Von den zwölf Brüdern, die zwölf Schwestern zu Frauen suchen

von Josef Haltrich

~6 Min

Ein Mann hat­te zwölf Söhne, und als diese groß waren, sprach er: Ihr sollt nicht eher heirat­en, bis ihr nicht zwölf Schwest­ern in einem Hause find­et!“ Da waren die Söhne trau­rig und sprachen: Wo wer­den wir denn zwölf Schwest­ern in einem Hause find­en?“ Nun ging aber der Älteste zuerst in die Welt, ein solch­es Haus zu suchen, und kehrte lange nicht zurück; darauf ging der zweite; auch der blieb aus, und so der dritte, vierte bis zum elften, und kein­er kam wieder. Zulet­zt machte sich auch der Jüng­ste auf, um seine Brüder und das Haus mit den zwölf Schwest­ern zu suchen. Der Weg aber führte ihn durch einen dicht­en Wald. Da trat ein alter Mann zu ihm und sprach: Wohin, du Junge?“ – Ich will meine Brüder suchen und die zwölf Schwest­ern in einem Hause, die wir heirat­en sollen!“ – Wenn du mir ein Jahr dienen willst, will ich dir beis­te­hen!“ sprach der Alte. Ein Jahr ist ja nicht viel!“ dachte der Knabe und war damit zufrieden. Er diente treu und redlich und wurde in der Zeit ein guter Jäger. Als das Jahr vorüber war, schenk­te ihm der alte Mann eine Büchse und sprach: Mit dieser triff­st du alles, worauf du zielst. Gehe jet­zt nur fort in den Wald, da wirst du zu ein­er Hütte kom­men, in der wohnt eine Hexe, die hat deine elf Brüder in Steine verza­ubert; hät­ten sie bei mir Dien­ste genom­men, so wäre es ihnen nicht geschehen; doch sie waren zu stolz und woll­ten nicht. Wenn du nun hin­ge­langst, so halte die Büchse nur immer in der Hand, und die Hexe kann dir nichts anhab­en!“ Als der Knabe fort­ging, hat­te er große Lust, seine Büchse zu ver­suchen, und bald sah er einen Löwen. Du kommst mir ger­ade recht“, dachte er bei sich, nahm die Büchse und zielte. Aber der Löwe rief ihm zu: Schieße nicht; ich will dir’s vergel­ten: ich bin der König der vier­füßi­gen Tiere; nimm hier dies Haar von mir, und wenn du in Not bist, so drehe nur daran, und gle­ich komme ich dir mit allen meinen Tieren zu Hil­fe!“ Er set­zte ab, nahm das Haar und ging weit­er; nur ein­mal sah er einen Adler hoch in den Lüften kreisen; sogle­ich legte er an und wollte schießen. Da rief ihm der Adler zu: Schieße nicht; ich will dir’s vergel­ten; ich bin der König aller Vögel; nimm hier diese Fed­er, und wenn du in Not bist so drehe daran, und gle­ich komme ich dir zu Hil­fe mit meinen Scharen!“ Er legte ab, nahm die Fed­er und ging weit­er; nur ein­mal sah er ein großes Wass­er und einen mächti­gen Fisch. Halt! dachte er, den kannst du endlich doch schießen!“ Wie er aber los­drück­en wollte, rief ihm der Fisch zu: Schieße nicht, ich will dir’s vergel­ten; ich bin der König der Wassertiere; nimm hier diese Flosse, und wenn du in Not bist, drehe sie nur, und ich komme dir zu Hil­fe mit meinem Volke!“ Er set­zte wieder ab, nahm die Flosse und ging.

Es dauerte nicht lange, so war er an der Hütte, wo die Hexe wohnte; er trat uner­schrock­en hinein und sprach: Hexe, jet­zt gle­ich schaffe mir meine elf Brüder zur Stelle, son­st schieße ich dich nieder!“ Aber die Hexe lachte hell auf und rief: O du när­risch­er Erd­wurm, schieße, so viel du Lust hast, mir schadet das nicht; denn wisse, mein Leben wohnt nicht in mir son­dern weit, weit weg. In einem ver­schlosse­nen Berg ist ein Teich, auf dem Teich schwimmt eine Ente, in der Ente ist ein Ei, in dem Ei bren­nt ein Licht, dies ist mein Leben; wenn du das aus­löschen kön­ntest, so wäre mein Leben zu Ende; aber das kann nie und nim­mer geschehen, und darum bekommst du auch deine Brüder nicht!“ Da ward der Junge zornig und rief: Du sollst doch mein Blei kosten!“ und schoß, ein­mal, zweimal, dreimal, aber umson­st; die Kugeln trafen zwar und gin­gen durch die Hexe, aber sie schade­ten ihr nicht, und sie blieb frisch und gesund und ver­lachte und verspot­tete den Knaben. Weil er aber die Büchse immer in der Hand behielt, hat­te sie keine Macht über ihn, son­st hätte sie ihn auch verza­ubert. Endlich ließ er ab vom Schießen und sprach :“Nu warte, ich will dein Leben schon finden?“

Damit machte er sich auf und ging aus dem Wald hin­aus; endlich sah er einen Berg. Es kann kein ander­er sein!“ dachte er und ging darauf los. Als er aber ankam, wußte er nicht wie er hineinkom­men solle. Da fie­len ihm seine Geschenke ein. Er nahm zuerst das Haar des Löwen und drehte. Nur ein­mal kamen alle vier­füßi­gen Tiere der Erde, der Löwe an der Spitze, und fragten, was er befehle. Schar­rt mir den Berg da fort!“ Es dauerte nur einige Minuten, so war kein Berg mehr zu sehen, und es zeigte sich ein klar­er See und darauf eine Ente. Diese hob sich sogle­ich in die Lüfte, um fortzu­fliegen. Schnell drehte der Knabe seine Fed­er, und im Nu war der Adler mit allen seinen Vögeln da und fragte, was er tun solle. Fanget mir die Ente und bringet sie her!“ Da flo­gen sie aus, pack­ten, so viele ankom­men kon­nten, alle die Ente und zer­ris­sen sie auf tausend Stücke, und jed­er brachte eine Fed­er. Ach, das Rechte bringt ihr nicht!‘ sprach dar Junge trau­rig und fragte nach dem Ei. Ja, das ist in den See zurück­ge­fall­en!“ Der Junge nahm seine Flosse, drehte, und gle­ich war der Fis­chkönig mit allen Seegetieren am Ufer und fragte, was er tun solle. Sucht und bringt mir das Ei, das in den Teich gefall­en ist!“ Da taucht­en alle unter, und nach ein­er Weile kam der Fis­chkönig und hat­te selb­st das Ei im Munde. Der Knabe nahm es und ging damit schnell zur Hexe und zeigte es ihr und sprach: Siehe hier dein Leben, gle­ich zer­störe ich’s, wann du mir nicht auf der Stelle meine Brüder lebendig machst!“ Da zit­terte die Hexe am ganzen Leibe, nahm ein grünes Stäbchen und ging zu den elf Steinen, die vor der Hütte lagen, schlug darauf, und es standen da seine elf Brüder, und es war ihnen, als erwacht­en sie aus schw­eren Traume: Seht da die Hexe, die euch verza­uberte, aber nun ist es aus mit ihr!“ und damit zer­brach er das Ei, löschte das Licht aus, und die Hexe sank tot nieder.

Darauf gin­gen alle zwölf Brüder miteinan­der aus, ihre Bräute zu suchen, und endlich fan­den sie auch ein Haus mit zwölf Schwest­ern. Sie führten sie heim zu ihrem Vater und feierten eine gemein­schaftliche große Hochzeit und waren froh und glück­lich, und es ist leicht möglich, daß sie noch leben, wenn sie nicht gestor­ben sind.