Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben

von Brüder Grimm

~3 Min

I

In ein­er Stadt, Fra­neck­er genan­nt, gele­gen in West­fries­land, da ist es geschehen, dass junge Kinder, fünf- und sech­sjährige, Mägdlein und Knaben, miteinan­der spiel­ten. Und sie ord­neten ein Büblein an, das solle der Met­zger sein, ein anderes Büblein, das solle Koch sein, und ein drittes Büblein, das solle eine Sau sein. Ein Mägdlein, ord­neten sie, solle Köchin sein, wieder ein anderes, das solle Unterköchin sein; und die Unterköchin solle in einem Geschirrlein das Blut von der Sau emp­fa­hen, dass man Würste könne machen. Der Met­zger geri­et nun verabre­de­ter­massen an das Büblein, das die Sau sollte sein, riss es nieder und schnitt ihm mit einem Messer­lein die Gurgel auf, und die Unterköchin empf­ing das Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rat­sherr, der von unge­fähr vorüberge­ht, sieht dies Elend: er nimmt von Stund an den Met­zger mit sich und führt ihn in des Ober­sten Haus, welch­er sogle­ich den ganzen Rat ver­sam­meln liess. Sie sassen all über diesen Han­del und wussten nicht, wie sie ihm tun soll­ten, denn sie sahen wohl, dass es kindlicher­weise geschehen war. Ein­er unter ihnen, ein alter weis­er Mann, gab den Rat, der ober­ste Richter solle einen schö­nen roten Apfel in eine Hand nehmen, in die andere einen rheinis­chen Gulden, solle das Kind zu sich rufen und bei­de Hände gle­ich gegen das­selbe ausstreck­en: nehme es den Apfel, so soll‘ es ledig erkan­nt wer­den, nehme es aber den Gulden, so solle man es töten. Dem wird gefol­gt, das Kind aber ergreift den Apfel lachend, wird also aller Strafe ledig erkannt.

II

Ein­st­mals hat ein Haus­vater ein Schwein geschlachtet, das haben seine Kinder gese­hen; als sie nun nach­mit­tag miteinan­der spie­len wollen, hat das eine Kind zum andern gesagt: Du sollst das Schweinchen und ich der Met­zger sein“; hat darauf ein bloss Mess­er genom­men und es seinem Brüderchen in den Hals gestossen. Die Mut­ter, welche oben in der Stube sass und ihr jüng­stes Kindlein in einem Zuber badete, hörte das Schreien ihres anderen Kindes, lief als­bald hin­unter, und als sie sah, was vorge­gan­gen, zog sie das Mess­er dem Kind aus dem Hals und stiess es im Zorn dem andern Kind, welch­es der Met­zger gewe­sen, ins Herz. Darauf lief sie als­bald nach der Stube und wollte sehen, was ihr Kind in dem Badezu­ber mache, aber es war unter­dessen in dem Bad ertrunk­en; deswe­gen dann die Frau so voller Angst ward, dass sie in Verzweifelung geri­et, sich von ihrem Gesinde nicht wollte trösten lassen, son­dern sich selb­st erhängte. Der Mann kam vom Felde, und als er dies alles gese­hen, hat er sich so betrübt, dass er kurz darauf gestor­ben ist.