Rotkäppchen

von  Brüder Grimm

~7 Min

Es war ein­mal ein kleines süss­es Mäd­chen, das hat­te jed­er­mann lieb, der sie nur ansah, am aller­lieb­sten aber ihre Gross­mut­ter, die wusste gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Ein­mal schenk­te sie ihm ein Käp­pchen von rotem Samt, und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anders mehr tra­gen wollte, hiess es nur das Rotkäp­pchen. Eines Tages sprach seine Mut­ter zu ihm: ​„Komm, Rotkäp­pchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Gross­mut­ter hin­aus; sie ist krank und schwach und wird sich daran laben. Mach dich auf, bevor es heiss wird, und wenn du hin­auskommst, so geh hüb­sch sittsam und lauf nicht vom Wege ab, son­st fällst du und zer­brichst das Glas, und die Gross­mut­ter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, so ver­giss nicht guten Mor­gen zu sagen und guck nicht erst in allen Eck­en herum!“

„Ich will schon alles richtig machen,“ sagte Rotkäp­pchen zur Mut­ter, und gab ihr die Hand darauf. Die Gross­mut­ter aber wohnte draussen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rotkäp­pchen in den Wald kam, begeg­nete ihm der Wolf. Rotkäp­pchen aber wusste nicht, was das für ein bös­es Tier war, und fürchtete sich nicht vor ihm. ​„Guten Tag, Rotkäp­pchen!“ sprach er. ​„Schö­nen Dank, Wolf!“ – ​„Wo hin­aus so früh, Rotkäp­pchen?“ – ​„Zur Gross­mut­ter.“ – ​„Was trägst du unter der Schürze?“ – ​„Kuchen und Wein. Gestern haben wir geback­en, da soll sich die kranke und schwache Gross­mut­ter etwas zugut tun und sich damit stärken.“ – ​„Rotkäp­pchen, wo wohnt deine Gross­mut­ter?“ – ​„Noch eine gute Vier­tel­stunde weit­er im Wald, unter den drei grossen Eich­bäu­men, da ste­ht ihr Haus, unten sind die Nussheck­en, das wirst du ja wis­sen,“ sagte Rotkäp­pchen. Der Wolf dachte bei sich: Das junge, zarte Ding, das ist ein fet­ter Bis­sen, der wird noch bess­er schmeck­en als die Alte. Du musst es listig anfan­gen, damit du bei­de schnappst. Da ging er ein Weilchen neben Rotkäp­pchen her, dann sprach er: ​„Rotkäp­pchen, sieh ein­mal die schö­nen Blu­men, die ring­sumher ste­hen. Warum guckst du dich nicht um? Ich glaube, du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich sin­gen? Du gehst ja für dich hin, als wenn du zur Schule gingst, und ist so lustig haussen in dem Wald.“

Rotkäp­pchen schlug die Augen auf, und als es sah, wie die Son­nen­strahlen durch die Bäume hin und her tanzten und alles voll schön­er Blu­men stand, dachte es: Wenn ich der Gross­mut­ter einen frischen Strauss mit­bringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag, dass ich doch zu rechter Zeit ankomme, lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blu­men. Und wenn es eine gebrochen hat­te, meinte es, weit­er hin­aus stände eine schönere, und lief danach und geri­et immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber ging ger­adewegs nach dem Haus der Gross­mut­ter und klopfte an die Türe. ​„Wer ist draussen?“ – ​„Rotkäp­pchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf!“ – ​„Drück nur auf die Klinke!“ rief die Gross­mut­ter, ​„ich bin zu schwach und kann nicht auf­ste­hen.“ Der Wolf drück­te auf die Klinke, die Türe sprang auf und er ging, ohne ein Wort zu sprechen, ger­ade zum Bett der Gross­mut­ter und ver­schluck­te sie. Dann tat er ihre Klei­der an, set­zte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.

Rotkäp­pchen aber, war nach den Blu­men herumge­laufen, und als es so viel zusam­men hat­te, dass es keine mehr tra­gen kon­nte, fiel ihm die Gross­mut­ter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wun­derte sich, dass die Tür auf­s­tand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so selt­sam darin vor, dass es dachte: Ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mir’s heute zumut, und bin son­st so gerne bei der Gross­mut­ter! Es rief: ​„Guten Mor­gen,“ bekam aber keine Antwort. Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück. Da lag die Gross­mut­ter und hat­te die Haube tief ins Gesicht geset­zt und sah so wun­der­lich aus. ​„Ei, Gross­mut­ter, was hast du für grosse Ohren!“ – ​„Dass ich dich bess­er hören kann!“ – ​„Ei, Gross­mut­ter, was hast du für grosse Augen!“ – ​„Dass ich dich bess­er sehen kann!“ – ​„Ei, Gross­mut­ter, was hast du für grosse Hände!“ – ​„Dass ich dich bess­er pack­en kann!“ – ​„Aber, Gross­mut­ter, was hast du für ein entset­zlich gross­es Maul!“ – ​„Dass ich dich bess­er fressen kann!“ Kaum hat­te der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bette und ver­schlang das arme Rotkäppchen.

Wie der Wolf seinen Appetit gestillt hat­te, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fing an, über­laut zu schnar­chen. Der Jäger ging eben an dem Haus vor­bei und dachte: Wie die alte Frau schnar­cht! Du musst doch sehen, ob ihr etwas fehlt. Da trat er in die Stube, und wie er vor das Bette kam, so sah er, dass der Wolf darin lag. ​„Finde ich dich hier, du alter Sün­der,“ sagte er, ​„ich habe dich lange gesucht.“ Nun wollte er seine Büchse anle­gen, da fiel ihm ein, der Wolf kön­nte die Gross­mut­ter gefressen haben und sie wäre noch zu ret­ten, schoss nicht, son­dern nahm eine Schere und fing an, dem schlafend­en Wolf den Bauch aufzuschnei­den. Wie er ein paar Schnitte getan hat­te, da sah er das rote Käp­pchen leucht­en, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mäd­chen her­aus und rief: ​„Ach, wie war ich erschrock­en, wie war’s so dunkel in dem Wolf seinem Leib!“ Und dann kam die alte Gross­mut­ter auch noch lebendig her­aus und kon­nte kaum atmen. Rotkäp­pchen aber holte geschwind grosse Steine, damit füll­ten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fort­sprin­gen, aber die Steine waren so schw­er, dass er gle­ich nieder­sank und sich totfiel.

Da waren alle drei vergnügt. Der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und ging damit heim, die Gross­mut­ter ass den Kuchen und trank den Wein, den Rotkäp­pchen gebracht hat­te, und erholte sich wieder; Rotkäp­pchen aber dachte: Du willst dein Leb­tag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dir’s die Mut­ter ver­boten hat.


Es wird auch erzählt, dass ein­mal, als Rotkäp­pchen der alten Gross­mut­ter wieder Geback­enes brachte, ein ander­er Wolf es ange­sprochen und vom Wege habe ableit­en wollen. Rotkäp­pchen aber hütete sich und ging ger­ade­fort seines Wegs und sagte der Gross­mut­ter, dass es dem Wolf begeg­net wäre, der ihm guten Tag gewün­scht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: ​„Wenn’s nicht auf offen­er Strasse gewe­sen wäre, er hätte mich gefressen.“ – ​„Komm,“ sagte die Gross­mut­ter, ​„wir wollen die Türe ver­schliessen, dass er nicht hereinkann.“ Bald danach klopfte der Wolf an und rief: ​„Mach auf, Gross­mut­ter, ich bin das Rotkäp­pchen, ich bring dir Geback­enes.“ Sie schwiegen aber und macht­en die Türe nicht auf. Da schlich der Graukopf etlichemal um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten, bis Rotkäp­pchen abends nach Hause gin­ge, dann wollte er ihm nach­schle­ichen und wollt’s in der Dunkel­heit fressen. Aber die Gross­mut­ter merk­te, was er im Sinne hat­te. Nun stand vor dem Haus ein gross­er Stein­trog, da sprach sie zu dem Kind: ​„Nimm den Eimer, Rotkäp­pchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wass­er, worin sie gekocht sind, in den Trog!“ Rotkäp­pchen trug so lange, bis der grosse, grosse Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase. Er schnup­perte und guck­te hinab, endlich machte er den Hals so lang, dass er sich nicht mehr hal­ten kon­nte, und anf­ing zu rutschen; so rutschte er vom Dach herab, ger­ade in den grossen Trog hinein und ertrank. Rotkäp­pchen aber ging fröh­lich nach Haus, und von nun an tat ihm nie­mand mehr etwas zuleide.

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