Schneider Hänschen und die wissenden Tiere

von Ludwig Bechstein

~21 Min

Ein Schuh­mach­er und ein Schnei­der sind ein­mal miteinan­der auf die Wan­der­schaft gegan­gen. Der Schus­ter hat­te Geld, der Schnei­der aber war ein armer Schwarten­hans. Bei­de hat­ten ein und das­selbe Mäd­chen lieb, welch­es Lieschen hieß und jed­er gedachte, es zu heirat­en, wenn er sich ein gutes Stück Geld ver­di­ent habe und Meis­ter gewor­den sei. Der Schus­ter, Peter genan­nt, war aller Tücke voll und hat­te ein schwarzes Herz, das Schnei­der­lein war gut­mütig und leicht­fer­tig, und sein Name war Hän­schen. Erst hat­te Hän­schen nicht mit dem Peter zusam­men wan­dern wollen, weil es kein Geld hat­te, aber Peter, der auf eit­el Bosheit gegen das Schnei­der­lein sann, weil jenes Lieschen das Hän­schen gern sah und nicht den Peter, sann auf des Schnei­der­leins Verder­ben und sprach: »Komm nur mit mir, ich habe Batzen, ich halte dich frei, auch wenn wir keine Arbeit bekom­men. Alle Tage wollen wir uns dreimal tüchtig satt essen und satt trinken. Ist dir das nicht recht?«

»Von satt essen und satt trinken bin ich ja ein Fre­und!« antwortete Hän­schen, und bei­de schnürten ihre Ränzel und trat­en ihre Wan­der­schaft an. Neun Tage lang gin­gen sie und fan­den nir­gends Arbeit, zumal Peter keine find­en mochte und, wenn auch Hän­schen Arbeit hätte haben kön­nen, diesen immer ver­lock­te, sie nicht anzunehmen, son­dern mit ihm zu wan­dern. Nun, nach den neun Tagen sprach Peter: »Hän­schen, mein Geld nimmt ab, soll es noch eine Weile reichen, so dür­fen wir von jet­zt an des Tages nur zweimal essen und trinken.« »O weh!« seufzte Hän­schen, »wird schon jet­zt Schmal­hans unser Wan­derge­selle? Wär ich doch nicht mit dir gegan­gen! Hungern kon­nt ich auch daheim! Dort hatt ich doch was Liebes, was mir den Hunger ver­süßt hätte!«

Peter, der während des Weit­er­marsches stets die Speisen kaufte, aß sich heim­lich dick­satt, denn er hat­te Geld genug dazu, aber Hän­schen gab er täglich nur zweimal und hat­te seine Freude daran, wenn seinem Gefährten der Magen mur­rte und knur­rte und sich, nach dem Sprich­wort, die Bet­teljun­gen in Hän­schens Leibe prügelten.

So gin­gen aber­mals neun Tage hin, und noch immer fand sich keine Arbeit, da sprach Peter: »Liebes Hän­schen, mit meinem Gelde wird es bald Matthäi am let­zten sein – es langt wahrlich nim­mer zu vier Mahlzeit­en täglich, zwei für dich, zwei für mich. Mein Geld­beu­tel hat die galop­pierende Schwind­sucht. Schau her, es ist so dünn wie ein Spul­wurm. Wir kön­nen von jet­zt an uns nur ein­mal täglich sättigen.«

»Ach, ach Peter­lein!« klagte Hän­schen. »In welch­es Unglück hast du mich gebracht! Das halt ich ja nicht aus! Sieh mich doch nur an, ich bin ja schon so dünne und durch­sichtig, daß ich schi­er kaum noch einen Schat­ten werfe. Wo soll denn das zulet­zt hinaus?«

»Schnalle einen Schmachtriemen um!« lachte Peter. »Übe dich in der Tugend der Enthalt­samkeit. Tritt in einen Mäßigkeitsverein!«

»Hat sich was einzutreten«, jam­merte das Schnei­der­lein. »Ich meint, wir wären schon mit­ten in der Mäßigkeit!«

Was half aber nun alles, es mußte gut tun, wohl oder übel; Hän­schen hungerte tapfer, daß er aber nicht zunahm an Leibesfülle, kann sich jed­er denken. Er wurde ras­seldürr, und sein Angesicht bekam eine Farbe wie Hauszwirn. Und immer gab es keine Arbeit, und nun zumal erst recht nicht, denn die Meis­ter sprachen: »Reise mit Gott, Brud­er Mond­schein! Wie kann so ein Kerlchen etwas Dauer­bares nähen, dem sein ganzes eigenes Gestelle aus der Naht reißt? Schnei­der dür­fen von Natur dünn sein, aber nur was recht ist – so dann, daß man sie statt Näh­gar­ns ein­fädeln kann, dür­fen sie doch nicht sein!«

Hänslein weinte heiße Trä­nen, wenn er solche lose Reden zu hören bekam, und der schlechte Peter frohlock­te heim­lich und inner­lich darüber, und als wiederum neun Tage ver­gan­gen waren und Hän­schen vor Hunger fast am Wege liegen­blieb, da sprach der falsche Peter: »Bruder­herz – es tut mir leid und schnei­det mir in die Seele, daß ich’s sagen muß, aber mein Geld­beu­tel ist jet­zt ganz auf den Hund – mit Essen und Trinken bei Bäck­er und Wirt ist es nun ganz und gar vorbei.«

»Daß’s Gott erbarm!« schrie Hän­schen. »Gar nicht mehr essen und trinken? Da ste­ht mir der Ver­stand stille! Wer kann das aushal­ten? O wehe, wehe mir! Daß ich dir fol­gte! Wehe dir, daß du mich so ver­lockt hast!«

»Mein Him­mel, wie du gle­ich außer dir ger­at­en kannst, Hän­schen!« rief Peter. »Als ob es nicht zu trinken vol­lauf gäbe!«

»Wo? Wo?« rief Hän­schen mit lechzen­der Zunge.

»Über­all! Wass­er, Bruder­herz! Wass­er!« lachte Peter. »Wass­er ist sehr gesund, es verdün­nt Blut und Säfte, es heilt die meis­ten Krankheit­en, es stärkt die Glieder. Siehst du, ich muß ja auch Wass­er trinken.«

»Aber Wass­er ist kein Essen!« klagte Hän­schen. »Von Luft kann ich nicht leben, also schaffe mir zu essen, oder ich muß ins Gras beißen und Erde kauen. Etwas muß ich zu kauen haben.«

»Nun, ich will zum Bäck­er gehen und für das let­zte Geld ein Brötchen kaufen, das will ich redlich mit dir teilen!« sagte der falsche Peter, hieß Hän­schen auf einen Stein sitzen und ging zu einem Bäck­er, kaufte dort vier Brötchen, aß drei davon gle­ich auf und trank einen Schnaps dazu – dann kam er wieder zu Hänschen.

»Aber Peter!« sprach das hun­grige Schnei­der­lein: »Du bleib­st sehr lange aus. Gib mir zu essen, die Ohn­macht wan­delt mich an.«

»Ich habe erst warten müssen, bis das Brot sich abgekühlt hat­te«, vertei­digte sich Peter, »warmes Brot ist nicht gut in einen leeren Magen. Hier hast du deine Hälfte.«

»Peter, du riechst nach Schnaps!« sprach Hänschen.

»So?« fragte Peter, »kann schon sein, drin­nen trank ein­er, der stieß an mich und schüt­tete mir aus Ungeschick ein paar Tropfen auf mein Gewand.«

Hän­schen ver­schlang sein halbes Brötchen mit Wolf­shunger, stillte mit Wass­er seinen Durst und wan­derte weit­er mit seinem treulosen Gefährten. Bei­de sprachen fast nichts mehr miteinander.

Als es bald Abend wurde und bei­de wieder durch ein Dorf kamen, ging Peter wieder zu einem Bäck­er, aß sich satt und kam mit einem Brötchen aus dem Laden. Hans dachte, jen­er werde das Brötchen mit ihm teilen, aber Peter schob es in die Tasche.

Nach ein­er Weile sprach Hän­schen, als sie das Dorf im Rück­en hat­ten und in einen Wald gelangt waren: »Nun, Peter! Rücke her­aus mit deinem Brötchen! Mich hungert äußerst.«

»Mich nicht«, antwortete Peter ganz kurz.

»Nicht?« schrie Hän­schen erschrock­en und blieb ste­hen, und seine Beine zit­terten. »Unmen­sch, der du bist!«

»Viel­fraß, der du bist!« höh­nte Peter. »Bei dir trifft doch recht zu, was ich immer habe sagen hören: je dür­rer ein Kerl ist, eine um so bessere Klinge schlägt er. Das Brötchen, das ich noch bei mir trage, ist, wie du sehr richtig bemerk­test, mein Brötchen, und du bekommst nicht eine Krume davon, weil du gesagt hast Unmensch.«

»So muß ich ja Hungers ster­ben!« schrie Hän­schen in Verzweiflung.

»Stirb in Gottes Namen!« antwortete Peter. »Die Leichen­träger wer­den sich an dir keinen Schaden heben.«

»Aber ich bitte dich um Gottes willen!« jam­merte Hänschen.

»Um was?« fragte Peter lauernd.

»Um die Hälfte deines Brötchens!« stam­melte Hänschen.

»Umson­st ist der Tod – es hat mich mein aller­let­ztes Geld gekostet. Wie viel Geld kön­nte ich noch haben, hätte ich mich nicht mit dir geschleppt und dich gefüt­tert!« sprach Peter aufs neue.

»Aber du selb­st hast mich ja bere­det, mit dir zu gehen!« warf Hän­schen ein, doch macht­en Ärg­er und Hunger ihm schon schw­er, die Worte her­vor zu wür­gen. Seine Zunge klebte am Gaumen.

»Gib­st du mir, so geb ich dir«, nahm Peter wieder das Wort. »Mir ist mein Brötchen so lieb wie meine Augäpfel, fol­glich ist es zwei Augäpfel wert. Gib mir einen dein­er Augäpfel für die Hälfte.«

»Gott im Him­mel! Wie straf­st du mich, daß ich diesem fol­gte!« wim­merte Hän­schen, denn schreien kon­nte das arme Schnei­der­lein schon vor Schwäche nicht mehr – doch streck­te es die Hand nach dem hal­ben Brötchen aus und sät­tigte sich, und dann stach ihm Peter den einen Augapfel aus.

Am andern Tage wieder­holte sich alles Trau­rige des vorigen Tages bei den zwei Wan­derge­sellen. Peter kaufte wieder ein Brötchen und gab Hän­schen nichts davon, und wollte das andere Auge Hän­schens für dessen Hälfte haben.

»Aber dann bin ich ja stock­blind!« jam­merte das Schnei­der­lein. »Dann kann ich ja nicht mehr arbeit­en! Ohne ein Auge min­destens kann ich doch nicht einfädeln!«

»Wer blind ist«, tröstete der hart- und schwarzherzige Peter mit heim­lichem Hohne, »der hat es gut. Er sieht nicht mehr, wie böse, falsch und treu­los die Welt ist; er braucht nicht mehr zu arbeit­en, denn er hat eine triftige Entschuldigung, und einem armen Blind­en gibt auch der Geizig­ste zur Not noch eine Gabe. Du kannst noch reich wer­den als blind­er Bet­tler, während ich mich arm­selig durch die Welt schlep­pen muß. Sollte dies ein­treten, so werde ich zu dir kom­men und du wirst mich noch als deinen besten Wohltäter seg­nen und deinen Reich­tum mit mir teilen, wie ich bish­er meine Armut mit dir geteilt habe.«

Hän­schen ver­mochte auf diese teu­flis­che Rede gar nichts mehr zu erwidern – er ließ alles mit sich geschehen und gab, um nur nicht Hungers zu ster­ben, dem treulosen Gefährten auch den zweit­en Augapfel preis. Und als das geschehen war und Hän­schen hoffte, daß der Peter ihn nun leit­en und fuhren werde, sprach dieser: »Nun gehabe dich recht wohl, mein gutes dummes Hän­schen! Hier habe ich dich haben wollen. Hier ist Bet­tel­manns Umkehr. Jet­zt wan­dre ich wieder heim und heirate unser Lieschen. Ätsch! Siehe du zu, wohin du kommst!«

Fort ging Peter, und Hän­schen schwan­den vor Kör­p­er und See­len­schmerz eine Zeit­lang völ­lig die Sinne, so daß er umsank und wie tot am Wege lag.

Da kamen drei Wan­der­er des Weges daher, aber keine zweibeini­gen, son­dern zufäl­lig vier­beinige, das waren ein Bär, ein Wolf und ein Fuchs. Sie berochen den Ohn­mächti­gen, und der Bär brummte: »Dieses Man­ntier ist tot! Mögt ihr ihn? Ich mag ihn nicht!«

»Ich habe vor ein­er Stunde erst ein frisches Schaf ver­speist, habe jus­ta­ment jet­zt keinen Hunger, auch ist ja der Kerl so dürr und so hart wie ein Bau­mast!« sprach der Wolf. »Da wäre mir leid um meine Zähne, die ich weit­er brauche.«

»Dieser Held muß ein Schnei­der gewe­sen sein!« spöt­telte der Fuchs. »Mir ist eine fette Gans lieber als ein dür­rer Schnei­der. Wäre er ein Kürschn­er gewe­sen, so würde ich ihm die Nase abbeißen – so aber liegt er mir gut. Er ist ja blind gewe­sen, der hat gewiß nie einen Fuchs geschossen.«

Das arme Schnei­der­lein kam wieder zu sich, merk­te seine Gesellschaft und hielt den Odem an sich, so gut es ging, während die drei Tiere sich gar nicht weit von ihm behaglich ins Grüne lagerten.

»Blind zu sein, ist ein großes Unglück«, sprach der Fuchs, »sowohl für uns edle Tiere als für die schlecht­en zweibeini­gen Gabeltiere, die sich Men­schen nen­nen und sich so klug dünken und so fürchter­lich dumm sind, daß sie gar nichts wis­sen. Wüßten sie, was ich weiß, so gäb es keine Blind­en mehr.«

»Oho!« rief der Wolf. »Ich weiß auch, was ich weiß. Wüßten das die Man­ntiere in der nahen Königsstadt, so lit­ten sie nicht den gebran­nten Durst, den sie lei­den, und kauften nicht ein Schnaps­gläschen voll Wass­er um eine Krone.«

»Hm hm!« brummte der Bär. »Unsere­in­er ist auch nicht auf den Kopf gefall­en. Auch mir ist ein Geheim­nis kund. Sagt ihr mir das eure, sage ich euch das meine, aber bei Leib und Leben darf kein­er von uns den andern verraten.«

»Nein das dür­fen und wollen wir nicht tun!« gelobte der Fuchs.

»Es muß ein­er dem andern feier­lich die rechte Pfote darauf geben!« bekräftigte der Wolf.

»Topp, es gilt!« sprach Petz, und hielt seine haarige Tatze hin, und wie die andern ein­schlu­gen, so drück­te und schüt­telte der Bär zum Spaß ihre Pfoten so, daß sie vor Schmerz laut aufheul­ten, davon dem blind­en Schnei­der­lein angst und bange wurde.

»Ich weiß«, begann der Fuchs, als der Bär ihn ob seines Zart­ge­füh­les aus­gelacht und wieder begütigt hat­te, »daß heute eine beson­ders heilige Nacht ist; in dieser fällt Him­mel­stau auf Gras und Kraut. Wer blind ist, darf nur mit dem Tau seine Augen sal­ben, so wird er wieder sehend, und selb­st wenn er keine Augäpfel mehr hat, so bekommt er neue.«

»Das ist ein schönes Geheim­nis«, sprach der Wolf, »meins ist aber auch nicht zu ver­acht­en. In der Königsstadt ist das Wass­er aus­ge­blieben, und die Leute dort leben jet­zt fast nur vom Geist, wenig­stens sagen sie so, wenn es aber noch ein Weilchen so fort geht, so wer­den sie ihren Geist ganz aufgeben müssen. Gle­ich­wohl haben sie Wass­er die Fülle unter sich und wissen’s nur nicht. Auf dem Mark­te mit­ten im Pflaster liegt ein Grauwack­en­stein, wenn der aufge­hoben wird, so wird ein Wasser­pütz turmhoch aus dem Boden sprin­gen. Ach, wie froh wür­den die Res­i­den­zstädter sein, und wie heil­sam wär es ihnen, wenn sie wieder Wass­er hät­ten. Daß aber kein­er von euch es ihnen sagt, son­st beiße ich jedem die Zunge im Maule ab!«

»Nichts wird gesagt, Brud­er Iseg­rimm!« sprach Herr Braun und brum­melte: »Was ich weiß, ist dieses: Seit sieben Jahren kränkelt des Königs einzige Tochter, und kein Dok­tor kann ihr helfen, weil kein­er weiß, was ihr fehlt, wie wun­derk­lug sich auch alle dünken. Gar manchen Rat gaben schon ins­ge­heim des Königs Geheim­räte, aber es ist nichts Rätlich­es davon an den Tag gekom­men. Die Krankheit der Königstochter ist so gestiegen, daß der König ver­heilen hat, sie dem zur Gemahlin zu geben, der ihr hil­ft, um sie nur beim Leben erhal­ten zu sehen; es kann aber kein­er helfen, der das nicht weiß, was ich weiß.«

»Du machst uns neugierig, hochgnädi­ger Herr König Braun!« sprach der Wolf, und Petz brummte: »Nur Geduld, es kommt schon noch. Werdet doch ein wenig warten gel­ernt haben?« Darauf schnaubte der Bär erst ein­mal gehörig aus und fuhr dann fort: »Die Prinzessin Königstochter sollte in der Kirche ein Gold­stück in den Opfer­stock wer­fen, sie war aber noch sehr jung und befan­gen und ängstlich und schämte sich vor den vie­len Leuten in der Kirche und warf das Gold­stück etwas ungeschickt, daß es daneben und in eine Spalte fiel. Darauf wurde sie von ihrer Krankheit befall­en, die nicht früher enden wird, bis man das Gold­stück her­vorzieht und in die Ritze des Opfer­stock­es ein­wirft. Solche Kur ist kinder­le­icht, es dürfte nur ein­er hinge­hen und das Gold­stück suchen.«

Als die Tiere sich einan­der so ihre Geheimnisse mit­geteilt hat­ten, erhoben sie sich aus ihrer Ruhe und gin­gen weit­er; Hän­schen aber war heil­froh über das, was er gehört hat­te. Er bestrich sich eilend mit dem bere­its gefal­l­enen Him­mel­stau die Augen, da wuch­sen ihm neue klare Augäpfel, und er sahe die gold­e­nen Sterne am Him­mel blinken und die dun­klen Wipfel der Waldes­bäume. Bald brach der Mor­gen an, und Hän­schen sah nun Weg und Steg und wan­derte, neu gestärkt, der Straße ent­lang. In eini­gen Dör­fern, durch die er kam, erfocht er so viel, daß er seinen neuerwacht­en Hunger und Durst stillen kon­nte, und endlich kam er in die Stadt, in welch­er der Wasser­man­gel so groß war, daß alle Leute Wein und viele Schnäpse tranken, welche sie Likör nannten.

Hän­schen hat­te kein Geld für Liköre; er trat zu ein­er Wirtin und bat, ihm ein großes Glas Wass­er zu reichen. Die Wirtin sah ihn dafür sehr groß an und schalt: »Seh mir ein­er den Lump! Hat nicht ein­mal Geld, einen Likör zu bezahlen, und will Wass­er zechen! Meint der Mosjö, Herr von Faden­schein, das Wass­er quelle nur so für nichts und wieder nichts? Es koste kein Geld? O weit gefehlt. Wisch Er sich das Maul von wegen dem Wass­er; Wein oder Likör kann Er haben, mit Wass­er kann ich nicht dienen, zumal in so großer Menge nicht.«

»Liegt man hier wirk­lich so krank an der Wasser­sucht, wie ich draußen ver­nom­men?« fragte Hän­schen. »Ei, wozu habt ihr denn hier Mag­is­trat und Gemein­der­at? Ist kein Moses im Stad­trate, der Wass­er aus dem Felsen schlüge? Eure Krankheit wollte ich bald kuri­ert haben; ich bin ein Brunnenarzt.«

Diese Worte ver­nah­men einige junge Rat­sher­ren, welche bei der Wirtin teils auch Liköre, teils Cham­pag­n­er­wein tranken; sie tat­en dies nur aus Erman­gelung des Wassers, son­st wür­den sie es gewiß nicht getan haben, denn sie nan­nten den Cham­pag­n­er Gift und Äquinok­tial­säure, und ohne die äußer­ste Not wird sicher­lich nie­mand Gift oder solcher­lei Säuren zu sich nehmen. Diese jun­gen Her­ren umringten Hän­schen und fragten hastig, wie er es anstellen wolle, dem Man­gel abzuhelfen.

»Meine hochverehrtesten Her­ren«, sprach Hän­schen, »wenn ich sota­nen Man­gel all­hi­er abstellen soll, so tut nötig sein, daß ich erst angestellt werde. Soll ich euch geheimen Rat erteilen, so würde eine mir zugeteilte kleine Geheimer­ats­besol­dung – so vier- bis sech­stausend Tälerchen alljährlich mich zu Dank vergnügt machen. Dann soll­tet ihr Her­ren aber auch sehen, daß ich etwas leiste, was sich nicht von allen Geheimeräten rüh­men läßt.«

Die jun­gen Rat­sher­ren gaben dem Schnei­der­lein zu ver­ste­hen, es möge nicht sticheln und nicht so anzüglich reden, das könne man in der geistre­ichen Res­i­denz nicht vertragen.

»Nanu!« ent­geg­nete Hän­schen. »Wenn ein Klei­derkün­stler nicht mehr sticheln und anzüglich reden soll, da hört alles auf.«

Die Sache wurde nun im Gemein­der­ate und vom Mag­is­trate rei­flich erwogen, und alle Stim­men einigten sich in dem Rufe: »Wass­er um jeden Preis – ehe wir im Sande total­iter vertrocknen!«

Der Mag­is­trat stellte hier­auf die Not gemein­er Stadt dem Könige vor und auch das Mit­tel zu deren Abhil­fe und bat Seine Majestät, in Gnaden zu geruhen, für den frem­den Brun­nenarzt ein Geheimer­ats­dekret aus­fer­ti­gen zu lassen, die Besol­dung solle aus städtis­chen Mit­teln gern bestrit­ten wer­den. Der König will­fahrete mit väter­lich­er Huld diesem Gesuche und ließ das Dekret aus­fer­ti­gen, jedoch – durch Erfahrun­gen gewitzigt – mit dem Vor­be­halte, daß selbes nicht eher in Kraft trete, bis hin­länglich­es Wass­er geschafft sei – son­st solle es nichts gel­ten, da schon so viele Ver­sprechun­gen von auswärts herge­wan­derten Fremdlin­gen zwar zu Wass­er gewor­den seien, aber zu keinem nutzbaren. Hän­schen begab sich nun in Begleitung ein­er schnell ernan­nten Wasserkom­mis­sion auf den Markt, sah schon von weit­em den grauen Quad­er – sprach zu den Tech­nikern der Kom­mis­sion: diesen Stein las­set aus­brechen, ihr Her­ren! – und als dies geschah, so rauschte plöt­zlich der Strahl eines Spring­brun­nens stark und mächtig und turmhoch in die Luft und quoll so viel Wass­er aus, daß auf der Stelle in allen Kau­flä­den der Res­i­denz die Preise der wasserdicht­en Zeuge um das Dop­pelte in die Höhe gingen.

Laut erscholl durch die ganze Königsres­i­denz das Lob des Wasser­dok­tors; fast hätte man ihn, wie den Schnei­der Hans Bock­hold von Lei­den, zum Propheten gemacht und ihn in Opern voll Pomp und Unsinn verherrlicht .

Noch des­sel­ben Tages wurde der neue Herr Geheimer­at, der sich indessen mit Staatsklei­dern, Staatswa­gen und Diener­schaft verse­hen hat­te, an den Hof gerufen und fuhr stolz in den Palast. Der König sagte ihm vieles Fre­undliche und schenk­te ihm in Anerken­nung seines Ver­di­en­stes um die Haupt- und Res­i­den­zs­tadt einen schö­nen Orden, am gewasserten Bande zu tra­gen. Sehr bald lenk­te sich das Gespräch auf die Krankheit der Königstochter, und der König fragte den neuen Geheimer­at, ob er als geschick­ter Wasser­dok­tor vielle­icht für die Prinzessin eine Brun­nenkur heil­sam finde. »Nein, Euer Majestät«, erwiderte der Geheimer­at. »Ein­mal mit Wass­er mich befaßt, und nicht wieder. Lasse mich Eure Majestät der Gnade teil­haft wer­den, Aller­höch­st­dero Prinzessin Tochter zu sehen, so hoffe ich zuver­sichtlich den Sitz ihrer Krankheit zu ergrün­den.« Darüber war der König über alle Maßen froh und führte den Dok­tor selb­st zu der kranken Prinzessin. Der fühlte ihr den Puls und sahe, daß sie sehr schön war. Dann sprach er: »Großmächtig­ster König, wenn die aller­durch­lauchtig­ste Prinzessin gene­sen soll, so kann dies nicht durch irdis­che Medi­zin geschehen, son­dern durch göt­tliche Hil­fe; ges­tat­ten Aller­höch­st­diesel­ben, daß wir die Kranke in die Hofkirche tra­gen lassen, dort wird sie wohl gene­sen.« Dieser Vorschlag ward vom Könige als­bald gut­ge­heißen, denn er war sehr fromm und freute sich, einen so from­men neuen Geheimer­at gewon­nen zu haben. In der Kirche ließ sich der Heilkün­stler von der Prinzessin den Opfer­stock zeigen, suchte nach und fand in ein­er Ritze das Gold­stück. Dieses gab er der erleucht­en Kranken in die Hand und ersuchte sie, das­selbe nun richtig in den Stock zu wer­fen. Sel­biges tat die Prinzessin, und als­bald wurde sie völ­lig gesund und begann wie eine Rose aufzublühen. So führte sie nun der Geheimer­at zu dem Könige. Was da für eine große Freude war, ist gar nicht zu schildern. Aus dem Geheimer­at wurde als­bald rasch nacheinan­der ein Reich­srat, ein Standesh­err, ein Graf, ein Fürst – und aus diesem ein Bräutigam der gene­se­nen Prinzessin.

Nach der Hochzeit fahren die Neu­ver­mählten auf ein­er Run­dreise durch das Land, da kamen sie auch durch das Dorf, aus welchem der Fürst jüngst als Hän­schen gewan­dert war. Da stand am Wirtshaus ein Scheren­schleifer und schliff, und seine Frau drehte ihm das Rad – und da waren’s der Peter und das Lieschen, die den Peter erst dur­chaus nicht haben wollte, ihn aber am Ende doch nahm, weil er ihr zuschwur, Hän­schen werde sie nie wieder sehen. Hän­schen kan­nte gle­ich den Peter am falschen Gesicht, rief dem Kutsch­er zu: »Halt!« und jen­em rief er zu: »Peter!«

Peter horchte hoch auf – und fragte, was der Herr befehle.

»Nichts befehlen will ich; Peter«, sprach Hans, »als daß du das Hän­schen in mir wiederken­nen sollst, dem du zu so hohem Glücke ver­holfen hast. Dort im Walde fand ich armer Augen­los­er, durch dich augen­los – das blinde Glück, wie manche blinde Taube ihre Erb­se. Dort unter einem Baume, an dem ich lag, suchte mich es heim. Hier hast du vieles Geld vom blind­en Bet­tler, der wieder sehend und reich gewor­den ist! Fahre wohl, und fahr zu, Kutscher!«

Peter stand wie aus den Wolken gefall­en, lange star­rte er dem Pracht­wa­gen nach, dann gab er sein­er Frau das Geld, es aufzuheben, und sagte: »Dor­thin muß ich auch – muß auch das blinde Glück find­en.« Und als­bald rüstete sich Peter und wan­derte, so rasch er wan­dern kon­nte, an jenen Ort, wo er am armen Hän­schen die let­zte treulose Tat beg­ing. Ein Fuchs lief lange vor ihm her – an jen­em Orte stand der Fuchs. Da kam von weit­em ein Wolf ent­ge­genge­sprun­gen. Rasch wandte Peter sich um, da tra­bte ein Bär des Weges daher. Voll Entset­zen klomm jet­zt Peter am Baume empor, unter dem er Hän­schen den let­zten Augapfel aus­gestochen hatte.

»Ver­räter! Ver­räter! Ver­räter, die ihr seid!« bellte der Fuchs, heulte der Wolf, brummte der Bär, und jed­er beschuldigte den andern, das Geheim­nis ver­plaud­ert zu haben, auf dessen Behü­tung sie einan­der doch alle drei die Pfote gegeben hat­ten, waren sehr bis­sig gegeneinan­der und gaben einan­der schlechte Titel. Endlich nah­men Bär und Fuchs gegen den Wolf Partei, der sollte zunächst der Ver­räter sein und dafür gehenkt wer­den, und als­bald drehte der Fuchs ein Seil und eine Schlinge aus Tan­nen­reisig, der Bär hielt den Wolf fest, der Fuchs warf let­zterem die Schlinge um den Hals und zog den Zap­pel­nden in die Höhe. Der Wolf star­rte stieren Auges empor, da sah er Peter im Gezweige des Baumes sitzen und heulte: »O falsche ungerechte Welt! Da droben sitzt er, der unser Geheim­nis ver­rat­en hat!«

Jet­zt sahen die andern bei­den Tiere auch in die Höhe, ließen den Wolf fall­en, und der Bär klet­terte auf den Baum und holte den Peter herunter. Drun­ten empf­ing ihn der Fuchs, der so fuch­swild war, daß er ihm gle­ich bei­de Augen auskratzte. Dann würgte ihn der Wolf, und der Bär drück­te ihn mause­tot, darauf haben sie ihn zu dritt aufge­fressen, daß kein Knöchelchen von ihm übrig geblieben ist.