Vom unsichtbaren Königreiche

von Richard von Volkmann-Leander

~20 Min

In einem kleinen Hause, welch­es wohl eine Vier­tel­stunde abseits von dem übri­gen Dorfe auf der hal­ben Berghöhe lag, wohnte mit seinem alten Vater ein junger Bauer, namens Jörg. Es gehörten zu dem Hause so viel Ack­er­feld, daß bei­de eben keine Sor­gen hat­ten. Gle­ich hin­ter dem Hause fing der Wald an, mit Eichen und Buchen, so alt, daß die Enkelkinder von denen, welche sie gepflanzt hat­ten, schon seit mehr als hun­dert Jahren tot waren; vor ihm aber lag ein alter zebroch­en­er Mühlstein – wer weiß, wie der dahin gekom­men war. Wer sich auf ihn set­zte, der hat­te eine wun­der­volle Aus­sicht hinab ins Tal, auf den Fluß, der das Tal durch­strömte, und die Berge, die jen­seits des Flusses auf­stiegen. Hier saß der Jörg am Abend, wenn er seine Arbeit auf dem Feld getan hat­te, den Kopf auf die Hände und die Ellen­bo­gen auf die Knie gestützt, oft stun­den­lang und träumte, und weil er sich wenig um die Leute im Dorf beküm­merte und meist still und in sich gekehrt ein­herg­ing wie ein­er, der an aller­hand denkt, nan­nten ihn die Leute spot­tweise Traumjörge. Dies war ihm jedoch völ­lig gleichgültig.

Je älter er aber ward, desto stiller wurde er; und als sein alter Vater endlich starb und er ihn unter ein­er großen alten Eiche begraben hat­te, wurde er ganz still. Wenn er dann auf dem alten zer­broch­enen Mühlsteine saß, was er jet­zt viel häu­figer tat als zuvor, und hinab in das her­rliche Tal sah, wie die Abend­nebel an dem einen Ende here­in­trat­en und langsam an den Bergen hin­wan­del­ten, wie es dann dun­kler wurde und dun­kler, bis zulet­zt der Mond und die Sterne in ihrer ganzen Her­rlichkeit am Him­mel her­auf­zo­gen: dann wurde es ihm so recht wun­der­bar ums Herz. Denn dann fin­gen die Wellen im Fluß zu sin­gen an, anfangs ganz leise, bald aber deut­lich vernehm­bar, und sie san­gen von den Bergen, wo sie herkä­men, vom Meer, wo sie hin­woll­ten, und von den Nix­en, die tief unten im Grunde des Flusses wohn­ten. Darauf begann auch der Wald zu rauschen, ganz anders wie ein gewöhn­lich­er Wald, und erzählte die wun­der­barsten Sachen. Beson­ders der alte Eich­baum, der an seines Vaters Grabe stand, der wußte noch viel mehr wie alle die anderen Bäume. Die Sterne aber, die hoch am Him­mel standen, beka­men die größte Lust, her­abz­u­fall­en in den grü­nen Wald und in den blauen Strom, und flim­merten und zit­terten wie jemand, der es gar nicht mehr aushal­ten kann. Doch die Engel, von denen hin­ter jedem Sterne ein­er ste­ht, hiel­ten sie jedes­mal fest und sagten: Sterne, Sterne, macht keine Torheit­en! Ihr seid ja viel zu alt dazu, viele tausend Jahre und noch mehr! Bleibt im Lande und nährt euch redlich!“ –

Es war ein wun­der­bares Tal! – Aber alles das sah und hörte bloß der Traumjörge. Die Leute, welche im Dorf wohn­ten, ahn­ten gar nichts davon; denn es waren ganz gewöhn­liche Leute. Dann und wann schlu­gen sie einen von den alten Baum­riesen um, zer­sägten und zer­spell­ten ihn, und wenn sie eine hüb­sche Klafter aufgerichtet hat­ten, sprachen sie: Nun kön­nen wir uns wieder eine Weile Kaf­fee kochen.“ Und im Fluß wuschen sie ihre Wäsche; das war ihnen sehr bequem. Von den Ster­nen aber, wenn sie so recht funkel­ten, sagten sie weit­er nichts als: Es wird heute nacht recht kalt wer­den; wenn nur unsere Kartof­feln nicht erfrieren.“ Ver­suchte es ein­mal der arme Traumjörge, ihnen eine andere Mei­n­ung beizubrin­gen, so lacht­en sie ihn aus. Es waren eben ganz gewöhn­liche Leute.

Wie er nun so eines Tages wieder auf dem alten Mühlsteine saß und bei sich bedachte, daß er doch auf der ganzen Welt mut­tersee­le­nallein sei, schlief er ein. Da träumte ihm, es hinge vom Him­mel eine gold­ene Schaukel an zwei sil­ber­nen Seilen herab. Jedes Seil war an einem Sterne befes­tigt; auf der Schaukel aber saß eine reizende Prinzessin und schaukelte sich so hoch, daß sie vom Him­mel zur Erde herab und von der Erde wieder zum Him­mel hin­auf flog. Jedes­mal, wenn die Schaukel bis an die Erde kam, klatschte die Prinzessin vor Freude in ihre Hände und warf ihm eine Rose zu. Aber plöt­zlich ris­sen die Seile, und die Schaukel mit der Prinzessin flog weit in den Him­mel hinein, immer weit­er, immer weit­er, bis er sie zulet­zt nicht mehr sehen konnte.

Da wachte er auf, und als er sich umsah, lag neben ihm auf dem Mühlsteine ein großer Strauß von Rosen.

Am näch­sten Tag schlief er wieder ein und träumte das­selbe. Beim Erwachen lagen richtig die Rosen wieder da.

So ging es die ganze Woche hin­durch. Da sagte sich Traumjörge, daß doch irgend etwas Wahres an dem Traum sein müsse, weil er ihn immer wieder träumte. Er schloß sein Haus zu und machte sich auf, die Prinzessin zu suchen.

Nach­dem er viele Tage gegan­gen war, erblick­te er von weit­em ein Land, wo die Wolken bis auf die Erde hin­gen. Er wan­derte rüstig darauf zu, kam aber in einen großen Wald. Plöt­zlich hörte er hier ein ängstlich­es Stöh­nen und Wim­mern, und als er auf die Stelle zuge­gan­gen war, von welch­er das Gestöhn und Gewim­mer herkam, sah er einen ehrwürdi­gen Greis mit sil­ber­grauem Barte auf der Erde liegen. Zwei wider­lich häßliche, split­ter­nack­te Ker­le kni­eten auf ihm und sucht­en ihn zu erwür­gen. Da blick­te er um sich, ob er nicht irgen­deine Waffe fände, mit der er den bei­den Kerlen zu Leibe gehen kön­nte, und da er nichts fand, riß er in sein­er Tode­sangst einen großen Bau­mast ab. Kaum jedoch hat­te er diesen erfaßt, als er sich in seinen Hän­den in eine mächtige Helle­barde ver­wan­delte. Damit stürmte er auf die bei­den Unge­heuer los und ran­nte sie ihnen durch den Leib, so daß sie mit Geheul den Alten losließen und fortsprangen.

Darauf hob er den ehrwürdi­gen Greis auf, tröstete ihn und fragte, warum ihn die bei­den nack­ten Ker­le hät­ten erwür­gen wollen.

Da erzählte jen­er, er sei der König der Träume und aus Verse­hen etwas vom Wege ab in das Reich seines größten Fein­des, des Königs der Wirk­lichkeit, gekom­men. Sobald dies der König der Wirk­lichkeit bemerkt habe, hätte er ihm durch zwei sein­er Diener auflauern lassen, damit sie ihm den Garaus machten.

Hat­test du denn dem König der Wirk­lichkeit etwas zulei­de getan?“ fragte Traumjörge.

Behüte Gott!“ ver­sicherte jen­er. Er wird aber über­haupt sehr leicht gegen andere aus­fäl­lig. Dies liegt in seinem Charak­ter – und mich beson­ders haßt er wie die Sünde!“

Aber die Ker­le, die er geschickt hat­te, dich zu erwür­gen, waren ja ganz nackt!“

Jawohl“, sagte der König, split­ter­faser­nackt. Das ist so Mode im Lande der Wirk­lichkeit. Alle Leute gehen dort nackt, selb­st der König, und schä­men sich nicht ein­mal. Es ist ein abscheulich­es Volk! – Weil du mir nun aber das Leben gerettet hast, will ich mich dankbar gegen dich erweisen und dir mein Land zeigen. Es ist wohl das her­rlich­ste der Welt, und die Träume sind meine Untertanen!“

Darauf ging der König der Träume voran, und Jörg fol­gte ihm. Als sie an die Stelle kamen, wo die Wolken auf die Erde hin­gen, wies der König auf eine Falltüre, welche so ver­steckt im Busch lag, daß sie gar nicht zu find­en war, wenn man es nicht wußte. Er hob sie auf und führte seinen Begleit­er fünfhun­dert Schritte hinab in eine hell erleuchtete Grotte, welche sich meilen­weit in wun­der­bar­er Pracht hin­zog. Es war unsäglich schön! Da waren Schlöss­er auf Inseln mit­ten in großen Seen, und die Inseln schwammen umher wie Schiffe. Wenn man in ein solch­es Schloß hineinge­hen wollte, brauchte man sich nur an das Ufer zu stellen und zu rufen:

Schlößlein, Schlößlein, schwimm heran,

Daß ich in dich reingehn kann!“

dann kam es von selb­st an das Ufer. Weit­er waren noch andere Schlöss­er da auf den Wolken; die flo­gen langsam in der Luft. Sprach man aber:

Steig herab, mein Luftschlößlein,

Daß ich kann in dich hinein!“

so senk­ten sie sich langsam nieder. Außer­dem waren noch da Gärten mit Blu­men, die am Tag dufteten und in der Nacht leuchteten; schillernde Vögel, die Märchen erzählten, und eine Menge ander­er ganz wun­der­bar­er Sachen. Traumjörge kon­nte mit Staunen und Bewun­dern gar nicht fer­tig werden.

Nun will ich dir auch noch meine Unter­ta­nen, die Träume, zeigen“, sagte der König. Ich habe deren drei Sorten. Gute Träume für die guten Men­schen, böse Träume für die bösen und außer­dem Traumkobolde. Mit den let­zteren mache ich mir zuweilen einen Spaß, denn ein König muß doch auch zuweilen seinen Spaß haben.“ –

Zuerst führte er ihn also in eins der Schlöss­er, welch­es eine so verzwick­te Bauart hat­te, daß es förm­lich komisch aus­sah: Hier wohnen die Traumkobolde“, sprach er, ein kleines, über­mütiges, sch­aber­nack­iges Volk. Tut nie­man­den was, aber neckt gern.“

Komm ein­mal her, Klein­er“, rief er darauf einem der Kobolde zu, und sei ein­mal einen einzi­gen Augen­blick ern­sthaft.“ Her­nach fuhr er fort und sagte zu Traumjörge: Weißt du, was der Schelm tut, wenn ich ihm ein­mal aus­nahm­sweise erlaube, auf die Erde hin­aufzusteigen? Er läuft ins näch­ste Haus, holt den ersten besten Men­schen, der ger­ade wun­der­schön schläft, aus den Fed­ern, trägt ihn auf den Kirch­turm und wirft ihn kopfüber herunter. Dann springt er eiligst die Turmtreppe hinab, so daß er unten eher ankommt, fängt ihn auf, trägt ihn wieder nach Haus und schmeißt ihn so ins Bett, daß es kracht und er davon aufwacht. Dann reibt er sich den Schlaf aus den Augen, sieht sich ganz ver­wun­dert um und spricht: Ei du lieber Gott, war mir’s doch ger­ade, als wenn ich vom Kirch­turm her­ab­fiele. Es ist nur gut, daß ich bloß geträumt habe.’“

Das ist der?“ riref Traumjörge. Siehst du, der ist auch schon ein­mal bei mir gewe­sen! Wenn er aber wiederkommt und ich erwis­che ihn, soll’s ihm schlecht erge­hen.“ Kaum hat­te er dies noch gesagt, so sprang ein andr­er Traumkobold unter dem Tis­che her­vor. Der sah aus wie ein klein­er Hund, denn er hat­te ein ganz zot­tiges Wäm­slein an, und die Zunge streck­te er auch heraus.

Der ist auch nicht viel bess­er“, meinte der Traumkönig. Er bellt wie ein Hund, und dabei hat er Kräfte wie ein Riese. Wenn dann die Leute im Traume Angst bekom­men, hält er sie an Hän­den und Beinen fest, daß sie nicht fort können.“

Den kenne ich auch“, fiel Traumjörge ein. Wenn man fort will, ist es einem, als wenn man starr und steif wie ein Stück Holz wäre. Wenn man den Arm aufheben will, geht es nicht, und wenn man die Beine rühren will, geht es auch nicht. Manch­mal ist’s aber kein Hund, son­dern ein Bär, oder ein Räu­ber, oder son­st etwas Schlimmes!“

Ich werde ihnen nie wieder erlauben, dich zu besuchen“, beruhigte ihn der König. Nun komm ein­mal zu den bösen Träu­men, aber fürchte dich nicht, sie wer­den dir keinen Schaden zufü­gen; sie sind nur für die bösen Men­schen.“ Damit trat­en sie in einen unge­heuren Raum ein, der von ein­er hohen Mauer umgeben und mit­tels ein­er gewalti­gen eis­er­nen Tre ver­schlossen war. Hier wim­melte es von den greulich­sten Gestal­ten und entset­zlich­sten Unge­heuern. Manche sahen wie Men­schen, halb wie Tiere, manche ganz wie Tiere aus. Erschrock­en wich Traumjörge zurück bis an die eis­erne Türe. Doch der König redete ihm fre­undlich zu und sprach: Willst du dir nicht genauer bese­hen, was böse Men­schen träu­men müssen?“ Und er wink­te einem Traume, der zunächst stand; das war ein scheußlich­er Riese, der hat­te unter jedem Arme ein Mühlrad.

Erzäh­le, was du heut nacht tun wirst!“ herrschte der König ihn an.

Da zog das Unge­heuer den Kopf in die Schul­tern und den Mund bis zu den Ohren, wack­elte mit dem Rück­en wie ein­er, der sich so recht freut, und sagte grin­send: Ich gehe zum reichen Mann, der seinen Vater hat hungern lassen. Als der alte Mann sich eines Tages auf die stein­erne Treppe vor dem Hause seines Sohnes geset­zt hat­te und um Brot bat, kam der Sohn und sagte zum Gesinde: Jagt mir ein­mal den Ham­pel­mann fort!‘ Da gehe ich nun nachts zu ihm und ziehe ihn zwis­chen den zwei Mühlrädern durch, bis alle Knochen hüb­sch kurz und klein gebrochen sind. Ist er dann so recht schmei­dig und zapplig gewor­den, so nehme ich ihn am Kra­gen, schüt­tle ihn und sage: Siehst du, wie hüb­sch du nun zap­pelst, du Ham­pel­mann!‘ Dann wacht er auf, klap­pert mit den Zäh­nen und ruft: Frau, bring mir noch ein Deck­bett, mich friert!‘ Und wenn er wieder eingeschlafen ist, mache ich’s aufs neue!“

Als Traumjörge dies gehört, drängte er sich mit Gewalt zur Tür hin­aus, den König nach sich ziehend, und rief: Nicht einen Augen­blick länger bleibe ich hier bei den bösen Träu­men. Das ist ja entsetzlich!“

Der König führte ihn nun in einen prächti­gen Garten, wo die Wege von Sil­ber, die Beete von Gold und die Blu­men von geschlif­f­e­nen Edel­steinen waren. In dem gin­gen die guten Träume spazieren. Das erste, was er sah, war ein Traum wie eine junge blasse Frau, die hat­te unter dem einen Arme eine Arche Noah und unter dem anderen einen Baukasten.

Wer ist denn das?“ fragte der Traumjörge.

Die geht abends immer zu einem kleinen kranken Knaben, dem seine Mut­ter gestor­ben ist. Am Tag ist er ganz allein, und nie­mand beküm­mert sich um ihn; aber gegen Abend geht sie zu ihm, spielt mit ihm und bleibt die ganze Nacht. Er schläft immer schon sehr früh ein, deshalb geht sie auch so zeit­ig. Die andern Träume gehen viel später. — Komm nur weit­er; wenn du alles sehen willst, müssen wir uns sputen!“

Darauf gin­gen sie tiefer in den Garten hinein, mit­ten unter die guten Träume. Es waren Män­ner, Frauen, Greise und Kinder, alle mit lieben und guten Gesichtern und in den schön­sten Klei­dern. In den Hän­den tru­gen viele von ihnen alle möglichen Dinge, die sich das Herz nur wün­schen kann. – Auf ein­mal blieb Traumjörge ste­hen und schrie so laut, daß alle Träume sich umdrehten.

Was hast du denn?“ fragte der König.

Das ist ja meine Prinzessin, die mir so oft erschienen ist und mir die Rosen geschenkt hat!“ rief der Traumjörge ganz entzückt aus.

Freilich, freilich!“ erwiderte jen­er. Das ist sie. Nicht wahr, ich habe dir immer einen sehr hüb­schen Traum geschickt? Es ist beina­he der hüb­scheste, den ich habe.“

Da lief der Traumjörge auf die Prinzessin zu, die ger­ade wieder auf ihrer kleinen gold­e­nen Schaukel saß und sich schaukelte. Sobald sie ihn kom­men sah, sprang sie herab und ihm ger­ade in die Arme. Er aber nahm sie an der Hand und führte sie an eine gold­ene Bank. Da set­zten sich bei­de hin und erzählten sich, wie hüb­sch es wäre, daß sie sich wieder sähen. Und wenn sie damit fer­tig waren, fin­gen sie immer wieder von vorne an. Der König der Träume aber ging mit­tler­weile fortwährend auf dem großen Wege, der ger­ade durch den Garten ging, auf und ab, die Hände auf dem Rück­en, und zuweilen nahm er die Uhr her­aus und sah nach, wie spät es wäre, weil der Traumjörge und die Prinzessin immer noch nicht mit dem fer­tig waren, was sie sich zu erzählen hat­ten. Zulet­zt ging er jedoch wieder zu ihnen und sagte: Kinder, nun ist es gut! Du, Traumjörge, hast noch weit zu Hause, und über Nacht kann ich dich nicht hier­be­hal­ten, denn ich habe keine Bet­ten, weil näm­lich die Träume nicht schlafen, son­dern nachts immer zu den Men­schen auf die Erde hin­aufge­hen müssen; und du, Prinzeßchen, du mußt dich fer­tig­machen. Zieh dich heute ein­mal ganz rosa an, und nach­her komm zu mir, damit ich dir sage, wem du heute erscheinen und was du ihm sagen sollst.“

Als dies der Traumjörge gehört, ward es ihm auf ein­mal so mutig ums Herz, wie noch nie in seinem Leben. Er stand auf und sagte mit fes­ter Stimme: Herr König, von mein­er Prinzessin lass‘ ich nun und nim­mer­mehr. Entwed­er Ihr müßt mich hier unten behal­ten, oder Ihr müßt mir sie mit auf die Erde geben. Ich kann ohne sie nicht leben, dazu habe ich sie viel zu lieb!“ Dabei trat ihm in jedes Auge eine Träne, so groß wie eine Haselnuß.

Aber Jörge, Jörge“, erwiderte der König, es ist ja der aller­hüb­scheste Traum, den ich habe! Doch du hast mir das Leben gerettet, so sei es denn. Nimm deine Prinzessin und steige mit ihr hin­auf zur Erde. Sobald du oben ange­langt bist, so nimm ihr den sil­ber­nen Schleier vom Kopf und wirf ihn mir durch die Falltüre wieder herab. Dann wird deine Prinzessin von Fleisch und Blut wie ein anderes Men­schenkind sein; denn jet­zt ist es ja nur ein Traum!“

Da bedank­te sich Traumjörge auf das her­zlich­ste und sagte: Lieber König, weil du nun ein­mal so über­aus gut bist, so möchte ich wohl noch eine Bitte wagen. Sieh, eine Prinzessin habe ich nun, doch es fehlt mir immer noch ein Kön­i­gre­ich; und es ist doch ganz unmöglich, daß eine Prinzessin ohne ein Kön­i­gre­ich sein kann. Kannst du mir denn keins ver­schaf­fen, wenn es auch nur ein ganz kleines ist?“

Darauf antwortete der König: Sicht­bare Kön­i­gre­iche, Traumjörge, habe ich zwar nicht zu vergeben, aber unsicht­bare; und davon sollst du eins bekom­men, und zwar eins der größten und her­rlich­sten, was ich noch habe.“

Da fragte Traumjörge, wie es mit den unsicht­baren Kön­i­gre­ichen beschaf­fen wäre; indes der König bedeutete ihm, er würde dies schon alles erfahren und sein blaues Wun­der erleben, so schön und her­rlich sei es mit den unsicht­baren Königreichen.

Näm­lich“, sagte er, mit den gewöhn­lichen, sicht­baren ist es doch zuweilen eine sehr unan­genehme Sache. Zum Exem­pel: du bist König in einem gewöhn­lichen Kön­i­gre­iche, und früh­mor­gens tritt der Min­is­ter an dein Bett und sagt: Majestät, ich brauche tausend Taler fürs Reich.‘ Darauf öffnest du die Staatkasse und find­est auch nicht einen Heller darin! Was willst du dann anfan­gen? Oder, zum andern: du bekommst Krieg und ver­lierst, und der andere König, der dich besiegt hat, heiratet deine Prinzessin; dich aber sper­rt er in einen Turm. So etwas kann in einem unsicht­baren Kön­i­gre­iche nicht vorfallen!“

Wenn wir es nun aber nicht sehen“, fragte Traumjörge noch immer etwas betreten, was kann uns dann unser Kön­i­gre­ich nützen?“

Du son­der­bar­er Men­sch“, sagte der König darauf und hielt den Zeigefin­ger an die Stirn, du und deine Prinzessin, ihr seht es schon! Ihr seht die Schlöss­er und Gärten, die Wiesen und Wälder, die zu dem Kön­i­gre­ich gehören, wohl! Ihr wohnt darin, geht spazieren und kön­nt alles damit machen, was euch gefällt; nur die andern Leute sehen es nicht.“

Da war Traumjörge hoch erfreut, denn es war ihm schon etwas ängstlich zumut, ob die Leute im Dorf ihn nicht scheel anse­hen wür­den, wenn er mit sein­er Prinzessin nach Hause käme und König wäre. Er nahm sehr gerührt Abschied vom König der Träume, stieg mit der Prinzessin die fünfhun­dert Stufen hin­auf, nahm ihr den sil­ber­nen Schleier vom Kopf und warf ihn hin­unter. Darauf wollte er die Falltür zumachen, aber sie war sehr schw­er. Er kon­nte sie nicht hal­ten und ließ sie fall­en. Da gab es einen unge­heuren Knall, fast so arg, als wenn viele Kanonen auf ein­mal los­geschossen wer­den, und es vergin­gen ihm auf einen Augen­blick die Sinne. Als er wieder zu sich kam, saß er vor seinem Häuschen auf dem alten Mühlstein und neben ihm die Prinzessin, und sie war von Fleisch und Blut wie ein gewöhn­lich­es Men­schenkind. Sie hielt seine Hand, stre­ichelte sie und sagte: Du lieber, guter, när­risch­er Men­sch, du hast dich so lange nicht getraut, mir zu sagen, wie lieb du mich hast? Hast du dich denn vor mir gefürchtet?“ –

Und der Mond ging auf und beleuchtete den Fluß, die Wellen schlu­gen klin­gend ans Ufer, und der Wald rauschte; doch sie saßen immer noch und schwatzten. Da war es plöt­zlich, als wenn eine kleine, schwarze Wolke vor den Mond träte, und auf ein­mal fiel etwas vor ihre Füße nieder, wie ein großes zusam­men­gelegtes Tuch. Darauf stand der Mond wieder in vollem Glanze. Sie hoben das Tuch auf und bre­it­eten es auseinan­der. Es war aber sehr fein und viele hun­dert Male zusam­men­gelegt, so daß sie viel Zeit braucht­en. Als sie es voll­ständig auseinan­derge­fal­tet hat­ten, sah es aus wie eine große Land­karte. In der Mitte ging ein Fluß, und zu bei­den Seit­en waren Städte, Wälder und Seen. Da merk­ten sie, daß es ein Kön­i­gre­ich war und daß es der gute Traumkönig ihnen vom Him­mel hat­te herun­ter­fall­en lassen. Und als sie sich nun ihr kleines Häuschen besa­hen, war es zu einem wun­der­vollen Schlosse gewor­den, mit gläser­nen Trep­pen, Wän­den von Marmel­stein, Tape­ten von Samt und spitzen Tür­men mit blauen Schiefer­däch­ern. Da faßten sie sich an und gin­gen in das Schloß hinein, und als sie ein­trat­en, waren schon die Unter­ta­nen ver­sam­melt und verneigten sich tief. Pauken und Trompe­ten erschall­ten, und Edelkn­aben gin­gen vor ihnen her und streuten Blu­men. Da waren sie König. –

Am andern Mor­gen aber lief es wie ein Feuer durch das Dorf, daß der Traumjörge wiedergekom­men sei und sich eine Frau mit­ge­bracht habe. Das wird auch etwas Gescheites sein“, sagten die Leute. Ich habe sie heute früh schon gese­hen“, fiel ein­er von den Bauern ins Wort, als ich in den Wald ging. Sie stand mit ihm vor der Türe. Es ist nichts Beson­deres, eine ganz gewöhn­liche Per­son, klein und schmächtig. Ziem­lich ärm­lich war sie auch ange­zo­gen. Wo soll’s denn am Ende auch herkom­men! Er hat nichts, da wird sie wohl auch nichts haben!“

So schwatzten sie, die dum­men Leute; denn sie kon­nten es nicht sehen, daß es eine Prinzessin war. Ind daß das Häuschen sich in ein großes, wun­der­volles Schloß ver­wan­delt hat­te, bemerk­ten sie in ihrer Ein­falt auch nicht, denn es war eben ein unsicht­bares Kön­i­gre­ich, was dem Traumjörge vom Him­mel herun­terge­fall­en war. Aus diesem Grunde beküm­merte er sich auch um die dum­men Leute gar nicht, son­dern lebte in seinem Kön­i­gre­iche und mit sein­er lieben Prinzessin her­rlich und vergnügt. Und er bekam sechs Kinder, eins immer schön­er wie das andere, und das waren lauter Prinzen und Prinzessin­nen. Nie­mand aber wußte es im Dorf, denn das waren ganz gewöhn­liche Leute und viel zu ein­fältig, um es einzusehen.