Sepp auf der Freite

von Richard von Volkmann-Leander

~5 Min

Es ist heute Kirch­weih“, sagte die alte Bauer­frau, die seit fünf Jahren gicht­brüchig im Bette lag, indem sie sich müh­sam aufrichtete und mit ihren zit­tern­den Hän­den ein großes Tuch um den Kopf band, welch­es sie so oft wieder abnahm und umband, bis vorn mit­ten auf der Stirn eine große Schleife stand, wie vier Wind­müh­len­flügel; es ist heute Kirch­weih, Sepp, und du wirst heute abend wieder allein zu Tanze gehen, wie voriges Jahr und wie vor­voriges und wie immer. Hast du mir nicht bes­timmt ver­sprochen, dir in diesem Jahre eine Frau zu nehmen? Aber es wird wohl nichts wer­den, solange ich lebe, und nach­her auch nichts. Wenn das dein Vater hätte erleben müssen! Willst du ein alter Hagestolz wer­den? Weißt du nicht, was die Mäd­chen singen?: 

Klip­per, klap­per Hagestolz,
Geh in‘n Wald und such dir Holz,
Dür­res Holz im grü­nen Wald,
Denn es wird im Win­ter kalt
Jet­zt ist‘s noch gelin­der.
Ob‘s auch bren­nt und ob‘s nicht rußt,
Daß du nicht so frieren mußt
Frag die Bettelkinder!“

Da antwortete der Sohn klein­laut, daß die Mäd­chen im Dorf ihm alle gle­ich gut gefie­len und daß er nicht wisse, welch­es er erwählen solle. So geh ins Dorf“, sagte die Mut­ter, und achte genau darauf, was die Mäd­chen, von denen du glaub­st, daß sie für dich passen, machen, und dann komm zurück und sag mir‘s.“ Und der Sepp ging. Nun“, rief die Mut­ter, als er wieder zurück­kehrte, wie war‘s? Wo bist du gewe­sen?“ Zuerst bei der Ursel; kam eben aus der Kirche; hat­te ein schönes Kleid an und neue Ohrringe.“ Da seufzte die Mut­ter und sagte: Geht sie oft in die Kirche, wird sie den lieben Gott bald vergessen ler­nen. Der Müller hört die Müh­le auch nicht klap­pern. Nichts für dich, mein Jung‘. Wohin bist du nach­her gegan­gen?“ Zur Käth‘, Mut­ter.“ Was tat sie?“ Stand in der Küche und rück­te an allen Töpfen und Tellern.“ Wie sahen die Töpfe aus?“ Schwarz.“ Und die Fin­ger?“ Weiß.“ Schlick­er, Schleck­er“, sagte darauf die Mutter: 

Schlick­er, Schleck­er!
Naschig und leck­er!
Backt sich Kuchen und süßen Brei,
Vergißt die Kinder und s Vieh dabei.

Laß sie laufen, Sepp!“ Darauf bin ich zur Bär­bel gegan­gen. Saß im Garten und machte drei Kränze. Einen von Veilchen, einen von Rosen, einen von Nelken. Fragte mich, welchen sie heute zur Kirch­weih auf­set­zen sollte.“ Da schwieg die Mut­ter eine Weile und sagte dann: 

Ein sil­bernes Her­rchen
Und ein gold­enes När­rchen,
Gibt né kupferne Eh‘
Und viel eis­ernes Weh!
Weit­er, mein Jung‘!“ 

Zu viert bin ich zur Gret‘ gekom­men. Stand vor der Haustüre an der Straße und gab den armen Leuten But­ter­brote.“ Da schüt­telte die Mut­ter den Kopf und sagte: Tut sie heut etwas, was alle Leute sehen sollen, tut sie ein anderes Mal wohl etwas, was kein­er sehen soll. Ste­ht sie am Tage vor der Haustür, hat sie wohl am Abend auch schon dahin­ter ges­tanden. Wenn der Herr mit­tags aufs Feld kommt, während die Leute essen, sprin­gen nur die faulen Knechte auf, um zu mähen; die fleißi­gen bleiben sitzen. Bleib lieber ledig, Sepp, eh‘ du die nimmst! – Bist du nicht weit­er gekom­men?“ Zulet­zt bin ich noch zur Anne gegan­gen.“ Was tat sie?“ Gar nichts, Mut­ter!“ Sie wird doch irgend etwas getan haben?“ fragte die alte Bauer­frau noch ein­mal. Nichts ist sehr wenig, Sepp!“ Behüt Gott“, antwortete der Sohn, sie machte gar nichts; kön­nt Euch drauf ver­lassen!“ Dann nimm die Anne, mein Jung‘! Das gibt die besten Weiber, die gar nichts tun, was die Burschen erzählen kön­nen!“ Und der Sepp nahm die Anne und wurde über­glück­lich und sagte später noch oft zu sein­er Mut­ter: Mut­ter, Ihr hat­tet recht mit Euerem Rat: 

Die Ursel und Käth‘,
Die Bär­bel und Gret‘,
Die wiegen zusamm‘
Nicht halb meine Ann‘!

Jet­zt kön­nt‘ ich Euch schon viel von ihr erzählen – aber ich tu‘s nicht.“