Von einem Pfarrer, der allzu kräftig predigte

von Johann Wilhelm Wolf

~7 Min

Es war ein­mal ein Bauer, der war so dumm, dass er sein eignes Haus im Orte nur daran kan­nte, dass ein Kirschbaum vor der Tür stand. Jeden Mor­gen, wenn er aufs Feld zur Arbeit ging, gab seine Frau ihm ein Stück Brot, damit musste er umsprin­gen bis zum Abend. Kam ein­mal ein armer Handw­erks­bursche daher und bat ihn um ein Almosen: Ich habe nur ein Stück Brot, da ist es“, sprach der Bauer, aber im Orte ste­ht ein Haus und davor ein Kirschbaum, da wohne ich; gehe dahin und lass dir mehr geben, meine Frau ist zu Hause.“ Der Handw­erks­bursche, welch­er ein Schnei­der seines Zeichens war, ging in das Dorf, suchte das Haus und sagte der Frau, ihr Mann habe ihn zu ihr geschickt und sie solle ihm etwas geben. Da gab sie ihm vol­lauf, denn er war ein schön­er Men­sch und gefiel ihr. Sie klagte ihm, wie sie mit ihrem dum­men Manne so übel dran sei und von Herzen wün­sche, von ihm erlöst zu wer­den. Ei das ist nichts leichter“, sprach der Schnei­der, wenn du mich heirat­en willst, will ich alles Übrige schon in Ord­nung machen.“ Das garstige Weib freute sich zu sehr, als es das hörte, fiel dem Schnei­der um den Hals und rief ein über das andere Mal: Ach was bin ich für eine glück­liche Frau!“ Gib mir vor allem die Säge“, sprach der Schnei­der, und geh mit vor die Haustür.“ Das geschah und da sägten sie den Kirschbaum unten an der Wurzel ab und schleiften ihn in die Sche­une. Jet­zt sind wir gebor­gen“, sprach der Schnei­der, nun lass uns lustig leben.“ Da hausten die Bei­den mit des Bauern sauer ver­di­en­tem Geld, dass es eine Schande war; Wein und Brat­en kon­nte nicht alle werden.

Als der Bauer auf dem Felde mit sein­er Arbeit fer­tig war, trieb er mit seinen Kühen nach dem Dorfe zurück. Da suchte er die Straße hin­auf, die Straße hinab nach dem Haus mit dem Kirschbaum davor, aber er fand es nicht und fand es nicht. Die Bei­den standen am Fen­ster, sahen, wie der arme Bauer suchte, und lacht­en. Endlich sprach der Schnei­der, der doch kein so ganz ver­dor­benes Herz hat­te, wie das Weib: Wir wollen ihn doch die Nacht noch ein­mal bei uns logieren lassen. Mor­gen mag er sehn, wie er sich forthil­ft.“ Er trat an die Tür und als der Bauer wieder vor­beikam und ein recht betrübtes Gesicht machte, rief er ihm zu und sprach: Was fehlt euch denn?“ Ach ich suche mein Haus, davor ein Kirschbaum ste­ht, und kann es nicht find­en und habe doch die let­zte Nacht darin geschlafen. Sagt mir doch, wo ich mein Haus mit dem Kirschbaum finde“, bat der Bauer und der Schnei­der sprach: Lieber Fre­und, ich bin in dem Ort geboren und erzo­gen, aber ein Haus mit einem Kirschbaum habe ich nie hier gese­hen. Ihr müsst in einem andern Ort zu Hause sein. Da es aber schon spät ist, so geht mit mir und über­nachtet bei mir.“ Gott lohn es euch!“ sagte der Bauer und bot ihm treuherzig die Hand, dann trieb er seine Kühe durch das Hoftor in den Stall und der Schnei­der ging mit. Im Stalle schaute der Bauer sich um und sprach: Wenn der Stall nicht euch gehörte, weiß der Him­mel, ich möchte drauf schwören, es sei mein Stall.“ Was sind das für Reden­sarten? Ihr werdet doch nicht denken, ich hätte euren Stall genom­men?“ fragte der Schnei­der. Bewahre, bewahre, lieber Fre­und“, antwortete der Bauer. Ein Stall kann ja aber dem andern gle­ichen.“ Nach­dem die Tiere ver­sorgt waren, sagte der Schnei­der: Nun kommt here­in und esst mit uns zu Nacht.“ Von Herzen gern, ich habe großen Hunger“, sprach der Bauer und fol­gte dem Schnei­der. Als sie in die Stube kamen, saß das Weib da und strick­te. Der Bauer schaute sich um, guck­te das Weib an und sprach: Wie es einem doch so kurios gehen kann! Wenn ich nicht wüsste, dass ich in eurem Hause bin, wollte ich drauf schwören, das sei meine Stube und dort sitze meine Frau.“ Was muss ich da hören?“ rief der Schnei­der. Zuvor sagtet ihr, dass es euch scheine mein Stall sei euer, und jet­zt wollt ihr gar behaupten, mein Haus und meine Frau seien euer.“ Bewahre, lieber Fre­und“, sprach der Bauer, aber ein Haus und eine Frau kön­nen einan­der gle­ichen. Es schien mir nur so.“ Sie set­zten sich jet­zt zu Tis­che und aßen, dann legten sie sich alle schlafen. Da beri­et der Schnei­der mit dem Weibe, was sie jet­zt weit­er machen soll­ten. Halt ich hab’s!“ rief er endlich. Ich sah in deinem Klei­der­schrank vorhin ein schwarzes Kleid hän­gen, daraus mache ich ihm einen Pfar­rersrock und ein Pfar­rerkäp­pchen. Für das Übrige lass mich nur sor­gen.“ Sie holte rasch das Kleid und Zwirn, Nadel und Schere dazu, mein Schnei­der sprang auf den Tisch und nähte tapfer drauf los, so dass er vor Tage­san­bruch mit dem Anzuge fer­tig war; den legte er dem Bauern vor sein Bett.

Als der Bauer Mor­gens erwachte und sich anziehen wollte und den Pfar­rersrock mit dem Pfar­rerkäp­pchen fand, war er gar ver­dutzt und sprach zu sich sel­ber: Hab ich doch gemeint, ich sei ein Bauer und bin doch ein Pfar­rer. Was man sich nicht Alles ein­bilden kann!“ Er zog sich an und ging in die große Stube, da stand der Schnei­der und das Weib ehrerbi­etig auf und grüßten ihn: Guten Mor­gen, lieber Herr Pfar­rer.“ Der Bauer schüt­telte den Kopf und fragte sich sel­ber aufs Gewis­sen noch ein­mal: Bin ich’s, oder bin ich’s nicht?“ Da sprach der Schnei­der: Wollen Sie denn so früh schon weit­er ziehen, Herr Pfar­rer?“ und das Weib: Ich will Ihnen vorher noch einen guten Kaf­fee kochen, Herr Pfar­rer.“ Ich bin’s nicht, ich bin der Pfar­rer“, sagte jet­zt der Bauer zu sich selb­st, denn so große Falschheit hielt er in sein­er Treuherzigkeit nicht für möglich. Ich nehme den Kaf­fee mit Dank an“, antwortete er als­dann, trank und aß und reiste weit­er, während der Schnei­der und das Weib ins Fäustchen lachten.

Gegen Mit­tag kam er an ein Dorf, da war der Pfar­rer gestor­ben und die Bauern sucht­en einen neuen Pfar­rer. Da kam ihnen der Bauer ger­ade recht und er wurde sogle­ich ins Pfar­rhaus geführt und am fol­gen­den Tage, der ein Son­ntag war, sollte er zuerst predi­gen. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Ver­stand“, dachte der Bauer und ging Nach­mit­tags aus, um einen Text zu sein­er Predigt zu suchen. Da kam er an ein Wass­er, worauf ein Korb schwamm und er sprach: Halt, da habe ich schon eins, das ist Cor­pum.“ Dann kam er an eine Wiese, worauf eine Kuh Klee fraß. Es geht gut“, sprach er, das ist also Cor­pum Kuhk­leeum.“ Dann kam er auf den Weg, wo eine alte Frau saß. Jet­zt hab ich den Text“, sprach er; Cor­pum Kubkleeum die alta Mameum.“ Ging nach Hause zurück, ließ vier Zim­mer­leute kom­men, die mussten den andern Mor­gen vor der Predigt auf den Boden gehen jed­er mit ein­er Axt. Was sie da zu tun hat­ten, sagte er ihnen ins Ohr.

Mor­gens als die Gemeinde in der Kirche saß, bestieg er die Kanzel und sprach: Meine lieben Zuhör­er, jet­zt fange ich meine Predigt an, deren Text ist schon so kräftig, dass Holz und Stein in der Kirche sich darüber erbar­men und krachen und bersten vor lauter Rührung und ihr alle werdet weinen und jam­mern, als wenn das jüng­ste Gericht anbreche.“ Ah das ist ein­mal ein Predi­ger für uns“ sagten die Bauern ein­er zum andern, als sie hus­teten und sich schnäuzten. Der ver­ste­ht es.“ Jet­zt fuhr der Pfar­rer fort: Mein Text lautet aber also: Cor­pum Kuhk­leeum.“ Da schlu­gen zwei Zim­mer­leute mit ihren Äxten wider die Decke, dass es Kalk und Lehm reg­nete. Die alta Mameum!“ schrie der Pfar­rer weit­er und da hand­habten sie die Äxte alle vier, so dass große Stücke von der Decke hernieder­fie­len und die Bauern alle aus der Kirche flo­hen, denn sie glaubten nicht anders als sie stürze ein. Er aber ging zufrieden nach Hause.

Da kam der Bürg­er­meis­ter mit dem Gemein­der­at zu ihm und sprach: Lieber Herr Pfar­rer, unsere Kirche ist nicht für so kräftige Predigten gebaut. Da wir aber einen Mann wie euch um alles in der Welt als Pfar­rer behal­ten wollen, so bit­ten wir euch um Erlaub­nis, euch noch einen Pfar­rge­hülfen geben zu dür­fen.“ Daran tut wie euch gefällt, liebe Pfar­rkinder“, sprach der Pfar­rer. Er bekam jet­zt einen Gehülfen, brauchte nicht mehr zu predi­gen und hat­te gute Tage bis an sein Ende.