Vom Schwaben, der das Leberlein gefressen

von Ludwig Bechstein

~6 Min

Als unser lieber Herr und Hei­land noch auf Erden wan­delte, von ein­er Stadt zur andern, das Evan­geli­um predigte und viele Zeichen tat, kam zu ihm auf eine Zeit ein guter ein­fältiger Schwab und fragte ihn: »Mein Lei­den-Gesell, wo willt du hin?«

Da antwortete ihm unser Her­rgott: »Ich ziehe um und mache die Leute selig.«

So sagte der Schwab: »Willt du mich mit dir lassen?«

»Ja«, antwortete unser Her­rgott, »wenn du fromm sein willst und wei­dlich beten.«

Das sagte der Schwab zu. Als sie nun miteinan­der gin­gen, kamen sie zwis­chen zwei Dör­fer, darin­nen läutete man. Der Schwab, der gern schwätzte, fragte unsern Her­rgott: »Mein Lei­den-Gesell, was läutet man da?«

Unser Hei­land, dem alle Dinge wis­send waren, antwortete: »In dem einen Dorfe läutet man zu ein­er Hochzeit, in dem andern zum Begäng­nis eines Toten.«

»Gang du zum Toten!« sprach der Schwab, »so will ich zur Hochzeit gehn.«

Darauf ging unser Her­rgott in das Dorf und machte den Toten wieder lebendig, da schenk­te man ihm hun­dert Gulden. Der Schwab tät sich auf der Hochzeit um, half ein­schenken, einem Gast um den andern und auch sich selb­st, und als die Hochzeit zu Ende war, da schenk­te man ihm einen Kreuzer. Das war der Schwab wohl zufrieden, machte sich auf den Weg und kam wieder zu unserm Herrgott.

Als­bald, wie der Schwab diesen von weit­em sahe, hub er sein Kreuzer­lein in die Höhe und schrie: »Lug, mein Lei­den-Gesell! Ich hab Geld; was hast denn du?« Trieb also viel Prahlens mit seinem Kreuzerlein.

Unser Her­rgott lachet sein­er und sprach: »Ach, ich hab wohl mehr als du!« tät den Sack auf und ließ den Schwaben die hun­dert Gulden sehen.

Der aber war nicht unbe­hend, warf geschwind sein armes Kreuzer­lein unter die hun­dert Gulden und rief: »Gemein, gemein! Wir wollen alles gemein miteinan­der haben!« Das ließ unser Her­rgott gut sein.

Nun als sie weit­er miteinan­der gin­gen, begab es sich, daß sie zu ein­er Herde Schafe kamen, da sagte unser Her­rgott zum Schwaben: »Gehe, Schwab, zu dem Hirten, heiße ihn uns ein Lämm­lein zu geben, und koche uns das Gehänge oder Geräusch zu einem Mahle.«

»Ja!« sagte der Schwab, tat, wie ihm der Herr geheißen, ging zum Hirten, ließ sich ein Lämm­lein geben, zog’s ab und bere­it­ete das Gehänge zum Essen. Und im Sieden da schwamm das Leber­lein stets empor; der Schwab drückt’s mit dem Löf­fel unter, aber es wollte nicht unten bleiben, das ver­droß den Schwaben über alle Maßen. Nahm deshalb ein Mess­er, schnitt das Leber­lein, dieweil es gar war, voneinan­der und aß es. Und als nun das Essen auf den Tisch kam, da fragte unser Her­rgott, wo denn das Leber­lein hingekom­men wär? Der Schwab aber war gle­ich mit der Antwort bei der Hand, das Lämm­lein habe keines gehabt.

»Ei!« sagte unser Her­rgott, »wie wollte es denn gelebt haben, ohne ein Leberlein?«

Da ver­schwur sich der Schwab hoch und teuer: »Es hat bei Gott und allen Gottes-Heili­gen keines gehabt!« Was wollte unser Her­rgott tun? Wollte er haben, daß der Schwab still schwieg, mußte er wohl zufrieden sein.

Nun begab es sich, daß sie wiederum miteinan­der spazierten, und da läutete es aber­mals in zwei Dör­fern. Der Schwab fragte: »Lieber, was läutet man da?«

»In dem Dorf läutet man zu einem Toten, in dem andern zur Hochzeit«, sagte unser Herrgott.

»Wohl!« sprach der Schwab. »Jet­zt gang du zur Hochzeit, so will ich zum Toten!« (Ver­meinte, er wolle auch hun­dert Gulden ver­di­enen). Fragte den Her­rn weit­er: »Lieber, wie hast du getan, daß du den Toten aufer­weck­et hast?«

»Ja«, antwortete der Herr, »ich sprach zu ihm, steh auf im Namen des Vaters, Sohnes und Heili­gen Geistes! Da stand er auf.«

»Schon gut, schon gut!« rief der Schwab, »nun weiß ich’s wohl zu tun!« und zog zum Dorfe, wo man ihm den Toten ent­ge­gen­trug. Als der Schwab das sahe, rief er mit heller Stimme: »Halt da! Halt da! Ich will ihn lebendig machen, und wenn ich ihn nit lebendig mache, so henkt mich ohne Urteil und Recht.«

Die guten Leute waren froh, ver­hießen dem Schwaben hun­dert Gulden und set­zten die Bahre, darauf der Tote lag, nieder. Der Schwab tät den Sarg auf und fing an zu sprechen: »Steh auf im Namen der Heili­gen Dreifaltigkeit!« Der Tote aber wollte nicht auf­ste­hen. Dem Schwaben ward angst, er sprach seinen Segen zum andern und zum drit­ten Mal, als aber jen­er Tote sich nicht erhob, so rief er voll Zorn: »Ei so bleib liegen in tausend Teufel Namen!« Als die Leute diese got­t­lose Rede hörten und sahen, daß sie von dem Geck­en bet­ro­gen waren, ließen sie den Sarg ste­hen, faßten den Schwaben und eileten dem­nächst mit ihm dem Gal­gen zu, war­fen die Leit­er an und führten den Schwaben hinauf.

Unser Her­rgott zog fein gemach­sam seine Straße her­an, da er wohl wußte, wie es dem Schwaben erge­hen werde, wollte doch sehen, wie er sich stellen würde, kam nun zum Gericht und rief: »O guter Gesell, was hast du doch getan? In welch­er Gestalt erblick ich dich?« Der Schwab war blitzwild und begann zu schel­ten, der Herr hätte ihn den Segen nicht recht gelehrt. »Ich habe dich recht belehrt«, sprach der Herr. »Du aber hast es nicht recht gel­ernt und getan, doch dem sei, wie ihm wolle. Willst du mir sagen, wo das Leber­lein hinkom­men ist, so will ich dich erledigen!«

»Ach!« sagte der Schwab, »das Lämm­lein hat wahrlich kein Leber­lein gehabt! Wes zei­h­est du mich?«

»Ei, du willst’s nur nicht sagen!« sprach der Herr. »Wohlan, bekenn es, so will ich den Toten lebendig machen !«

Der Schwab aber fing an zu schreien: »Hen­ket mich, hen­ket mich! So komm ich der Marter ab. Der will mich zwin­gen mit dem Leber­lein und hört doch wohl, daß das Lämm­lein kein Leber­lein gehabt hat! Hen­ket mich nur stracks und flugs!«

Wie solch­es unser Her­rgott hörte, daß sich der Schwab eher wollt henken lassen, als die Wahrheit geste­hen, befahl er, ihn her­abzu­lassen, und machte nun selb­st den Toten lebendig.

Als sie nun miteinan­der wieder von dan­nen zogen, sprach unser Her­rgott zum Schwaben: »Komm her, wir wollen mit einan­der das gewonnene Geld teilen und dann voneinan­der schei­den, denn wenn ich dich allewege und über­all sollte vom Gal­gen erledi­gen, würde mir das zuviel.« Nahm also die zwei­hun­dert Gulden und teilte sie in drei Teile.

Als solch­es der Schwab sahe, fragte er: »Ei, Lieber, warum machst du drei Teile, so doch unsr­er nur zween sind?«

»Ja«, antwortete unser lieber Her­rgott, »der eine Teil, der ist mein; der andere Teil, der ist dein, und der dritte Teil, der ist dessen, der das Leber­lein gefressen hat!«

Als der Schwab solch­es hörte, rief er fröh­lich aus: »So hab ich’s bei Gott und allen lieben Gottes-Heili­gen doch gefressen!« Sprach’s und strich auch den drit­ten Teil ein und nahm also Urlaub von unserm lieben Herrgott.