Vogel Phönix

von Johann Wilhelm Wolf

~5 Min

Im Garten des Paradieses, unter dem Baume der Erken­nt­nis, stand ein Rosen­strauch. Hier, in der ersten Rose, wurde ein Vogel geboren, dessen Flug war wie der des Lichts, her­rlich war seine Farbe und her­rlich sein Gesang.

Als aber Eva die Frucht der Erken­nt­nis brach und sie und Adam aus dem Garten des Paradieses gejagt wur­den, fiel vom flam­menden Schw­erte des strafend­en Engels ein Funken in das Nest des Vogels und zün­dete es an. Der Vogel starb in den Flam­men, aber aus dem glühen­den Ei flog ein neuer, der einzige, der stets einzige Vogel Phönix. Die Sage meldet, daß er in Ara­bi­en nis­tet und sich selb­st jedes hun­dert­ste Jahr in seinem Neste ver­bren­nt, und ein neuer Phönix, wieder der einzige in der Welt, fliegt aus dem glühen­den Ei empor.

Der Vogel umflat­tert uns, schnell wie das Licht, her­rlich von Farbe und her­rlich klingt sein wun­der­samer Sang. Wenn die Mut­ter an der Wiege ihres Kindes sitzt, schwebt er über dem Kopfkissen und weht mit den Flügeln einen Glo­rien­schein um des Kindes Haupt. Er fliegt durch die Stuben der Genügsamkeit, und Son­nenglanz bre­it­et sich darüber und die ärm­liche Kom­mode duftet nach Veilchen.

Doch der Vogel Phönix ist nicht allein der Vogel Ara­bi­ens. Er flat­tert im Nordlichtschein über die Eis­felder Lap­p­lands, er hüpft zwis­chen den gel­ben Blu­men in Grön­lands kurzem Som­mer. Über Faluns Kupfer­felsen ist er zu sehen und in Eng­lands Kohlen­gruben. Er huscht wie eine gepud­erte Motte hin über das Gesang­buch in des from­men Arbeit­ers Hän­den. Er segelt auf dem Loto­s­blatt mit den heili­gen Fluten des Ganges hinab und des Hin­dumäd­chens Augen leucht­en bei seinem Anblick.

Vogel Phönix, kennst Du ihn nicht? Den Vogel des Paradieses, des Gesanges heili­gen Schwan. Auf dem Tespiskar­ren saß er wie ein geschwätziger Rabe und schlug mit den schwarzen, hefetriefend­en Flügeln. Über Islands Sänger­harfe glitt des Schwanes rot­er, klin­gen­der Schn­abel; auf Shake­spear­es Schul­tern saß er wie Odins Rabe und flüsterte ihm ins Ohr: Unsterblichkeit. Beim Sänger­feste flog er durch der Wart­burg Rittersaal.

Vogel Phönix Kennst Du ihn nicht? Er sang Dir die Marsal­laise vor, und Du küßtest die Fed­er, die aus sein­er Schwinge fiel. Im Paradieses­glanze kam er, und Du wandtest Dich vielle­icht fort und dem Sper­ling zu, der mit Schaum­gold auf den Flügeln dasaß.

O, Du Vogel des Paradieses, in jedem Jahrhun­dert erneut, in Flam­men geboren, in Flam­men gestor­ben, Dein Bild hängt in Gold gefaßt in den Sälen der Reichen und selb­st fliegst Du verir­rt und ein­sam – eine Sage nur: Vogel Phönix in Arabien!

Im Garten des Paradieses, da Du geboren wur­dest unter dem Baume der Erken­nt­nis in der ersten Rose, küßte Dich Gott und gab Dir Deinen recht­en Namen – Poesie.