Sambar: Das Mäuslein Sambar, oder die treue Freundschaft der Tiere

von Ludwig Bechstein

~6 Min

In einem weit­en Wald war des Wildes viel, und darin stand ein großer Baum mit vie­len Ästen, auf dem hat­te ein Rabe sein Nest. Da sah er zu ein­er Zeit den Vogel­steller kom­men und ein Garn unter den Baum span­nen, erschrak und bedachte sich und dachte: Span­nt dieser Wei­d­mann sein Jagdzeug deinetwe­gen oder wegen ander­er Tiere? Das wollen wir doch sehen! Indem so streute der Vogel­steller Samen auf die Erde, richtete sein Garn und stellte sich auf die Lauer. Bald darauf kam eine Taube mit ein­er ganzen Schar ander­er Tauben, deren Führerin sie war, und da sie den Samen sahen und des Gar­ns nicht acht gaben, so fie­len sie darauf, und das Netz schlug zusam­men und bedeck­te sie alle. Des freute sich der Vogler, und die Tauben flat­terten unruhig hin und her. Da sprach die Taube, welche die Führerin war, zu den andern Tauben: Ver­lasse sich keine auf sich allein und habe keine sich selb­st lieber als die andern, son­dern las­set uns alle zugle­ich auf­schwin­gen, vielle­icht, daß wir das Garn mit in die Höhe nehmen, so erledigt eine jegliche sich selb­st und die andern mit ihr.“ Diesem Rate fol­gten die Tauben, flo­gen zugle­ich auf und hoben das Garn mit in die Lüfte. Der Vogel­steller hat­te das Nach­se­hen und das Nach­laufen, um zu gewahren, wo sein Netz wieder herab zur Erde fall­en werde; der Rabe aber dachte bei sich: du willst doch auch nach­fol­gen und sehen, was aus diesem Wun­der wer­den will?

Als die kluge Führerin der Tauben sah, daß der Jäger ihrem Flug nach­lief, sprach sie zu ihren Gefährtin­nen: Sehet, der Wei­d­mann fol­gt uns nach; behar­ren wir auf der Rich­tung über dem Wege, so bleiben wir ihm im Gesicht, und wer­den ihm nicht ent­ge­hen, fliegen wir aber über Berge und Täler, so ver­mag er uns nicht im Auge zu behal­ten und muß von sein­er Ver­fol­gung abste­hen, da er daran verzweifeln wird, uns wieder zu find­en. Nicht weit von hier ist eine Schlucht, da wohnt eine Maus, meine Fre­undin, ich weiß, daß, wenn wir zu ihr kom­men, sie uns das Netz zer­nagt und uns erlöst.“

Die Tauben fol­gten dem Rat ihrer Führerin und kamen dem Vogler aus dem Gesicht. Der Rabe aber flog langsam hin­ter ihnen her, um zu sehen, was aus dieser Geschichte wer­den würde, und auf welche Weise sich wohl die Tauben von dem Netz erledi­gen wür­den, und ob er nicht ler­nen werde, in eigen­er Gefahr ihr Ret­tungsmit­tel zu gebrauchen?

Indessen erre­icht­en die Tauben jene Schlucht, wo das Mäuschen wohnte, ließen sich nieder und sahen, daß die Maus wohl hun­dert Löch­er und Aus- und Eingänge zu ihrer unterirdis­chen Woh­nung hat­te, um an vie­len Enden bei dro­hen­der Gefahr sich ver­ber­gen zu kön­nen. Die Maus hieß Sam­bar, und die kluge Taube rief nun der Fre­undin: Sam­bar, komm her­aus!“ – Da rief das Mäuslein inwendig: Wer bist du?“ und da rief die Taube: Ich bin es, die Taube, deine Fre­undin!“ Und da kam das Mäuslein, guck­te aus einem der Löch­er vor­sichtig und fragte: O liebe Gesellin, wer hat dich so über­strickt?“ Da sprach die Taube: O liebe Fre­undin! Weißt du nicht, daß kein­er lebt, dem Gott nicht ein wider­wär­tiges Ver­häng­nis schickt? Und der Betrügerin­nen arglistig­ste ist die Zeit! Sie streute mir süße Weizenkörn­er und ver­barg meinen Augen das trugvolle Netz, so daß ich mit meinen Fre­undin­nen hine­in­fiel. Nie­mand ver­wahret sich der Schick­ung, die von oben kommt, ja Mond und Sonne lei­den auch Verfin­sterung, und aus des Sees grund­los­er Tiefe lockt der Men­schen Trug den Fisch, wie er den Vogel aus der Lüfte Meer herab in seine falschen Schlin­gen zieht.“

Als die Taube dies mit viel­er Bered­samkeit gesprochen, begann die Maus das Netz zu zer­na­gen, und zwar an dem Ende, wo ihre Gespielin, die Taube, lag, diese aber sprach: Fange an bei den andern, meinen Schwest­ern, und wenn du sie alle befre­it hast, dann befreie auch mich.“ Aber die Maus fol­gte ihr nicht, obgle­ich sie wieder­holt bat, und wie sie noch ein­mal die Maus darum ansprach, so fragte diese: Was sagst du mir dies so oft, als ob du nicht auch wün­scht­est frei zu sein?“ Darauf antwortete die Taube: Laß meine Bitte dir nicht miß­fall­en; diese meine Schwest­ern haben mir ver­traut als ihrer Führerin; sie fol­gten willig mir und voll Ver­trauen und durch meine Unvor­sichtigkeit geri­eten sie unter das Netz, darum ist es bil­lig, daß ich auf ihre Erlö­sung eher denke als auf die meinige, zumal es nur durch ihre gemein­same Hil­fe gelang, auch mich zu erheben samt des Voglers Garn. Auch möcht­est du ermü­den bei den andern, weißt du aber mich, deine lieb­ste Fre­undin, noch im Netz, so wirst du mich nicht verlassen.“

Darauf sprach das Mäuslein: O liebe gute Taube, Tauben­herz; viel Ehre macht dir diese Gesin­nung und muß die Liebe stärken zwis­chen dir und deinen Gesellinnen.“ Und sie zer­nagte das Netz allen­thal­ben, und die Tauben flo­gen frei und fröh­lich ihren Weg, die Maus aber schlüpfte wieder in ihr Löchlein.

Das alles hat­te der Rabe, der in der Nähe sich auf einen Baum niederge­lassen hat­te, gese­hen und mitange­hört, und hielt hier­auf ein Selb­st­ge­spräch: Wer weiß“, sprach er, ob ich nicht auch in gle­iche Lage und Gefahr komme wie diese Tauben? Dann ist es doch gar her­rlich, edle Fre­unde zu haben, die uns aus der Not helfen. Mit dieser Maus möchte mir Fre­und­schaft allewege frommen!“

Und da flog er von seinem Baum und hüpfte zu der Schlucht und rief: Sam­bar, komme her­aus!“ Und drin­nen rief das Mäuse­lein: Wer bist du?“ Da sprach er: Ich bin der Rabe und habe gese­hen, was dein­er lieben Fre­undin, der Taube begeg­net ist, und wie Gott sie befre­it hat durch deine Treue, deshalb komme ich, auch deine Fre­und­schaft zu suchen.“ Da sprach Sam­bar, das kluge Mäuslein, ohne daß es her­vorkam: Es kann nicht Fre­und­schaft sein zwis­chen dir und mir; ein Weis­er strebt nur zu erlan­gen das, was möglich ist, und unweise gilt, der das Unmögliche errin­gen will. So führe ein­er Schiffe übers Land und Kar­ren übers Meer. Wie kön­nte zwis­chen uns Gesellschaft sein, da ich dein Fraß bin, und der Fress­er du?“ Da sprach der Rabe: Mäuse­lein, ver­steh mich wohl und sinn mein­er Rede nach. Was frommte mir, fräße ich dich auf, dein Tod! Dein Leben soll mir hil­fre­ich sein, und deine Fre­und­schaft so beständig wie Ambra, der lieblich duftet, ob man auch ver­hüllt ihn trägt.“ Darauf sprach die Maus: Wisse, Rabe, der Haß der Begierde ist der größte Haß. Löwe und Ele­fant has­sen einan­der ihrer Stärke hal­ber, das ist ein edler und gle­ich­er Haß des Mutes und des Stre­ites; aber der einge­fleis­chte Haß des Starken gegen den Schwachen, das ist ein unedler und ungle­ich­er Haß; so haßt der Habicht das Reb­huhn, die Katze die Rat­te, der Hund den Hasen, und du mich. Erhitze Wass­er am Feuer, daß es gle­ich dem Feuer dicht bren­nt, es wird darum doch kein Feuer sein, auch nie des Feuers Fre­und, son­dern es wird, in das Feuer geschüt­tet, dieses den­noch dämpfen. Die Weisen sagen: Wer seinem Feind anhängt, gle­icht dem, der eine giftige Schlange in seine Hand nimmt; er weiß nicht, wann sie ihn beißen wird. Der Kluge traut seinem Feinde niemals, son­dern er hält sich fern von ihm, son­st geschieht ihm, wie einst dem Manne mit der Schlange geschah.“

Der Rabe fragte: Wie geschah dem?“ Und da erzählte ihm die Maus fol­gen­des Märchen: