Seelenlos

von Ludwig Bechstein

~12 Min

Es war ein­mal ein Men­schen­fress­er, der ver­speiste nichts lieber als junge Mäd­chen, und er war so gewaltig und gefürchtet im Lande, daß nie­mand es wagte, ihn zu bekämpfen und ihm diesen Appetit zu vertreiben, vielmehr mußte ihm, sobald er ein Mägdelein ver­speist hat­te, ein anderes geliefert wer­den, und um bei der Wahl unpartei­isch zu ver­fahren, mußten alle Mäd­chen des Lan­des bis zu einem gewis­sen Alter (nicht über achtzehn Jahre) das Los ziehen, ohne Unter­schied des Ranges und Standes ihrer Eltern; denn See­len­los, so war der Name jenes mäd­chen­fressenden Unge­heuers, sagte stets, er liebe nächst dem Mäd­chen­fleis­che vor allem die Gleichberechtigung.

Nun gescha­he es, daß eines Tages aber­mals das Los gezo­gen wurde, welch­es jedes­mal für die arme Jungfrau, die es traf, ein trau­riges nicht nur hieß, son­dern auch war, und daß sotanes Los die Tochter des Königes traf. Zwar suchte der König durch Aner­bi­eten viel­er Schätze das Los, welch­es ihr dro­hete, von sein­er Tochter abzuwen­den, aber See­len­los sprach:

»Nein! Was einem recht ist, ist dem andern bil­lig. Mir ist es recht, daß das Los die Königstochter getrof­fen hat, denn ich habe noch keine Prinzessin gegessen, halte aber dafür, daß ihr Fleisch zart und gut sein müsse, und deshalb muß es der König bil­lig find­en, daß ich sein­er Schätze ihn nicht berauben, son­dern mich ehrlich und redlich nach meinem Grund­satze der Gle­ich­berech­ti­gung mit Fleis­che von seinem Fleis­che beg­nü­gen will.«

Da indessen nicht als­bald gle­ich nach gezo­gen­em Lose die Königstochter aus­geliefert zu wer­den brauchte, so ließ der König bekan­nt­machen, daß, wer seine Tochter von dem schreck­lichen ihr dro­hen­den Lose erlöse, diese zur Gemahlin und sein halbes Reich als Mit­gift erhal­ten sollte. Allein es meldete sich nie­mand, denn mit Leuten, welche See­len­los heißen oder sind, ist schlecht umzuge­hen, und nie­mand mag sich mit ihnen befassen, soll­ten sie auch nicht just auss­chließlich Men­schen­fress­er sein.

Da hörte ein junger Sol­dat von des Königs Aufruf und dachte in seinem Sinn: Hm. Mir ist in meinem Dien­ste schon so viel See­len­los­es vorgekom­men, und mir ist dafür so viele Herzhaftigkeit eingeko­r­po­ralt wor­den, daß ich’s wohl mit Her­rn von See­len­los aufzunehmen mir getraue. Er ging also zum Könige und bat sich die Gnade aus, sein Leben gegen See­len­los für ihn und die Prinzessin in die Schanze schla­gen zu dür­fen. Darauf gab ihm der König ein schönes Handgeld und schenk­te ihm zu dem ein schar­fes Vor­legemess­er, um, wo möglich, den Mann der Gle­ich­berech­ti­gung damit in Stücke zu zerschneiden.

Der mutige Sol­dat machte sich auf den Weg und kam über einen Anger, auf sel­bigem lag ein tot­er Esel und streck­te alle vier Beine von sich, und um den Esel herum saßen ein Löwe, ein Bär und ein Adler, auf der Nase aber saß eine große blaue Schmeißfliege; jedes wollte seinen Teil vom Esel haben, und alle vier kon­nten, wie das so häu­fig bei Teilun­gen der Fall ist, über die Teilung sich nicht eini­gen und riefen den Sol­dat­en an, als Unpartei­is­ch­er das Teilungs­geschäft in der Voraus­set­zung vorzunehmen, daß er nicht etwa selb­st am Esel sich beteili­gen wolle, denn für diesen Fall wür­den sie alle vier über ihn herfallen.

»Nein!« sagte der Sol­dat, »ich will nichts mit lebendi­gen Eseln zu schaf­fen haben, geschweige denn mit toten! Aber teilen will ich nach Recht und Überzeu­gung und nach dem schö­nen Spruche: Jedem das Seine!« Zog sein Vor­legemess­er, strich es hüb­sch auf seinem Säbel­riemen ab, wie ein Bar­bi­er mit seinem Scher­mess­er auf dem Stre­ichriemen tut, und fing an, den Esel nach Herzenslust zu zerlegen.

»Dir, dem Löwen«, sprach der ein­sichtsvolle Sol­dat, »gebührt vor allem der Löwen­teil, der Esel­skopf, mit dem schö­nen Gehirn, weil du selb­st der Tiere Haupt und König bist, dann die bre­ite, kräftige Esels­brust, die stets so siegesstolz und freudig wei­thin jauchzet und mit ihrem Ruhme die Welt erfüllt, neb­st einem Rück­en­stück und zwei Schinken.

Dir, dem beherzten heißbluti­gen Adler, dem Könige der Vögel, gebührt des Esels Herz samt allem edlen Eingewei­de, abson­der­lich der starken Lunge, sowie Leber und Nieren und ein Schinken, vom Fleis­che eben­falls ein Rück­en­stück und ein Lendenbraten.

Dir, Meis­ter Petz, küh­n­er Nord­land­srecke, großer Brum­mer und in nördlichen Gegen­den auch ein König der Tiere, gebührt das dritte Rück­en­stück, der zweite Lenden­brat­en und der vierte Schinken, und was du son­st magst.

Und dir endlich, blau ange­laufene Schmeiße, klein­er Brum­mer, gebührt des Esels Schwanz, die Beine und alles, was die drei andern nicht mögen und etwa übri­glassen zu wollen in Gnaden geruhen dürften. Du wirst dich damit um so freudi­ger beschei­den, da du ja viel zu delikat bist, als schnödes Esels­fleisch zu essen, vielmehr dich vom Tau und Dufte der Blu­men sät­tigest und nur für deine Eier und kün­ftige Lar­ven­brut ein wenig faulen Fleis­ches bedarfst.«

Die vier Tiere waren mit dieser Teilung außeror­dentlich zufrieden und zoll­ten dem klu­gen Sol­dat­en den Trib­ut ihres Dankes. Die Brumm­fliege set­zte sich ihm auf die Hand, küßte diese mit dem Rüs­sel und mit dem After zugle­ich und sprach: »So oft du diese Stelle mit deinem Fin­ger berührst, kannst du deine unförm­liche und ungeschlachte Men­schengestalt in eine eben­so schöne, zarte und bewun­derungswürdi­ge, auch mit reizen­dem Musik­tal­ent begabte Brumm-Fliege ver­wan­deln, wie ich eine bin.«

Der Adler zog sich mit seinem Schn­abel eine Schwungfed­er aus dem recht­en Flügel, reichte sie dem Sol­dat­en dar und sagte: »Mit­tels dieser Fed­er kannst du dich, so oft du sie drehst, in einen Adler ver­wan­deln und als solch­er große Dinge tun; auch kannst du sie schnei­den, und was du mit ihr unter­schreib­st und ver­brief­st oder ver­briefen läßt, das hält und dauert drei Tage länger als die aschgraue Ewigkeit.«

»Bieder­er Men­sch«, sprach der Löwe, »ich muß dir eine Pfote geben, das wird dich stärken und großmächtig machen in der Welt!«

Und der Bär sprach: »Edel­ster der Edlen! Komm an mein Herz, ich muß dich umar­men und dir einen Kuß geben!«

Aber der Sol­dat ent­geg­nete: »Ich dank euch zwei bei­den schön­stens! Ihr seid gar zu gütig! Ich habe schon genug!« Denn er fürchtete die schar­fen Klauen­nägel der Löwen­tatze wie des Bären Umar­mung und die Nähe von dessen Zäh­nen an sein­er Nase. Er drehte daher sehr schnell die Fed­er und wurde zum Adler, als welch­er er sich rasch in die Lüfte erhob, von wo aus er nach dem Hause des Her­rn See­len­los umher­spähete und das­selbe mit seinem Adlerblicke auch sehr bald ent­deck­te . Das war schon ein großer Gewinn für den braven Sol­dat­en; doch mußte er nun auch auf Mit­tel sin­nen, wie dem See­len­los beizukom­men sei, welchem mit­tler­weile die Königstochter aus­geliefert wor­den war, doch hielt jen­er dieselbe noch eine Zeit­lang gefangen.

Nun ver­wan­delte sich der Sol­dat erst wieder in einen Men­schen, drück­te mit dem Fin­ger auf das kleine Denkmal der Fliege auf sein­er Hand, ver­wan­delte sich dann in eine solche und schlüpfte durch das Fen­ster des Gemach­es, in welchem die Königstochter gefan­gen saß, ver­wan­delte sich dort in seine men­schliche Gestalt und teilte der Prinzessin die Absicht mit, sie zu erlösen, nur möge sie ihm sagen, auf welche Weise er dies möglich machen könne, indem er es für eine große Kun­st und schwere Auf­gabe halte, jeman­den zu entsee­len, der See­len­los sei und heiße. Jeden­falls müsse Her­rn See­len­los‘ Seele doch irgend­wo sich befind­en, und dieses wo müsse aus­find­ig gemacht werden.

Die Königstochter war sehr erfreut über das Vorhaben des tapfren Sol­dat­en, sie zu befreien, und ver­hieß ihm, Erkundi­gun­gen einzuziehen. Hier­auf nahm der Sol­dat seine Ver­wand­lung vor und ent­fer­nte sich; zu der Königstochter aber kam See­len­los, der Men­schen­fress­er, und brachte ihr tre­f­fliche Speisen und Getränke, damit sie sich gut nähre, bis er die Zeit erse­hen würde, sie zu ver­speisen. Sie fragte ihn gle­ich, wo denn seine Seele sei. Er aber antwortete ihr: »Dir das zu sagen, werde ich wohl bleiben lassen, denn wenn schon ich See­len­los bin, so bin ich doch nicht hirn­los, und es kön­nte mir, wenn nicht an der Seele, so doch am Leibe schaden, wenn ich mein größtes Geheim­nis dir, einem schwatzhaften Weibe, anver­trauen wollte.«

Aber die Königstochter ließ mit Bit­ten nicht nach, bis See­len­los ihr den­noch sein Geheim­nis anver­traute und ihr sagte, seine Seele sei in ein­er kleinen gold­e­nen Truhe ver­schlossen, diese Truhe ste­he auf einem gläser­nen Felsen, und der Felsen ste­he mit­ten im roten Meere. Ein bös­er Zauber­er habe das alles so angerichtet, ihn see­len­los und näch­st­dem mäd­chen­fleis­chfressend gemacht; er könne nichts dafür; wenn er seine Seele wieder­bekomme, so werde er die jun­gen Mäd­chen nicht mehr so freßlieb haben, son­dern sie mit beschei­de­nen Augen ansehen.

Das alles sagte die gefan­gene Königstochter dem Sol­dat­en wieder, als dieser sie aber­mals besuchte, und als­bald ver­wan­delte der­selbe sich in einen Adler und flog nach dem Schlosse der vier Winde. Diese selb­st waren aus­ge­flo­gen, aber ihre Mut­ter war zu Hause, und er bat let­ztere um Her­berge in ihrem lufti­gen Palaste und erzählte ihr seine Geschichte, worauf die Wind­mut­ter gle­ich bere­it war, ihm durch ihre Söhne Bei­s­tand zu leis­ten. Gegen Abend kamen der Süd­wind und der Ost­wind nach Hause; diesen bei­den stellte die Wind­mut­ter den tapfren Krieger vor und beschenk­te let­zteren mit einem Wün­schelflughütchen, das ihm die Kraft ver­lieh, so schnell wie der Wind zu fliegen. Am andern Mor­gen, als die Winde aus­geruht hat­ten, erhoben sie sich aufs neue, und der Sol­dat flog in Adlergestalt mit ihnen und eben­so rasch wie sie und kam an die Küste des roten Meeres; unter­wegs hat­te er den Winden erzählt, was er wün­sche, und die Winde fuhren nicht über das Meer, damit es ruhig bleibe. Dann geboten sie den Fis­chen, das Kästchen zu suchen, in dem sich die Seele des Her­rn See­len­los befand. Das tat­en auch die Fis­che, und sie fan­den wohl den gläser­nen Felsen, darauf die kleine Truhe stand, kon­nten aber nicht hin­auf. Endlich kam eine krumme Gadde oder Weißling, die schnellte sich in die Höhe und ergat­terte das Trüh­lein mit einem Satze, faßte es in ihr Maul und brachte es dem Adler. Dieser schlug mächtig mit seinen Schwin­gen, wack­elte mit dem Schwanze und tanzte vor Freude, worüber die Winde sehr lachen mußten, denn sie hat­ten noch keinen Adler possier­liche Sprünge machen sehen, so viel sie auch schon gese­hen hat­ten. Hier­auf drück­te der Adler erst den Winden, dann dem Weißling seinen verbindlich­sten Dank aus und flog, immer noch das Wün­schelflughütlein auf dem Kopfe, nach der Heimat zurück und ger­adewegs nach dem Schlosse des Her­rn See­len­los, auf welchem er sich wieder in einen Men­schen ver­wan­delte. Er ließ sich sofort anmelden als ein Han­dels­mann aus dem Mor­gen­lande, der ein Klein­od anzu­bi­eten habe. See­len­los war sehr ungnädig über solchen zudringlichen Besuch und ließ den Angemelde­ten nur deshalb ein­treten, um ihn mit Grob­heit­en zu bekösti­gen, die jed­er­mann anzu­tun er sich zu jed­er Zeit berechtigt glaubte, fuhr ihn auch als­bald trutziglich an, denn ein Men­sch ohne Seele kann nicht anders sein als ungeschlif­f­en und patzig.

Der Sol­dat und ver­stellte Han­dels­mann kehrte sich indessen nicht an des Her­rn See­len­los grim­miges Gesicht und an sein Anschnau­zen, son­dern war um so höflich­er, je gröber jen­er war, der sich nicht anders gebärdete, als wolle er ihn eben­falls fressen.

»Ich habe einen Schatz, der für Euer Gnaden von unschätzbarem Werte ist«, sprach der Fremde, »und biete densel­ben Ihnen zum Tausche an.«

»Wird ein rechter Bet­tel sein, sein Schatz!« mur­rte See­len­los. »Was kann so ein Lump mir bieten? Bildet Er sich ein, ich könne Ihn nicht mit barem Gelde bezahlen, daß Er sich erfrecht, vom Tausche zu reden? Was hätte ich, das Ihm anste­ht? Gle­ich will ich’s wissen!«

»Eure Gnaden hal­ten gnädigst zu Gnaden!« antwortete der Fremde. »Hochdiesel­ben hal­ten ein Juwel in Ver­wahrung, das ist die schöne Königstochter, und der Bet­tel, nach Hochdero eigen­er Tax­a­tion, den ich gegen dieses Klein­od anzu­bi­eten mich unter­fan­gen ist Euer Gnaden – gnädi­ge Seele.«

»Meine Seele!« rief See­len­los mit namen­losem Erstaunen. »Meine Seele hast du? Bei mein­er armen, lei­der ver­lore­nen und mir abhan­den gekomme­nen Seele schwöre ich dir, daß du, wenn ich hun­dert Königstöchter gefan­gen hielt, alle hun­dert bekom­men soll­test, wenn ich nur meine Seele wieder hätte.«

»Ich beschei­de mich mit der einen«, erwiderte der Han­dels­mann, »hun­dert dürften mir zu viele wer­den. Aber schließen wir den Ver­trag schriftlich ab!« Mit diesen Worten zog der Sol­dat ein beschriebenes Blatt Papi­er her­vor, darauf schon alles kurz und bündig stand, und reichte See­len­los die Adlerfed­er dar, mit ihr zu unterze­ich­nen, welch­es See­len­los auch tat; dann ließ er auf der Stelle seine schöne Gefan­gene her­beiführen, die eine große Freude hat­te, den Sol­dat­en bei dem Men­schen­fress­er zu find­en, welch­er bere­its den Frem­den sich auf das Kanapee hat­te nieder­set­zen lassen, indem schon die Nähe sein­er Seele begann, ihn men­schlich­er zu stim­men. Die Königstochter aber hat­te geglaubt, sie solle in die Küche geführt und dort abgeschlachtet wer­den, wie eine arme Taube.

Jet­zt nahm der Sol­dat das kleine gold­ene Trühelein aus sein­er Tasche, welch­es mit ein­er Schraube ver­schlossen war, und gab es in See­len­los‘ Hand. Dieser öffnete geschwind die Schraube, hielt die Öff­nung an seinen Mund und sog mit Wohlge­fühl seine Seele in sich ein. Da war mit einem Male der schlimme Zauber gelöst. Die Königstochter war nicht mehr gefan­gen, und See­len­los war nicht mehr see­len­los, son­dern vielmehr ganz selig; er umarmte den Sol­dat­en unter einem Strome von Freuden­trä­nen und hätte gern auch die Königstochter umarmt, aber eine ehrfurchtvolle Scheu hielt ihn davon zurück, der beste Beweis, daß er wieder eine Seele gewon­nen hat­te, doch bat er bei­de um ihre Fre­und­schaft. Hier­auf zog der Sol­dat mit der Königstochter von hin­nen, ward vom Könige, ihrem Vater, in den Prinzen­stand erhoben, heiratete als neuer Prinz die junge Prinzessin, und der gewe­sene See­len­los ver­speiste keine jun­gen Mäd­chen mehr, ward vielmehr der artig­ste Kava­lier von der Welt.