eine Kuh nur sein kann. Die gibt gewiss eine schöne Milch”, dachte der Bauer. Es wäre ein guter Tausch, die Kuh für das Pferd.” He du da!”, rief der Bauer geschwind. Ein Pferd, sollte ich meinen, kostet mehr als eine Kuh, aber mir ist das gle­ichgültig. Ich habe mehr Nutzen von der Kuh. Hast du Lust, so tauschen wir!” Freilich will ich das”, sagte der Mann, und nun tauscht­en sie.

Das war also abgemacht, und der Bauer hätte nun wieder umkehren kön­nen. Da er nun aber den Jahrmarkt im Kopfe hat­te, wollte er auch hin, bloß um ihn anzuse­hen. Darum führte er seine Kuh eilig auf den Weg zur Stadt. Schon nach kurz­er Zeit waren sie einem Manne zur Seite, der ein Schaf trieb. Es war ein gutes Schaf, fett und mit guter Wolle. Das möchte ich haben”, dachte unser Bauers­mann. Es kön­nte an unserem Zaun genug Gras find­en, und im Win­ter wür­den wir es in der Stube hal­ten. Eigentlich wäre es bess­er, ein Schaf statt ein­er Kuh zu besitzen.” So sprach der Bauer den Schaf­be­sitzer an und fragte: Wollen wir nicht tauschen?” Der Mann freute sich über dieses Ange­bot, also war der Tausch eine beschlossene Sache. Nun ging der Bauer mit seinem Schaf auf der Land­straße weiter.

Bald gewahrte er aber­mals einen Mann, der vom Feld her die Land­straße betrat und eine große Gans unter dem Arm trug. Das ist wahrlich ein schw­eres Fed­ervieh”, sagte der Bauer. Es hat Fed­ern und Fett, dass es eine Lust ist. Meine Alte kön­nte sie mit aller­lei Abfall mästen, denn sie hat schon oft davon gesprochen, dass wir eine Gans haben soll­ten. Wollen wir also tauschen? Ich gebe dir das Schaf für die Gans und schö­nen Dank dazu.” Dage­gen hat­te der Andere nichts einzuwen­den, und so tauscht­en sie.

Jet­zt befand sich der Bauer mit sein­er Gans schon ganz nahe bei der Stadt. Das Gedränge auf der Land­straße nahm immer mehr zu. Men­schen und Vieh liefen durcheinan­der. Sie gin­gen auf der Straße und längs der Zäune, ja, sog­ar über das Kartof­felfeld des Ein­nehmers, wo dessen einziges Huhn an ein­er Schnur umherspazierte. Das Huhn hat­te kurze Schwanzfed­ern, es blinzelte mit einem Auge und sah sehr klug aus. Kluck, Kluck”, sagte es. Was es sich dabei dachte, weiß ich nicht zu sagen, aber unser Bauers­mann dachte sogle­ich: Das ist das schön­ste Huhn, das ich je gese­hen habe. Es ist sog­ar schön­er als des Pfar­rers Bruthenne. Potz­tausend! Das Huhn möchte ich haben! Ein Huhn find­et immer ein Körnchen. Es kann sich auch fast sel­ber ernähren, und ich glaube, es wäre ein guter Tausch, wenn ich es für die Gans hier kriege.” Da fragte er den Ein­nehmer, der den Schlag­baum bewachte: Wollen wir tauschen?” Tauschen”, erwiderte dieser, das wäre nicht übel!” Und so tauscht­en sie. Der Ein­nehmer bekam die Gans, und der Bauer das Huhn.

Es war gar viel, was er auf der Reise zur Stadt erledigt hat­te. Heiß war es auch, und er war müde. Ein Schnaps und ein Imbiss kamen ihm da ger­ade recht. Er wollte ger­ade in ein Wirtshaus gehen, als der Hausknecht her­aus­trat und sie sich daher in der Tür begeg­neten. Der Knecht trug einen Sack. Was hast du denn in dem Sack?”, fragte der Bauer. Ver­schrumpelte Äpfel!”, antwortete der Knecht. Ich habe einen ganzen Sack voll, genug für die Schweine.” Das ist doch eine große Ver­schwen­dung”, erwiderte der Bauer. Mein­er Alten würde ich diesen Anblick aber schon gön­nen. Voriges Jahr trug der alte Baum am Torf­stall nur einen einzi­gen Apfel. Der wurde aufge­hoben und lag auf dem Schrank, bis er ganz ver­darb und zer­fiel. Meine Alte meinte, das sei doch immer­hin Wohl­stand. Hier kön­nte sie nun aber einen ganzen Sack voll Wohl­stand sehen. Ja, den Anblick würde ich ihr gön­nen!” Was gebt ihr für den Sack?”, fragte der Knecht. Was ich gebe? Ich gebe mein Huhn zum Tausch.”

So gab der Bauer das Huhn, bekam die Äpfel und trat mit diesen in die Gast­stube ein. Den Sack lehnte er behut­sam an den Ofen, er sel­ber trat an den Schank­tisch. Im Ofen war aber einge­heizt, das bedachte er nicht. Es waren viele Gäste anwe­send: Pfer­de­händler, Ochsen­treiber und zwei Englän­der. Diese Englän­der waren so reich, dass ihre Taschen von Gold­stück­en strotzten und fast platzten. Und wet­ten, dass sie es tat­en! Das sollst du aber ein anderes Mal erfahren.

Susss! Susss!” Was war denn das am Ofen? — Die Äpfel began­nen zu brat­en. Was ist das denn?”, fragte jemand. Ja, wis­sen sie”, sagte unser Bauers­mann, und erzählte die ganze Geschichte von dem Pferd, der Kuh bis zu den Äpfeln. Na, da wird dich deine Alte derb knuffen, wenn du nach Hause kommst. Da set­zt es was!”, sagten die Englän­der. Was? Knuffen?” erwiderte der Bauer, Küssen wird sie mich und sagen: Wie’s der Alte macht, ist’s immer richtig.’ ” Wollen wir wet­ten?”, fragten die Englän­der. Um gemünztes Gold, ton­nen­weise! Hun­dert Pfund machen ein Schiff­sp­fund!” Ein Schef­fel genügt schon”, ent­geg­nete der Bauer. Ich kann ja nur einen Schef­fel mit Äpfeln dage­gen set­zen und mich sel­ber und meine alte Frau dazu. Das, scheint mir, wäre doch auch ein gehäuftes Maß!” Topp! Angenom­men!”, und die Wette war gemacht.

Der Wagen des Wirtes fuhr vor, die Englän­der stiegen ein, und der Bauers­mann stieg ein. Vor­wärts ging es, und bald hiel­ten sie vor dem Häuschen des Bauern an. Guten Abend, Alte!”, rief der Bauer. Der Tausch ist gemacht!” Ja, du ver­stehst schon deine Sache”, sagte die Frau, umarmte ihn und beachtete wed­er den Sack noch die frem­den Gäste.

Ich habe eine Kuh für das Pferd einge­tauscht.” Gott sei Lob!”, freute sich die Frau. Die schöne Milch, die wir nun haben wer­den, und But­ter und Käse auf dem Tisch! Das ist ein her­rlich­er Tausch!” Ja, aber die Kuh tauschte ich wieder gegen ein Schaf ein.” Ach, das ist umso bess­er”, erwiderte die Frau. Du denkst immer an alles. Für ein Schaf haben wir Graswei­de genug. Schaf­s­milch, Schaf­skäse, wol­lene Strümpfe und wol­lene Jack­en wer­den wir bekom­men. Das gibt uns die Kuh nicht, sie ver­liert ja die Haare. Wie du doch alles bedenkst!” Aber das Schaf habe ich wieder gegen eine Gans getauscht!” Die Frau wink­te nur ab und sagte: Dieses Jahr wer­den wir also wirk­lich Gänse­brat­en haben, mein lieber Alter! Du denkst immer daran, mir eine Freude zu machen. Wie her­rlich das ist! Die Gans kann man an einen Strick binden und sie noch fet­ter wer­den lassen, bevor wir sie brat­en!” Aber die Gans habe ich gegen ein Huhn einge­tauscht!”, rief der Bauer. Ein Huhn? Das war ein guter Tausch!”, ent­geg­nete die Frau. Das Huhn legt Eier. Die brütet es aus, und wir kriegen Küken und einen ganzen Hüh­n­er­hof! Ei, den habe ich mir ger­ade erst recht gewün­scht!” Ja! Aber das Huhn gab ich wieder für einen Sack voll ver­schrumpel­ter Äpfel hin!” Was? Nein, jet­zt muss ich dich erst recht küssen”, sprach die Alte. Mein liebes, gutes Män­nchen! Ich werde dir etwas erzählen. Siehst du, als du heute Mor­gen kaum fort warst, dachte ich darüber nach, wie ich dir heute Abend einen guten Bis­sen machen kön­nte. Speck­eierkuchen mit Schnit­t­lauch, dachte ich dann. Die Eier hat­te ich, den Speck auch, nur der Schnit­t­lauch fehlte mir. So ging ich denn hinüber zu Schul­meis­ters, denn die haben Schnit­t­lauch, das weiß ich wohl. Aber die Frau des Schul­meis­ters ist geizig, so süß sie auch tut. Ich bat sie, mir eine Hand voll Schnit­t­lauch zu lei­hen. Lei­hen?”, gab sie zur Antwort. Nichts, gar nichts wächst in unserm Garten, nicht ein­mal ein ver­schrumpel­ter Apfel. Nicht ein­mal einen solchen kann ich dir lei­hen, liebe Frau!” Jet­zt kann ich Frau Schul­meis­ter aber zehn, ja, einen ganzen Sack voll Schrumpfäpfel lei­hen. Das freut mich doch sehr, das ist zum Tot­lachen!” Und dabei küsste sie ihn, dass es schmatzte.

Das gefällt uns!”, riefen die Englän­der wie aus einem Mund. Immer bergab und immer lustig. Du hast die Wette gewon­nen!” Und nun zahlten sie ein Schiff­sp­fund Gold­münzen an den Bauers­mann, der nicht geknufft, son­dern geküsst wurde. Ja, das lohnt sich immer, wenn die Frau ein­sieht und auch immer sagt, dass der Mann der Klüg­ste und sein Tun das Richtige ist.

Seht, das ist meine Geschichte. Ich habe sie schon als Kind gehört, und jet­zt hast du sie auch gehört und weißt: Wie’s der Alte macht, ist’s immer richtig!”