Wie sich der Christoph und das Bärbel immer aneinander vorbeigewünscht haben

von  Richard von Volkmann-Leander

~5 Min

Das mag nun schon ger­aume Zeit her sein, dass ein­mal der liebe Gott – wie er es oft zu tun pflegte – sagte: ​„Du, Gabriel, mach ein­mal die Luke auf und ​‚guck runter! Ich glaube, es weint was!“ Der Gabriel tat, wie ihm der liebe Gott befohlen, hielt sich die Hand vor die Augen, weil’s blendete, sah über­all umher und sagte endlich: ​„Da unten ist eine lange grüne Wiese; an dem einen Ende sitzt das Bär­bel und hütet die Gänse und am andern der Christoph und hütet die Schweine, und weinen tun sie alle bei­de, dass einem das Herz im Leibe weh tut.“ – ​„So?“ sagte der liebe Gott; ​„geh weg, Langer, damit ich selb­st zuse­hen kann.“ (Dass der Engel Gabriel sehr lang ist, weiss jeder.) 

Wie er nun selb­st zuge­se­hen hat, fand er es ger­adeso, wie es der Engel Gabriel gesagt. Dass aber der Christoph und das Bär­bel bei­de so kläglich wein­ten, hat sich so zuge­tra­gen: Der Christoph und das Bär­bel hat­ten sich bei­de sehr lieb; denn eins hütete die Gänse, das andere die Schweine, und sie passten also gut zusam­men, weil näm­lich der Stand kein Hin­der­nis machte. Sie nah­men sich denn vor, sie woll­ten sich heirat­en, und mein­ten, dazu wär’s ger­ade genug, dass sie sich so lieb­hät­ten. Aber die Herrschaft war ander­er Mei­n­ung. So mussten sie sich denn mit dem Braut­stande zufriedengeben. Weil aber Ord­nung zu allen Din­gen nützt und das Küssen bei Braut­leuten eine gar wichtige Sache ist, waren sie übereingekom­men, dass sieben Küsse mor­gens und sieben Küsse abends eine gute Zahl wären. 

Eine Zeit­lang ist es denn auch ganz gut gegan­gen, und immer waren zur recht­en Zeit die sieben richtig voll. Am Mor­gen aber des Tages, wo diese Geschichte sich zuge­tra­gen hat, eben da es zum sieben­ten Kusse kom­men sollte, waren dem Bär­bel seine Lieblings­gans und dem Christoph sein Lieblings­fer­kel wegen des Früh­stücks uneinig gewor­den, also, dass sie sich gar hart anliessen und beina­he schon zu Tätlichkeit­en übergin­gen. Da mussten sie es, um den Stre­it zu schlicht­en, bei der falschen Zahl lassen. Wie nun bei­de nach­her so ein­sam und weit voneinan­der am Wiesen­rande sassen, fiel ihnen ein, dass es doch sehr schlimm sei, und fin­gen an zu weinen, und wein­ten immer noch, als der liebe Gott selb­st zusah. Der liebe Gott meinte anfangs, ihr Leid würde sich mit der Zeit wohl von selb­st geben; als aber das Weinen immer ärg­er wurde und dem Christoph sein Lieblings­fer­kel und dem Bär­bel seine Lieblings­gans auch schon began­nen schi­er trau­rig zu wer­den und ganz sauertöp­fis­che Gesichter zu machen, sprach er: ​„Ich will ihnen helfen! Was sie sich am heuti­gen Tage nur immer wün­schen mögen, soll in Erfül­lung gehen.“ Die zwei hat­ten aber nur einen Gedanken; denn wie so eins nach dem andern schaute und kon­nten sich doch nicht sehen, denn die Wies war lang und in der Mitte ein Busch, dachte der Christoph: Wenn ich doch drüben bei den Gänsen wäre! und das Bär­bel seufzte: Ach, wäre ich doch bei den Schweinen! Auf ein­mal nun sass der Christoph wirk­lich bei den Gänsen und das Bär­bel bei den Schweinen; und doch waren sie wieder nicht beieinan­der, und die falsche Zahl kon­nte immer noch nicht richtig gemacht wer­den. Da dachte der Christoph: Das Bär­bel wird mich wohl haben besuchen wollen. Und das Bär­bel dachte: Was gilt’s, der Christoph ist ander­srum zu mir ​‚rüberge­gan­gen! – Ach, wär‘ ich doch bei meinen Gänsen! – Ach, wär‘ ich doch bei meinen Schweinen! Da sass nun wieder das Bär­bel bei den Gänsen und der Christoph bei den Schweinen, und so ist es den ganzen Tag über immer umschichtig fort­ge­gan­gen, weil sich die bei­den stets aneinan­der vor­beigewün­scht haben. So fehlt denn der siebente Mor­genkuss des Tages heute noch. Der Christoph wollte ihn zwar sel­bi­gen Abends, als sie bei­de, tod­müde gewün­scht, nach Hause kamen, nach­holen, aber das Bär­bel meinte, es helfe nun doch nichts mehr, und die Unord­nung sei nim­mer wieder gutzu­machen. – Als aber der liebe Gott sah, dass sich die bei­den immer so aneinan­der vor­bei­wün­scht­en, sprach er: ​„Da habe ich etwas Gutes angerichtet. Aber, was ich gesagt habe, habe ich gesagt! Dage­gen kann nun weit­er nichts helfen!“ 

So hat er sich dann vorgenom­men, nie wieder Liebesleuten ihre Wün­sche so ohne weit­eres in Erfül­lung gehen zu lassen, son­dern sich immer erst zu erkundi­gen, was sie denn eigentlich haben woll­ten. Später aber soll er ein­mal im Ver­trauen zum Gabriel gesagt haben: es wäre doch recht schade, dass ihre Wün­sche so gar sel­ten von der Art wären, dass er sie gewähren dürfe; und als ich mich vor langer, langer Zeit ein­mal in ähn­lichen Angele­gen­heit­en an ihn wandte, tat er gar nicht, als wenn er es hörte. Nach­her erzählte mir der Gabriel diese Geschichte; da kon­nte ich mich freilich nicht mehr wundern. 

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