Rumpelstilzchen

von Brüder Grimm

~5 Min

Es war ein­mal ein Müller, der war arm, aber er hat­te eine schöne Tochter. Nun traf es sich, dass er mit dem König zu sprechen kam, und um sich ein Anse­hen zu geben, sagte er zu ihm: Ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spin­nen.“ Der König sprach zum Müller: Das ist eine Kun­st, die mir wohl gefällt, wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, so bring sie mor­gen in mein Schloss, da will ich sie auf die Probe stellen.“

Als nun das Mäd­chen zu ihm gebracht ward, führte er es in eine Kam­mer, die ganz voll Stroh lag, gab ihr Rad und Haspel und sprach: Jet­zt mache dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch bis mor­gen früh dieses Stroh nicht zu Gold ver­spon­nen hast, so musst du ster­ben.“ Darauf schloss er die Kam­mer selb­st zu, und sie blieb allein darin. Da sass nun die arme Müller­stochter und wusste um ihr Leben keinen Rat: sie ver­stand gar nichts davon, wie man Stroh zu Gold spin­nen kon­nte, und ihre Angst ward immer gröss­er, dass sie endlich zu weinen anf­ing. Da ging auf ein­mal die Türe auf, und trat ein kleines Män­nchen here­in und sprach: Guten Abend, Jungfer Mül­lerin, warum weint Sie so sehr?“

Ach,“ antwortete das Mäd­chen, ich soll Stroh zu Gold spin­nen und ver­ste­he das nicht.“ Sprach das Män­nchen: Was gib­st du mir, wenn ich dirs spinne?“ – Mein Hals­band,“ sagte das Mäd­chen. Das Män­nchen nahm das Hals­band, set­zte sich vor das Räd­chen, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezo­gen, war die Spule voll. Dann steck­te es eine andere auf, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezo­gen, war auch die zweite voll: und so gings fort bis zum Mor­gen, da war alles Stroh ver­spon­nen, und alle Spulen waren voll Gold.

Bei Son­nenauf­gang kam schon der König, und als er das Gold erblick­te, erstaunte er und freute sich, aber sein Herz ward nur noch geldgieriger. Er liess die Müller­stochter in eine andere Kam­mer voll Stroh brin­gen, die noch viel gröss­er war, und befahl ihr, das auch in ein­er Nacht zu spin­nen, wenn ihr das Leben lieb wäre. Das Mäd­chen wusste sich nicht zu helfen und weinte, da ging aber­mals die Türe auf, und das kleine Män­nchen erschien und sprach: Was gib­st du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold spinne?“

Meinen Ring von dem Fin­ger,“ antwortete das Mäd­chen. Das Män­nchen nahm den Ring, fing wieder an zu schnur­ren mit dem Rade und hat­te bis zum Mor­gen alles Stroh zu glänzen­dem Gold gespon­nen. Der König freute sich über die Massen bei dem Anblick, war aber noch immer nicht Goldes satt, son­dern liess die Müller­stochter in eine noch grössere Kam­mer voll Stroh brin­gen und sprach: Die musst du noch in dieser Nacht ver­spin­nen: gelingt dir’s aber, so sollst du meine Gemahlin wer­den.“ – Wenn’s auch eine Müller­stochter ist,“ dachte er, eine reichere Frau finde ich in der ganzen Welt nicht.“ Als das Mäd­chen allein war, kam das Männlein zum drit­ten­mal wieder und sprach: Was gib­st du mir, wenn ich dir noch dies­mal das Stroh spinne?“ – Ich habe nichts mehr, das ich geben kön­nte,“ antwortete das Mäd­chen. So ver­sprich mir, wenn du Köni­gin wirst, dein erstes Kind.“ – Wer weiss, wie das noch geht,“ dachte die Müller­stochter und wusste sich auch in der Not nicht anders zu helfen; sie ver­sprach also dem Män­nchen, was es ver­langte, und das Män­nchen spann dafür noch ein­mal das Stroh zu Gold. Und als am Mor­gen der König kam und alles fand, wie er gewün­scht hat­te, so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müller­stochter ward eine Königin.

Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Män­nchen: da trat es plöt­zlich in ihre Kam­mer und sprach: Nun gib mir, was du ver­sprochen hast.“ Die Köni­gin erschrak und bot dem Män­nchen alle Reichtümer des Kön­i­gre­ichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte: aber das Män­nchen sprach: Nein, etwas Leben­des ist mir lieber als alle Schätze der Welt.“ Da fing die Köni­gin so an zu jam­mern und zu weinen, dass das Män­nchen Mitlei­den mit ihr hat­te: Drei Tage will ich dir Zeit lassen,“ sprach er, wenn du bis dahin meinen Namen weisst, so sollst du dein Kind behalten.“

Nun besann sich die Köni­gin die ganze Nacht über auf alle Namen, die sie jemals gehört hat­te, und schick­te einen Boten über Land, der sollte sich erkundi­gen weit und bre­it, was es son­st noch für Namen gäbe. Als am andern Tag das Män­nchen kam, fing sie an mit Kas­par, Mel­chior, Balz­er, und sagte alle Namen, die sie wusste, nach der Rei­he her, aber bei jedem sprach das Männlein: So heiss ich nicht.“ Den zweit­en Tag liess sie in der Nach­barschaft herum­fra­gen, wie die Leute da genan­nt wür­den, und sagte dem Männlein die ungewöhn­lich­sten und selt­sam­sten Namen vor Heisst du vielle­icht Rip­pen­bi­est oder Ham­mel­swade oder Schnür­bein?“ Aber es antwortete immer: So heiss ich nicht.“

Den drit­ten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte: Neue Namen habe ich keinen einzi­gen find­en kön­nen, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus bran­nte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein gar zu lächer­lich­es Män­nchen, hüpfte auf einem Bein und schrie:

Heute back ich,
Mor­gen brau ich,
Über­mor­gen hol ich der Köni­gin ihr Kind;
Ach, wie gut ist, dass nie­mand weiss, 
dass ich Rumpel­stilzchen heiss!“

Da kön­nt ihr denken, wie die Köni­gin froh war, als sie den Namen hörte, und als bald her­nach das Männlein here­in­trat und fragte: Nun, Frau Köni­gin, wie heiss ich?“ fragte sie erst: Heiss­est du Kunz?“ – Nein.“ – Heiss­est du Heinz?“ – Nein.“ – Heisst du etwa Rumpelstilzchen?“

Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt,“ schrie das Männlein und stiess mit dem recht­en Fuss vor Zorn so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hine­in­fuhr, dann pack­te es in sein­er Wut den linken Fuss mit bei­den Hän­den und riss sich selb­st mit­ten entzwei.