Star und Badewännlein

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Vor einem Wirtshaus im Walde hielt ein junger stat­tlich­er Reit­ers­mann, da trat eine feine Maid aus der Türe, grüßte ihn züchtig und fragte, was er begehre. Da heis­chte er einen Bech­er kühlen Weins, den brachte ihm die Jungfrau. Der Reit­ers­mann trank aber nicht eher, bis die Maid mit ihren roten Lip­pen von dem Weine genippt und den Trunk ihm kre­den­zt hat­te. Während er nun trank, trat die Wirtin aus der Türe, ein häßlich­es Weib von brauner Gesichts­farbe und widrigem Anse­hen. Die fragte der Reit­ers­mann: »Hol­la, Frau Wirtin! Ihr habt für­wahr ein feines Töchter­lein! Nicht also?«

»Nein, Herr!« antwortete die Wirtin, »diese Dirne da ist nicht meine Tochter, sie ist nur meine angenommene Magd, hat nicht Eltern und Heimat mehr. Habe sie angenom­men aus Barmherzigkeit.«

Der Reit­ers­mann fühlte Liebe zu der schö­nen Maid, stieg ab vom Roß, begehrte ein Nachtquarti­er und daß ihm die Magd ein Fußbad rüste, weil er gern mit ihr reden wollte. Die Wirtin gebot der Magd, in den Garten zu gehen und Ros­marin, Thymi­an und Majo­ran für das Bad zu pflück­en. Dies tat sie gern und freudig, ging und brach die Kräuter, da flog ein Star auf ein Sträuchelein neben ihr und sang und sprach: »0 weh, du Braut! Du sollst dem Junker die Füße zwa­gen in dem Badewän­nelein, darin du hier­her getra­gen wor­den! Dein Vater ist vor Herzeleid gestor­ben, und deine Mut­ter hat sich schi­er um dich zu Tode gegrämt.

O weh, du Braut, du Find­elkind!
Weißt nicht, wer dein Vater und Mut­ter sind!«
Da erschrak die fromme Maid und grämte sich, rüstete das Bad unter Trä­nen in dem kleinen Wän­nelein und trug’s hin­auf in die Stube, wo der junge Rit­ter ihrer har­rte. Als der sie weinen sah, fragte er: »Warum weinest du, Schön­ste? Willst du nicht lieber mit mir fröh­lich sein?«

»Wie kann ich mit Euch fröh­lich sein?« fragte sie weinend zurück. »Ich weine über das, was mir der Star sang, da ich drun­ten im Garten die Kräuter pflück­te in Euer Bad. Der Star, der sang: »O weh, du Braut! Du sollst dem Junker die Füße zwa­gen in dem Badewän­nelein, darin du her­ge­tra­gen bist. Dein Vater ist vor Herzeleid gestor­ben, und deine Mut­ter hat sich schi­er um dich zu Tode gegrämt!

O weh, du Braut, du Find­elkind!
Weißt nicht, wer dein Vater und Mut­ter sind!«
Da betra­chtete der Herr das Badewän­nelein und sah daran das Wap­pen des Königs am Rhein, ver­wun­derte sich über alle Maßen und rief: »Das ist meines Vaters Wap­pen­schild! Wie kommt dies Wän­nelein in dies schlechte Wirtshaus?«

Da schlug ein Vogel draußen ans Fen­ster, das war wieder der Star, der sang: »In dem Badewän­nelein ist sie hergetragen!

O weh, du Braut, du Find­elkind!
Weißt nicht, wer dein Vater und Mut­ter sind!«
Jet­zt sah der junge Herr am Hals der Maid ein Mut­ter­mal und rief freudig aus; »Grüß dich Gott, du Schön­ste! Du bist meine liebe Schwest­er! Dein Vater war der König am Rhein! Chris­tine heißt deine Mut­ter! Kon­rad heiße ich, dein Zwill­ings­brud­er bin ich. Darum emp­fand mein Herz nach dir, gle­ich als ich dich zum ersten sah, solch ein heftiges Verlangen!«

Da fie­len sie einan­der um den Hals und wein­ten bei­de, kni­eten nieder und dank­ten Gott und sprachen liebre­ich miteinan­der die ganze Nacht. Wie nun der Mor­gen graute, rief die Wirtin vor der Tür mit lauter Stimme und voll Hohn: »Steh auf, steh auf, du junge Braut, und kehre dein­er Frauen die Stube aus!«

Da antwortete aber die Stimme Her­rn Kon­rads: »Wed­er ist sie eine junge Braut, noch kehrt sie der Wirtin die Stube aus! Bringet uns nur selb­st den Mor­gen­wein!« Als die Wirtin mit dem Mor­gen­wein hereinge­treten war, fragte sie Herr Kon­rad: »Von wem und von wan­nen habt Ihr diese edle Jungfrau? Sie ist eines Königs Tochter und meine Schwester!«

Die Wirtin ward weiß wie eine Wand und fiel zit­ternd auf ihre Knie, brachte aber kein Wort her­vor, des es auch nicht bedurfte, denn der Star war schon wieder am Fen­ster und ver­ri­et der Wirtin böse Tat, indem er sang: »In einem Lust­garten im grü­nen Gras saß ein zartes Kind in einem Badewän­nelein, und wie die Wär­terin nur einen Augen­blick zur Seite gegan­gen war, da kam die böse Zige­uner­in und trug das Kind samt dem Wän­nelein von dannen!«

Darüber wurde Herr Kon­rad so entrüstet, daß er das Schw­ert zück­te und es der Wirtin durch die Ohren spießte, zu einem hinein, zum andern her­aus. Dann küßte er züchtig seine aller­schön­ste Schwest­er, nahm das Badewän­nelein, führte sie an ihrer schneeweißen Hand aus dem Hause, hob sie auf den Sat­tel, und sie mußte das Badewän­nelein vor sich auf dem Schoß tra­gen. Auf ihre Schul­ter set­zte sich der Star. So rit­ten sie vor das Königss­chloß am Rhein, darin die Mut­ter, die Köni­gin, herrschte, und als sie in das Tor ein­rit­ten, kam ihnen die Mut­ter ger­ade ent­ge­gen gegan­gen. Die fragte ver­wun­dert: »Ach, mein lieb­ster Sohn! Was für eine Dirne bringst du da here­in! Sie führt ja ein Badewän­nelein mit sich, als ob sie mit einem Kinde ginge!«

»Oh, meine lieb­ste Mut­ter!« antwortete der junge Königssohn, »sie ist drum keine Dirne, son­dern ist eure Tochter Ger­traud, die in diesem Wän­nelein Euch ger­aubt wurde!« Und da stieg die Prinzessin aus dem Sat­tel, die Köni­gin aber fiel vor Freuden in eine Ohn­macht, aus der sie in den Armen ihrer Kinder wieder erwachte.

Der Star sang: »Heut sind es ger­ade achtzehn Jahre, seit die Königstochter ger­aubt und in dem Wän­nelein über den Rhein getra­gen wor­den ist!« Das sang der Star, und auch noch dies:

»Der Zige­uner­in tun die Ohren so weh,
Sie wird keine Kinder stehlen mehr!«
Die Prinzessin aber ließ einen Gold­schmied rufen, der mußte ein goldnes Git­ter­lein vor das Badewän­nelein schmieden, da hinein tat sie den Star und pflegte sein, bis an sein Ende.