Tölpel-Hans

von Johann Wilhelm Wolf

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Draußen auf dem Lande in einem alten Her­ren­hof lebte ein Guts­be­sitzer, der zwei so kluge Söhne hat­te, daß sie um die Tochter des Königs freien woll­ten und das durften sie, denn dieselbe hat­te bekan­nt machen lassen, daß sie den­jeni­gen zum Gemahl nehmen wollte, der sich am gewandtesten und klüg­sten mit ihr unter­hal­ten könnte.

Die bei­den bere­it­eten sich nun acht Tage lang vor. Län­gere Zeit bedurften sie nicht dazu, denn sie hat­ten Vorken­nt­nisse und die sind immer nüt­zlich. Der eine wußte das ganze lateinis­che Lexikon und drei
Jahrgänge der städtis­chen Zeitung auswendig und zwar rück­wärts wie vor­wärts. Der andere hat­te sich mit sämtlichen Para­graphen aller
Zun­ft­ge­set­ze und mit dem, was jed­er Zun­ft­meis­ter wis­sen mußte, bekan­nt gemacht. Auf diese Weise, meinte er, kön­nte er über Staats- und gelehrte
Sachen mit­sprechen. Außer­dem ver­stand er Trage­bän­der zu stick­en, denn er war fein und fingerfertig.

Ich bekomme die Königstochter!“ sagten sie alle bei­de, und deshalb gab ihr Vater jedem von ihnen ein schönes Pferd; der, welch­er das Lexikon und die Zeitun­gen auswendig wußte, bekam ein kohlschwarzes, und der, welch­er sich zun­ft­meis­ter­lich gebahren und stick­en kon­nte, erhielt ein milch­weißes. Als sie im Hofe zu Pferde steigen woll­ten, erschien der dritte Brud­er, denn es waren ihrer dreie, aber nie­mand zählte ihn als
Brud­er mit, weil er nicht die gle­iche erstaunliche Gelehrsamkeit besaß wie die bei­den anderen, und alle Welt nan­nte ihn nur _Tölpelhans_.

Wo wollt ihr hin, daß ihr euch in den Braten­rock gewor­fen habt?“ fragte er.

An den Hof, um mit der Königstochter zu plaud­ern! Hast du nicht gehört, was im ganzen Lande aus­getrom­melt wird?“ und darauf erzählten sie es ihm.

Potz­tausend, da muß ich mit dabei sein!“ sagte Tölpel­hans, und die
Brüder lacht­en ihn aus und rit­ten von dannen.

Vater, gieb mir ein Pferd!“ rief Tölpel­hans. Ich bekomme solche Lust, mich zu ver­heirat­en. Nimmt sie mich, so nimmt sie mich, und nimmt sie mich nicht, so nehme ich sie doch!“

Was ist das für ein Geschwätz!“ sagte der Vater. Dir gebe ich kein
Pferd. Du kannst ja nicht sprechen!“

Soll ich kein Pferd bekom­men,“ sagte Tölpel­hans, so nehme ich den
Ziegen­bock, der gehört mir und ist im Stande mich zu tra­gen!“ Damit set­zte er sich rit­tlings auf den Ziegen­bock, stieß ihm die Hack­en in die
Seite und sprengte die Land­straße ent­lang. Hui, wie das ging! Hier komme ich!“ rief Tölpel­hans und darauf sang er, daß es wiederhallte.

Die Brüder rit­ten aber ganz still voran; sie sprachen kein einziges
Wort, sie mußten alle die guten Ein­fälle, die sie vor­brin­gen woll­ten, noch ein­mal überlegen.

Hal­loh! Hal­loh!“ rief Tölpel­hans, hier komme ich! Seht, was ich auf der Land­straße fand!“ Mit diesen Worten zeigte er ihnen eine tote Krähe, die er gefun­den hatte.

Tölpel!“ fuhren sie ihn an, was willst du mit derselben?“

Ich will sie der Königstochter schenken!“

Ja, thue es!“ sagten sie, lacht­en und rit­ten weiter.

Da rief Tölpel­hans wieder: Hal­loh! Hal­loh! Hier komme ich! Seht, was ich jet­zt gefun­den habe!“

Die Brüder wandten sich wieder um, sich den sel­te­nen Schatz anzuse­hen.
Tölpel!“ sagten sie, das ist ja ein alter Holzschuh, von welchem der obere Teil abge­gan­gen ist! Soll die Königstochter den etwa auch haben?“

Das soll sie!“ sagte Tölpel­hans, und die Brüder lacht­en, rit­ten weit­er und kamen ihm eine große Strecke voraus.

Hal­loh! Hal­loh! Hier bin ich!“ rief Tölpelhans.

Was hast du wieder gefun­den?“ fragten die Brüder.

Oh!“ sagte Tölpel­hans, es ist eigentlich kein Gesprächs­ge­gen­stand! Wie sie sich aber freuen wird, die Königstochter!“

Pfui!“ sagten die Brüder, das ist ja Schlamm, der aus dem
Straßen­graben aus­ge­wor­fen ist.“

Das stimmt!“ sagte Tölpel­hans, und er ist von der aller­fe­in­sten Art, daß man ihn gar nicht fes­thal­ten kann!“ und darauf füllte er sich die
Tasche damit an.

Aber die Brüder rit­ten, was das Zeug hal­ten wollte, und über­holten ihn eine ganze Stunde. Sie hiel­ten an dem Stadt­thore, an welchem die Freier, je nach ihrer Ankun­ft, numeriert und in Reih und Glied gestellt wur­den, je sechs in jedem Gliede und so dicht, daß sie kaum die Arme rühren konnten.

Alle übri­gen Bewohn­er des Lan­des standen rings um das Schloß bis zu den
Fen­stern hin­auf, um mit anzuse­hen, wie die Königstochter die Freier empf­ing. Merk­würdig! Sobald ein­er der­sel­ben die Schwelle ihres Zim­mers
über­schritt, ver­ließ ihn sein Rednertalent.

Taugt nichts!“ sagte die Königstochter. Weg!“

Jet­zt kam der­jenige der Brüder, der das Lexikon auswendig wußte, aber bei dem lan­gen Ste­hen in Reih und Glied hat­te er es völ­lig vergessen.
Dazu knar­rte der Fuß­bo­den und die Decke war von Spiegel­glas, so daß er sich selb­st auf dem Kopfe sah, und nun standen sog­ar an jedem Fen­ster drei Schreiber und ein Stadtäl­tester, die Alles, was gesprochen wurde, auf­schrieben, damit es sofort in die Zeitung komme. Es war entset­zlich, es war furcht­bar! Und zum Über­fluß war im Ofen einge­feuert, daß er glühte.

Hier herrscht eine drück­ende Hitze!“ begann der Freier das Gespräch.

Das kommt daher, weil mein Vater heute junge Hähne bratet!“ sagte die
Königstochter.

Da stand er; nicht ein Wort wußte er zu erwiedern. – Bäh! –

Taugt nichts!“ sagte die Königstochter. Weg!“ und so mußte er sein­er
Wege ziehen. Nun kam der zweite Bruder.

Hier ist eine entset­zliche Hitze!“ sagte er.

Ja, wir brat­en heute junge Hähne!“ ver­set­zte die Königstochter.

Wie belie – – “ fragte er, und alle Schreiber schrieben: Wie belie –
– ?“

Taugt nichts!“ sagte die Königstochter. Weg!“

Nun kam Tölpel­hans, er ritt auf seinem Ziegen­bocke ger­ade in das Zim­mer hinein. Das ist denn doch eine glühende Hitze!“ sagte er.

Das rührt davon her, daß ich junge Hähne brate!“ ent­geg­nete die
Königstochter.

Das wäre ja her­rlich!“ sagte Tölpel­hans, dann kann ich wohl auch eine
Krähe gebrat­en bekommen?“

Den Gefall­en will ich Ihnen gern erweisen!“ erwiederte die
Königstochter, aber haben Sie auch etwas, worin sie gebrat­en wer­den kann, denn ich habe hier wed­er Topf noch Pfanne!“

Hier ist ein vortr­e­f­flich­es Kochgeschirr,“ rief Tölpel­hans fröh­lich, zog den alten Holzschuh her­vor und legte die Krähe hinein.

Aber wo bekom­men wir die Sauce her?“ meinte die Königstochter.

Die habe ich in der Tasche!“ sagte Tölpel­hans und darauf schüt­tete er etwas Schlamm aus der Tasche.

Du gefällst mir,“ sagte die Königstochter, du kannst doch antworten und du kannst reden, und dich will ich zu meinem Gemahle erheben! Aber weißt du wohl, daß jedes Wort, das wir sagen und gesagt haben, aufgeschrieben wird und mor­gen in die Zeitung kommt? An jedem Fen­ster siehst du drei Schreiber und einen Stadtäl­testen stehen.“

Das sind wohl die Herrschaften da!“ ver­set­zte Tölpel­hans. Dann muß ich dem Stadtäl­testen schon mein Bestes schenken!“ Zugle­ich wandte er seine
Taschen um und warf ihm den ganzen Schlamm ger­ade ins Gesicht.

Da hast du dir gut zu helfen gewußt!“ sagte die Königstochter. Das hätte ich nicht zu thun ver­mocht! Aber ich werde es wohl noch lernen!“

Und so wurde Tölpel­hans denn König, bekam eine Frau und eine Kro­ne und saß auf einem Throne, und das alles haben wir der Zeitung des
Stadtäl­testen ent­nom­men – auf die freilich auch kein rechter Ver­laß ist.