Von dem Jungen, der immer schnupperte

von Josef Haltrich

~3 Min

Es war ein­mal ein klein­er Junge, ger­ade so groß, wie du bist, der ging, wenn seine Mut­ter auf dem Markt war, immer über die Sauer­milch und schnup­perte. Da sagte seine Mut­ter: Wenn du noch ein­mal schnup­perst, so gebe ich dich dem garsti­gen Bären!“ Kaum war sie wieder fort, husch! lief der Junge gle­ich zum Topf und schnup­perte so lange, bis keine Sauer­milch mehr im Topfe war. Jet­zt aber fing er an, sich zu fürcht­en vor sein­er Mut­ter, und in der Angst lief er fort und kam in den Wald. 

Als er da war, gedachte er an die wilden Tiere, die im Wald wohnen, die wür­den jet­zt kom­men und ihn zer­reißen. Was sollte er anfan­gen? Nun sah er einen dick­en Baum. Du willst da hin­aufkriechen, da bist du sich­er!“ dachte er. Der Baum aber war hohl, und wie er oben war, fiel er hinein, und da war ger­ade ein Bärennest, und die jun­gen Bärchen ran­nten durcheinan­der, denn sie hat­ten sich erschreckt. Bald kam auch der alte Bär und brachte Fut­ter und fing an zu brum­men: Boboborou!“ und die Kleinen brummten freudig: Bebe­bereu!“ Nun kannst du dir vorstellen, wie sich der kleine Junge fürcht­en mußte.

Als aber der Bär oben am Loche stand und die Augen des Jun­gen sah, so dachte er: Jet­zt ist es aus mit dir!“ denn er meinte, es sei die Katze oder die Schlange drin­nen, die fresse erst seine Jun­gen, dann werde es an ihn kom­men. Schnell drehte er sich um; dabei kam dem Knaben der Schwanz des Bären über das Gesicht; in der Angst faßte er nach ihm, ohne daß er’s wußte, und wie der Bär fort­sprang, so zog er den Knaben mit hin­aus. Der Bär aber glaubte, die Katze habe ihn am Schwanz und sei ihm nachge­sprun­gen und wolle ihn fressen. Da riß er sich schnell wieder los und sprang ins Nest zurück und blieb ganz ruhig. Er hat­te so geris­sen, daß dem Jun­gen der Schwanz in der Hand geblieben war, und seit­dem hat der Bär einen Stumpfschwanz. 

Der Junge hat­te aber nicht weniger Angst gehabt, das kannst du dir denken. Er lief schnell nach Hause und sprach: Liebe Mut­ter, nur ein­mal noch verzei­ht mir, ich will nicht mehr schnup­pern.“ Da erzählte er jet­zt, wie es ihm gegan­gen sei. Weil ich fürchtete“, sprach er zu sein­er Mut­ter, Ihr würdet mich schla­gen, lief ich in den Wald; da dachte ich an die wilden Tiere, die im Wald wohnen; ich stieg auf einen Baum, um mich zu ver­steck­en, und da fiel ich ger­ade in das Bärennest; es waren aber nur die Jun­gen zu Hause, die sahen mich so garstig an und brummten immer: Jet­zt fressen wir dich!‘ Zulet­zt kam der alte Bär und brummte: Habt ihr ihn?‘ und die Bärchen brummten wieder: Ja, wir haben ihn!‘ 

Jet­zt kam der Fürchter­liche ans Loch und machte so feurige Augen, daß ich dachte: Nun ist es aus mit dir‘; aber der gute Bär warf mich nur hin­aus und schenk­te mir’s noch ein­mal, drück­te mir dies Haar­büschel in die Hand, sprang in sein Nest und ließ mich fort­laufen. So, Mut­ter, der Bär bekommt mich nicht, wenn ich nicht mehr schnuppere?“