Schneeweisschen und Rosenrot

von Brüder Grimm

~12 Min

Eine arme Witwe, die lebte ein­sam in einem Hüttchen, und vor dem Hüttchen war ein Garten, darin standen zwei Rosen­bäum­chen, davon trug das eine weisse, das andere rote Rosen; und sie hat­te zwei Kinder, die glichen den bei­den Rosen­bäum­chen, und das eine hiess Schneeweiss­chen, das andere Rosen­rot. Sie waren aber so fromm und gut, so arbeit­sam und unver­drossen, als je zwei Kinder auf der Welt gewe­sen sind: Schneeweiss­chen war nur stiller und san­fter als Rosen­rot. Rosen­rot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blu­men und fing Som­mervögel; Schneeweiss­chen aber sass daheim bei der Mut­ter, half ihr im Hauswe­sen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war. Die bei­den Kinder hat­ten einan­der so lieb, dass sie sich immer an den Hän­den fassten, sooft sie zusam­men aus­gin­gen; und wenn Schneeweiss­chen sagte: Wir wollen uns nicht ver­lassen,“ so antwortete Rosen­rot: Solange wir leben, nicht,“ und die Mut­ter set­zte hinzu: Was das eine hat, soll’s mit dem andern teilen.“ Oft liefen sie im Walde allein umher und sam­melten rote Beeren, aber kein Tier tat ihnen etwas zuleid, son­dern sie kamen ver­traulich her­bei: das Häschen frass ein Kohlblatt aus ihren Hän­den, das Reh graste an ihrer Seite, der Hirsch sprang ganz lustig vor­bei, und die Vögel blieben auf den Ästen sitzen und san­gen, was sie nur wussten. Kein Unfall traf sie – wenn sie sich im Walde ver­spätet hat­ten und die Nacht sie über­fiel, so legten sie sich nebeneinan­der auf das Moos und schliefen, bis der Mor­gen kam, und die Mut­ter wusste das und hat­te ihren­twe­gen keine Sorge. Ein­mal, als sie im Walde über­nachtet hat­ten und das Mor­gen­rot sie aufweck­te, da sahen sie ein schönes Kind in einem weis­sen, glänzen­den Klei­d­chen neben ihrem Lager sitzen. Es stand auf und blick­te sie ganz fre­undlich an, sprach aber nichts und ging in den Wald hinein. Und als sie sich umsa­hen, so hat­ten sie ganz nahe bei einem Abgrunde geschlafen und wären gewiss hineinge­fall­en, wenn sie in der Dunkel­heit noch ein paar Schritte weit­erge­gan­gen wären. Die Mut­ter aber sagte ihnen, das müsste der Engel gewe­sen sein, der gute Kinder bewache.

Schneeweiss­chen und Rosen­rot hiel­ten das Hüttchen der Mut­ter so rein­lich, dass es eine Freude war hineinzuschauen. Im Som­mer besorgte Rosen­rot das Haus und stellte der Mut­ter jeden Mor­gen, ehe sie aufwachte, einen Blu­men­strauss vors Bett, darin war von jedem Bäum­chen eine Rose. Im Win­ter zün­dete Schneeweiss­chen das Feuer an und hing den Kessel an den Feuer­hak­en, und der Kessel war von Mess­ing, glänzte aber wie Gold, so rein war er gescheuert. Abends, wenn die Flock­en fie­len, sagte die Mut­ter: Geh, Schneeweiss­chen, und schieb den Riegel vor,“ und dann set­zten sie sich an den Herd, und die Mut­ter nahm die Brille und las aus einem grossen Buche vor und die bei­den Mäd­chen hörten zu, sassen und span­nen; neben ihnen lag ein Lämm­chen auf dem Boden, und hin­ter ihnen auf ein­er Stange sass ein weiss­es Täubchen und hat­te seinen Kopf unter den Flügel gesteckt.

Eines Abends, als sie so ver­traulich beisam­men­sassen, klopfte jemand an die Türe, als wollte er ein­ge­lassen sein. Die Mut­ter sprach: Geschwind, Rosen­rot, mach auf, es wird ein Wan­der­er sein, der Obdach sucht.“ Rosen­rot ging und schob den Riegel weg und dachte, es wäre ein armer Mann, aber der war es nicht, es war ein Bär, der seinen dick­en schwarzen Kopf zur Türe here­in­streck­te. Rosen­rot schrie laut und sprang zurück: das Lämm­chen blök­te, das Täubchen flat­terte auf, und Schneeweiss­chen ver­steck­te sich hin­ter der Mut­ter Bett. Der Bär aber fing an zu sprechen und sagte: Fürchtet euch nicht, ich tue euch nichts zuleid, ich bin halb erfroren und will mich nur ein wenig bei euch wär­men.“ – Du armer Bär,“ sprach die Mut­ter, leg dich ans Feuer und gib nur acht, dass dir dein Pelz nicht bren­nt.“ Dann rief sie: Schneeweiss­chen, Rosen­rot, kommt her­vor, der Bär tut euch nichts, er meint’s ehrlich.“ Da kamen sie bei­de her­an, und nach und nach näherten sich auch das Lämm­chen und Täubchen und hat­ten keine Furcht vor ihm. Der Bär sprach: Ihr Kinder, klopft mir den Schnee ein wenig aus dem Pelzw­erk,“ und sie holten den Besen und kehrten dem Bär das Fell rein; er aber streck­te sich ans Feuer und brummte ganz vergnügt und behaglich. Nicht lange, so wur­den sie ganz ver­traut und trieben Mutwillen mit dem unbe­holfe­nen Gast. Sie zausten ihm das Fell mit den Hän­den, set­zten ihre Füss­chen auf seinen Rück­en und wal­gerten ihn hin und her, oder sie nah­men eine Hasel­rute und schlu­gen auf ihn los, und wenn er brummte, so lacht­en sie. Der Bär liess sich’s aber gerne gefall­en, nur wenn sie’s gar zu arg macht­en, rief er: Lasst mich am Leben, ihr Kinder.

Schneeweiss­chen, Rosenrot, 
schlägst dir den Freier tot.“

Als Schlafen­szeit war und die andern zu Bett gin­gen, sagte die Mut­ter zu dem Bär: Du kannst in Gottes Namen da am Herde liegen­bleiben, so bist du vor der Kälte und dem bösen Wet­ter geschützt.“ Sobald der Tag graute, liessen ihn die bei­den Kinder hin­aus, und er tra­bte über den Schnee in den Wald hinein. Von nun an kam der Bär jeden Abend zu der bes­timmten Stunde, legte sich an den Herd und erlaubte den Kindern, Kurzweil mit ihm zu treiben, soviel sie woll­ten; und sie waren so gewöh­nt an ihn, dass die Türe nicht eher zugeriegelt ward, als bis der schwarze Gesell ange­langt war.

Als das Früh­jahr herangekom­men und draussen alles grün war, sagte der Bär eines Mor­gens zu Schneeweiss­chen: Nun muss ich fort und darf den ganzen Som­mer nicht wiederkom­men.“ – Wo gehst du denn hin, lieber Bär?“ fragte Schneeweiss­chen. Ich muss in den Wald und meine Schätze vor den bösen Zwer­gen hüten: im Win­ter, wenn die Erde hart­ge­froren ist, müssen sie wohl unten bleiben und kön­nen sich nicht dur­char­beit­en, aber jet­zt, wenn die Sonne die Erde aufge­taut und erwärmt hat, da brechen sie durch, steigen her­auf, suchen und stehlen; was ein­mal in ihren Hän­den ist und in ihren Höhlen liegt, das kommt so leicht nicht wieder an des Tages Licht.“ Schneeweiss­chen war ganz trau­rig über den Abschied, und als es ihm die Türe aufriegelte und der Bär sich hin­aus­drängte, blieb er an dem Türhak­en hän­gen, und ein Stück sein­er Haut riss auf, und da war es Schneeweiss­chen, als hätte es Gold durch­schim­mern gese­hen; aber es war sein­er Sache nicht gewiss. Der Bär lief eilig fort und war bald hin­ter den Bäu­men verschwunden.

Nach einiger Zeit schick­te die Mut­ter die Kinder in den Wald, Reisig zu sam­meln. Da fan­den sie draussen einen grossen Baum, der lag gefällt auf dem Boden, und an dem Stamme sprang zwis­chen dem Gras etwas auf und ab, sie kon­nten aber nicht unter­schei­den, was es war. Als sie näher kamen, sahen sie einen Zwerg mit einem alten, ver­welk­ten Gesicht und einem ellen­lan­gen, schneeweis­sen Bart. Das Ende des Bartes war in eine Spalte des Baums eingek­lemmt, und der Kleine sprang hin und her wie ein Hünd­chen an einem Seil und wusste nicht, wie er sich helfen sollte. Er glotzte die Mäd­chen mit seinen roten feuri­gen Augen an und schrie. Was ste­ht ihr da! Kön­nt ihr nicht her­beige­hen und mir Bei­s­tand leis­ten?“ – Was hast du ange­fan­gen, kleines Män­nchen?“ fragte Rosen­rot. Dumme, neugierige Gans,“ antwortete der Zwerg, den Baum habe ich mir spal­ten wollen, um kleines Holz in der Küche zu haben; bei den dick­en Klötzen ver­bren­nt gle­ich das biss­chen Speise, das unsere­in­er braucht, der nicht so viel hin­un­ter­schlingt als ihr grobes, gieriges Volk. Ich hat­te den Keil schon glück­lich hineingetrieben, und es wäre alles nach Wun­sch gegan­gen, aber das ver­wün­schte Holz war zu glatt und sprang unverse­hens her­aus, und der Baum fuhr so geschwind zusam­men, dass ich meinen schö­nen weis­sen Bart nicht mehr her­ausziehen kon­nte; nun steckt er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die alber­nen glat­ten Milch­gesichter! Pfui, was seid ihr garstig!“ Die Kinder gaben sich alle Mühe, aber sie kon­nten den Bart nicht her­ausziehen, er steck­te zu fest. Ich will laufen und Leute her­bei­holen,“ sagte Rosen­rot. Wahnsin­nige Schaf­sköpfe,“ schnar­rte der Zwerg, wer wird gle­ich Leute her­beirufen, ihr seid mir schon um zwei zu viel; fällt euch nicht Besseres ein?“ – Sei nur nicht ungeduldig,“ sagte Schneeweiss­chen, ich will schon Rat schaf­fen,“ holte sein Scherchen aus der Tasche und schnitt das Ende des Bartes ab. Sobald der Zwerg sich frei fühlte, griff er nach einem Sack, der zwis­chen den Wurzeln des Baums steck­te und mit Gold gefüllt war, hob ihn her­aus und brummte vor sich hin: Unge­ho­beltes Volk, schnei­det mir ein Stück von meinem stolzen Barte ab! Lohn’s euch der Guck­uck!“ Damit schwang er seinen Sack auf den Rück­en und ging fort, ohne die Kinder nur noch ein­mal anzusehen.

Einige Zeit danach woll­ten Schneeweiss­chen und Rosen­rot ein Gericht Fis­che angeln. Als sie nahe bei dem Bach waren, sahen sie, dass etwas wie eine grosse Heuschrecke nach dem Wass­er zuhüpfte, als wollte es hinein­sprin­gen. Sie liefen her­an und erkan­nten den Zwerg. Wo willst du hin?“ sagte Rosen­rot, du willst doch nicht ins Wass­er?“ – Solch ein Narr bin ich nicht,“ schrie der Zwerg, seht ihr nicht, der ver­wün­schte Fisch will mich hineinziehen?“ Der Kleine hat­te dage­sessen und gean­gelt, und unglück­licher­weise hat­te der Wind seinen Bart mit der Angelschnur ver­flocht­en; als gle­ich darauf ein gross­er Fisch anbiss, fehlten dem schwachen Geschöpf die Kräfte, ihn her­auszuziehen: der Fisch behielt die Ober­hand und riss den Zwerg zu sich hin. Zwar hielt er sich an allen Hal­men und Bin­sen, aber das half nicht viel, er musste den Bewe­gun­gen des Fis­ches fol­gen und war in beständi­ger Gefahr, ins Wass­er gezo­gen zu wer­den. Die Mäd­chen kamen zu rechter Zeit, hiel­ten ihn fest und ver­sucht­en, den Bart von der Schnur loszu­machen, aber vergebens, Bart und Schnur waren fest ineinan­der ver­wirrt. Es blieb nichts übrig, als das Scherchen her­vorzu­holen und den Bart abzuschnei­den, wobei ein klein­er Teil des­sel­ben ver­loreng­ing. Als der Zwerg das sah, schrie er sie an: Ist das Manier, ihr Lorche, einem das Gesicht zu schän­den? Nicht genug, dass ihr mir den Bart unten abges­tutzt habt, jet­zt schnei­det ihr mir den besten Teil davon ab: ich darf mich vor den Meini­gen gar nicht sehen lassen. Dass ihr laufen müsstet und die Schuh­sohlen ver­loren hät­tet!“ Dann holte er einen Sack Perlen, der im Schil­fe lag, und ohne ein Wort weit­er zu sagen, schleppte er ihn fort und ver­schwand hin­ter einem Stein.

Es trug sich zu, dass bald her­nach die Mut­ter die bei­den Mäd­chen nach der Stadt schick­te, Zwirn, Nadeln, Schnüre und Bän­der einzukaufen. Der Weg führte sie über eine Hei­de, auf der hier und da mächtige Felsen­stücke zer­streut lagen. Da sahen sie einen grossen Vogel in der Luft schweben, der langsam über ihnen kreiste, sich immer tiefer her­ab­senk­te und endlich nicht weit bei einem Felsen nieder­stiess. Gle­ich darauf hörten sie einen durch­drin­gen­den, jäm­mer­lichen Schrei. Sie liefen herzu und sahen mit Schreck­en, dass der Adler ihren alten Bekan­nten, den Zwerg, gepackt hat­te und ihn fort­tra­gen wollte. Die mitlei­di­gen Kinder hiel­ten gle­ich das Män­nchen fest und zer­rten sich so lange mit dem Adler herum, bis er seine Beute fahren­liess. Als der Zwerg sich von dem ersten Schreck­en erholt hat­te, schrie er mit ein­er kreis­chen­den Stimme: Kon­ntet ihr nicht säu­ber­lich­er mit mir umge­hen? Geris­sen habt ihr an meinem dün­nen Röckchen, dass es über­all zer­fet­zt und durch­löchert ist, unbe­holfenes und läp­pis­ches Gesin­del, das ihr seid!“ Dann nahm er einen Sack mit Edel­steinen und schlüpfte wieder unter den Felsen in seine Höh­le. Die Mäd­chen waren an seinen Undank schon gewöh­nt, set­zten ihren Weg fort und ver­richteten ihr Geschäft in der Stadt. Als sie beim Heimweg wieder auf die Hei­de kamen, über­rascht­en sie den Zwerg, der auf einem rein­lichen Plätzchen seinen Sack mit Edel­steinen aus­geschüt­tet und nicht gedacht hat­te, dass so spät noch jemand daherkom­men würde. Die Abend­sonne schien über die glänzen­den Steine, sie schim­merten und leuchteten so prächtig in allen Far­ben, dass die Kinder ste­hen­blieben und sie betra­chteten. Was ste­ht ihr da und habt Maulaf­fen feil!“ schrie der Zwerg, und sein aschgraues Gesicht ward zin­nober­rot vor Zorn. Er wollte mit seinen Schelt­worten fort­fahren, als sich ein lautes Brum­men hören liess und ein schwarz­er Bär aus dem Walde her­beitra­bte. Erschrock­en sprang der Zwerg auf, aber er kon­nte nicht mehr zu seinem Schlupfwinkel gelan­gen, der Bär war schon in sein­er Nähe. Da rief er in Herzen­sangst: Lieber Herr Bär, ver­schont mich, ich will Euch alle meine Schätze geben, sehet, die schö­nen Edel­steine, die da liegen. Schenkt mir das Leben, was habt Ihr an mir kleinen, schmächti­gen Kerl? Ihr spürt mich nicht zwis­chen den Zäh­nen; da, die bei­den got­t­losen Mäd­chen packt, das sind für Euch zarte Bis­sen, fett wie junge Wachteln, die fresst in Gottes Namen.“ Der Bär küm­merte sich um seine Worte nicht, gab dem boshaften Geschöpf einen einzi­gen Schlag mit der Tatze, und es regte sich nicht mehr.

Die Mäd­chen waren fort­ge­sprun­gen, aber der Bär rief ihnen nach: Schneeweiss­chen und Rosen­rot, fürchtet euch nicht, wartet, ich will mit euch gehen.“ Da erkan­nten sie seine Stimme und blieben ste­hen, und als der Bär bei ihnen war, fiel plöt­zlich die Bären­haut ab, und er stand da als ein schön­er Mann und war ganz in Gold gek­lei­det. Ich bin eines Königs Sohn,“ sprach er, und war von dem got­t­losen Zwerg, der mir meine Schätze gestohlen hat­te, ver­wün­scht, als ein wilder Bär in dem Walde zu laufen, bis ich durch seinen Tod erlöst würde. Jet­zt hat er seine wohlver­di­ente Strafe empfangen.“

Schneeweiss­chen ward mit ihm ver­mählt und Rosen­rot mit seinem Brud­er, und sie teil­ten die grossen Schätze miteinan­der, die der Zwerg in sein­er Höh­le zusam­menge­tra­gen hat­te. Die alte Mut­ter lebte noch lange Jahre ruhig und glück­lich bei ihren Kindern. Die zwei Rosen­bäum­chen aber nahm sie mit, und sie standen vor ihrem Fen­ster und tru­gen jedes Jahr die schön­sten Rosen, weiss und rot.