Unser Herrgott und der Kirchenvater

von Josef Haltrich

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Ein Kirchen­vater hat­te, wie das ja hie und da noch zu geschehen pflegt, sein­er Kirche ein Opfer gebracht, und zwar einen prachtvollen Leuchter samt ein­er großen Wachskerze. Unser Her­rgott erschien ihm in der Gestalt eines alten Mannes und ver­sprach ihm zum Danke für sein Geschenk: er wolle ihn dreimal an den Tod mah­nen, bevor er ihn von dieser Erde abrufe. Froh darüber, lebte der Kirchen­vater nun her­rlich und in Freuden, aß und trank, und der Kirchenkeller mußte her­hal­ten, und bei solchem Leben dachte er gar nicht an das Sterben.

Aber nach eini­gen Jahren kon­nte sein Kör­p­er es nicht mehr aushal­ten; seine Knie sanken ein, sein Rück­en krümmte sich, und er war genötigt, die Krücke in die Hand zu nehmen; nicht lange, so ver­lor er auch das Gesicht, zulet­zt auch das Gehör. Krumm, blind und taub, wie er war, lebte er den­noch immer­fort toll und voll wie ehe­mals. Endlich kam unser Her­rgott, um ihn abzu­holen. Der Kirchen­vater war bestürzt und verza­gt und machte ihm Vor­würfe, warum er ihn denn nicht dreimal gemah­nt, wie er gesagt habe. Da sprach unser Her­rgott in gerechtem Zorn: Wie, hätte ich dich nicht gemah­nt? Klopfte ich dir nicht zuerst auf die Achsel und an die Knie, daß du krumm gehen mußtest? Legte ich dir dann nicht meinen Fin­ger aufs Auge, daß du nicht sehen kon­ntest, und zupfte ich dir zulet­zt nicht am Ohr, daß du taub wur­dest? Also ist erfüllt, was ich dir ver­heißen hat­te, wohlan, folge mir!“ Der Kirchen­vater bat nun demütig um Verzei­hung, er habe wahrlich die Mah­nung nicht ver­standen und habe sich jet­zt zum Tode noch gar nicht vor­bere­it­et. Milde blick­te unser Her­rgott auf den reuigen Kirchen­vater und sprach: Komme nur, komme; ich will dir nicht gerechter als gnädig sein!“

Ihr aber merkt euch das: ger­ade also mah­nt auch euch alle unser Her­rgott; sehet zu, daß ihr nicht auch so unvor­bere­it­et seid, wenn er euch abruft!