Rapunzel

von Brüder Grimm

~7 Min

Es war ein­mal ein Mann und eine Frau, die wün­scht­en sich schon lange verge­blich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoff­nung, der liebe Gott werde ihren Wun­sch erfüllen. Die Leute hat­ten in ihrem Hin­ter­haus ein kleines Fen­ster, daraus kon­nte man in einen prächti­gen Garten sehen, der voll der schön­sten Blu­men und Kräuter stand; er war aber von ein­er hohen Mauer umgeben, und nie­mand wagte hineinzuge­hen, weil er ein­er Zauberin gehörte, die grosse Macht hat­te und von aller Welt gefürchtet ward. 

Eines Tages stand die Frau an diesem Fen­ster und sah in den Garten hinab, da erblick­te sie ein Beet, das mit den schön­sten Rapun­zeln bepflanzt war; und sie sahen so frisch und grün aus, dass sie lüstern ward und das grösste Ver­lan­gen emp­fand, von den Rapun­zeln zu essen. Das Ver­lan­gen nahm jeden Tag zu, und da sie wusste, dass sie keine davon bekom­men kon­nte, so fiel sie ganz ab, sah blass und elend aus. Da erschrak der Mann und fragte: Was fehlt dir, liebe Frau?“ – Ach,“ antwortete sie, wenn ich keine Rapun­zeln aus dem Garten hin­ter unserm Hause zu essen kriege, so sterbe ich.“ Der Mann, der sie lieb hat­te, dachte: Eh du deine Frau ster­ben läss­est, holst du ihr von den Rapun­zeln, es mag kosten, was es will.“

In der Abend­däm­merung stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Hand­voll Rapun­zeln und brachte sie sein­er Frau. Sie machte sich sogle­ich Salat daraus und ass sie in voller Begierde auf. Sie hat­ten ihr aber so gut, so gut geschmeckt, dass sie den andern Tag noch dreimal soviel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so musste der Mann noch ein­mal in den Garten steigen. Er machte sich also in der Abend­däm­merung wieder hinab, als er aber die Mauer her­abgek­let­tert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die Zauberin vor sich ste­hen. Wie kannst du es wagen,“ sprach sie mit zornigem Blick, in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapun­zeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekom­men.“ – Ach,“ antwortete er, lasst Gnade für Recht erge­hen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen: meine Frau hat Eure Rapun­zeln aus dem Fen­ster erblickt, und empfind­et ein so gross­es Gelüsten, dass sie ster­ben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme.“ Da liess die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: Ver­hält es sich so, wie du sagst, so will ich dir ges­tat­ten, Rapun­zeln mitzunehmen, soviel du willst, allein ich mache eine Bedin­gung: Du musst mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt brin­gen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sor­gen wie eine Mut­ter.“ Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in Wochen kam, so erschien sogle­ich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen Rapun­zel und nahm es mit sich fort.

Rapun­zel ward das schön­ste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahre alt war, schloss es die Zauberin in einen Turm, der in einem Walde lag, und wed­er Treppe noch Türe hat­te, nur ganz oben war ein kleines Fen­sterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich hin und rief: 

Rapun­zel, Rapunzel,
Lass mir dein Haar herunter.“

Rapun­zel hat­te lange prächtige Haare, fein wie gespon­nen Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin ver­nahm, so band sie ihre Zöpfe los, wick­elte sie oben um einen Fen­ster­hak­en, und dann fie­len die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin, stieg daran hinauf.

Nach ein paar Jahren trug es sich zu, dass der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorüberkam. Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, dass er still hielt und horchte. Das war Rapun­zel, die in ihrer Ein­samkeit sich die Zeit ver­trieb, ihre süsse Stimme erschallen zu lassen. Der Königssohn wollte zu ihr hin­auf­steigen und suchte nach ein­er Türe des Turms, aber es war keine zu find­en. Er ritt heim, doch der Gesang hat­te ihm so sehr das Herz gerührt, dass er jeden Tag hin­aus in den Wald ging und zuhörte. Als er ein­mal so hin­ter einem Baum stand, sah er, dass eine Zauberin her­ankam, und hörte, wie sie hinaufrief: 

Rapun­zel, Rapunzel,
Lass dein Haar herunter.“

Da liess Rapun­zel die Haarflecht­en herab, und die Zauberin stieg zu ihr hin­auf. Ist das die Leit­er, auf welch­er man hin­aufkommt, so will ich auch ein­mal mein Glück ver­suchen.“ Und den fol­gen­den Tag, als es anf­ing dunkel zu wer­den, ging er zu dem Turme und rief: 

Rapun­zel, Rapunzel,
Lass dein Haar herunter.“

Als­bald fie­len die Haare herab, und der Königssohn stieg hinauf.

Anfangs erschrak Rapun­zel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hat­ten, doch der Königssohn fing an ganz fre­undlich mit ihr zu reden und erzählte ihr, dass von ihrem Gesang sein Herz so sehr sei bewegt wor­den, dass es ihm keine Ruhe gelassen und er sie selb­st habe sehen müssen. Da ver­lor Rapun­zel ihre Angst, und als er sie fragte, ob sie ihn zum Mann nehmen wollte, und sie sah, dass er jung und schön war, so dachte sie: Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel,“ und sagte ja, und legte ihre Hand in seine Hand. Sie sprach: Ich will gerne mit dir gehen, aber ich weiss nicht, wie ich her­abkom­men kann. Wenn du kommst, so bringe jedes­mal einen Strang Sei­de mit, daraus will ich eine Leit­er flecht­en, und wenn die fer­tig ist, so steige ich herunter und du nimmst mich auf dein Pferd.“ Sie verabre­de­ten, dass er bis dahin alle Abend zu ihr kom­men sollte, denn bei Tag kam die Alte. Die Zauberin merk­te auch nichts davon, bis ein­mal Rapun­zel anf­ing und zu ihr sagte: Sag Sie mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur, sie wird mir viel schw­er­er her­aufzuziehen als der junge Königssohn, der ist in einem Augen­blick bei mir.“ – Ach du got­t­los­es Kind,“ rief die Zauberin, was muss ich von dir hören, ich dachte, ich hätte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch bet­ro­gen!“ In ihrem Zorne pack­te sie die schö­nen Haare der Rapun­zel, schlug sie ein paar­mal um ihre linke Hand, griff eine Schere mit der recht­en, und ritsch, ratsch waren sie abgeschnit­ten, und die schö­nen Flecht­en lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig, dass sie die arme Rapun­zel in eine Wüstenei brachte, wo sie in grossem Jam­mer und Elend leben musste.

Densel­ben Tag aber, wo sie Rapun­zel ver­stossen hat­te, machte abends die Zauberin die abgeschnit­te­nen Flecht­en oben am Fen­ster­hak­en fest, und als der Königssohn kam und rief: 

Rapun­zel, Rapunzel,
Lass dein Haar herunter.“

so liess sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hin­auf, aber er fand oben nicht seine lieb­ste Rapun­zel, son­dern die Zauberin, die ihn mit bösen und gifti­gen Blick­en ansah. Aha,“ rief sie höh­nisch, du willst die Frau Lieb­ste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapun­zel ver­loren, du wirst sie nie wieder erblick­en.“ Der Königssohn geri­et auss­er sich vor Schmerzen, und in der Verzwei­flung sprang er den Turm herab: das Leben brachte er davon, aber die Dor­nen, in die er fiel, zer­stachen ihm die Augen. Da irrte er blind im Walde umher, ass nichts als Wurzeln und Beeren, und tat nichts als jam­mern und weinen über den Ver­lust sein­er lieb­sten Frau. So wan­derte er einige Jahre im Elend umher und geri­et endlich in die Wüstenei, wo Rapun­zel mit den Zwill­in­gen, die sie geboren hat­te, einem Knaben und Mäd­chen, küm­mer­lich lebte. Er ver­nahm eine Stimme, und sie deuchte ihn so bekan­nt; da ging er darauf zu, und wie er her­ankam, erkan­nte ihn Rapun­zel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Trä­nen aber benet­zten seine Augen, da wur­den sie wieder klar, und er kon­nte damit sehen wie son­st. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude emp­fan­gen ward, und sie lebten noch lange glück­lich und vergnügt.