Verstand und Glück

von Josef Haltrich

~5 Min

Es gin­gen ein­mal der Ver­stand und das Glück auf Reisen, um sich die Welt zu bese­hen und die Men­schen mit ihren Gaben zu erfreuen. Da trafen sie einen Schäfer­jun­gen, der an der Straße lag und schlief. Wie wäre es”, sprach das Glück zum Ver­stand, wenn wir gle­ich einen Ver­such macht­en? Ziehe du jet­zt in den Knaben ein!” Dem Ver­stand war es recht, und er stieg in das Haupt des Knaben.

Als dieser erwachte, rieb er sich die Augen und dachte: Ei, warum soll ich immer die Schafe hüten, ich will es in der Stadt ver­suchen.” Gle­ich machte er sich auf. Er kam zu einem Uhrma­ch­er und verd­ingte sich als Stal­lknecht. Der war sehr zufrieden mit seinem Burschen, denn die Pferde waren bald die schön­sten in der ganzen Stadt. Dem Jun­gen genügte die Arbeit im Stall aber nicht. Wenn der Meis­ter und die Gesellen bei Tis­che saßen, ging er heim­lich in die Werk­statt und verbesserte die Uhren. Die Gesellen merk­ten das bald und sprachen zum Meis­ter: Es muss jemand in die Werk­statt gekom­men sein, während wir aßen. Unsere Arbeit ist schon fort­ge­führt, aber weit bess­er, als wir es kön­nen.” Das ist eine Spur, der wir fol­gen müssen”, sagte der Meis­ter. Und als die Gesellen wieder bei Tis­che waren, stellte sich der Meis­ter heim­lich ans Fen­ster und guck­te in die Werk­statt. Nun sah er den Stal­lknecht, wie er eine Uhr nach der anderen zur Hand nahm und verbesserte. Nach ein­er Weile kon­nte der Meis­ter sich nicht mehr zurück­hal­ten. Er öffnete die Türe und rief: Du also bist der große Meis­ter! Wohlan, du gehörst nicht in den Stall und sollst for­t­an mein erster Geselle sein!” Der Junge war damit zufrieden und machte nun bald so schöne Uhren, dass alle Welt sich darüber wunderte.

Da geschah es, dass der König eines Tages verkün­den ließ, er habe eine kost­bare Uhr, die nicht mehr laufen wolle. Wer sie aus­bessern könne, dem gebe er fün­f­tausend Gulden. Wer es aber ohne Erfolg ver­suchen würde, dem koste es das Leben.

Nun fand sich lange kein Uhrma­ch­er, wed­er Meis­ter noch Geselle, der es wagen wollte. Der Junge hörte es und ging sogle­ich zum König. Der schüt­telte nur sein Haupt und sprach: Mein Junge, das kannst du nicht! Die Uhr würde dich dein Leben kosten. Kein­er von den vie­len Meis­tern im Lande hat sich getraut, und du willst es bess­er kön­nen?” Aber der Junge erwiderte voll Zuver­sicht: Es wird mir schon gelingen!”

Da ließ der König die Uhr her­beib­rin­gen. Der Junge nahm seine Werkzeuge zur Hand, zer­legte die Uhr, besserte hier, besserte da, und set­zte alles wieder zusam­men. Und siehe, als man die Uhr aufge­zo­gen hat­te, ging sie so gut wie zuvor. Der König war entzückt. Er gab dem Jun­gen nicht nur die fün­f­tausend Gulden, son­dern behielt ihn auch bei Hofe und machte ihn zu seinem Wirtschafter.

Der König hat­te aber eine Tochter, die in ihrem Leben nie lachte, und das küm­merte den Vater sehr. Darum ließ er verkün­den, dass der­jenige sie zur Gemahlin haben solle, der sie zum Lachen bringe. Wer es aber ohne Erfolg ver­suche, dem koste es das Leben. Schon viele Bewer­ber hat­ten es pro­biert, doch alle hat­ten den Tod gefunden.

Der Junge hörte es und sprach zum König: Ich möchte deine Tochter wohl zum Lachen brin­gen!” — Mein guter Junge”, sprach der König, das ist weit schwieriger, als ein Uhr auszubessern. Es wäre ja schade um dein Leben, denn ich möchte dich als meinen Wirtschafter nicht ver­lieren.” Aber der Junge ließ nicht ab, bis der König es endlich erlaubte.

Dann ging der Junge mit einem Min­is­ter zur Königstochter und erzählte diese Geschichte: Drei Wan­der­burschen, ein Bild­hauer, ein Maler und ein Sprach­meis­ter unter­nah­men zusam­men eine Reise. Als sie in einen Wald gekom­men waren, macht­en sie ein Feuer und set­zten sich. Da nahm der Bild­hauer einen jun­gen Stamm und schnitzte daraus eine Jungfrau. Darauf nahm der Maler die Fig­ur und gab ihr mit Far­ben noch mehr Schön­heit. Zulet­zt nahm sie der Sprach­meis­ter und lehrte sie sprechen. — Wem gehört nun die lebendi­ge Jungfrau? Nie­mand weiß es zu beant­worten.” Da lachte die Königstochter und rief: Das ver­ste­ht sich doch von selb­st, sie gehört niemand!”

Der Junge freute sich und ging mit dem Min­is­ter schnell zum König. Der fragte sogle­ich: Hat sie gelacht?” Ja!”, antwortete der Junge ganz fröh­lich. Nein!”, rief der Min­is­ter ernst. Da bat der Junge den König, er solle doch einen anderen Min­is­ter zur Königstochter schick­en und sie fra­gen lassen. Das tat der König, aber die Antwort des Min­is­ters lautete wieder Nein!”. So schicke noch einen drit­ten Min­is­ter, mein König”, sprach der Junge. Es geschah, doch auch er kam zurück und sprach: Nein!” Der König hat­te genug gehört und sagte zu dem Jun­gen: Jet­zt kann ich dir nicht mehr helfen. Was Gesetz ist, ist Gesetz, und danach musst du den Tod erleiden!”

Schon hat­te man den Jun­gen bis zur Richt­stätte geführt, da kam das Glück ger­ade vor­bei. Es war alleine in der Welt umherge­gan­gen. Jet­zt aber rief es dem Ver­stand unhör­bar zu: Du hast deine Schuldigkeit getan. Komm her­aus aus dem Kopf des Jun­gen und lasse mich hinein!” Kaum war das geschehen, hörte man Trompe­tengeschmetter und eine fröh­liche Musik. In ein­er gold­e­nen Kutsche kam der König und seine Tochter her­beige­fahren, und sie hiel­ten ein weißes Tuch zum Zeichen der Gnade in der Hand.

Jet­zt klärte sich die Sache auf. Die Min­is­ter waren nei­disch auf den Jun­gen und woll­ten ihn für immer los wer­den. Mit ihren Lügen wäre ihnen das auch beina­he gelun­gen, doch dafür saßen sie nun im Kerk­er. Der Junge aber durfte sich neben der Königstochter in die Kutsche set­zen und fuhr mit ihr heim. Bald darauf wurde eine glänzende Hochzeit gefeiert, und der Junge wurde König. Das Glück aber blieb bei ihm und ver­ließ ihn bis zu seinem Lebensende nicht.