Sambar: Die Lebensgeschichte der Maus Sambar

von Ludwig Bechstein

~15 Min

Ich bin geboren in dem Hause eines from­men Ein­siedlers; es waren unsr­er viele Geschwis­ter, und außer meinen lieben ver­stor­be­nen Eltern lebten auch deren Geschwis­ter, Vet­tern und Muh­men und deren Kinder allzu­mal in diesem Haus. Es fehlte uns niemals an Nahrungsmit­teln aller Art, denn die gut­täti­gen Leute in der Nach­barschaft tru­gen dem Ein­siedler alle Tage Brot, Mehl, Käse, Eier, But­ter, Früchte und Gemüse zu, viel mehr als er brauchte, darum, daß er für sie beten solle. Ob er für sie gebetet, und ob das ihnen etwas geholfen hat, weiß ich nicht. Nun gön­nte der Ein­siedler mir und meinen Ver­wandten doch nicht alles und hing deshalb einen Korb mit­ten in seine Küche, wo wir nicht dazu kon­nten. Da ich mich aber schon als junges Mäuslein durch Mut, gepaart mit List und Vor­sicht, vorteil­haft ausze­ich­nete, so sprang ich von der nahen Wand den­noch in den Korb, aß, soviel mir nur schmeck­te und warf das übrige meinen Ver­wandten herunter, die an jen­em Tag einen wahren Fest­tag feierten.

Als der Ein­siedler hereinkam und sah, was geschehen war, traf er Anstalt, den Korb noch höher zu hän­gen. Da besuchte ihn ein Wall­brud­er, den bewirtete er nach seinem Ver­mö­gen, und als sie miteinan­der gegessen und getrunk­en hat­ten, tat der Ein­siedel die Speis­er­este in den Korb und hing ihn an den neuen Ort und gedachte, achtzuhaben, ob das Mäuslein auch da hineinkom­men möchte? Indes begann der Gast zu reden und zu erzählen von seinen Fahrten zu Land und zu Meer und seinen Aben­teuern, die er erlebt und bestanden, aber er nahm wahr, daß der Gast­fre­und immer nur mit halbem Ohr auf ihn hörte und immer dem Korbe mit Leib und Blick­en halb zugewen­det blieb. Da ward der Waller unwillig und sprach: Ich erzäh­le dir die schön­sten Aben­teuer, und du acht­est nicht darauf und sche­inst keine Lust daran zu haben“ – Mit­nicht­en“, erwiderte der Ein­siedler, ich höre gar gern deine Reden, aber ich muß achthaben, ob die Mäuse wieder in den Speiseko­rb kom­men, denn dieses Ungeziefer frißt mir alles weg, daß kaum etwas für mich übrig­bleibt, und beson­ders ist eine, die springt in den Korb für alle andern.“ Damit meinte er mich, die kleine Sam­bar. Darauf sagte der Wall­brud­er: Bei dein­er Rede machst du mich der Fabel einge­denk von ein­er Frau, die zu ihrer Fre­undin sprach: Diese Frau gibt nicht ohne Ursache den aus­geschwun­genen Weizen für den unaus­geschwun­genen.“ -„Wieso? Wie war das?“ fragte der Ein­siedler, und der Waller sagte: Laß dir erzählen.

Ein­st­mals auf mein­er Wan­der­schaft her­bergte ich bei einem ehren­werten Mann, den hörte ich des Nachts, da ich nebe­nan schlief, zu sein­er Frau sprechen: Frau, mor­gen will ich etliche Fre­unde zu Gaste laden.‘ Dem antwortete das Weib: Du ver­magst nicht alle Tage Gäste zu haben und Wirtschaft zu machen; damit ver­tust du, was wir haben, und zulet­zt bleibt uns im Haus und Hof gar nichts mehr.‘ Da sprach der Mann: Haus­frau, laß dir das nicht miß­fall­en, was mein Wille ist, beson­ders in solchen Sachen! Ich sage dir, wer allewege karg ist, und nur immer ein­nehmen und zusam­men­schar­ren, aber niemals wieder aus­geben will, und dessen, was er hat, nicht recht froh wird, der nimmt ein Ende, wie der Wolf.‘

Wie war denn das Ende von dem Wolf?‘ fragte die Frau, und ihr Mann erzählte: Es war ein­mal, so sagt man, ein Jäger, der ging nach dem Walde mit seinem Schießzeug, Pfeil und Arm­brust, da begeg­nete ihm ein Rehbock, den schoß er und lud sich densel­ben auf, ihn heimzu­tra­gen. Darauf aber begeg­nete ihm ein Bär, der eilte auf ihn zu, und der Jäger, sich sein­er zu erwehren, span­nte in Eile die Arm­brust, legte den Pfeil darauf, aber er ver­mochte nicht anzule­gen, weil ihn der Rehbock hin­derte und legte geschwind die Arm­brust nieder, zück­te sein Wei­dmess­er und begann den Kampf mit dem Bären, und er ran­nte ihm das Mess­er durch den Leib in dem Augen­blick, wo der Bär ihn umfaßte und ihn tot­drück­te. Wie der Bär die schwere Wunde fühlte, brüllte er und riß sie aus Wut noch weit­er auf, so daß er sich bald verblutete. Abends ging ein Wolf des Wegs, der fand nun einen toten Rehbock, einen toten Bären und einen toten Jäger. Darüber ward er her­zlich froh und sprach in seinem Herzen: Das alles, was ich hier finde, das soll alles mein bleiben, davon kann ich mich lange nähren. Meine Brüder sollen nichts davon bekom­men. Vor­rat ist Herr, sagt das Sprich­wort. Heute will ich sparen und nichts davon anrühren, daß der Schatz lang dauert, obschon mich sehr hungert. Da liegt aber eine Arm­brust, deren Sehne kön­nte ich abna­gen. Und da machte sich der Wolf mit der ges­pan­nten Arm­brust zu schaf­fen, die schnappte los, und der aus­gelegte Strahl oder Bogenpfeil fuhr ihm mit­ten durchs Herz!‘ – Siehe, Frau‘, so fuhr der Mann fort, dem ich zuhörte, sprach der Wall­brud­er zu dem Ein­siedler, von welchem das Mäuslein Sam­bar ihren Fre­un­den, dem Raben und der Schild­kröte erzählte: – Siehe, Frau, da hast du ein Beispiel, daß es nicht immer gut sei, zu sam­meln, und das Gesam­melte treue Fre­unde nicht mit­ge­nießen lassen zu wollen. ‚ Darauf sprach die Frau: Du magst recht haben.‘ Als nun der Mor­gen kam, stand sie auf, nahm aus­ge­hül­sten Weizen, wusch ihn, bre­it­ete den aus, daß er trockne und set­zte ihr Kind dazu, ihn zu hüten, und dann ging sie weit­er zur Besorgung ihrer übri­gen Geschäfte. Aber das Kind tat, wie Kinder tun, es spielte und hat­te nicht acht auf den Weizen, und da kam die Sau, fraß davon und verun­reinigte den übri­gen Weizen, den sie nicht fraß. Als die Frau her­nach kam, und das sah, ekelte ihr vor dem übri­gen Weizen, nahm ihn und ging auf den Markt und bot ihn feil gegen unge­hül­sten zu gle­ichem Maß. Da hörte ich eine Nach­bars­frau jen­er, die gese­hen hat­te, was vorge­gan­gen war, spöt­tisch zu ein­er drit­ten sagen: Schau, wie gibt die Frau so wohlfeil gehül­sten Weizen gegen den unge­hül­sten! Es hat alles seine Ursache.‘ – So ist’s auch mit der Maus, von der du sagst, sie springe in den Korb für die andern Mäuse alle zusam­men, und das muß wohl seine Ursache haben. Gib mir eine Haue, so will ich dem Maus­loch nach­graben und die Ursache wohl find­en.‘- Diese Rede hörte ich“, so erzählte Sam­bar weit­er, im Löch­lein ein­er mein­er Gespielin­nen; in mein­er Höh­le aber lagen tausend Goldgulden ver­bor­gen, ohne daß ich noch der Ein­siedler wußten, wer sie hinein­gelegt, mit denen spielte ich täglich und hat­te damit meine Kurzweil. Der Waller grub und fand bald das Gold, nahm es und sprach: Siehe, die Kraft des Goldes hat der Maus solche Stärke ver­liehen, so keck in den hohen Korb zu sprin­gen. Sie wird es nun nicht mehr vermögen.‘

Diese Worte ver­nahm ich mit Beküm­mer­nis, und lei­der befand ich sie bald wahr. Als es Mor­gen wurde, kamen die andere Mäuse alle zu mir, daß ich sie, wie gewohnt, wieder füt­tere und waren hun­griger als je; ich aber ver­mochte nicht, wie ich son­st gekon­nt und getan, in den Korb zu sprin­gen, denn die Kraft war von mir gewichen, und als­bald sah ich mich von den Mäusen, meinen näch­sten Fre­un­den und Ver­wandten, ganz schnöd behan­delt; ja sie besorgten sich, am Ende mir etwas geben und mich ernähren zu müssen, deshalb ging eine jede ihres Wegs, und keine sah mich mehr an, als ob ich sie auf das bit­ter­ste belei­digt hätte.“

Da sprach ich zu mir trau­rig in meinem Gemüte diese Worte: Gute Fre­unde in der Not, gehn fün­fundzwanzig auf ein Lot; soll es aber ein har­ter Stand sein, so gehen fünf auf ein Quintlein. Wer keine Habe hat, hat auch keine Brüder; wer keine Brüder hat, hat keine Ver­wandtschaft; wer keine Ver­wandtschaft hat, hat auch keine Fre­und­schaft, und wer keine Fre­und­schaft hat, der wird vergessen. Armut ist ein har­ter Stand; Armut macht das Leben krank. Keine Wunde bren­nt so heftig als Armut. Vieles Lob wird dem Reichen, wenn aber der Reiche arm wird, dann wird ihm dop­pel­ter und dreifach­er Tadel; war er mild und gast­frei, so ist er ein Ver­schwen­der gewe­sen; war er edel und freisin­nig, so heißt er nun stolz und stre­it­süchtig; ist er still und ver­schlossen, so heißt er tief­sin­nig; ist er gesprächig, so heißt er ein Schwätzer. Tod ist min­der hart als Armut. Dem armen Mann ist eher geholfen, wenn er seine Hand in den offe­nen Rachen ein­er gifti­gen Schlange steckt, als wenn er Hil­fe begehrt von einem Geizhals.“

Weit­er sah ich nun, daß der Waller und der Ein­siedler die gefun­de­nen Goldgulden zu gle­ichen Hälften unter sich teil­ten und fröh­lich voneinan­der schieden; und der Ein­siedler legte sein Geld unter das Kopfkissen, darauf er schlief Ich aber gedachte, mir etwas davon anzueignen, um meine ver­lorene Kraft wieder zu erset­zen, aber der Ein­siedler erwachte von meinem leisen Geräusch und gab mir einen Schlag, daß ich nicht wußte, wo mir der Kopf stand und wie ich in mein Loch kam. Den­noch hat­te ich keine Ruhe vor mein­er Gier nach dem Gold und machte einen zweit­en Ver­such; da traf mich der Ein­siedler aber­mals so hart, daß ich blutete und tod­wund in meine Höh­le entrann. Da hat­te ich genug und dachte nur mit Schreck­en an Gold und Geld und sagte mir vier Sprüche vor in meinen Schmerzen und in mein­er Trau­rigkeit: Keine Ver­nun­ft ist bess­er als die, seine eige­nen Sachen wohl betra­cht­en und nicht nach frem­den streben. Nie­mand ist edel ohne gute Sit­ten. Kein besser­er Reich­tum als Genügsamkeit. Weise ist der, welch­er nicht nach dem strebt, was ihm unerr­e­ich­bar ist. So beschloß ich, in Armut und edlem Sinn zu behar­ren, ver­ließ des Ein­siedlers Haus und wan­derte in die Einöde. Dort richtete ich mir ein wohn­lich Wesen ein und lernte die fried­same Taube ken­nen, die ihre Hil­fe bei mir suchte, dadurch auch du, Fre­und Rabe, dich zu mir gesellt hast, der mir von sein­er Fre­und­schaft zu dir, Schild­kröte Korax, viel erzählte, so daß ich gern Ver­lan­gen trug, dich ken­nen­zuler­nen, denn es ist auf der Welt nichts Schöneres, als Gesellschaft treuer Fre­unde, und kein größeres Betrüb­nis gibt’s, als ein­sam und fre­und­los sein.“

Damit endete das kluge Mäuslein Sam­bar seine Lebens­geschichte, und die Schild­kröte nahm das Wort und sprach gar mild und fre­undlich: Ich sage dir besten Dank für deine so lehrre­iche Geschichte; viel hast du erfahren, und dein Schatz ist Weisheit gewor­den, die mehr ist als Gold. Nun vergiß hier bei uns dein Lei­den und deinen Ver­lust und denke, daß das edle Gemüt man ehrt, auch wenn am irdis­chen Besitz es Man­gel hat. Der Löwe, ob er schlafe, ob er wache, bleibt gefürchtet, und seine Stärke geht mit ihm, wohin er geht. Der Weise aber wech­selt gern den Aufen­thalt, auf daß er ken­nen­lerne fremde Lan­desart, und zur Beglei­t­erin erwählt er Gold nicht, nein – Vernunft.“

Wie der Rabe diese Worte hörte, freute er sich herzin­nig über die Eini­gung sein­er Fre­undin­nen und sprach zu ihnen fre­undliche Worte; indem so kam ein Hirsch gelaufen, und als die treuen Tiere ihn hörten, so flo­hen sie, die Schild­kröte in das Wass­er, die Maus in ein Wch­lein, der Rabe auf einen Baum.

Und wie der Hirsch an das Wass­er kam, erhob sich der Rabe in die Luft, zu sehen, ob vielle­icht ein Jäger den Hirsch ver­folge, da er aber nie­mand sah, so rief er seinen Fre­undin­nen, und da kamen sie wieder her­vor. Die Schild­kröte sah den Hirsch am Wass­er ste­hen mit aus­gestreck­tem Hals, als scheute er sich zu trinken, und rief ihm zu: Edler Herr, wenn dich dürstet, so trinke; du hast hier nie­mand zu fürcht­en!“ Da neigte der Hirsch sein Haupt und grüßte die Schild­kröte und näherte sich ihr, und sie fragte, woher er käme? Er antwortete: Ich bin lange im wilden Walde gewe­sen, da habe ich gese­hen, daß die Schlangen von einem Ende an das andere wan­del­ten und habe Furcht gefaßt, es möcht­en Jäger den Wald einkreisen und bin hier­her gewichen.“ Die Schild­kröte sprach: Hier­her kam noch nie ein Jäger, darum fürchte dich nicht. Und willst du hier wohnen, so kannst du von unsr­er Gesellschaft sein; es ist hier rings gute Wei­de.“ Das hörte der Hirsch gern und blieb auch da, und die Tiere erko­ren einen Platz unter den Ästen eines schat­ten­re­ichen Baumes, da kamen sie alle zusam­men und erzählten einan­der von dem Laufe der Welt und auch schöne Märchen.

So kamen eines Tages die treube­fre­un­de­ten Tiere auch zusam­men, der Rabe, die Maus und die Schild­kröte, aber der Hirsch blieb aus und fehlte. Da sorgten sie sich, ob ihm etwa von einem Jäger etwas begeg­net wäre, und der Rabe wurde aus­ge­sandt, nach ihm zu spähen und Botschaft zu brin­gen. Da sah er ihn nach ein­er Weile im Walde, nicht allzu fern von ihrem Aufen­thalt, in einem Netz gefan­gen liegen, kam wieder und sagte das seinen lieben Gesellen an. Sobald die Maus das ver­nahm, bat sie den Raben, sie zum Hirsch zu tra­gen, und dort sprach sie zu ihm: Brud­er, wer hat dich so über­wältiget? Man rüh­met doch als der ver­ständig­sten Tiere eines dich!“ Darauf seufzte der Hirsch und sprach: O liebe Schwest­er! Ver­stand schirmt nicht gegen den Urteilsspruch, der uns von oben kommt. Des Läufers Schnelle und des Starken Kraft zer­reißt das Netz nicht, das Ver­häng­nis heißt.“

Wie diese zwei noch rede­ten, kam die Schild­kröte daher, sie war gekrochen, so schnell sie kon­nte; da wandte der Hirsch sich zu ihr und sprach: O liebe Schwest­er, warum kommst du zu uns her? Und welchen Nutzen bringt uns deine Gegen­wart? Die Maus allein ver­mag mich zu erledi­gen, und naht der Jäger, so ent­fliehe ich gar leicht, der Rabe fliegt von dan­nen, und die Maus entschlüpft. Dir aber, die Natur gemach­sam schuf, nicht schnellen Schritts, auch flucht­ge­wandt nicht, dir dro­ht schmäh­liche Gefan­gen­schaft.“ Darauf antwortete die Schild­kröte: Ein treuer Fre­und, der auch Ver­nun­ft hat, wird sich nicht wert des Lebens dünken, wenn er um seine Fre­unde kam. Und wenn ihm nicht vergön­nt ist, daß er helfe, so mag er trösten doch nach seinen Kräften. Das Herz aus seinem Busen zieht ein treuer Fre­und und reicht es seinem treuen Fre­unde dar.“

Als dies die Schild­kröte noch sprach, während die Maus bere­its das Netz eifrig zer­nagt hat­te, hörten die Tiere den Jäger nahen, da entrann schnell der Hirsch, der Rabe ent­flog, die Maus entschlüpfte. Der Jäger aber fand sein Netz zer­nagt, erschrak, sah sich um und fand son­st nie­mand als die Schild­kröte. Die nahm er, daß es Rabe und Maus mit Bedauern sahen, und band sie fest in einen Fet­zen von dem Netz.

Die Maus rief dem Raben zu: O wehe, weh! Wenn einem Glück kommt, wartet er auf das fol­gende, und kommt ein Unglück, über­fällt auch gle­ich ein zweites ihn. Trug ich nicht Lei­ds genug an meines Goldes Ver­lust, und nun bin ich der liebge­wor­de­nen Schwest­er bar, sie, die mein Herz vor allem liebge­won­nen hat. Weh mir, weh meinem Leib, der aus einem Trüb­sal­snetz ins andre ren­nt, und dem nichts andres beschert ist als nur Widerwärtigkeit.“

Da sprachen Rabe und Hirsch zur Maus: O kluge Fre­undin, klage nicht so sehr, denn Kla­gen ist nicht, was der Fre­undin frommt, und deine und unsre Trauer macht sie nicht von Ban­den frei. Ersinne Lis­ten, wie wir sie befreien!“

Da sann das kluge Mäuslein Sam­bar eine Weile, dann sprach’s: Ich hab’s. Du, Hirsch, gewinne schnell die Straße des Jägers und falle nahe dabei hin, wie halb tot, und du, Rabe, steh auf ihm, als ob du von ihm ess­est. Wenn das der Jäger sieht, so wird er, was er trägt, aus den Hän­den leg­en, dann schleppst du, Fre­und Hirsch, dich gemach­sam etwas tiefer in den Wald, damit er dich ver­fol­gt, indes zer­nage ich das Netz und mache unsere liebe Schwest­er frei.“

Dieser Ratschlag ward auch schnell aus­ge­führt. Der Hirsch und der Rabe eil­ten nun geschwind auf einem Umweg dem Jäger voraus und tat­en, wie ihnen die Maus geraten.

Der Jäger war gierig, den Hirsch zu erre­ichen, und warf alles, was er trug, von sich; der Hirsch kroch ins Dic­kicht, der Rabe flog nach, und der Jäger lief nach, und die Maus zer­nagte das Netz der Schild­kröte und ging mit ihr nach Hause, dort fan­den sie schon den Raben und den Hirsch, die schnell dem Jäger aus den Augen gekom­men waren. Wie dieser nun zurück­kehrte an den Ort, wo er seine Sachen hinge­wor­fen hat­te, die er noch dazu eine gute Länge suchen mußte, so fand er das Netz zer­nagt, und kon­nte sich nicht genug wun­dern. Das muß der böse Teufel getan haben, und kein guter Geist!“ fluchte er, und dachte, daß böse Geis­ter und Zauber­er diese Gegend innehaben müßten, welche die Jäger in Tiergestal­ten äfften, ging furcht­sam nach Hause und jagte nie mehr in diesem Wald. Und da wohn­ten nun die befre­un­de­ten Tiere miteinan­der in Ruhe, Ein­tra­cht und Glück­seligkeit, und von Zeit zu Zeit kam auch die Taube in diese schöne Ein­samkeit und besuchte die kluge Maus Sam­bar, ihre liebe Fre­undin, und brachte Neuigkeit­en aus der Welt und aller­lei schöne Geschicht­en, daran alle ihre Freude hatten.