Schneewittchen

von Brüder Grimm

~15 Min

Es war ein­mal mit­ten im Win­ter, und die Schneeflock­en fie­len wie Fed­ern vom Him­mel herab. Da sass eine Köni­gin an einem Fen­ster, das einen Rah­men von schwarzem Eben­holz hat­te, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee auf­blick­te, stach sie sich mit der Nadel in den Fin­ger, und es fie­len drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rote im weis­sen Schnee so schön aus­sah, dachte sie bei sich: Hätt‘ ich ein Kind, so weiss wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rah­men! Bald darauf bekam sie ein Töchter­lein, das war so weiss wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Eben­holz und ward darum Schnee­wittchen (Schneeweiss­chen) genan­nt. Und wie das Kind geboren war, starb die Köni­gin. Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin. Es war eine schöne Frau, aber sie war stolz und über­mütig und kon­nte nicht lei­den, dass sie an Schön­heit von jemand sollte übertrof­fen wer­den. Sie hat­te einen wun­der­baren Spiegel wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, sprach sie: 

Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schön­ste im ganzen Land?“

so antwortete der Spiegel: 

Frau Köni­gin, Ihr seid die Schön­ste im Land.“ 

Da war sie zufrieden, denn sie wusste, dass der Spiegel die Wahrheit sagte. Schnee­wittchen aber wuchs her­an und wurde immer schön­er, und als es sieben Jahre alt war, war es so schön, wie der klare Tag und schön­er als die Köni­gin selb­st. Als diese ein­mal ihren Spiegel fragte: 

Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schön­ste im ganzen Land?“ 

so antwortete er: 

Frau Köni­gin, Ihr seid die Schön­ste hier,
Aber Schnee­wittchen ist tausend­mal schön­er als Ihr.“ 

Da erschrak die Köni­gin und ward gelb und grün vor Neid. Von Stund an, wenn sie Schnee­wittchen erblick­te, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum – so has­ste sie das Mäd­chen. Und der Neid und Hochmut wuch­sen wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, dass sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hat­te. Da rief sie einen Jäger und sprach: Bring das Kind hin­aus in den Wald, ich will’s nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst es töten und mir Lunge und Leber zum Wahrze­ichen mit­brin­gen.“ Der Jäger gehorchte und führte es hin­aus, und als er den Hirschfänger gezo­gen hat­te und Schnee­wittchens unschuldiges Herz durch­bohren wollte, fing es an zu weinen und sprach: Ach, lieber Jäger, lass mir mein Leben! Ich will in den wilden Wald laufen und nim­mer­mehr wieder heimkom­men.“ Und weil es gar so schön war, hat­te der Jäger Mitlei­den und sprach: So lauf hin, du armes Kind!“ Die wilden Tiere wer­den dich bald gefressen haben, dachte er, und doch war’s ihm, als wäre ein Stein von seinem Herzen gewälzt, weil er es nicht zu töten brauchte. Und als ger­ade ein junger Frischling daherge­sprun­gen kam, stach er ihn ab, nahm Lunge und Leber her­aus und brachte sie als Wahrze­ichen der Köni­gin mit. Der Koch musste sie in Salz kochen, und das boshafte Weib ass sie auf und meinte, sie hätte Schnee­wittchens Lunge und Leber gegessen. 

Nun war das arme Kind in dem grossen Wald mut­tersee­le­nallein, und ward ihm so angst, dass es alle Blät­ter an den Bäu­men ansah und nicht wusste, wie es sich helfen sollte. Da fing es an zu laufen und lief über die spitzen Steine und durch die Dor­nen, und die wilden Tiere sprangen an ihm vor­bei, aber sie tat­en ihm nichts. Es lief, so lange nur die Füsse noch fortkon­nten, bis es bald Abend wer­den wollte. Da sah es ein kleines Häuschen und ging hinein, sich zu ruhen. In dem Häuschen war alles klein, aber so zier­lich und rein­lich, dass es nicht zu sagen ist. Da stand ein weiss­gedeck­tes Tis­chlein mit sieben kleinen Tellern, jedes Teller­lein mit seinem Löf­felein, fern­er sieben Messer­lein und Gäblelein und sieben Becher­lein. An der Wand waren sieben Bet­tlein nebeneinan­der aufgestellt und schneeweisse Lak­en darüber gedeckt. Schnee­wittchen, weil es so hun­grig und durstig war, ass von jedem Teller­lein ein wenig Gemüs‘ und Brot und trank aus jedem Becher­lein einen Tropfen Wein; denn es wollte nicht einem alles weg­nehmen. Her­nach, weil es so müde war, legte es sich in ein Bettchen, aber keins passte; das eine war zu lang, das andere zu kurz, bis endlich das siebente recht war; und darin blieb es liegen, befahl sich Gott und schlief ein. 

Als es ganz dunkel gewor­den war, kamen die Her­ren von dem Häuslein, das waren die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz hack­ten und gruben. Sie zün­de­ten ihre sieben Lichtlein an, und wie es nun hell im Häuslein ward, sahen sie, dass jemand darin gesessen war, denn es stand nicht alles so in der Ord­nung, wie sie es ver­lassen hat­ten. Der erste sprach: Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?‘ Der zweite: Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“ Der dritte: Wer hat von meinem Brötchen genom­men?“ Der vierte: Wer hat von meinem Gemüschen gegessen?“ Der fün­fte: Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?“ Der sech­ste: Wer hat mit meinem Messerchen geschnit­ten?“ Der siebente: Wer hat aus meinem Becher­lein Getrunk­en?“ Dann sah sich der erste um und sah, dass auf seinem Bett eine kleine Delle war, da sprach er: Wer hat in mein Bettchen getreten?“ Die anderen kamen gelaufen und riefen: In meinem hat auch jemand Gele­gen!“ Der siebente aber, als er in sein Bett sah, erblick­te Schnee­wittchen, das lag darin und schlief. Nun rief er die andern, die kamen her­beige­laufen und schrien vor Ver­wun­derung, holten ihre sieben Lichtlein und beleuchteten Schnee­wittchen. Ei, du mein Gott! Ei, du mein Gott!“ riefen sie, was ist das Kind so schön!“ Und hat­ten so grosse Freude, dass sie es nicht aufweck­ten, son­dern im Bet­tlein fortschlafen liessen. Der siebente Zwerg aber schlief bei seinen Gesellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht herum. Als es Mor­gen war, erwachte Schnee­wittchen, und wie es die sieben Zwerge sah, erschrak es. Sie waren aber fre­undlich und fragten: Wie heisst du?“ – Ich heisse Schnee­wittchen,“ antwortete es. Wie bist du in unser Haus gekom­men?“ sprachen weit­er die Zwerge. Da erzählte es ihnen, dass seine Stief­mut­ter es hätte wollen umbrin­gen lassen, der Jäger hätte ihm aber das Leben geschenkt, und da wär‘ es gelaufen den ganzen Tag, bis es endlich ihr Häuslein gefun­den hätte. Die Zwerge sprachen: Willst du unsern Haushalt verse­hen, kochen, bet­ten, waschen, nähen und strick­en, und willst du alles ordentlich und rein­lich hal­ten, so kannst du bei uns bleiben, und es soll dir an nichts fehlen.“ – Jaa, sagte Schnee­wittchen, von Herzen gern!“ und blieb bei ihnen. Es hielt ihnen das Haus in Ord­nung. Mor­gens gin­gen sie in die Berge und sucht­en Erz und Gold, abends kamen sie wieder, und da musste ihr Essen bere­it sein. Den ganzen Tag über war das Mäd­chen allein; da warn­ten es die guten Zwer­glein und sprachen: Hüte dich vor dein­er Stief­mut­ter, die wird bald wis­sen, dass du hier bist; lass ja nie­mand here­in! Die Köni­gin aber, nach­dem sie Schnee­wittchens Lunge und Leber glaubte gegessen zu haben, dachte nicht anders, als sie wäre wieder die Erste und Aller­schön­ste, trat vor ihren Spiegel und sprach: 

Spieglein, Spieglein. an der Wand,
Wer ist die Schön­ste im ganzen Land?“ 

Da antwortete der Spiegel: 

Frau Köni­gin, Ihr seid die Schön­ste hier,
Aber Schnee­wittchen über den Bergen
Bei den sieben Zwergen
Ist noch tausend­mal schön­er als Ihr.“ 

Da erschrak sie, denn sie wusste, dass der Spiegel keine Unwahrheit sprach, und merk­te, dass der Jäger sie bet­ro­gen hat­te und Schnee­wittchen noch am Leben war. Und da sann und sann sie aufs neue, wie sie es umbrin­gen wollte; denn so lange sie nicht die Schön­ste war im ganzen Land, liess ihr der Neid keine Ruhe. Und als sie sich endlich etwas aus­gedacht hat­te, färbte sie sich das Gesicht und klei­dete sich wie eine alte Krämerin und war ganz unken­ntlich. In dieser Gestalt ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwer­gen, klopfte an die Türe und rief: Schöne Ware feil! feil!“ Schnee­wittchen guck­te zum Fen­ster hin­aus und rief: Guten Tag, liebe Frau! Was habt Ihr zu verkaufen?“ – Gute Ware,“ antwortete sie, Schnür­riemen von allen Far­ben,“ und holte einen her­vor, der aus bunter Sei­de geflocht­en war. Die ehrliche Frau kann ich herein­lassen, dachte Schnee­wittchen, riegelte die Türe auf und kaufte sich den hüb­schen Schnür­riemen. Kind,“ sprach die Alte, wie du aussiehst! Komm, ich will dich ein­mal ordentlich schnüren.“ Schnee­wittchen hat­te kein Arg, stellte sich vor sie und liess sich mit dem neuen Schnür­riemen schnüren. Aber die Alte schnürte geschwind und schnürte so fest, dass dem Schnee­wittchen der Atem verg­ing und es für tot hin­fiel. Nun bist du die Schön­ste gewe­sen,“ sprach sie und eilte hin­aus. Nicht lange darauf, zur Abendzeit, kamen die sieben Zwerge nach Haus; aber wie erschrak­en sie, als sie ihr liebes Schnee­wittchen auf der Erde liegen sahen, und es regte und bewegte sich nicht, als wäre es tot. Sie hoben es in die Höhe, und weil sie sahen, dass es zu fest geschnürt war, schnit­ten sie den Schnür­riemen entzwei; da fing es an ein wenig zu atmen und ward nach und nach wieder lebendig. Als die Zwerge hörten, was geschehen war, sprachen sie: Die alte Krämer­frau war nie­mand als die got­t­lose Köni­gin. Hüte dich und lass keinen Men­schen here­in, wenn wir nicht bei dir sind!“ Das böse Weib aber, als es nach Haus gekom­men war, ging vor den Spiegel und fragte: 

Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schön­ste im ganzen Land?“ 

Da antwortete er wie sonst: 

Frau Köni­gin, Ihr seid die Schön­ste hier,
Aber Schnee­wittchen über den Bergen
Bei den sieben Zwergen
Ist noch tausend­mal schön­er als Ihr.“ 

Als sie das hörte, lief ihr alles Blut zum Herzen, so erschrak sie, denn sie sah wohl, dass Schnee­wittchen wieder lebendig gewor­den war. Nun aber,“ sprach sie,“ will ich etwas aussin­nen, das dich- zugrunde richt­en soll,“ und mit Hex­enkün­sten, die sie ver­stand, machte sie einen gifti­gen Kamm. Dann verklei­dete sie sich und nahm die Gestalt eines anderen alten Weibes an. So ging sie hin über die sieben Berge zu den sieben Zwer­gen, klopfte an die Türe und rief: Gute Ware feil! feil!“ Schnee­wittchen schaute her­aus und sprach: Geht nur weit­er, ich darf nie­mand herein­lassen!“ – Das Anse­hen wird dir doch erlaubt sein,“ sprach die Alte, zog den gifti­gen Kamm her­aus und hielt ihn in die Höhe. Da gefiel er dem Kinde so gut, dass es sich betören liess und die Türe öffnete. Als sie des Kaufs einig waren, sprach die Alte: Nun will ich dich ein­mal ordentlich käm­men.“ Das arme Schnee­wittchen dachte an nichts, liess die Alte gewähren, aber kaum hat­te sie den Kamm in die Haare gesteckt, als das Gift darin wirk­te und das Mäd­chen ohne Besin­nung nieder­fiel. Du Aus­bund von Schön­heit,“ sprach das boshafte Weib, jet­zt ist’s um dich geschehen,“ und ging fort. Zum Glück aber war es bald Abend, wo die sieben Zwer­glein nach Haus kamen. Als sie Schnee­wittchen wie tot auf der Erde liegen sahen, hat­ten sie gle­ich die Stief­mut­ter in Ver­dacht, sucht­en nach und fan­den den gifti­gen Kamm. Und kaum hat­ten sie ihn her­aus­ge­zo­gen, so kam Schnee­wittchen wieder zu sich und erzählte, was vorge­gan­gen war. Da warn­ten sie es noch ein­mal, auf sein­er Hut zu sein und nie­mand die Türe zu öff­nen. Die Köni­gin stellte sich daheim vor den Spiegel und sprach: 

Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schön­ste im ganzen Land?“ 

Da antwortete er wie vorher: 

Frau Köni­gin, Ihr seid die Schön­ste hier,
Aber Schnee­wittchen über den Bergen
Bei den sieben Zwergen
Ist noch tausend­mal schön­er als Ihr.“ 

Als sie den Spiegel so reden hörte, zit­terte und bebte sie vor Zorn. Schnee­wittchen soll ster­ben,“ rief sie, und wenn es mein eigenes Leben kostet!“ Darauf ging sie in eine ganz ver­bor­gene, ein­same Kam­mer, wo nie­mand hinkam, und machte da einen gifti­gen, gifti­gen Apfel. Äusser­lich sah er schön aus, weiss mit roten Back­en, dass jed­er, der ihn erblick­te, Lust danach bekam, aber wer ein Stückchen davon ass, der musste ster­ben. Als der Apfel fer­tig war, färbte sie sich das Gesicht und verklei­dete sich in eine Bauers­frau, und so ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwer­gen. Sie klopfte an. Schnee­wittchen streck­te den Kopf zum Fen­ster her­aus und sprach: “ Ich darf keinen Men­schen ein­lassen, die sieben Zwerge haben mir’s ver­boten!“ – Mir auch recht,“ antwortete die Bäuerin, meine Äpfel will ich schon loswer­den. Da, e i n e n will ich dir schenken.“ – Nein,“ sprach Schnee­wittchen, ich darf nichts annehmen!“ – Fürcht­est du dich vor Gift?“ sprach die Alte, siehst du, da schnei­de ich den Apfel in zwei Teile; den roten Back­en iss, den weis­sen will ich essen “ Der Apfel war aber so kün­stlich gemacht, dass der rote Back­en allein vergiftet war. Schnee­wittchen lus­terte den schö­nen Apfel an, und als es sah, dass die Bäuerin davon ass, so kon­nte es nicht länger wider­ste­hen, streck­te die Hand hin­aus und nahm die giftige Hälfte. Kaum aber hat­te es einen Bis­sen davon im Mund, so fiel es tot zur Erde nieder. Da betra­chtete es die Köni­gin mit grausi­gen Blick­en und lachte über­laut und sprach: Weiss wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Eben­holz! Dies­mal kön­nen dich die Zwerge nicht wieder erweck­en.“ Und als sie daheim den Spiegel befragte: 

Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schön­ste im ganzen Land?“ 

so antwortete er endlich: 

Frau Köni­gin, Ihr seid die Schön­ste im Land.“ 

Da hat­te ihr nei­dis­ches Herz Ruhe, so gut ein nei­dis­ches Herz Ruhe haben kann. 

Die Zwer­glein, wie sie abends nach Haus kamen, fan­den Schnee­wittchen auf der Erde liegen, und es ging kein Atem mehr aus seinem Mund, und es war tot. Sie hoben es auf sucht­en, ob sie was Giftiges fän­den, schnürten es auf, kämmten ihm die Haare, wuschen es mit Wass­er und Wein, aber es half alles nichts; das liebe Kind war tot und blieb tot. Sie legten es auf eine Bahre und set­zten sich alle siebene daran und bewein­ten es und wein­ten drei Tage lang. Da woll­ten sie es begraben, aber es sah noch so frisch aus wie ein leben­der Men­sch und hat­te noch seine schö­nen, roten Back­en. Sie sprachen: Das kön­nen wir nicht in die schwarze Erde versenken,“ und liessen einen durch­sichti­gen Sarg von Glas machen, dass man es von allen Seit­en sehen kon­nte, legten es hinein und schrieben mit gold­e­nen Buch­staben seinen Namen darauf und dass es eine Königstochter wäre. Dann set­zten sie den Sarg hin­aus auf den Berg, und ein­er von ihnen blieb immer dabei und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und bewein­ten Schnee­wittchen, erst eine Eule dann ein Rabe. zulet­zt ein Täubchen. Nun lag Schnee­wittchen lange, lange Zeit in dem Sarg und ver­weste nicht, son­dern sah aus, als wenn es schliefe, denn es war noch so weiss wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Eben­holz. Es geschah aber, dass ein Königssohn in den Wald geri­et und zu dem Zwer­gen­haus kam, da zu über­nacht­en. Er sah auf dem Berg den Sarg und das schöne Schnee­wittchen darin und las, was mit gold­e­nen Buch­staben darauf geschrieben war. Da sprach er zu den Zwer­gen: Lasst mir den Sarg, ich will euch geben, was ihr dafür haben wollt “ Aber die Zwerge antworteten: Wir geben ihn nicht für alles Gold in der Welt.“ Da sprach er: So schenkt mir ihn, denn ich kann nicht leben, ohne Schnee­wittchen zu sehen, ich will es ehren und hochacht­en wie mein Lieb­stes.“ Wie er so sprach, emp­fan­den die guten Zwer­glein Mitleid mit ihm und gaben ihm den Sarg. Der Königssohn liess ihn nun von seinen Dienern auf den Schul­tern fort­tra­gen. Da geschah es, dass sie über einen Strauch stolperten, und von dem Schüt­tern fuhr der giftige Apfel­grütz, den Schnee­wittchen abge­bis­sen hat­te, aus dem Hals. Und nicht lange, so öffnete es die Augen, hob den Deck­el vom Sarg in die Höhe und richtete sich auf und war wieder lebendig. Ach Gott, wo bin ich?“ rief es. Der Königssohn sagte voll Freude: Du bist bei mir,“ und erzählte, was sich zuge­tra­gen hat­te, und sprach: Ich habe dich lieber als alles auf der Welt; komm mit mir in meines Vaters Schloss, du sollst meine Gemahlin wer­den.“ Da war ihm Schnee­wittchen gut und ging mit ihm, und ihre Hochzeit ward mit gross­er Pracht und Her­rlichkeit ange­ord­net. Zu dem Feste wurde aber auch Schnee­wittchens got­t­lose Stief­mut­ter ein­ge­laden. Wie sie sich nun mit schö­nen Klei­dern ange­tan hat­te, trat sie vor den Spiegel und sprach: 

Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schön­ste im ganzen Land?“

Der Spiegel antwortete: 

Frau Köni­gin, Ihr seid die Schön­ste hier,
Aber die junge Köni­gin ist noch tausend­mal schön­er als ihr.“

Da stiess das böse Weib einen Fluch aus, und ward ihr so angst, so angst, dass sie sich nicht zu lassen wusste. Sie wollte zuerst gar nicht auf die Hochzeit kom­men, doch liess es ihr keine Ruhe, sie musste fort und die junge Köni­gin sehen. Und wie sie hinein­trat, erkan­nte sie Schnee­wittchen, und vor Angst und Schreck­en stand sie da und kon­nte sich nicht regen. Aber es waren schon eis­erne Pantof­fel über Kohlen­feuer gestellt und wur­den mit Zan­gen hereinge­tra­gen und vor sie hingestellt. Da musste sie in die rot­glühen­den Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.