Sechse kommen durch die ganze Welt

von Brüder Grimm

~10 Min

Es war ein­mal ein Mann, der ver­stand aller­lei Kün­ste er diente im Krieg und hielt sich brav und tapfer, aber als der Krieg zu Ende war, bekam er den Abschied und drei Heller Zehrgeld auf den Weg. Wart,“ sprach er, das lasse ich mir nicht gefall­en finde ich die recht­en Leute, so soll mir der König noch die Schätze des ganzen Lan­des her­aus­geben. Da ging er voll Zorn in den Wald und sah einen darin ste­hen, der hat­te sechs Bäume aus­gerupft, als wären’s Korn­halme. Sprach er zu ihm: Willst du mein Diener sein und mit mir ziehen?“ – Ja, antwortete er, aber erst will ich mein­er Mut­ter das Wellchen Holz heim­brin­gen,“ und nahm einen von den Bäu­men und wick­elte ihn um die fünf andern, hob die Welle auf die Schul­ter und trug sie fort. Dann kam er wieder und ging mit seinem Her­rn, der sprach: Wir zwei soll­ten wohl durch die ganze Welt kommen.“ 

Und als sie ein Weilchen gegan­gen waren, fan­den sie einen Jäger, der lag auf den Knien, hat­te die Büchse angelegt und zielte. Sprach der Herr zu ihm: Jäger, was willst du schiessen?“ Er antwortete: Zwei Meilen von hier sitzt eine Fliege auf dem Ast eines Eich­baumes, der will ich das linke Auge her­auss­chiessen.“ – Oh, geh mit mir‘, sprach der Mann, wenn wir drei zusam­men sind, soll­ten wir wohl durch die ganze Welt kom­men.“ Der Jäger war bere­it und ging mit ihm, und sie kamen zu sieben Wind­mühlen, deren Flügel trieben ganz hastig herum, und ging doch links und rechts kein Wind und bewegte sich kein Blättchen. Da sprach der Mann: Ich weiss nicht, was die Wind­mühlen treibt, es regt sich ja kein Lüftchen,“ und ging mit seinen Dienern weit­er, und als sie zwei Meilen fort­ge­gan­gen waren, sahen sie einen auf einem Baum sitzen, der hielt das eine Nasen­loch zu und blies aus dem andern. Mein! Was treib­st du da oben?“ fragte der Mann. Er antwortete: Zwei Meilen von hier ste­hen sieben Wind­mühlen, seht, die blasé ich an, dass sie laufen.“ – Oh, geh mit mir,“ sprach der Mann, wenn wir vier zusam­men sind, soll­ten wir wohl durch die ganze Welt kommen!“ 

Da stieg der Bläs­er herab und ging mit, und über eine Zeit sahen sie einen, der stand da auf einem Bein und hat­te das andere abgeschnallt und neben sich gelegt. Da sprach der Herr: Du hast dir’s ja bequem gemacht zum Aus­ruhen.“ – Ich bin ein Läufer,“ antwortete er, und damit ich nicht gar zu schnell springe, habe ich mir das eine Bein abgeschnallt wenn ich mit zwei Beinen laufe, so geht’s geschwinder, als ein Vogel fliegt.“ – Oh, geh mit mir, wenn wir fünf zusam­men sind, soll­ten wir wohl durch die ganze Welt kommen!“ 

Da ging er mit, und gar nicht lang, so begeg­neten sie einem, der hat­te ein Hütchen auf, hat­te es aber ganz auf dem einen Ohr sitzen. Da sprach der Herr zu ihm: Manier­lich! Manier­lich! Häng deinen Hut doch nicht auf ein Ohr, du siehst ja aus wie ein Hansnarr.“ – Ich darf’s nicht tun,“ sprach der andere, denn setz‘ ich meinen Hut ger­ad, so kommt ein gewaltiger Frost, und die Vögel unter dem Him­mel erfrieren und fall­en tot zur Erde.“ – Oh, geh mit mir,“ sprach der Herr, wenn wir sechs zusam­men sind, soll­ten wir Wohl durch die ganze Welt kommen!“ 

Nun gin­gen die sechse in eine Stadt, wo der König hat­te bekan­nt­machen lassen, wer mit sein­er Tochter in die Wette laufen wollte und den Sieg davon­trüge, der sollte ihr Gemahl wer­den; wer aber ver­löre, müsste auch seinen Kopf hergeben. Da meldete sich der Mann und sprach: Ich will aber meinen Diener für mich laufen lassen.“ Der König antwortete: Dann musst du auch noch dessen Leben zum Pfand set­zen, also dass sein und dein Kopf für den Sieg haften.“ Als das verabre­det und fest­gemacht war, schnallte der Mann dem Läufer das andere Bein an und sprach zu ihm: Nun sei hur­tig und hilf, dass wir siegen!“ Es war aber bes­timmt, dass wer am ersten Wass­er aus einem weit abgele­ge­nen Brun­nen brächte, der sollte Sieger sein. Nun bekam der Läufer einen Krug und die Königstochter auch einen, und sie fin­gen zu gle­ich­er Zeit zu laufen an; aber in einem Augen­blick, als die Königstochter erst eine kleine Strecke fort war, kon­nte den Läufer schon kein Zuschauer mehr sehen, und es war nicht anders als wäre der Wind vor­beige­saust In kurz­er Zeit langte er bei dem Brun­nen an, schöpfte den Krug voll Wass­er und kehrte wieder um. Mit­ten aber auf dem Heimweg überkam ihn eine Müdigkeit, da set­zte er den Krug hin, legte sich nieder und schlief ein. Er hat­te aber einen Pfer­de­schädel der da auf der Erde lag, zum Kopfkissen gemacht, damit er hart läge und bald wieder erwache. Indessen war die Königstochter, die auch gut laufen kon­nte, so gut es ger­ade ein gewöhn­lich­er Men­sch ver­mag, bei dem Brun­nen ange­langt und eilte mit ihrem Krug voll Wass­er zurück; und als sie den Läufer da liegen und schlafen sah, war sie froh und sprach: Der Feind ist in meine Hände gegeben,“ leerte seinen Krug aus und sprang weit­er. Nun wäre alles ver­loren gewe­sen, wenn nicht zum guten Glück der Jäger mit seinen schar­fen Augen oben auf dem Schloss ges­tanden und alles mitange­se­hen hätte. Da sprach er: Die Königstochter soll doch gegen uns nicht aufkom­men,“ lud seine Büchse und schoss so geschickt, dass er dem Läufer den Pfer­de­schädel unterm Kopf wegschoss, ohne ihm weh zu tun. Da erwachte der Läufer, sprang in die Höhe und sah, dass sein Krug leer und die Königstochter schon weit voraus war. Aber er ver­lor den Mut nicht, lief mit dem Krug wieder zum Brun­nen zurück, schöpfte aufs neue Wass­er und war noch zehn Minuten eher als die Königstochter daheim. Seht ihr,“ sprach er, jet­zt hab ich erst die Beine aufge­hoben, vorher war’s gar kein Laufen zu nen­nen.“ Den König aber kränk­te es und seine Tochter noch mehr, dass sie so ein gemein­er, abgedank­ter Sol­dat davon­tra­gen sollte; sie ratschlagten miteinan­der, wie sie ihn samt seinen Gesellen los wür­den. Da sprach der König zu ihr: Ich habe ein Mit­tel gefun­den, lass dir nicht bang sein, sollen nicht wieder heimkom­men.“ Und sprach zu ihnen: Ihr sollt euch nun zusam­men lustig machen, essen und trinken,“ und führte sie zu ein­er Stube, die hat­te einen Boden von Eisen, und die Türen waren auch von Eisen, und die Fen­ster waren mit eis­er­nen Stäben ver­wahrt. In der Stube war eine Tafel mit köstlichen Speisen beset­zt, da sprach der König zu ihnen: Geht hinein und lasst euch wohl sein!“ Und wie sie darin­nen waren, liess er die Türe ver­schliessen und ver­riegeln. Dann liess er den Koch kom­men und befahl ihm, ein Feuer so lange unter die Stube zu machen, bis das Eisen glühend würde. Das tat der Koch, und es ward den sech­sen in der Stube, während sie an der Tafel sassen, ganz warm und sie mein­ten, das käme vom Essen; als aber die Hitze immer gröss­er ward und sie hin­aus woll­ten, Tür und Fen­ster aber ver­schlossen fan­den, da merk­ten sie, dass der König Bös­es im Sinne gehabt hat­te und sie erstick­en wollte. Es soll ihm aber nicht gelin­gen,“ sprach der mit dem Hütchen, ich will einen Frost kom­men lassen, von dem sich das Feuer schä­men und verkriechen soll.“ Da set­zte er sein Hütchen ger­ade, und alsobald fiel ein Frost, dass alle Hitze ver­schwand und die Speisen auf den Schüs­seln anfin­gen zu frieren. Als nun ein paar Stun­den herum waren und der König glaubte, sie wären in der Hitze ver­schmachtet, liess er die Türe öff­nen und wollte selb­st nach ihnen sehen. Aber wie die Türe aufging, standen sie alle sechse da, frisch und gesund und sagten, es wäre ihnen lieb, dass sie her­aus kön­nten, sich zu wär­men, denn bei der grossen Kälte in der Stube frören die Speisen an den Schüs­seln fest. Da ging der König voll Zorn hinab zu dem Koch, schalt ihn und fragte, warum er nicht getan hätte, was ihm wäre befohlen wor­den. Der Koch aber antwortete: Es ist Glut genug da, seht nur selb­st.“ Da sah der König, dass ein gewaltiges Feuer unter der Eisen­stube bran­nte, und merk­te, dass er den sech­sen auf diese Weise nichts anhab­en konnte. 

Nun sann der König aufs neue, wie er die bösen Gäste los würde, liess den Meis­ter kom­men und sprach: Willst du Gold nehmen und dein Recht auf meine Tochter aufgeben, so sollst du haben, soviel du willst.“ – Oh ja, Herr König,“ antwortete er, gebt mir soviel, als mein Diener tra­gen kann, so ver­lange ich Eure Tochter nicht.“ Da war der König zufrieden, und jen­er sprach weit­er: So will ich in vierzehn Tagen kom­men und es holen.“ Darauf rief er alle Schnei­der aus dem ganzen Reich her­bei, die mussten vierzehn Tage lang sitzen und einen Sack nähen. Und als er fer­tig war, musste der Starke, welch­er Bäume aus­rupfen kon­nte, den Sack auf die Schul­ter nehmen und mit ihm zu dem König gehen. Da sprach der König: Was ist das für ein gewaltiger Kerl, der den haus­grossen Ballen Lein­wand auf der Schul­ter trägt?,“ erschrak und dachte: Was wird der für Gold wegschlep­pen. Da hiess er eine Tonne Gold her­beib­rin­gen, die mussten sechzehn zehn der stärk­sten Män­ner tra­gen, aber der Starke pack­te sie mit ein­er Hand, steck­te sie in den Sack und sprach: Warum bringt ihr nicht gle­ich mehr, das deckt ja kaum den Boden.“ Da liess der König nach und nach seinen ganzen Schatz her­beitra­gen, den schob der Starke in den Sack hinein, und der Sack ward davon noch nicht zur Hälfte voll. Da mussten noch sieben­tausend Wagen mit Gold in dem ganzen Reich zusam­menge­fahren wer­den, die schob der Starke samt den vorges­pan­nten Ochsen in seinen Sack. Ich will’s nicht lange bese­hen,“ sprach er, und nehmen was kommt, damit der Sack nur voll wird.“ Wie alles darin stak, ging doch noch viel hinein; da sprach er: Ich will dem Ding nun ein Ende machen, man bindet wohl ein­mal einen Sack zu, wenn er auch noch nicht voll ist.“ Dann huck­te er ihn auf den Rück­en und ging mit seinen Gesellen fort. Als der König nun sah, wie der einzige Mann des ganzen Lan­des Reich­tum fort­trug, ward er zornig und liess seine Reit­erei auf­sitzen, die sollte den sech­sen nach­ja­gen, und hat­ten den Befehl, dem Starken den Sack wieder abzunehmen. Zwei Reg­i­menter holten sie bald ein und riefen ihnen zu: Ihr seid Gefan­gene, legt den Sack mit dem Gold nieder oder ihr werdet zusam­menge­hauen!“ – Was sagt ihr?“ sprach der Bläs­er, wir wären Gefan­gene? Eher sollt ihr sämtlich in der Luft herum­tanzen,“ hielt das eine Nasen­loch zu und blies mit dem andern die bei­den Reg­i­menter an, da fuhren sie auseinan­der und in die blaue Luft über alle Berge weg, der eine hier­hin, der andere dor­thin. Ein Feld­webel rief um Gnade, er hätte neun Wun­den und wäre ein braver Kerl, der den Schimpf nicht ver­di­ente. Da liess der Bläs­er ein wenig nach, so dass er ohne Schaden wieder her­abkam, dann sprach er zu ihm: Nun geh heim zum König und sag, er sollte nur noch mehr Reit­erei schick­en, ich wollte sie alle in die Luft blasen.“ Der König, als er den Bescheid ver­nahm, sprach: Lasst die Ker­le gehen, die haben etwas an sich.“ 

Da bracht­en die sechse den Reich­tum heim, teil­ten ihn unter sich und lebten vergnügt bis an ihr Ende.