Was die Distel erlebte

von Hans Christian Andersen

~7 Min

Zu dem reichen Her­ren­sitz gehörte ein schön­er, gut gepflegter Garten mit sel­te­nen Bäu­men und Blu­men. Die Gäste auf dem Schloss waren entzückt darüber, und die Bewohn­er der Umge­gend kamen an Sonn- und Feierta­gen, um den Garten anzuse­hen. Ja, ganze Schulen fan­den sich zu ähn­lichen Besuchen ein.

Vor dem Garten stand am Git­ter zum Feld­wege hin­aus eine mächtige Dis­tel. Sie war so groß, dass man sie wohl einen Dis­tel­busch nen­nen kon­nte, denn sie war von der Wurzel aus in mehrere Zweige geteilt. Nie­mand sah sie an, außer dem alten Esel, der den Milch­wa­gen für das Milch­mäd­chen zog. Der Esel machte einen lan­gen Hals nach der Dis­tel und sagte: Du bist schön! Ich kön­nte dich glatt auf­fressen!” Aber der Esel stand angepflockt und die Leine war nicht lang genug.

Im Schloss war eine große Gesellschaft mit hochadeli­gen Ver­wandten aus der Haupt­stadt und jun­gen, niedlichen Mäd­chen. Unter ihnen war auch ein Fräulein von weit her. Sie kam aus Schot­t­land, war von vornehmer Geburt und reich an Geld und Gut. Das sei eine Braut, deren Besitz sich schon lohne, sagte nicht wenige junge Her­ren, die Müt­ter sagten es auch.

Die Jugend tum­melte sich auf dem Rasen und spielte Krock­et. Sie gin­gen zwis­chen den Blu­men umher, und jedes junge Mäd­chen pflück­te sich eine Blume und steck­te sie in das Knopfloch von einem jun­gen Her­ren. Die junge Schot­tin aber sah sich lange um, ver­warf eine Blume nach der anderen. Keine schien nach ihrem Geschmack zu sein, doch dann schaute sie über das Git­ter hin­aus. Da draußen stand der große Dis­tel­busch mit seinen rot­blauen, kräfti­gen Blüten. Die junge Schot­tin lächelte und bat den Sohn des Haus­es, ihr eine Stück davon zu pflück­en. Das ist Schot­t­lands Blume”, sagte sie. Sie prangt in dem Wap­pen des Lan­des, darum möchte ich sie gerne haben!”

Der junge Herr holte die schön­ste Blüte und stach sich dabei in die Fin­ger, als wären Rosendor­nen daran. Die junge Schot­tin steck­te ihm aber zum Dank die Dis­tel­blüte ins Knopfloch, und er fühlte sich hoch geehrt. Alle die andern jun­gen Her­ren hät­ten gerne ihre Pracht­blume hergegeben, um diese tra­gen zu kön­nen, die von den feinen Hän­den der jun­gen Schot­tin gespendet war.

Und wenn sich der Sohn des Haus­es geehrt fühlte, wie mochte sich da die Dis­tel erst vorkom­men! Es war, als durch­strömten sie Tau und Son­nen­schein. Ich bin mehr, als ich glaube”, sagte sich die Dis­tel im Stillen. Ich gehöre wohl eigentlich hin­ter das Git­ter und nicht draußen auf das Feld. Aber nun ist doch ein Teil von mir über das Git­ter gekom­men und sitzt oben­drein im Knopfloch!”

Die Dis­tel erzählte jed­er Knospe, die kam und sich ent­fal­tete, was sich zuge­tra­gen hat­te. Und es waren noch gar nicht viele Tage ver­gan­gen, da hörte der Dis­tel­busch nicht von Men­schen, auch nicht von den Vögeln, son­dern aus der Luft sel­ber eine Neuigkeit, die aus den inner­sten Gän­gen des Gartens und aus den Zim­mern des Schloss­es kam, dort, wo die Türen und Fen­ster offen ste­hen. Der junge Herr, der die Dis­tel­blüte aus der Hand der jun­gen Schot­tin erhielt, habe nun auch ihre Hand bekom­men. Es sei ein schönes Paar, eine gute Partie.

Die habe ich zusam­menge­bracht”, meinte der Dis­tel­busch und dachte an die Blüte, die er für das Knopfloch hergegeben hat­te. Jede Blüte, die auf­brach, bekam das Ereig­nis zu hören. Jet­zt werde ich gewiss in den Garten gepflanzt”, dachte die Dis­tel. Vielle­icht werde ich auch in einen Topf gestellt, der klemmt. Das soll ja das Allerehren­voll­ste sein!” Und der Dis­tel­busch dachte so leb­haft daran, dass er mit voller Überzeu­gung sagte: Ich komme in einen Topf!” Er ver­sprach jed­er kleinen Blüte, die aufging, dass sie auch in den Topf kom­men werde, vielle­icht sog­ar ins Knopfloch. Das war das Höch­ste, was erre­icht wer­den konnte.

Aber es sollte ganz anders kom­men. Keine kam in den Topf, geschweige denn ins Knopfloch. Sie tranken Luft und Licht, sie schleck­ten Son­nen­schein am Tage und Tau in der Nacht. Die Blüten beka­men Besuch von Bienen und Brem­sen, die nach Mit­gift sucht­en. Sie saugten fleißig die süßen Säfte und ließen die Blume dann ein­fach ste­hen. So ein Räu­ber­gesin­del” dachte der Dis­tel­busch. Kön­nte ich sie doch auf­fressen! Aber das kann ich nicht!”

Die Blüten ließen den Kopf hän­gen, welk­ten hin, doch es kamen immer wieder neue. Ihr kommt wie gerufen”, sagte der Dis­tel­busch. Jede Minute erwarte ich, dass man uns hin­ter das Git­ter verpflanzt!” Ein paar unschuldige Gänse­blüm­chen und Wegerich­pflanzen standen da und hörten mit Bewun­derung zu. Sie glaubten alles, was der Dis­tel­busch sagte.

Der alte Esel vom Milch­wa­gen schielte vom Weges­rande zu dem Dis­tel­busch hinüber, aber die Leine war zu kurz. Er kon­nte ihn ein­fach nicht erre­ichen. Und der Dis­tel­busch dachte immerzu nur an die Dis­tel Schot­t­lands, zu deren Fam­i­lie er sich zählte. Schließlich glaubte der Dis­tel­busch sog­ar, er sei aus Schot­t­land gekom­men und seine Eltern wären sel­ber im Wap­pen Schot­t­lands erblüht. Das war ein großer Gedanke, aber eine große Dis­tel kann wohl einen großen Gedanken haben.

Man ist oft von so vornehmer Fam­i­lie, dass man es gar nicht zu wis­sen wagt”, sagte die Nes­sel, die dicht daneben wuchs. Sie hat­te auch eine Ahnung davon, dass sie zu Nes­sel­tuch” wer­den könne, wenn sie nur richtig behan­delt würde.

So ging es den ganzen Som­mer über, bis weit in den Herb­st hinein. Die Blät­ter fie­len von den Bäu­men, die Blu­men beka­men stärkere Far­ben und dufteten immer weniger. Die jun­gen Tan­nen­bäume im Walde hat­ten schon Sehn­sucht auf Wei­h­nacht­en, aber es war noch lange hin.

Hier ste­he ich nun”, sagte die Dis­tel. Es ist so, als ob nie­mand mehr an mich denken würde. Dabei habe ich doch die Par­tie gemacht. Sie haben sich ver­lobt und die Hochzeit gefeiert. Das ist jet­zt acht Tage her, und ich habe immer noch keinen Schritt vom Git­ter weg getan.”

Es vergin­gen noch einige Wochen. Die Dis­tel stand mit ihrer let­zten, einzi­gen Blüte da, die ganz nahe an der Wurzel groß und voll aufge­gan­gen war. Der Wind wehte kalt darüber, und der Kelch stand wie eine ver­sil­berte Son­nen­blume da.

Da kam das frisch ver­mählte Paar in den Garten. Sie gin­gen am Git­ter ent­lang, und die junge Frau sah darüber hin­aus. Da ste­ht ja noch die große Dis­tel!”, rief sie. Jet­zt hat sie keine Blüte mehr.” Ja”, erwiderte der junge Herr, da ist nur noch das Gespenst von der let­zten.” Er zeigte auf den sil­ber­schim­mern­den Rest der Blüte, der einst eine Blüte war. Wie schön die ist”, sagte sie. So eine Dis­tel muss in den Rah­men um unser Bild geschnitzt werden!”

Der junge Mann musste aber­mals über das Git­ter steigen und stach sich beim Pflück­en wieder in die Fin­ger. Der Kelch kam durch den Garten, in das Schloss und in den Saal, wo ein Gemälde stand. Es zeigte das junge Ehep­aar. In das Knopfloch des Bräutigams war eine Dis­tel­blüte gemalt. Man sprach davon, und man sprach von dem Dis­telkelch, den sie bracht­en. Es war die let­zte, jet­zt sil­bern schim­mernde Dis­tel­blüte, die in den Rah­men hineingeschnitzt wer­den sollte.

Was man doch alles erleben kann!”, sagte der Dis­tel­busch zu sich selb­st. Meine Erst­ge­borene kam ins Knopfloch, meine Let­zt­ge­borene kommt in den Rah­men! Wohin komme ich?”

Wieder stand der Esel am Weges­rande und schielte zu dem Busch hinüber. Er rief: Komm zu mir, mein Fress-Schatz! Ich kann nicht zu dir kom­men, weil meine Leine nicht lang genug ist!” Der Dis­tel­busch antwortete nicht. Immer mehr ver­sank er in Gedanken. Er dachte und dachte, bis in die Wei­h­nacht­szeit hinein, doch dann zeigte der Gedanke seine Blüte. Wenn es den Kindern gut geht”, sagte die Dis­tel, wird die Mut­ter damit zufrieden sein, auch außer­halb des Git­ters zu ste­hen!” Das sind ehren­volle Worte”, sprach der Son­nen­strahl. Sie sollen auch einen guten Platz bekom­men!” Im Topf oder im Rah­men?”, fragte die Dis­tel. In einem Märchen!” antwortete der Sonnenstrahl.

Und hier ist es!