Vom Stiefelputzer Hinkelbrühe

von Johann Wilhelm Wolf

~5 Min

Ein Handw­erks­bursche kon­nte nir­gend­wo Arbeit find­en, da ging er endlich in das Schloss und verd­ingte sich dem König als Stiefelputzer. Der König fragte ihn: Wie heißt du denn?“ Ich heiße Vorgestern“ sprach er. Das ist ein son­der­bar­er Name“ sprach der König.

Als er den fol­gen­den Mor­gen der Prinzessin ihre Schuhe blank gewichst brachte, fragte sie ihn: Wie heißt du denn?“ Ich heiße Hinkel­brühe“ sprach er. Da lachte sie laut auf und rief: Ach was ist das ein wun­der­lich­er Name!“

Im Lauf des Tages begeg­nete er der Köni­gin im Garten. Als sie den neuen Diener sah, fragte sie: Wie heißt du denn?“ Ich heiße Gestern“ sprach er. Das ist ein son­der­bar­er Name“ sprach die Königin.

Die andern Bedi­en­ten hät­ten auch gern seinen Namen gewusst und fragten ihn: Wie heißt du denn?“ Ich heiße Heute“ sprach er und sie lacht­en ihn aus, dass er einen so son­der­baren Namen habe.

Ein Handw­erks­bursch weiß auch, was lieben ist, das kann man alle Tage hören, wenn sie aus dem Tore ziehen und ihre Abschied­slieder an die Schätze sin­gen, die klin­gen oft gar betrübt. Der Stiefel­wichser wusste das nicht min­der als seine Kam­er­aden und ver­liebte sich in nie­mand Gerin­geres, als in die Königstochter. Mit seinem Lieben allein war ihm aber nicht gedi­ent, die Prinzessin sollte ihn auch wieder lieben und das schien sie nicht zu wollen, denn wenn er meinte, das Herz müsse ihm vor lauter Liebe brechen und oft ein recht betrübtes Gesicht machte, dann fragte sie noch nicht ein­mal: Was fehlt dir Hinkel­brühe?“ Das trug er eine Zeit­lang, aber endlich wurde es ihm zu arg und er sprach zu sich selb­st: Was ich mit Güte nicht erlan­gen kann, das will ich schon mit List und Gewalt bekommen.“

Eines Tages sah er in der Küche, wie die Köchin vom Schlosse Hinkel schlachtete und sie in den Kessel warf, um für die Prinzessin Suppe davon zu kochen. Merkst du, Hinkel­brüh? Sie will dich haben“, sprach er zu sich selb­st, und als es gegen Abend ging, da war sein Plan schon gemacht. Er ging zum Kutsch­er und sprach: Du, die Prinzessin hat mir befohlen, ihre Kam­mer­jungfer um zwölf Uhr über die Gren­ze zu schaf­fen, denn die ist plöt­zlich nar­rig gewor­den, und du sollst uns fahren.“ Das­selbe sagte er später auch den andern Bedi­en­ten, welche ihn darüber verspot­teten und sprachen: Ein Narr wird den andern wohl fortbringen.“

Als es gegen zwölf Uhr ging, schlich sich mein Stiefelputzer in das Zim­mer der Prinzessin, stopfte seine Taschen voll Gold und Geld, fasste dann rasch das arme Mäd­chen in ihren Deck­en und lief mit ihr Hals über Kopf die Treppe hinab auf den Hof, wo der Wagen schon stand. Ehe er aber noch aus dem Schlafz­im­mer war, rief die Prinzessin: Hülfe, Mut­ter, Hülfe!“ Was ist dir mein Kind?“ fragte die Köni­gin erschrock­en. Ach, Hinkel­brüh, Hinkel­brüh!“ schrie die Prinzessin. Die kann es nicht sein“, sprach die Köni­gin, die Hinkel­brühe war kräftig und ist dir gesund“, denn sie dachte an die Hinkel­brühe, welche am Mit­tag gegessen wor­den war. Als sie aber auf­s­tand und in das Schlafz­im­mer der Prinzessin kam, war das Bett leer. Sie lief ans Fen­ster, da sah sie wie der Stiefelputzer ihre Tochter in den Wagen legte und dem Kutsch­er wink­te fortz­u­fahren. Hülfe“ schrie sie, Gestern hat die Prinzessin ger­aubt.“ Was tob­st du nur“, rief der König, der jet­zt auch erwachte, gestern war sie ja bei uns bis spät Abends.“ Als er aber auf­s­tand und ans Fen­ster zu sein­er Frau trat, da schrie er gle­ich­falls: Her­bei, zu Hülfe, Vorgestern hat meine Tochter ent­führt!“ Da stürzten die Diener hinzu, liefen Trep­pen auf, Trep­pen ab und sucht­en den Vorgestern. Auf dem Hof wün­scht­en sie dem Heute noch eine gute Reise mit der nar­ri­gen Kam­mer­jungfer, denn je mehr die Prinzessin sich sträubte und schrie, um so mehr lacht­en sie über ihn und sprachen: Seht nur, wie nar­rig sie ist, der wird Not mit ihr haben.“ Mein Stiefelputzer fuhr aber was gib­st du, was hast du auf der Land­straße dahin und ruhte nicht, bis er jen­seits der Gren­ze war. Dort mietete er sich ein prächtiges Haus, kaufte sich und der Prinzessin her­rliche Klei­der und wusste sich bald so bei ihr in Gun­st zu set­zen, dass sie meinte, sie könne nicht ohne ihn leben.

Der König grämten sich unter­dessen sehr um ihre einzige Tochter und ließen dem Stiefelputzer große Sum­men anbi­eten, wenn er sie zurück nach Hause lassen wolle; er ließ ihnen aber wieder sagen, sie käme nur heim, wenn sie ihn heirate. Was blieb da übrig? Die Ältern gaben ihre Ein­willi­gung not­gezwun­gen, die Prinzessin aber von Herzen gern, denn sie gewann ihn mit jedem Tage lieber und zudem hätte sie ja schw­er­lich noch einen Prinzen zum Manne bekom­men, nach­dem sie so lange bei dem Stiefelputzer gelebt hatte.