Von dem Tode des Hühnchens

von  Brüder Grimm

~5 Min

Auf eine Zeit ging das Hüh­nchen mit dem Häh­nchen in den Nuss­berg, und sie macht­en miteinan­der aus, wer einen Nusskern fände, sollte ihn mit dem andern teilen. Nun fand das Hüh­nchen eine grosse grosse Nuss, sagte aber nichts davon und wollte den Kern allein essen. Der Kern war aber so dick, dass es ihn nicht hin­un­ter­schluck­en kon­nte und er ihm im Hals steck­en blieb, dass ihm angst wurde, es müsste erstick­en. Da schrie das Hüh­nchen ​‚Häh­nchen, ich bitte dich lauf, was du kannst, und hol mir Wass­er, son­st erstick ich.‘ Das Häh­nchen lief, was es kon­nte, zum Brun­nen und sprach ​‚Born, du sollst mir Wass­er geben; das Hüh­nchen liegt auf dem Nuss­berg, hat einen grossen Nusskern geschluckt und will erstick­en.‘ Der Brun­nen antwortete ​‚lauf erst hin zur Braut und lass dir rote Sei­de geben.‘ Das Häh­nchen lief zur Braut ​‚Braut, du sollst mir rote Sei­de geben: rote Sei­de will ich dem Brun­nen geben, der Brun­nen soll mir Wass­er geben, das Wass­er will ich dem Hüh­nchen brin­gen, das liegt auf dem Nuss­berg, hat einen grossen Nusskern geschluckt und will daran erstick­en.‘ Die Braut antwortete ​‚lauf erst und hol mir mein Krän­zlein, das blieb an ein­er Wei­de hän­gen.‘ Da lief das Häh­nchen zur Wei­de und zog das Krän­zlein von dem Ast und brachte es der Braut, und die Braut gab ihm rote Sei­de dafür, die brachte es dem Brun­nen, der gab ihm Wass­er dafür. Da brachte das Häh­nchen das Wass­er zum Hüh­nchen, wie es aber hinkam, war dieweil das Hüh­nchen erstickt, und lag da tot und regte sich nicht. Da ward das Häh­nchen so trau­rig, dass es laut schrie, und kamen alle Tiere und beklagten das Hüh­nchen; und sechs Mäuse baut­en einen kleinen Wagen, das Hüh­nchen darin zum Grabe zu fahren; und als der Wagen fer­tig war, span­nten sie sich davor, und das Häh­nchen fuhr. Auf dem Wege aber kam der Fuchs ​‚wo willst du hin, Häh­nchen?‘ ​‚Ich will mein Hühn chen begraben.‘ ​‚Darf ich mitfahren?‘

‚Ja, aber setz dich hin­ten auf den Wagen, vorn kön­nens meine Pfer­d­chen nicht vertragen.‘

Da set­zte sich der Fuchs hin­te­nauf, dann der Wolf, der Bär, der Hirsch, der Löwe und alle Tiere in dem Wald. So ging die Fahrt fort, da kamen sie an einen Bach. ​‚Wie sollen wir nun hinüber?‘ sagte das Häh­nchen. Da lag ein Stro­hhalm am Bach, der sagte ​‚ich will mich quer darüber­legen, so kön­nt ihr über mich fahren.‘ Wie aber die sechs Mäuse auf die Brücke kamen, rutschte der Stro­hhalm aus und fiel ins Wass­er, und die sechs Mäuse fie­len alle hinein und ertranken. Da ging die Not von neuem an, und kam eine Kohle und sagte ​‚ich bin gross genug, ich will mich darüber­legen, und ihr sollt über mich fahren.‘ Die Kohle legte sich auch an das Wass­er, aber sie berührte es unglück­licher­weise ein wenig, da zis­chte sie, ver­löschte und war tot. Wie das ein Stein sah, erbarmte er sich und wollte dem Häh­nchen helfen, und legte sich über das Wass­er. Da zog nun das Häh­nchen den Wagen sel­ber, wie es ihn aber bald drüben hat­te, und war mit dem toten Hüh­nchen auf dem Land und wollte die andern, die hin­te­nauf sassen, auch her­anziehen, da waren ihrer zuviel gewor­den, und der Wagen fiel zurück, und alles fiel miteinan­der in das Wass­er und ertrank. Da war das Häh­nchen noch allein mit dem toten Hüh­nchen, und grub ihm ein Grab und legte es hinein, und machte einen Hügel darüber, auf den set­zte es sich und grämte sich so lang, bis es auch starb; und da war alles tot.

❦