Von der Königin, die keine Pfeffernüsse…

von  Richard von Volkmann-Leander

~8 Min

Von der Köni­gin, die keine Pfef­fer­nüsse back­en, und dem König, der nicht das Brum­meisen spie­len konnte

Der König von Makro­nien, der sich schon seit einiger Zeit ger­ade in seinen besten Jahren befand, war eben aufge­s­tanden und saß unange­zo­gen auf dem Stuhl neben dem Bett. Vor ihm stand sein Haus­min­is­ter und hielt ihm die Strümpfe hin, von denen der eine ein großes Loch an der Ferse hat­te. Aber obwohl er den Strumpf mit großer Sorgfalt so gedreht hat­te, daß der König das Loch nicht merken sollte, und obschon der König son­st mehr auf hüb­sche Stiefel als auf ganze Strümpfe zu acht­en pfel­gte, war das Loch dem königlichen Scharf­blicke dies­mal doch nicht ent­gan­gen. Entset­zt nahm er dem Min­is­ter den Strumpf aus der Hand, fuhr mit dem Zeigefin­ger durch das Loch, so daß er bis zum Knöchel her­aus­guck­te, und sagte dann seufzend:

„Was hil­ft mit’s, daß ich König bin, wenn ich keine Köni­gin habe! Was meinst du, wenn ich mir eine Frau nähme?“

„Majestät“, antwortete der Min­is­ter, ​„das ist ein sub­limer Gedanke; ein Gedanke, der gewiß auch mir ganz untertänigt aufgestiegen wäre, wenn ich nicht gefühlt hätte, daß ihn Ew. Majestät jeden­falls heute selb­st noch zu äußern geruhen würden!“

„Schön!“ erwiderte der König, ​„aber glaub­st du, daß ich so leicht eine Frau find­en werde, die für mich paßt?“

„Pah!“ sagte der Min­is­ter. ​„Zehn für eine!“

„Vergiß nicht, daß ich große Ansprüche mache. Wenn mir eine Prinzessin gefall­en soll, muß sie klug und schön sein! Und dann ist noch ein Punkt, auf den ich ganz beson­deres Gewicht lege: du weißt, wie gern ich Pfef­fer­nüsse esse. In meinem ganzen Reiche ist kein einziger Men­sch, der sie zu back­en ver­ste­ht, wenig­stens richtig zu back­en, nicht zu hart und nicht zu weich, son­dern ger­ade knus­prig: sie muß dur­chaus Pfef­fer­nüsse back­en können!“

Als der Min­is­ter dies hörte, bekam er einen hefti­gen Schreck. Doch sam­melte er sich rasch wieder und ent­geg­nete: ​„Ein König wie Ew. Majestät wer­den ohne Zweifel auch eine Prinzessin find­en, die Pfef­fer­nüsse zu back­en versteht.“

„Nun, dann wollen wir uns zusam­men umse­hen!“ ver­set­zte der König; und noch am dem­sel­ben Tage begann er in Begleitung des Min­is­ters die Run­dreise zu den­jeni­gen sein­er ver­schiede­nen Nach­barn, von denen er wußte, daß sie Prinzessin­nen zu vergeben hat­ten. Aber es fan­den sich nur drei Prinzessin­nen, die gle­ichzeit­ig so schön und klug waren, daß sie dem König gefie­len, und von diesen kon­nte keine Pfef­fer­nüsse backen.

„Pfef­fer­nüsse kann ich freilich nicht back­en“, sagte die erste Prinzessin, als der König sie danach fragte, ​„aber hüb­sche kleine Man­delkuchen. Bist du damit nicht zufrieden?“ – ​„Nein!“ erwiderte der König, ​„es müssen partout Pfef­fer­nüsse sein!“

Die zweite Prinzessin, als er die näm­liche Frage an sie richtete, schnalzte mit der Zunge und sagte ärg­er­lich: ​„Laßt mich mit Euren Albern­heit­en zufrieden! Prinzessin­nen, welche Pfef­fer­nüsse nack­en kön­nen, gibt es nicht.“

Am schlimm­sten aber ging es dem König bei der drit­ten, obwohl sie die schön­ste und klüg­ste war. Denn sie ließ ihn gar nicht bis zu sein­er Frage kom­men, son­dern ehe er sie noch hat­te tun kön­nen, fragte sie selb­st, ob er auch wohl das Brum­meisen zu spie­len ver­stünde? Und als er dies verneinte, gab sie ihm einen Korb und meinte, es tue ihr her­zlich leid. Er gefalle ihr son­st ganz gut; aber sie höre das Brum­meisen für ihr Leben gern und habe sich vorgenom­men, keinen Mann zu nehmen, der es nicht spie­len könne.

Da fuhr der König mit dem Min­is­ter wieder nach Haus, und als er aus dem Wagen stieg, sagte er recht niedergeschla­gen: ​„Das wäre also nichts gewesen!“

Aber ein König muß dur­chaus eine Köni­gin haben, und nach län­ger­er Zeit ließ er daher den Min­is­ter noch ein­mal zu sich kom­men und eröffnete ihm, er habe es aufgegeben, eine Frau zu find­en, die Pfef­fer­nüsse back­en könne, und beschlossen, die Prinzessin zu heirat­en, welche sie damals zuerst besucht hät­ten. ​„Es ist die, welche die kleinen Man­delkuchen zu back­en ver­ste­ht“, fügte er hinzu. ​„Gehe hin und frage, ob sie meine Frau wer­den will.“

Am näch­sten Tag kam der Min­is­ter zurück und erzählte, daß die Prinzessin nicht mehr zu haben sei. Sie hätte den König aus dem Lande, wo die Kapern wach­sen, geheiratet.

„Nun, dann gehe zur zweit­en Prinzessin!“ Allein der Min­is­ter kam auch dieses Mal wieder unverichte­ter­dinge zu Hause: Der alte König habe gesagt, er bedau­re unendlich, aber seine Tochter sei lei­der gestor­ben, und so könne er sie ihm nicht geben.

Da besann sich der König lange; weil er aber dur­chaus eine Köni­gin haben wollte, so befahl er dem Min­is­ter, er solle doch auch noch ein­mal zur drit­ten Prinzessin gehen, vielle­icht habe sie sich inzwis­chen anders beson­nen. Und der Min­is­ter mußte gehorchen, obgle­ich er sehr wenig Lust ver­spürte ud obschon ihm auch seine Frau sagte, daß es gewiß recht unnütz wäre. Der König aber wartete ängstlich auf seine Rück­kun­ft. Denn er gedachte der Frage wegen des Brum­meisens, und die Erin­nerung daran war ihm ärgerlich.

Die dritte Prinzessin jedoch empf­ing den Min­is­ter sehr fre­undlich und sagte zu ihm, eigentlich hätte sie sich ganz bes­timmt vorgenom­men, nur einen Mann zu nehmen, der das Brum­meisen zu spie­len ver­stünde. Aber Träume seien Schäume, und beson­ders Jugendträume! Sie sähe ein, daß sich ihr Wun­sch nicht erfüllen ließe, und da der König ihr son­st sehr gut gefalle, so wolle sie ihn schon zum Manne nehmen.

Da fuhr der Min­is­ter zurück, was die Pferde jagen woll­ten, und der König umarmte ihn und gab ihm den großen Schranzenor­den mit Bret­tern, den Orden am Hals und die Bret­ter noch höher zu tra­gen. Bunte Fah­nen wur­den in der Stadt aus­ge­hangen, Girlan­den von einem Haus zum andern quer über die Straßen gezo­gen und die Hochzeit so her­rlich gefeiert, daß die Leute vierzehn Tage von weit­er nichts sprachen.

Der König und die junge Köni­gin aber lebten in Lust und Freude ein ganzes Jahr lang. Der König hat­te die Pfef­fer­nüsse und die Köni­gin das Brum­meisen gän­zlich vergessen.

Eines Tages jedoch stand der König früh mit dem falschen Beine zuerst aus dem Bette auf, und alles ging verkehrt. Es reg­nete den ganzen Tag; der Reich­sapfel fiel hin, und das kleine Kreuz, das oben drauf ist, brach ab; dann kam der Hof­maler und brachte die neue Karte vom Kön­i­gre­iche, und als der König sie besah, war das Land rot angestrichen statt blau, wie er befohlen; und endlich, die Köni­gin hat­te Kopfschmerzen.

Da geschah es, daß das Ehep­aar sich zum ersten Male zank­te; warum, wußten sie am näch­sten Mor­gen selb­st nicht mehr, oder wenn sie es wußten, woll­ten sie es wenig­stens nicht sagen. Kurz, der König war brum­mig und die Köni­gin schnip­pisch und behielt stets das let­zte Wort. Nach­dem sie sich bei­de lange Zeit hin und her gestrit­ten, zuck­te die Köni­gin endlich verächtlich mit den Achseln und sagte:

„Ich dächte, du wärest nun endlich still und hörtest auf, alles zu tadeln, was dir vor die Augen kommt! Du selb­st kannst ja nicht ein­mal das Brum­meisen spielen.“

Aber kaum war ihr dies entschlüpft, als der König ihr schon ins Wort fiel und giftig antwortete: ​„Und du kannst nicht ein­mal Pfef­fer­nüsse backen!“

Da blieb die Köni­gin zum ersten Male die Antwort schuldig und wurde ganz still, und bei­de gin­gen, ohne weit­er ein Wort zu wech­seln, auseinan­der, jedes in seine Stube. Hier set­zte sich die Köni­gin in die Sofaecke und weinte und dachte: Was du doch für eine törichte Frau bist! Wo hast du nur deinen Ver­stand gehabt? Düm­mer hättest du es gar nicht anfan­gen können!

Der König aber ging in seinem Zim­mer auf und ab, rieb sich die Hände und sagte: ​„Es ist doch ein wahres Glück, daß meine Frau keine Pfef­fer­nüsse back­en kann! Was hätte ich son­st erwidern sollen, als sie mir vor­warf, daß ich das Brum­meisen nicht zu spie­len verstünde?!“

Nach­dem er dies wenig­stens drei- oder vier­mal wieder­holt hat­te, wurde er immer vergnügter. Er fing an, seine Lieblingsmelodie zu pfeifen, besah sich dann das große Bild der Köni­gin, welch­es in seinem Zim­mer hing, stieg auf einen Stuhl, um mit dem Taschen­tuch einen Spin­nen­faden abzuwis­chen, der der Köni­gin ger­ade über die Nase her­ab­hing, und sagte endlich:

„Sie hat sich gewiß recht geärg­ert, die gute kleine Frau! Ich werde ein­mal sehen, was sie macht!“

Darauf ging er zur Tür hin­aus auf den lan­gen Gang, auf welchen alle Zim­mer mün­de­ten. Weil aber an diesem Tage alles verkehrt ging, so hat­te der Kam­mer­di­ener vergessen, die Lam­p­en anzuzün­den, obgle­ich es schon acht Uhr abends und stock­dunkel war.

Daher streck­te der König die Hände vor sich, um sich nicht zu stoßen, und tappte vor­sichtig an der Wand hin. Plöt­zlich fühlte er etwas Weiches.

„Wer ist da?“ fragte er.

„Ich bin es“, antwortete die Königin.

„Was suchst du, mein Schatz?“

„Ich wollte dich um Verzei­hung bit­ten“, erwiderte die Köni­gin, ​„weil ich dich so gekränkt habe.“

„Das brauchst du gar nicht!“ sagte der König und fiel ihr um den Hals. ​„Ich habe mehr Schuld als du und längst alles vergessen. Aber, weißt du, zwei Worte wollen wir in unserem Kön­i­gre­iche bei Todesstrafe ver­bi­eten lassen, Brum­meisen und – „

„Und Pfef­fer­nüsse“, fiel die Köni­gin lachend ein, indem sie sich heim­lich noch ein paar Trä­nen aus den Augen wis­chte – und damit hat die Geschichte ein Ende. 

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