Von der Nachtigall und der Blindschleiche

von Brüder Grimm

~3 Min

Es waren ein­mal eine Nachti­gall und eine Blind­schle­iche, die hat­ten jede nur ein Aug und lebten zusam­men in einem Haus lange Zeit in Frieden und Einigkeit. Eines Tags aber wurde die Nachti­gall auf eine Hochzeit gebeten, da sprach sie zur Blind­schle­iche: Ich bin da auf eine Hochzeit gebeten und möcht nicht gern so mit einem Aug hinge­hen, sei doch so gut und leih mir deins dazu, ich bring dir’s mor­gen wieder.“ Und die Blind­schle­iche tat es aus Gefälligkeit.

Aber den andern Tag, wie die Nachti­gall nach Haus gekom­men war, gefiel es ihr so wohl, dass sie zwei Augen im Kopf trug und zu bei­den Seit­en sehen kon­nte, dass sie der armen Blind­schle­iche ihr geliehenes Aug nicht wiedergeben wollte. Da schwur die Blind­schle­iche, sie wollte sich an ihr, an ihren Kindern und Kinde­skindern rächen. Geh nur,“ sagte die Nachti­gall, und such einmal: 

Ich bau mein Nest auf jene Linden,
so hoch, so hoch, so hoch, so hoch,
da magst du’s nim­mer­mehr finden!“

Seit der Zeit haben alle Nachti­gallen zwei Augen und alle Blind­schle­ichen keine Augen. Aber wo die Nachti­gall hin­baut, da wohnt unten auch im Busch eine Blind­schle­iche, und sie tra­chtet immer hin­auf zu kriechen, Löch­er in die Eier ihrer Feindin zu bohren oder sie auszusaufen.