Sonnenkringel

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Es war ein Mann auf der Wan­der­schaft, der war aller Zehrung bar und allen Zehrgeldes und wußte nicht, wovon er in der näch­sten Her­berge die Zeche zahlen sollte. Und da kamen ihm böse Gedanken in den Sinn – wenn ein­er käme, der am Gelde etwas zu schw­er trüge, so wollte er ihm wohl seine Last erle­ichtern. Und wo der Wald recht tief war, sah dieser Wan­der­er einen anderen Wan­der­er vor sich her gehen, beeilte seine Schritte und holte jenen bald ein – und sah, daß der, den er ein­holte, ein Jude war. Da dachte er gle­ich: Juden haben immer Geld – und schrie ihn an: »Jud! Gib mir auf der Stelle dein Geld, oder du mußt sterben.«

»Soll mir Gott helfen!« sprach der Jude, »hab ich doch nicht mehr Geld als acht arm­selige Heller! Was tut Ihr damit? Wollt Ihr vor Gott die große Sünde bege­hen und einen Men­schen totschla­gen um acht Heller?«

»Jud, du lügst! Ohne Geld reist kein Mauschel. Her­aus mit dem Gelde – oder – !«

»Wehe mir! Wehe geschrien!« rief voll Angst der Jude. »Habe ich doch nicht mehr, als ich Euch sage!« Aber jen­er hörte schon nicht mehr in sein­er tollen Raub­sucht und schlug den armen Juden nieder, und dieser rief im Sinken: »Wehe geschrien über dich, du Mörder! Die klare Sonne soll an den Tag brin­gen deine Mis­se­tat, das allse­hende Auge des Firmamentes !«

Mit diesen Worten ver­schied der Jude, und nun suchte sein Mörder ihm alle Taschen aus, er fand aber nur ein kleines schlaffes Leder­beutelchen und darin in der Tat nicht mehr und nicht min­der als acht rote Heller. Da war es ihm doch leid, daß er den schnö­den Mord verübt – und als er in die Sonne sah, erschrak er, denn sie stand ganz blutrot – und er ran­nte eilend von dan­nen – im Walde aber sam­melten sich die Rotkehlchen und tru­gen Blu­men her­bei und legten sie san­ft auf das Angesicht des Erschla­ge­nen, damit das Schreck­nis der Men­schheit nicht des Waldes heili­gen Frieden störe. Der Mörder aber wan­derte, so weit er nur ver­mochte, von jen­er Stelle fort und kon­nte nicht mehr in die Sonne sehen. Am andern Mor­gen war es ihm wie ein bös­er, bös­er Traum – aber der Traum ver­fol­gte ihn lange, und die Sonne erin­nerte ihn fort und fort an den Todesruf des erschla­ge­nen Juden. Endlich ward er ruhiger in seinem Gemüte, arbeit­ete fleißig und gewann, da er son­st ein lei­dlich­er Geselle war und sich sehr still und zurück­hal­tend hielt, die Nei­gung ein­er Meis­ter­stochter, mit der er eine Zeit­lang in glück­lich­er Ehe lebte. Nicht häu­fig dachte er mehr an seine Untat, nur vor der Sonne hat­te er eine gewisse Scheu, doch fragte er sich endlich selb­st: »Wie soll sie’s denn anfan­gen, die liebe Sonne, es an den Tag zu brin­gen? Der Jude ist längst vergessen, ich bin viele Meilen fern von jen­em Lande – reden kann die Sonne nicht, schreiben kann sie auch nicht. Ich habe mich für nichts so lange vor ihr gefürchtet und geängstigt.«

Eines Mor­gens brachte die Frau ihrem Manne seine Tasse Kaf­fee; er goß einen Teil des­sel­ben aus der Ober­tasse in die Unter­tasse, und zufäl­lig schien die Sonne hell hinein, da bilde­ten sich von der bewegten Flüs­sigkeit an der Stuben­decke bewegte, zit­ternde Lichtkringel infolge der Abspiegelung, und des Mannes Blicke fie­len zur Decke empor. Er glaubte, er sei allein, und sprach vor sich hin: »Meinst du Sonne, du könnest es an den Tag brin­gen, weil du dort hin­auf die zit­tern­den Kringel zeichnest?«

»Was soll die Sonne an den Tag brin­gen wollen, Mann?« fragte laut die Frau – und der Mann erschrak heftig. Leb­haft drang sie in ihn, es ihr zu sagen, als er stock­te und nichts beken­nen wollte. Aber die Frau ruhte nicht eher, bis er, nach­dem sie das tief­ste Schweigen ihm angelobt, ihr erzählte, daß er einst einen Juden im Walde erschla­gen habe, der habe im Ster­ben gerufen: »Die klare Sonne soll an den Tag brin­gen deine Mis­se­tat, das allse­hende Auge des Fir­ma­mentes!« und nun habe die Sonne doch nichts an den Tag gebracht; sie könne nichts als leucht­en und wär­men und Kringel an der Wand oder an der Decke machen.

Die Frau hörte das, schaud­erte und schwieg; aber das unselige Geheim­nis drück­te ihr fast das Herz ab, beun­ruhigte sie Tag und Nacht, und stets aufs neue erin­nerte sie die Sonne daran. Sie kon­nte es nim­mer­mehr auf dem Herzen behal­ten, sie erzählte es unter dem heilig­sten Siegel der Ver­schwiegen­heit ihrer lieb­sten Fre­undin – diese trug es weit­er, bald ver­nah­men es die Richter. Da wurde der Mörder festgenom­men und ges­tand als­bald alles; er war recht froh, als es her­aus war, und empf­ing, nach­dem er zum Schw­ert verurteilt war, mit Fas­sung den Todesstre­ich. In der­sel­ben Stunde aber lief seine schwatzhafte Frau auf den Boden und knüpfte sich an einem Balken auf.