Schwan, kleb an

von Ludwig Bechstein

~7 Min

Es waren ein­mal drei Brüder, von denen hieß der der älteste Jacob, der zweite Friedrich und der dritte und jüng­ste Got­tfried. Dieser jüng­ste war das Stich­blatt aller Neck­ereien sein­er Brüder und der gewöhn­liche Ablenker ihres Unmutes. Wenn ihnen etwas quer über den Weg lief, so mußte Got­tfried es ent­gel­ten und er mußte sich das alles gefall­en lassen, weil er von schwäch­lichem Kör­per­bau war und sich gegen seine stärk­eren Brüder nicht wehren kon­nte. Dadurch wurde ihm das Leben sauer gemacht und er sann Tag und Nacht darauf, sein Schick­sal erträglich­er zu machen. Als er einst im Walde war, um Holz zu sam­meln und bit­ter­lich weinte, trat ein altes Weiblein zu ihm, das fragte ihn um seine Not und er ver­traute ihr all seinen Kum­mer. Ei, mein Junge“, sagte das Weiblein darauf, ist die Welt nicht groß? Warum suchst du nicht ander­wo dein Glück?“ Das nahm sich Got­tfried zu Herzen und ver­ließ eines Mor­gens frühe das väter­liche Haus und machte sich auf den Weg in die weite Welt, um, wie das Weiblein gesagt hat­te, sein Glück zu suchen. Aber der Abschied von dem Ort, wo er geboren wor­den war und wenig­stens eine glück­liche Kind­heit ver­lebt hat­te, ging ihm doch nahe und er set­zte sich auf einen Hügel nieder, um noch ein­mal recht das heimatliche Dorf zu betra­cht­en. Siehe, da stand das Weiblein hin­ter ihm, schlug ihm auf die Schul­ter und sprach: Das hast du ein­mal gut gemacht, mein Junge. Aber was willst du nun anfan­gen?“ ‑Got­tfried dachte nun erst jet­zt daran, was er begin­nen solle? Er hat­te bis jet­zt geglaubt, das Glück müsse ihm wie eine gebratne Taube in den Mund fleigen. Das Weiblein mochte seine Gedanken errat­en, lächelte grin­send und sagte: Ich will dir sagen, was du anfan­gen sollst. Warum? weil ich dich lieb habe, und weil ich glaube, daß du auch mich nicht vergessen wirst, wenn du dem Glücke im Schoße sitzest.“ Got­tfried ver­sprach dies mit Hand und Mund, die Alte fuhr fort: Heute abend, wenn die Sonne unterge­ht, gehe an den großen Birn­baum, der dort am Kreuzweg ste­ht. Darunter wird ein Mann liegen und schlafen, an den Baum aber wird ein großer schön­er Schwan ange­bun­den sein; den Mann hütest du dich aufzuweck­en und du mußt deswe­gen ger­ade mit Son­nenun­ter­gang kom­men, den Schwan aber knüpst du los und führst ihn mit dir fort. Die Leute wer­den in seine schö­nen Fed­ern vernar­rt sein und du magst ihnen erlauben, davon eine auszu­rupfen. Wenn aber der Schwan berührt wird, so wird er schreien und wenn du dann sagst: Schwan, kleb an! so wird dem, der ihn berührt, die Hand fes­tankleben und nicht eher wieder loswer­den, bis du sie mit diesem Stöck­lein antippst, das ich dir hier­mit zum Geschenk mache. Wenn du nun einen so wei­dlichen Zug Men­schen­vögel gefan­gen hast, so führe sie nur immer grad aus. Da wirst du an eine große Stadt kom­men, da wohnt eine Königstochter, die noch nie gelacht hat. Bringst du sie zum Lachen, so ist dein Glück gemacht; aber dann vergiß auch mich nicht, mein Junge!“ Got­tfried gab nochmals das Ver­sprechen und war mit Son­nenun­ter­gang richtig an dem beze­ich­neten Baum. Der Mann lag da und schlief und ein großer schön­er Schwan war mit einem Bande an den Baum gebun­den. Got­tfried knüpfte den Vogel beherzt los und führte ihn davon, ohne daß der Mann erwachte.

Nun traf es sich, daß Got­tfried mit seinem Schwan an ein­er Baustätte vorüber kam, wo einige Män­ner mit aufgestreiften Bein­klei­dern Lehm kneteten; die bewun­derten die schö­nen Fed­ern des Vogels und ein vor­witziger Junge, der über und über voll Lehm war, sagte laut: Ach, wenn ich doch nur eine solche Fed­er hätte.“ Zieh dir eine aus!“ sprach Got­tfried fre­undlich; der Junge griff nach dem Schweife des Vogels, der Schwan schrie; Schwan, kleb an!“ sprach Got­tfried und der Junge kon­nte nicht wieder los kom­men, er mochte anfan­gen was er wollte. Die andern lacht­en, je mehr der Junge schrie, bis vom nahen Bache eine Magd herzuge­laufen kam, die mit hoch aufgeschürztem Rocke dort gewaschen hat­te. Die fühlte Mitleid mit dem Jun­gen und reichte ihm die Hand, um ihn loszu­machen. Der Schwan schrie; Schwan, kleb an!“ sprach Got­tfried, und die Magd war eben­falls gefan­gen. Als Got­tfried mit sein­er Beute eine Strecke gegan­gen war, begeg­nete ihm ein Schorn­ste­in­feger, der lachte über das son­der­bare Ges­pann und fragte die Magd, was sie denn da triebe. Ach, hezlieb­ster Hans“, antwortete die Magd kläglich, gib mir doch deine Hand und mach mich von dem ver­teufel­ten Jun­gen los.“ – Wenn´s weit­er nichts ist!“ lachte der Schorn­ste­in­feger und gab der Magd die Hand, der Vogel schrie; Schwan, kleb an!“ sprach Got­tfried und der schwarze Men­sch war eben­falls behext. Sie kamen nun in ein Dorf, wo eben Kirch­weih war; eine Seiltänz­erge­sellschaft gab dort Vorstel­lun­gen und der Bajaz­zo machte eben seine Nar­retei­dinge. Der riß Mund und Nase auf, als er das selt­same Klee­blatt sah, das an dem Schweife des Schwans fes­thing. Bist du ein Narr gewor­den, Schwarz­er?“ lachte er. Da ist gar nichts zu lachen!“ antwortete der Schorn­ste­in­feger. Das Weib­s­bild hält mich so fest, daß meine Hand wie ange­nagelt ist. Mach mich los, Bajaz­zo; ich tu dir ein­mal einen andern Liebes­di­enst.“ Der Bajaz­zo faßte die aus­gestreck­te Hand des Schwarzen, der Vogel schrie; Schwan, kleb an!“ sprach Got­tfried und der Bajaz­zo war der Vierte im Bunde. Nun stand in der vorder­sten Rei­he der Zuschauer der stat­tlich wohlbeleibte Amt­mann des Dor­fes, der machte ein gar ern­sthaftes Gesicht dazu und ärg­erte sich gar höch­lich über das Blendw­erk, das nicht mit rech­t­enDin­gen zuge­hen könne. Sein Eifer ging so weit, daß er den Bajaz­zo an der ledi­gen Hand faßte und ihn los­reißen wollte, um ihn dem Büt­tel zu übergeben; da schrie der Schwan, und Schwan, kleb an!“ sprach Got­tfried und der Amt­mann teilte das Schick­sal der Vorgänger. Die Frau Amt­män­nin, eine lange dürre Spin­del, entset­zte sich über das Mißgeschick ihres Ehe­herrn und riß mit Leibeskräften an dem freien Arm des­sel­ben, der Vogel schrie; Schwan, kleb an!“ sprach Got­tfried und die arme Frau Amt­män­nin mußte trotz ihres Gechreis fol­gen. Hin­fort hat­te Nie­mand mehr Lust, die Gesellschaft zu vergrößern.

Got­tfried sah schon die Türme der Haupt­stadt vor sich; da kam ihm eine wun­der­schöne Equipage ent­ge­gen, in der eine schöne junge, aber ern­ste Dame saß. Als diese den bun­ten Zug erblick­te, brach sie jedoch in lautes Gelächter aus und ihre Diener­schaft lachte mit. Die Königstochter hat gelacht!“ rief alles vor Freuden. Sie stieg aus, betra­chtete sich die Sache noch genauer und lachte immer mehr bei den Capri­olen, welche die Fest­ge­ban­nten machten.Der Wagen mußte umwen­den und fuhr langsam neben Got­tfried nach der Stadt zurück. Als der König die Kunde ver­nahm, daß seine Tochter gelacht habe, war er voll Entzück­en und nahm selb­st Got­tfried und dessen wun­der­lich­es Gefolge in Augen­schein, wobei er selb­st lachen mußte, daß ihm die Trä­nen in den Augen standen. Du när­risch­er Gesell“, sprach er zu Got­tfried, weißt du, was ich dem ver­sprochen habe, der meine Tochter zum Lachen bringt?“ – Nein“, sagte Got­tfried. – So will ich dir´s sagen“, antwortete der König. Tausend Goldgulden oder ein schönes Gut. Wäh­le dir zwis­chen den bei­den.“ Got­tfried entsch­ied sich für das Gut. Dann berührte er den Buben, die Magd, den Schorn­ste­in­feger, den Bajaz­zo, den Amt­mann und die Amt­män­nin mit seinem Stäbchen und alle fühlten sich frei und liefen davon, als brenne die Hölle hin­ter ihnen her, was neues unaus­löschlich­es Gelächter verur­sachte. Da wurde die Königstochter bewegt, den schö­nen Schwan zu stre­icheln und sein Gefieder zu bewun­dern. Der Vogel schrie; Schwan, kleb an!“ sprach Got­tfried, und so gewann er die Königstochter. Der Schwan aber erhob sich in die Lüfte und ver­schwand in den blauen Hor­i­zont. Got­tfried erhielt nun ein Her­zog­tum zum Geschenk; er erin­nerte sich aber auch des alten Weibleins, das Schuld an seinem Glücke war und berief sie als sein­er auser­wählten Braut Haushofmeis­terin in sein stat­tlich­es Residenzschloß.