Von den achtzehn Soldaten

von Johann Wilhelm Wolf

~13 Min

Achtze­hen Sol­dat­en, näm­lich ein Feld­webel, ein Sergeant, ein Kor­po­ral, ein Tam­bour und vierzehn Gemeine waren zusam­men auf ein­er ein­samen Wacht.

Weil nun der Dienst sehr hart und das Trak­te­ment schlecht war, so tat sich die ganze Wacht­mannschaft zusam­men und beschloss, zu desertieren, nur der Feld­webel, der ein alter Sol­dat war und zwei Feldzüge mit­gemacht hat­te, wollte Nichts von der Sache wissen.

Da er’s nicht anders wollte, so ban­den sie ihm Hände und Füße zusam­men, auf dass er nicht in Ver­ant­wor­tung und Strafe käme, legten ihn unter die Pritsche und gin­gen alle Sieben­ze­hen mit Sack und Pack davon. Sie waren aber kaum ein paar hun­dert Schritt weit gegan­gen, so fiel dem Cor­po­ral ein, dass er seine Pfeife auf dem Tisch hat­te liegen lassen, und er ging zurück, um sie zu holen. Unter­dessen hat­te sich der Feld­webel unter der Pritsche die Sache noch ein Mal über­legt und weil er dachte, er kön­nte doch vielle­icht in harte Strafe kom­men, so ward er anderen Sinnes und reute es ihn, dass er nicht mit­ge­gan­gen war. Als nun der Cor­po­ral wieder here­in­trat sprach er: Bind mich los, Kam­er­ad, es liegt sich unter der Pritsche noch schlechter, als oben darauf“ und als er los war, schloss er die Wacht­stube zu, steck­te den Schlüs­sel ein und desertierte mit.

Eine schöne Zeit waren sie zusam­men umher gezo­gen, – das Geld war alle, aber der Hunger und Durst noch nicht und sie dacht­en Mit­tags zuweilen an den großen Fleis­chkessel in der Kaserne – da kamen sie ein­mal an ein ein­sames Wald­wirtshaus. Sie gin­gen hinein, der Feld­webel klap­perte mit dem Schlüs­sel und ein paar Gam­aschenknöpfen im Sack, und sie ließen sich ein­schenken und auf­tra­gen was in der Küche und im Keller war.

Als es dar­nach ans Bezahlen ging, griff der Feld­webel in den Sack, als wenn er ein Paar von seinen Kro­nen­talern wollte sprin­gen lassen, aber das kann nicht sein, Herr Feld­webel“ rief der Sergeant, an mir ist das Bezahlen!“ und griff dabei in seinen Hosen­sack; der Feld­webel aber ging einst­weilen hin­aus. Hal­tet ein, Herr Sergeant!“ rief jet­zt der Cor­po­ral wollt Ihr immer die Zeche bezahlen?“ dabei fuhr er eilig in die Tasche, der Sergeant aber ging einst­weilen hin­aus. Da sprach der Tam­bour: an mir ist heute die Rei­he, soll ich mich immer von euch füt­tern lassen?“ – und der Cor­po­ral fol­gte den Andern. Von dem Tam­bour wollte sich aber der älteste Gemeine nicht lumpen lassen und so immer fort Kein­er von dem Andern, bis herunter zu dem jüng­sten Sol­dat­en, der noch ein Rekrut war. Der aber sprach, er wollte die Anderen noch ein Mal alle here­in­rufen, damit man genau nachrech­nen kön­nte, was jed­er gegessen und getrunk­en – fort war er und lief den anderen Sieben­ze­hen nach.

Der Wirt hätte schwarz und blau vor Arg­er wer­den mögen, als er sich so geprellt sah, doch weil er ein bös­er heimtück­isch­er Mann war, machte er das Fen­ster auf und rief seinen Gästen mit fre­undlich­er Stimme nach: was lauft ihr also, ihr braven Bursche? Kommt zurück, euer Spaß gefällt mir also wohl, dass ich euch noch eine Zehrung mit auf den Weg geben will!“ –

Als sie nun wiederka­men, gab er noch einem jeden einen hal­ben Gulden, und sie soll­ten doch den Weg rechter Hand ein­schla­gen und dann das zweite Pfänd­chen links gehen, so wür­den sie an einen Berg mit ein­er off­nen Tür kom­men, wenn sie da hineingin­gen, so möcht­en sie glück­lich wer­den für all ihr Lebtag!

Das leuchtete den Sol­dat­en ein, sie dank­ten für die Zehrung und den guten Rat, ver­sprachen auch, nicht wiederzukom­men und macht­en sich sporn­stre­ichs auf den Weg nach dem Berge; der Wirt aber freute sich, dass ihm sein schlim­mer Anschlag so wohl gelun­gen war, denn in den Berg hinein war schon gar Manch­er gegan­gen, aber Kein­er wieder heraus.

Die Achtze­hen gin­gen den Weg rechter Hand und an dem großen Baum das zweite Pfäd­chen links und dann durch die offene Tür in den Berg hinein. Darin­nen war es ganz hell, wie draußen auch, und eine schöne bre­ite Straße führte immer weit­er hinein. Da sie ein gutes Stück darauf fort­marschiert waren, kamen sie vor eine aufge­zo­gene Zug­brücke; die ließ sich aber von sel­ber vor ihnen herab, dass sie darüber gehen kon­nten. Nun waren sie in einem großen Hof. Sie wan­derten wieder eine Zeit­lang weit­er, dann kamen sie an eine zweite Zug­brücke, die sich nieder­ließ wie die erste und über welche sie in einen andern Hof gelangten. Eben­so ging es noch ein Mal über eine dritte Brücke und in einen drit­ten Hof – da stand aber mit­ten darin ein wun­der­schönes Schloss.

Rang­iert euch!“ kom­mandierte der Feld­webel, ließ die Mannschaft in Rei­he und Glied her­antreten und die Unterof­fiziere auf die Flügel; Geschwind­schritt Marsch!“ hieß es dann, der Tam­bour schlug ein, und die Achtze­hen marschierten zum Schlosstor hinein, und als sie darin­nen waren erk­lärten sie das Schloss für erobert. Sie hat­ten freilich gut erobern, denn es war ring­sum nichts Lebendi­ges zu sehen und zu hören; wohl aber fan­den sie einen großen Saal, wo für achtzehn Mann gedeckt und aufge­tra­gen war, was ihnen gar wohl gefiel. Neben dem Saale waren achtzehn schöne Schlafkäm­merchen, eines wie das andere, ein jedes mit einem prächti­gen sei­de­nen Bett, und das gefiel ihnen auch.

Nun set­zten sie sich ohne weit­eres zu Tisch, damit es nicht kalt wer­den sollte und lebten hoch in Freuden bis in die Nacht hinein; dann krochen sie in die weichen sei­de­nen Bet­ten und schliefen wie die Grafen. Der Feld­webel war der Erste, der des anderen Mor­gens wieder aufwachte. Er wollte sich anziehen und den Tam­bour weck­en, dass er Reveille schlüge, doch seine Mon­tur war fort und nir­gends mehr zu sehen. Er hing sich das Bet­tuch um und rief seinen Kam­er­aden – da kamen sie auch her­aus, Ein­er nach dem Andern, aber Ein­er wie der Andere im Bet­tuch gle­ich dem Feld­webel, denn ihre Klei­der waren auch ver­schwun­den, als wären sie niemals dagewe­sen. Als sie sich im Saale umschaut­en, sahen sie mit­ten auf dem Tisch zwei große Kisten ste­hen; sie macht­en den Deck­el auf, da fan­den sie in dem einen Kas­ten eine Feld­we­bel­montur, eine Sergeanten‑, eine Cor­po­rals- und eine Tam­bours-Mon­tur und vierzehn Stück gemeine Sol­daten­mon­turen. Alles war funkel­nagel­neu, als wenn es eben vom Schnei­der käme, und passte wie angegossen. –

In der anderen Kiste waren siebze­hen prächtige neue Gewehre, Säbel und Patrontaschen und eine nagel­neue Trom­mel für den Tam­bour! Das war eine Herrlichkeit!

Als die erste Freude vorüber war, sagte der Feld­webel, weil sie jet­zt wieder das Anse­hen von ordentlichen Sol­dat­en hät­ten, so woll­ten sie auch ihren Dienst tun wie es sich gehöre.

Darauf führte er einen Teil der Mannschaft in die Wacht­stube am Schlosstor, teilte sie zum Schildwacht­ste­hen in drei Num­mern ab und von nun an mussten sie ordentlich auf Posten ziehen und alle zwei Stun­den ablösen wie es sich gehörte.

Als sie es schon eine Zeit lang so getrieben hat­ten, da kam eines Tages eine prächtige sechsspän­nige Kutsche ange­fahren und hielt vor dem Schlosstor. Ein Bedi­en­ter in einem gold­nen Rock machte den Schlag auf und eine wun­der­schöne Dame stieg her­aus. Sie ließ sich von der Schildwache den Feld­webel her­aus­rufen, ging mit ihm hin­auf in seine Schlafkam­mer und sprach zu ihm: Ich bin eine ver­wün­schte Prinzessin, du aber sollst mich erlösen und mein Bräutigam sein. Von Mor­gen an wird jeden Tag eine andere Prinzessin kom­men, die erste zum Sergean­ten, die zweite zum Cor­po­ral und so immer fort, bis ein jed­er von euch die Seinige gese­hen und mit ihr gesprochen hat. Also muss es geschehen, damit ihr uns erlösen könnt.“

Das und noch Anderes redete sie mit dem Feld­webel, ehe sie von dan­nen fuhr und wie sie gesagt, so kam es.

Die zweite Prinzeß kam des anderen Tages, ging mit dem Sergean­ten hin­auf in die Kam­mer und bere­dete sich all­da mit ihm und so ging es immer weit­er, jeden Tag kam eine andere und Eine immer noch schön­er als die Andere. Dem jüng­sten Sol­dat­en blieb aber die Seinige gar zu lange aus und weil er dachte, wer weiß wann die Rei­he an mich kommt, so entschloss er sich kurz und desertierte.

Als er aber wieder an die erste Brücke kam, so stund da der Teufel und fragte ihn: wo hin­aus?“ Aus dem Berg hin­aus!“ sprach der Sol­dat, da fasste ihn der Teufel und drehte ihm das Genick ab.

Als die anderen Sol­dat­en ihren Kam­er­aden ver­mis­sten, schick­te der Feld­webel eine Patrouille aus, um ihn zu suchen. Bald fan­den sie ihn denn auch tot am Boden liegen; er hat­te seine alten zer­ris­se­nen Klei­der wieder an, die er mit­ge­bracht und regte kein Glied mehr. Aber noch des­sel­bi­gen Tages kam die älteste Prinzessin wieder gefahren, ging mit ihrem Feld­webel hin­auf und sprach zu ihm: Dass euer Kam­er­ad desertiert ist, das hat die ganze Erlö­sung ver­dor­ben; entwed­er müsst ihr jet­zt wieder einen achze­hen­ten Mann her­beis­chaf­fen, dass Alles von Neuem begin­nen kann, oder ihr seid des Todes alle Sieben­ze­hen.“ So sprach sie und fuhr wieder weg. Nun berief der Feld­webel die ganze Mannschaft zu sich, hielt einen Rat mit ihnen, was sie tun soll­ten, und sie wur­den einig, dass der Cor­po­ral mit zwei Gemeinen auf Wer­bung ausziehen müsse nach dem achtze­hen­ten Mann. Als nun die Drei an die erste Brücke kamen, stand der Teufel davor und fragte: wo hin­aus?“ Auf Wer­bung“ sprach der Cor­po­ra. Passiert!“ rief der Teufel und ließ sie hin­aus. So gelangten sie unge­hin­dert über die drei Brück­en bis vor den Berg, gin­gen diesel­ben Wege, die sie früher hergekom­men wieder zurück, fan­den bald auch das Wald­wirtshäuslein von damals wieder. Sie set­zten sich an den Tisch zu dem Wirt, der sie in den Berg hineingeschickt hat­te; weil sie aber so sauber und ordentlich aus­sa­hen, erkan­nte er sie nicht mehr und sie tat­en als ob sie ihn auch nicht ken­nten. Es dauerte nicht lange, so kam ein armer Handw­erks­bursch here­in, set­zte sich ganz trau­rig an einen anderen Tisch und ließ sich ein Stück trock­en Brod geben und ein Glas Wass­er dazu. Da riefen ihn die drei Sol­dat­en zu sich, gaben ihm Wein zu trinken und Brat­en zu essen. Da er nun satt war und guter Dinge wurde, fragten sie ihn: ob er nicht für ein gutes Handgeld sich wolle anwer­ben lassen? Das gefiel dem Handw­erks­burschen schlecht, deshalb antwortete er im Spott, wenn sie ihm hun­dert Gulden Handgeld geben woll­ten, so wäre‘ er’s zufrieden. Der Cor­po­ral aber, der sich aus der Schatzkam­mer des ver­wün­scht­en Schloss­es einen ganzen Tor­nister voll Geld mit­ge­bracht hat­te, zählte ihm auf der Stelle zwei­hun­dert Dukat­en auf den Tisch und die Sache war abgemacht. Sie macht­en sich nun auf den Heimweg, der Teufel ließ sie unge­hin­dert ein­passieren und im Schloss gab es eine große Freude, als sie mit dem Rekruten ankamen.

Als sie aber aus dem Wirtshaus weg waren, sprach zum Wirt die Wirtin: Du bleib­st doch ein Esel all dein Leb­tag, son­st hättest du gemerkt, dass der Cor­po­ra und die zwei Sol­dat­en schon ein Mal bei uns waren, unter den achtzehn lumpi­gen Kerlen, die dich so schmäh­lich ange­führt haben. Und zum Lohn dafür hast du sie glück­lich gemacht für all dein Leb­tag!“ Wie sie das meine? fragte der Wirt. Ei du Narr“ sprach sie hast du denn das viele Gold nicht gese­hen? Das haben sie nir­gends anders geholt, als in dem Berg, in den du sie geschickt hast, dass sie nicht wiederkom­men soll­ten. Jet­zt aber will ich auch keine Bet­t­lerin mehr bleiben. Auf der Stelle packst du den Sack da auf und kommst mir nicht wieder, ohne dass er voll Dukat­en ist!“

Einre­den half dem Wirt nicht, er musste ohne Zaud­ern hin­aus in den Wald, den Weg rechter Hand, das zweite Pfäd­chen links und hinein in den verza­uberten Berg. Wer aber an der ersten Brücke stand war Nie­mand Anderes als der Teufel, der fragte ihn: wo hin­aus mit deinem Sack?“ Geld holen für meine Frau!“ sprach der Wirt, da erwis­chte ihn der Teufel am Camisol und brach ihm das Genick ab. Das hat­te er nun davon. Die Wirtin daheim kon­nte es aber nicht aushal­ten vor Erwartung und Ungeduld nach dem schö­nen Gold; sie dachte, es möchte ihm zu schw­er wer­den unter­wegs, sie kön­nte ihm ja ent­ge­gen laufen und es ihm abnehmen. Sie kam bis vor den Berg und wartete erst noch eine Zeit­lang vor der Tür, doch als der Wirt immer noch nicht erschien, dachte sie: er hat zu schw­er geladen und kann es nicht allein auf die Achsel heben, du willst hineinge­hen und ihm helfen! Also ging sie hinein und kam zu der ersten Brücke, wo der Teufel stand und auf sie wartete. Wo hin­aus, liebe Frau?“ fragte er. Zu meinem Mann!“ Da kann sie hinkom­men liebe Frau“ sprach der Teufel, griff sie bei den Haaren, drehte ihr den Hals ab und warf sie hinab zu ihrem Manne. Jet­zt waren sie beisammen. –

Den achtzehn Sol­dat­en ging es bess­er. Da die Zahl durch den Rekruten voll gewor­den war, so kamen die Prinzessin­nen wieder ange­fahren, immer Eine nach der Andern, jede zu ihrem Lieb­sten und Alle, bis zum Achtze­hen­ten hiel­ten es dies­mal richtig aus. Als die let­zte Prinzessin dagewe­sen war, da kamen sie des anderen Abends alle Achtze­hen auf ein Mal, die Älteste aber sprach: heute Nacht müsst ihr die Erlö­sung zu Ende brin­gen; eine jede von uns legt sich zu ihrem Bräutigam, aber ruhig und stille muss ein jed­er bei sein­er Prinzessin liegen und Kein­er reden oder sich rühren, bis es Reveille schlägt.“ So geschah’s. Sie legten sich Alle Sechs und dreißig zusam­men und Alle hiel­ten tapfer aus, nur der Tam­bour hätte beina­he Alles ver­dor­ben. Denn gegen Mor­gen fiel es ihm plöt­zlich brüh­heiß ein: hol­la! wer kann denn die Reveille schla­gen wenn ich bei der Prinzessin liege? Als er ger­ade her­aussprin­gen wollte, da begann es auf ein­mal Reveille zu schla­gen, aber was für eine Reveille! So hat­te der Tam­bour noch keine gehört! Es war ger­ade als ob zehn mal hun­dert­tausend Tam­boure im Schlosshof stun­den und schlü­gen! Jet­zt war Alles Liebes und Gutes. Die älteste Prinzessin blieb mit dem Feld­webel in dem Schloss wohnen, das nun erlöst war, die anderen fuhren mit ihren Män­nern fort, die eine dahin, die andere dor­thin, wo eine jede ihr Kön­i­gre­ich hat­te. Die Brücke war jet­zt gut passieren, denn der Teufel hat­te nun andere Sachen zu tun, als dort Schildwacht zu stehen.