Sambar: Der Mann und die Schlange

von Ludwig Bechstein

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Es war ein­mal ein Mann, in dessen Haus wohnte eine Schlange, die wurde von dem Weibe dieses Mannes wohl gehal­ten und bekam täglich ihre Nahrung. Sie hat­te ihre Woh­nung ganz nahe bei dem Herde, wo es immer hüb­sch warm war, in einem Mauer­loch. Der Mann und das Weib bilde­ten sich ein, nach dem herrschen­den Aber­glauben, daß es Glück bringe, wenn eine Schlange im Hause sei! Nun geschah es an einem Son­ntag, daß dem Haush­er­rn das Haupt schmerzte, deshalb blieb er früh in seinem Bett liegen, und hieß die Frau und das Gesinde in die Kirche gehen. Da gin­gen sie alle aus, und es war nun ganz still im Hause; jet­zt schlüpfte die Schlange leise aus ihrem Loch und sah sich allen­thal­ben sehr um. Das sah der Mann, dessen Kam­mer offen­stand, und wun­derte sich im stillen, daß sich die Schlange, gegen ihre son­stige Gewohn­heit so sehr umsah. Sie durchkroch alle Winkel und kam auch in die Kam­mer und guck­te hinein, sah aber nie­mand, denn der Haush­err hat­te sich ver­bor­gen. Und nun kroch sie auf den Herd, wo ein Topf mit der Suppe am Feuer stand, hing ihren Kopf darüber und spie ihr Gift in den Topf, darauf ver­barg sie sich wieder in ihrer Höh­le. Der Haush­err stieg als­bald auf, nahm den Topf und grub ihn mit Speise und Gift in die Erde. Wie nun die Zeit da war, daß man essen wollte, wo auch die Schlange gewöhn­lich her­vorzukom­men pflegte, stellte sich der Mann mit ein­er Axt vor das Loch, wil­lens, sobald sie her­auss­chlüpfen werde, ihr den Kopf vom Rumpfe zu hauen. Aber die Schlange steck­te ganz vor­sichtig ihren Kopf erst nur ein klein wenig aus dem Loch, und wie der Mann zuschlug, fuhr sie blitzschnell zurück und zeigte, daß sie kein gutes Gewis­sen hat­te. Nach eini­gen Tagen redete die Frau ihrem Manne zu, er solle mit der Schlange Frieden schließen, sie würde wohl nicht wieder so Bös­es tun; der Hauswirt war gutwillig und rief einen Nach­barn, der sollte Zeuge sein des Friedens­bun­des mit der Schlange und einen Ver­trag mit ihr aufricht­en, daß eins sich­er sein sollte vor dem andern. Hier­auf riefen sie der Schlange und macht­en ihr den Antrag; die Schlange aber sagte: Nein! – Unsre Gesellschaft kann fürder in Treuen nicht mehr beste­hen, denn, wenn du daran denkst, was ich dir in deinen Topf getan, und wenn ich bedenke, wie du mir mit schar­fer Axt nach meinem Kopf gehauen hast, so möchte wohl kein­er von uns dem andern trauen. Darum gehören wir nicht zusam­men; gib du mir frei Geleit, das ist alles, was ich von dir begehre, und laß mich meine Straße ziehen, je weit­er von dir, desto bess­er, und du bleibe ruhig in deinem Hause.“ Und also geschah es.

Der Rabe, als er diese Erzäh­lung aus dem Mund des Mäusleins Sam­bar ver­nom­men hat­te, nahm wieder das Wort und sprach: Ich fasse wohl die Lehre, die dein Mär­lein in sich hält, allein bedenke deine Natur und meine Aufrichtigkeit, sei min­der streng, und weigere mir nicht deine Genossen­schaft. Es ist ein Unter­schied zwis­chen edel und unedel; der Bech­er aus Gold hält länger als der aus Glas, und wenn der Glaspokal zer­bricht, so ist er hin, lei­det aber der Gold­pokal, so ist der Wert noch nicht ver­loren. Die Fre­und­schaft der bösen und unedlen Gemüter ist gar keine Fre­und­schaft, du aber hast ein edles Gemüt, das hab ich wohl erkan­nt, und so sehnt sich mein Herz nach dein­er Fre­und­schaft und bedarf ihrer, und ich werde nicht weichen vom Ein­gang dein­er Woh­nung und nicht eher essen noch trinken, bis du mein­er Bitte Gehör gegeben!“

Darauf sprach das kluge Mäuslein Sam­bar: Ich nehme jet­zt deine Gesellschaft an, denn ich habe noch nie eine bil­lige Bitte ungewährt gelassen. Du magst aber wohl erwä­gen, daß ich mich nicht zu dir gedrängt, auch daß ich in mein­er Woh­nung sich­er vor dir bin, aber ich begehre nüt­zlich zu sein allen, die mein­er Hil­fe begehren, darum rühme dich nicht etwa: Haha, ich habe eine unvor­sichtige und unvernün­ftige Maus gefun­den! – damit es dir nicht gehe, wie dem Hahn mit dem Fuchs.“

Wie war das?“ fragte der Rabe, und da erzählte das Mäuslein ein Gleichnis: