Von Himmel und Hölle

von Richard von Volkmann-Leander

~10 Min

Es war um die Zeit, wo die Erde am aller­schön­sten ist und es dem Men­schen am schw­er­sten fällt zu ster­ben, denn der Flieder blühte schon, und die Rosen hat­te dicke Knospen: da zogen zwei Wan­der­er die Him­melsstrass ent­lang, ein Armer und ein Reich­er. Die hat­ten auf Erden dicht beieinan­der in der­sel­ben Straße gewohnt, der Reiche in einem großen, prächti­gen Hause und der Arme in ein­er kleinen Hütte. Weil aber der Tod keinen Unter­schied macht, so war es geschehen, dass sie bei­de zu der­sel­ben Stunde starben.

Da waren sie nun auf der Him­melsstraße auch wieder zusam­mengekom­men und gin­gen schweigend nebeneinan­der her.

Doch der Weg wurde steil­er und steil­er, und dem Reichen begann es bald blut­sauer zu wer­den, denn er war dick und kurzat­mig und in seinem Leben noch nie so weit gegan­gen. Da trug es sich zu, dass der Arme bald einen guten Vor­sprung gewann und zuerst an der Him­mel­sp­forte ankam. Weil er sich aber nicht getraute zu klopfen, set­zte er sich still vor die Pforte nieder und dachte: Du willst auf den reichen Mann warten; vielle­icht klopft der an.

Nach langer Zeit langte der Reiche auch an, und als er die Pforte ver­schlossen fand und nicht gle­ich jemand auf­machte, fing er laut an zu rüt­teln und mit der Faust dran zu schla­gen. Da stürzte Petrus eilends her­bei, öffnete die Pforte, sah sich die bei­den an und sagte zu dem Reichen: »Das bist du gewiss gewe­sen, der es nicht erwarten kon­nte. Ich dächte, du braucht­est dich nicht so bre­it zu machen. Viel Gescheites haben wir hier oben von dir nicht gehört, solange du auf der Erde gelebt hast!«

Da fiel dem Reichen gewaltig der Mut; doch Petrus küm­merte sich nicht weit­er um ihn, son­dern reichte dem Armen die Hand, damit er leichter auf­ste­hen kön­nte, und sagte: »Tretet nur alle bei­de ein in den Vor­saal; das Weit­ere wird sich schon finden!«

Und es war auch wirk­lich noch gar nicht der Him­mel, in den sie jet­zt ein­trat­en, son­dern nur eine große, weite Halle mit vie­len ver­schlosse­nen Türen und mit Bänken an den Wänden.

»Ruht euch ein wenig aus«, nahm Petrus wieder das Wort, »und wartet, bis ich zurück­komme; aber benutzt euere Zeit gut, denn ihr sollt euch mit­tler­weile über­legen, wie ihr es hier oben haben wollt. Jed­er von euch soll es genau so haben, wie er es sich sel­ber wün­scht. Also bedenkt es, und wenn ich wiederkomme, macht keine Umstände, son­dern sagt es, und vergesst nichts; denn nach­her ist’s zu spät.«

Damit ging er fort. Als er dann nach einiger Zeit zurück­kehrte und fragte, ob sie fer­tig mit Über­legen wären und wie sie es sich in der Ewigkeit wün­scht­en, sprang der reiche Mann von der Bank auf und sagte, er wolle ein großes gold­enes Schloss haben so schön wie der Kaiser keins hätte, und jeden Tag das beste Essen. Früh Schoko­lade und mit­tags einen Tag um den andern Kalb­s­brat­en mit Apfel­mus und Milchreis mit Bratwürsten und nach­her rote Grütze. Das wären seine Leibgerichte. Und abends jeden Tag etwas andres. Weit­er wolle er dann einen recht schö­nen Groß­vater­stuhl und einen grün­sei­de­nen Schlafrock; und das Tage­blättchen solle Petrus auch nicht vergessen, damit er doch wisse, was passiere.

Da sah ihn Petrus mitlei­dig an, schwieg lange und fragte endlich: »Und weit­er wün­schest du dir nichts?« »O ja!« fiel rasch der Reiche ein, »Geld, viel Geld, alle Keller voll; so viel, dass man es gar nicht zählen kann!«

»Das sollst du alles haben«, ent­geg­nete Petrus, »komm, folge mir!« und er öffnete eine der vie­len Türen und führte den Reichen in ein prachtvolles gold­enes Schloss, darin war alles so, wie jen­er es sich gewün­scht hat­te. Nach­dem er ihm alles gezeigt, ging er fort und schob vor das Tor des Schloss­es einen großen eis­er­nen Riegel. Der Reiche aber zog sich den grün­sei­de­nen Schlafrock an, set­zte sich in den Groß­vater­stuhl, aß und trank und ließ sich’s gut gehen, und wenn er satt war, las er das Tage­blättchen. Und jeden Tag ein­mal stieg er hinab in den Keller und besah sein Geld.

Und zwanzig und fün­fzig Jahre vergin­gen und wieder fün­fzig, so dass es hun­dert waren — und das ist doch nur eine Spanne von der Ewigkeit -, da hat­te der reiche Mann sein prächtiges gold­enes Schloss schon so über­drüs­sig, dass er es kaum mehr aushal­ten kon­nte. »Der Kalb­s­brat­en und die Bratwürste wer­den auch immer schlechter«, sagte er, »sie sind gar nicht mehr zu genießen!« Aber es war nicht wahr, son­dern er hat­te sie nur satt. »Und das Tage­blättchen lese ich schon lange nicht mehr«, fuhr er fort; »es ist mir ganz gle­ichgültig, was da unten auf der Erde sich zuträgt. Ich kenne ja keinen einzi­gen Men­schen mehr. Meine Bekan­nten sind schon längst alle gestor­ben. Die Men­schen, die jet­zt leben müssen, machen so när­rische Stre­iche und schwatzen so son­der­bares Zeug, dass es einem schwindlig wird, wenn man’s liest.« Darauf schwieg er und gäh­nte, denn es war sehr lang­weilig, und nach ein­er Weile sagte er wieder:

»Mit meinem vie­len Geld weiß ich auch nichts anz­u­fan­gen. Wozu hab ich’s eigentlich? Man kann sich hier doch nichts kaufen. Wie ein Men­sch nur so dumm sein kann und sich Geld im Him­mel wün­schen!« Dann stand er auf, öffnete das Fen­ster und sah hinaus.

Aber obschon es im Schlosse über­all hell war, so war es doch draußen stock­dunkel; stock­dunkel, so dass man die Hand vorm Auge nicht sehen kon­nte, stock­dunkel, Tag und Nacht, jahraus, jahrein und so still wie auf dem Kirch­hof. Da schloss er das Fen­ster wieder und set­zte sich aufs neue auf seinen Groß­vater­stuhl; und jeden Tag stand er ein- oder zweimal auf und sah wieder hin­aus. Aber es war noch immer so. Und immer früh Schoko­lade und mit­tags einen Tag um den andern Kalb­s­brat­en mit Apfel­mus und Milchreis mit Bratwürsten und nach­her rote Grütze; immerzu, einen Tag wie den andern.

Als jedoch tausend Jahre ver­gan­gen waren, klir­rte der große eis­erne Riegel am Tor, und Petrus trat ein. »Nun«, fragte er, »wie gefällt es dir?«

Da wurde der reiche Mann bit­ter­böse: »Wie es mir gefällt? Schlecht gefällt es mir; ganz schlecht! So schlecht, wie es einem nur in so einem nichtswürdi­gen Schlosse gefall­en kann! Wie kannst du dir nur denken, dass man es hier tausend Jahre aushal­ten kann! Man hört nichts, man sieht nichts; nie­mand beküm­mert sich um einen. Nichts wie Lügen sind es in eurem viel­ge­priese­nen Him­mel und mit eur­er ewigen Glück­seligkeit. Eine ganz erbärm­liche Ein­rich­tung ist es!«

Da blick­te ihn Petrus ver­wun­dert an und sagte: »Du weißt wohl gar nicht, wo du bist? Du denkst wohl, du bist im Him­mel? In der Hölle bist du. Du hast dich ja selb­st in die Hölle gewün­scht. Das Schloss gehört zur Hölle.«

»Zur Hölle?« wieder­holte der Reiche erschrock­en. »Das hier ist doch nicht die Hölle? Wo sind denn der Teufel und das Feuer und die Kessel?«

»Du meinst wohl«, ent­geg­nete Petrus, »dass die Sün­der jet­zt immer noch gebrat­en wer­den wie früher? Das ist schon lange nicht mehr so. Aber in der Hölle bist du, ver­lass dich darauf, und zwar recht tief drin, so dass du einen schon dauern kannst. Mit der Zeit wirst du’s wohl selb­st innewerden.«

Da fiel der reiche Mann entset­zt rück­wärts in seinen Groß­vater­stuhl, hielt sich die Hände vors Gesicht und schluchzte: »In der Hölle, in der Hölle! Ich armer, unglück­lich­er Men­sch, was soll aus mir werden!«

Aber Petrus machte die Tür auf und ging fort, und als er den eis­er­nen Riegel draußen wieder vorschob, hörte er drin­nen den Reichen immer noch schluchzen: »In der Hölle, in der Hölle! Ich armer, unglück­lich­er Men­sch, was soll aus mir werden!«

Und wieder vergin­gen hun­dert Jahre und aber hun­dert, und die Zeit wurde dem reichen Mann so entset­zlich lang, wie nie­mand es sich auch nur denken kann. Und als das zweite Tausend zu Ende kam, trat Petrus aber­mals ein.

»Ach!« rief ihm der reiche Mann ent­ge­gen, »ich habe mich so sehr nach dir gesehnt! Ich bin sehr trau­rig! Und so wie jet­zt soll es immer bleiben? Die ganze Ewigkeit?« Und nach ein­er Weile fuhr er fort: »Heiliger Petrus, wie lang ist wohl die Ewigkeit?«

Da antwortete Petrus: »Wenn noch zehn­tausend Jahre ver­gan­gen sind, fängt sie an.«

Als der Reiche dies hörte, ließ er den Kopf auf die Brust sinken und begann bit­ter­lich zu weinen. Aber Petrus stand hin­ter seinem Stuhl und zählte heim­lich seine Trä­nen, und als er sah, dass es so viele waren, dass ihm der liebe Gott gewiss verzei­hen würde, sprach er: »Komm, ich will dir ein­mal etwas recht Schönes zeigen! Oben auf dem Boden weiß ich ein Ast­loch in der Wand, da kann man ein wenig in den Him­mel hineinsehen.«

Damit führte er ihn die Boden­treppe hin­auf und durch aller­hand Gerüm­pel bis zu ein­er kleinen Kam­mer. Als sie in diese ein­trat­en, fiel durch das Ast­loch ein gold­en­er Strahl hin­durch, dem heili­gen Petrus ger­ade auf die Stirn, so dass es aus­sah, als wenn Feuer­flam­men auf ihr brannten.

»Das ist vom wirk­lichen Him­mel!« sagte der reiche Mann zitternd.

»Ja«, erwiderte Petrus, »nun sieh ein­mal durch!«

Aber das Ast­loch war etwas hoch oben an der Wand und der reiche Mann nicht sehr groß, so dass er kaum hinaufreichte.

»Du musst dich recht lang machen und ganz hoch auf die Zehen stellen«, sagte Petrus. Da strengte sich der Reiche so sehr an, als er nur irgend kon­nte, und als er endlich durch das Ast­loch hin­durch­blick­te, sah er wirk­lich in den Him­mel hinein. Da saß der liebe Gott auf seinem gold­nen Thron zwis­chen den Wolken und den Ster­nen in sein­er ganzen Pracht und Her­rlichkeit und um ihn her alle Engel und Heiligen.

»Ach«, rief er aus, »das ist ja wun­der­schön und her­rlich, wie man es sich auf der Erde gar nicht vorstellen kann. Aber sage, wer ist denn das, der dem lieben Gott zu Füßen sitzt und mir ger­ade den Rück­en zukehrt?«

»Das ist der arme Mann, der auf der Erde neben dir gewohnt hat und mit dem du zusam­men her­aufgekom­men bist. Als ich euch auftrug, es euch auszu­denken, wie ihr es in der Ewigkeit haben woll­tet, hat er sich bloß ein Fußbänkchen gewün­scht, damit er sich dem lieben Gott zu Füßen set­zen könne. Und das hat er auch bekom­men, genau wie du dein Schloss.«

Als er dies gesagt, ging er still fort, ohne dass es der Reiche merk­te. Denn der stand immer noch ganz still auf den Fußspitzen und blick­te in den Him­mel hinein und kon­nte sich nicht satt sehen. Zwar es fiel ihm recht schw­er, denn das Loch war sehr hoch oben, und er musste fortwährend auf den Zehen ste­hen; aber er tat es gern, denn es war zu schön, was er sah.

Und nach aber­mals tausend Jahren kam Petrus zum let­zten Mal. Da stand der reiche Mann immer noch in der Bodenkam­mer an der Wand auf den Fußspitzen und schaute unver­wandt in den Him­mel hinein und war so ins Sehen ver­sunken, dass er gar nicht merk­te, als Petrus eintrat.

Endlich legte ihm aber Petrus die Hand auf die Schul­ter, dass er sich umdrehte, und sagte:

»Komm mit, du hast nun lange genug ges­tanden! Deine Sün­den sind dir vergeben; ich soll dich in den Him­mel holen. Nicht wahr, du hättest es viel beque­mer haben kön­nen, wenn du nur gewollt hättest?«