Siebenschön

von Ludwig Bechstein

~6 Min

Es waren ein­mal ein paar arme Leute in einem Dorfe. Die hat­ten ein kleines Häuschen und nur eine einzige Tochter. Diese war wun­der­schön und gut über alle Maßen. Sie arbeit­ete, fegte, wusch und nähte für sieben und war so schön wie sieben zusam­men. Darum ward sie Sieben­schön genan­nt. Aber sie schämte sich gar sehr, weil die Leute sie immerzu wegen ihrer Schön­heit anstaunten. Und son­ntags tat sie einen Schleier vor ihr Gesicht, wenn sie in die Kirche ging. Denn Sieben­schön war auch fromm wie sieben andre.

So sah sie einst der Königssohn und hat­te seine Freude an der edlen Gestalt. Aber es tat ihm Leid, dass sie ihr Gesicht hin­ter dem Schleier ver­barg. Da fragte der Prinz einen sein­er Diener: Wie kommt es, dass wir ihr Gesicht nicht sehen dür­fen?” Das kommt daher”, antwortete der Diener, weil Sieben­schön so beschei­den ist.” Darauf sagte der Königssohn: Ist Sieben­schön so beschei­den mit ihrer Schön­heit, so will ich sie lieben mein Leben lang und sie heirat­en. Gehe hin und bringe ihr diesen gold­nen Ring von mir. Sage ihr, ich muss mit ihr reden. Sie möge am Abend zur großen Eiche kommen.”

Der Diener tat, wie ihm befohlen war. Sieben­schön aber glaubte, der Königssohn wolle ein Stück Arbeit bei ihr bestellen. Also ging sie des Abends zur großen Eiche. Da sagte ihr der Prinz, dass er sie liebe wegen ihrer großen Beschei­den­heit und Tugend. Und darum wolle er sie zur Frau nehmen. Sieben­schön aber sagte: Ich bin ein armes Mäd­chen, und du bist ein reich­er Prinz. Dein Vater würde sehr böse wer­den, wenn du mich zur Frau nehmen woll­test.” Der Prinz ließ aber nicht ab in seinem Begehren. Da sagte Sieben­schön endlich, sie wolle es sich ein paar Tage bedenken.

Der Königssohn kon­nte aber unmöglich solange warten. Schon am fol­gen­den Tage schick­te er Sieben­schön sil­berne Schuhe und ließ sie bit­ten, noch ein­mal unter die große Eiche zu kom­men. Da sie nun kam, fragte er, ob sie sich beson­nen habe. Sie aber sagte, sie habe noch keine Zeit gefun­den, es gut zu bedenken. Sie hätte im Haushalt gar viel zu tun, und sie sei ja doch nur ein armes Mäd­chen. Aber der Prinz bat erneut und immer mehr, bis Sieben­schön ver­sprach, es den Eltern zu sagen, was der Prinz ihr ange­tra­gen habe.

Kaum war der näch­ste Tag ange­brochen, da schick­te der Königssohn Sieben­schön ein prächtiges Kleid. Es war ganz aus Gold­stoff gemacht, und der Prinz ließ sie zur Eiche bit­ten. Als Sieben­schön nun zu der Eiche kam und der Prinz sie hoff­nungsvoll fragte, da sagte sie wieder nur, sie müsse es noch gut bedenken. Auch habe sie mit ihren Eltern nicht reden kön­nen. Und sie sprach noch ein­mal davon, dass sie arm sei, er aber reich, und dass er seinen Vater nur erzür­nen werde. Der Prinz aber ent­geg­nete voll Zuver­sicht, sie solle nur seine Frau wer­den, so werde sie später auch Köni­gin. Da erkan­nte Sieben­schön, wie aufrichtig es der Prinz mit ihr meinte. Endlich sagte sie ja und kam nun jeden Abend zu der Eiche, den Königssohn zu tre­f­fen. Auch sollte der König noch nichts davon erfahren.

Am Hofe gab es aber eine alte hässliche Hofmeis­terin. Die lauerte dem Königssohn auf, kam hin­ter sein Geheim­nis und ver­ri­et es heim­lich an den König. Der König ergrimmte, sandte Diener aus und ließ das Eltern­haus von Sieben­schön in Flam­men leg­en, auf dass sie mit ver­brenne. Als Sieben­schön das Feuer bemerk­te, sprang sie aus dem Fen­ster her­aus und als­bald in einen leeren Brun­nen. Ihre Eltern aber, die armen Leute, ver­bran­nten im Häuschen gar jämmerlich.

Da saß nun Sieben­schön drun­ten im Brun­nen und weinte sehr, kon­nte sie es doch nicht ewig hier aushal­ten. Als sich der Tag dann zum Abend neigte, klet­terte sie hin­auf und fand im Schutt des Häuschens noch etwas Brauch­bares. Das machte sie zu Geld und kaufte sich Burschen­klei­der. So ging sie als frisch­er Bub an des Königs Hof und bot sich zu Dien­sten an. Der König fragte am näch­sten Tag den jun­gen Diener nach seinem Namen. Da erhielt er die Antwort: Unglück!” Doch der junge Diener stand in der Gun­st des Königs, sodass er ihm bald der Lieb­ste unter allen Dienern war.

Als der Königssohn erfuhr, dass das Eltern­haus von Sieben­schön ver­bran­nt war, wurde er sehr trau­rig. Er glaubte, Sieben­schön sei mit ver­bran­nt. Das glaubte auch der König und ver­langte nun von seinem Sohn, dass er endlich eine Prinzessin heirate. Der Prinz musste als­bald um die Hand ein­er benach­barten Königstochter anhal­ten. Da zog der ganze Hof und die ganze Diener­schaft mit zur Hochzeit aus. Das war für Unglück eine schw­er­er Tag, der wie ein Stein auf ihrem Herzen lag. Als Let­zte ritt sie dem Zuge nach und sang trau­rig mit heller Stimme:

Sieben­schön war ich genan­nt,
Unglück ist mir jet­zt bekannt.”

Das hörte der Prinz von weit­em. Schnell hielt er an und fragte: Ei, wer singt denn da so fein?” Es wird wohl mein Bedi­en­ter, der Unglück, sein”, antwortete der König. Da hörten sie noch ein­mal den Gesang:

Sieben­schön war ich genan­nt,
Unglück ist mir jet­zt bekannt.”

Und wieder fragte der Prinz, ob es denn wirk­lich nie­mand anderes sei als des Königs Diener. Der König aber sagte, er wisse es nicht anders. Als nun der Zug ganz nahe an das Schloss der neuen Braut kam, erk­lang noch ein­mal die schöne klare Stimme:

Sieben­schön war ich genan­nt,
Unglück ist mir jet­zt bekannt.”

Jet­zt wartete der Prinz keinen Augen­blick länger. Er spornte sein Pferd an und ritt im gestreck­ten Galopp am Zuge ent­lang. Hin­ten am Ende sah er dann den trau­ri­gen Diener Unglück und erkan­nte sogle­ich, dass es Sieben­schön war. Der Prinz nick­te ihr fre­undlich zu und jagte wieder an die Spitze des Zuges zurück. So zogen sie auch zum Schloss hinein.

Da nun alle Gäste und alles Gefolge im großen Saal ver­sam­melt waren, sagte der Prinz zu seinem kün­fti­gen Schwiegervater: Herr König, ehe ich mich mit eur­er Prinzessin Tochter feier­lich ver­lobe, müsst ihr mir erst noch eine Frage beant­worten. Ich besitze einen schö­nen Schrank. Vor einiger Zeit ver­lor ich aber den Schlüs­sel und kaufte mir einen neuen Schrank. Bald darauf fand ich den alten Schlüs­sel wieder. Jet­zt sagt mir Herr König, welchen Schlüs­sel soll ich bedi­enen?” Ei, natür­lich den alten wieder!”, antwortete der König. Das Alte soll man in Ehren hal­ten und es über Neuem nicht vergessen.”

Ganz wohl, Herr König”, antwortete der Prinz, so zürnt mir nicht, wenn ich eure Tochter nicht zur Gemahlin nehmen kann. Sie ist der neue Schlüs­sel und dort ste­ht der alte.” Der Prinz nahm Sieben­schön an die Hand, führte sie zu seinem Vater und sagte: Siehe Vater, das ist meine Braut.”

Da schnaubte der alte König ganz entset­zt: Ach lieber Sohn, das ist doch Unglück, und mein Diener!” Und viele Hofleute riefen: Herr Gott, was für ein Unglück!” Nein”, sagte der Königssohn, hier ist gar kein Unglück, hier ist Sieben­schön, meine liebe Braut.” So ver­ließ der Prinz die Ver­samm­lung und führte Sieben­schön als Her­rin und Frau auf sein schön­stes Schloss.