Von zwei Affen

von Ludwig Bechstein

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Ein alter Affe lebte an einem frucht­baren Ort, wo Bäume und Früchte, Wass­er und Wei­den im Über­fluß vorhan­den waren. Da er nur immer im Wohlleben war, so bekam er in seinem Alter die Raute und war damit sehr geplagt, wurde mager und kraft­los, so daß er seine Speise nicht mehr erlan­gen kon­nte. Da kam ein ander­er Affe zu ihm und fragte ihn ver­wun­dert: »Ei, wie kommt es, daß ich dich so krank und abgezehrt sehen muß?«

»Ach!« seufzte der alte Affe, ich weiß keine andere Ursache, als den Willen Gottes, dem nie­mand zu ent­fliehen ver­mag.« Drauf sprach jen­er: »Ich kan­nte einen Fre­und, der trug das­selbe Siech­tum, und es half ihm nichts als das Haupt ein­er schwarzen Nat­ter. Als er das aß, so genas er, das soll­test du auch tun!«

Ihm ent­geg­nete der alte Affe: »Wer gibt mir ein solch­es Nat­ter­haupt, da ich so schwach bin, kaum eine Frucht von dem Baume zu erlan­gen?« Darauf ver­set­zte jen­er: »Vor zwei Tagen sah ich vor ein­er Höh­le in einem Felsen einen Mann ste­hen, der lauerte auf die schwarze Nat­ter, die in der Höh­le lag, und wollte ihr die Zunge her­ausziehen, weil er ein­er solchen bedürftig war; da will ich dich hin­brin­gen. Hat der Mann die Nat­ter getötet, so nimmst du das Haupt und ißt es.«

Der alte Affe sprach: »Ich bin siech und krank, werde ich gesund und stark, so will ich dir gern deinen Dienst vergel­ten.« Da führte jen­er Affe den alten in die Felsen­höh­le, darin er einen Drachen wohnen wußte. Vor der Höh­le waren große Fußtritte, wie die eines Men­schen, der alte Affe dachte, die habe der Mann zurück­ge­lassen, der die Nat­ter getötet, kroch hinein und suchte das Haupt. Da zuck­te der Drache her­vor und erwürgte ihn und fraß ihn. Der junge aber freute sich, daß er seinen Gesellen ver­lockt und bet­ro­gen hat­te, und nun im alleini­gen Besitz der schö­nen Frucht­bäume war.“

Als Vogel Hol­gott seinem Weibchen dies erzählt hat­te, fügte er noch hinzu: Dies sage ich der Lehre hal­ber, die darin­nen liegt: Es soll kein Vernün­ftiger sein Leben wagen auf einen töricht­en und betrüglichen Rat hin.“ Aber das Weibchen sprach: Ich habe dich recht wohl ver­standen, allein hier ist es doch ein ganz ander­er Fall, denn die Fis­che, die ich meine, sind ohne Gefahr zu holen und wer­den unsern jun­gen sehr sehr dien­lich sein.“

Als Vogel Hol­gott sah, daß ver­ständi­ge Überre­dung bei sein­er Frau nicht anschlage, so gab er nach: Kannst du es nicht lassen, so hole die Fis­che; bewahre dich aber, daß du nie­man­den wed­er das eine noch das andere Geheim­nis ver­traust, denn also lehren die Weisen: Löblich ist jed­er Ver­nun­ft Übung, aber die größte Ver­nun­ft beweist der, der sein Geheim­nis begräbt, also daß es kein­er zu find­en ver­mag.“ Darauf flog das Weibchen fort und auf der Stelle zu ihrem lieben Fre­und Mosam und teilte ihm alles mit, was ihr Mann im Sinn hat­te und daß er an einen lusti­gen Ort ziehen wolle, wo wed­er von Tieren noch von Men­schen etwas zu fürcht­en sei. Und sprach: Möcht­est du, o Fre­und, einen Fund find­en, daß auch du dor­thin kom­men kön­ntest, doch mit Wis­sen und Willen meines Mannes, denn soll mir etwas Gutes wider­fahren, so hab ich keine Freude ohne dich.“ Darauf erwiderte der Vogel Mosam: Warum sollte ich gezwun­gen sein, nur mit Bewil­li­gung deines Mannes dort zu weilen? Wer gibt ihm solche Gewalt an die Hand über mich und andere? Wer ver­bi­etet mir, auch dor­thin zu ziehen? Zur Stunde will ich hin­fliegen und dort mein Nest bauen, da es so eine genügliche Stätte ist. Und wird dein Mann kom­men und mich vertreiben wollen, so werde ich ihm das wohl zu wehren wis­sen und ihm sagen, daß wed­er er noch seine Vor­fahren dort seßhaft waren und er also nicht mehr Recht an jen­er Gegend hat als ich und andere.“ Da erwiderte das Weibchen: Du hast nicht unrecht, aber ich wün­schte doch deine Gegen­wart dort in der Voraus­set­zung, daß allewege Friede und Ein­tra­cht unter uns sei. Gehst du gegen meines Mannes Willen dor­thin, so haben wir üble Nachrede zu gewär­ti­gen, und unsere Fre­und­schaft wird sich in Trauer verkehren. Mein Rat ist dieser: Du gehst zu meinem Mann, läßt ihn nicht wis­sen, daß wir uns gesprochen und sagst zu ihm (ehe ich zurück bin), du habest jene sehr schöne Gegend gefun­den und dir vorgenom­men, dor­thin zu ziehen, so wird er dir erwidern, daß er auch zuvor schon diese Stätte ent­deckt habe und entschlossen sei, hinzuziehen; dann sprichst du: »O Fre­und Hol­gott, so bist du der erste und jen­er Stätte würdi­ger denn ich, aber ich bitte dich, laß mich bei dir wohnen, so will ich dir dort ein treuer Fre­und und Gefährte sein.« “ Diesen Rat befol­gte Vogel Mosam und flog eiligst zu Vogel Hol­gott hin, während das Weibchen an den ersten besten Teich flog und zwei Fis­che fing und heimtrug, als seien es die heil­samen Wun­der­fis­che, und Vogel Hol­gott erwiderte auf den Antrag, daß ihm Mosams Gesellschaft wohlge­fäl­lig sei. Das Weibchen aber stellte sich, als wäre ihr ihres Mannes Nachgiebigkeit gegen ihren Fre­und nicht lieb, damit er ihre Ver­räterei nicht merke und sagte: Wir haben doch jene Stätte für uns allein erwählt, und ich besorge, wird Vogel Mosam rnit uns ziehen, so fol­gen seine vie­len Fre­unde auch nach, und zulet­zt müssen wir weichen vor ihrer Überzahl.“ Darauf ent­geg­nete ihr Mann: Du hast recht; aber ich ver­traue Mosam und hoffe, mit seinem Bei­s­tand wer­den wir uns der Zudrin­glinge erwehren, darum ist es vielle­icht gut, daß dieser Fre­und bei uns wohne. Nie­mand ver­traue allzu­viel der eige­nen Kraft und der eige­nen Macht. Wir sind zwar mit die stärk­sten unter den Vögeln, aber Hil­fe dient dem Schwachen, zu über­winden den Starken, wie die Katzen den Wolf überwanden.“

Wie war das?“ fragte Hol­gotts Weibchen, und dieser erzählte ihr: