Pechvogel und Glückskind

von Richard von Volkmann-Leander

~17 Min

In ein­er kleinen Stadt, nicht weit von dem Orte, wo ich wohne, lebte ein­mal ein junger Mann, dem alles zum Unglück auss­chlug, was er anf­ing. Sein Vater hat­te Pechvo­gel geheißen, und so hieß er denn auch Pechvo­gel. Bei­de Eltern waren ihm früh gestor­ben, und die lange, dürre Tante, die ihn damals zu sich genom­men hat­te, prügelte ihn jedes­mal, wenn sie aus der Messe kam. Da sie nun aber jeden Tag in die Messe ging, so prügelte sie ihn eben auch alle Tage. Er hat­te aber auch wirk­lich viel Unglück. Denn wenn er ein Glas trug, fiel es ihm gewöhn­lich hin; und wenn er dann weinend die Scher­ben auflas, schnitt er sich stets in die Fin­ger. So ging es in allen Din­gen. Zwar die lange Tante starb eines Tages, und er pflanzte um ihr Grab so viel Büsche und Bäume, als wenn er auf ihnen noch ein­mal alle die Stöcke ziehen wolle, die sie auf seinem Rück­en zer­schla­gen hat­te; aber sein Unstern schien mit jedem Jahre nur mehr und mehr zuzunehmen. Da bemächtigte sich sein­er eine große Trau­rigkeit, und er beschloß, in die weite Welt zu gehen. Schlech­er kann‘s nim­mer wer­den, dachte er; vielle­icht wird‘s bess­er. Er steck­te daher seine ganze Barschaft in die Tasche und wan­derte zum Tor hin­aus. Vor dem Tor, auf der stein­er­nen Brücke, blieb er noch ein­mal ste­hen und lehnte sich über das Gelän­der. Er sah in die Wellen hinab, die reißend an den Pfeil­ern vor­beis­chäumten, und es wurde ihm gar wehmütig ums Herz. Es war ihm fast, als wenn es ein Unglück wäre, die Stadt, in der er so lange gelebt, zu ver­lassen. Und vielle­icht hätte er noch lange so ges­tanden, wenn ihm nicht plöt­zlich der Wind den Hut vom Kopfe gewe­ht und in den Fluß gewor­fen hätte. Da erwachte er aus seinen Träu­men, aber der Hut war schon unter der Brücke fort­geschwom­men und tanzte auf der anderen Seite mit­ten im Strom; und jedes­mal, wenn ihn eine Welle hochhob, schien er höh­nisch zurück­zu­rufen: Adieu, Pechvo­gel! Ich reise; bleibe du zu Hause, wenn du Lust hast.“ So machte sich denn Pechvo­gel ohne Hut auf den Weg. Lustige Gesellen zogen oft genug sin­gend und jubilierend an ihm vorüber und luden ihn ein, in Gemein­schaft mit ihnen die Wan­der­schaft fortzuset­zen. Doch er schüt­telte jedes­mal trau­rig den Kopf und sagte: Ich passé nicht zu euch und würde euch nicht viel Glück brin­gen! Außer­dem heiße ich Pechvo­gel!“ Sobald sie diesen Namen hörten, wur­den die lusti­gen Burschen ern­sthaft und ver­legen und macht­en sich eilends aus dem Staube. Erre­ichte er abends müde ein Wirtshaus und saß er an ein­er ein­samen Ecke des Schank­tis­ches, den Kopf in die Hand gestützt und vor sich den zin­ner­nen Krug mit Wein, der nim­mer leer wer­den wollte, so trat wohl zuweilen das Wirt­stöchter­lein leise zu ihm her­an, tippte ihn auf die Schul­ter, so daß er sich erschrock­en umdrehte, und fragte, warum er so trau­rig sei. Wenn er aber dann seine Geschichte erzählte oder gar seinen Namen nan­nte, schüt­telte sie den Kopf, ging zu ihrem Spin­nrad zurück und ließ ihn allein sitzen und seinen Gedanken nach­hän­gen. Nach­dem Pechvo­gel mehrere Wochen lang gewan­dert war, ohne recht eigentlich zu wis­sen wohin, kam er eines Tages an einen wun­der­vollen großen Garten, der von einem hohen, ver­gold­e­ten Gelän­der umgeben war. Durch das Gelän­der hin­durch sah man uralte Bäume und niedriges Buschw­erk, abwech­sel­nd mit großen Rasen­plätzen. Dazwis­chen schlän­gelte sich ein Bach, über den eine Menge klein­er Brück­en führte. Zahme Hirsche und Rehe spazierten auf den gel­ben Sandwe­gen umher, kamen bis ans Git­ter, streck­ten ihre Köpfe her­aus und fraßen ihm das Brot aus der Hand. In der Mitte des Gartens aber sah man aus den Bäu­men ein stat­tlich­es Schloß her­vor­ra­gen. Die sil­ber­nen Däch­er blitzten in der Sonne, und von den Tür­men weht­en bunte Fah­nen und Ban­ner. Er ging das Gelän­der ent­lang; endlich fand er einen großen, offen­ste­hen­den Tor­weg, von dem eine lange schat­tige Allee ger­ade auf das Schloß führte. Im Garten selb­st war alles still; kein Men­sch ließ sich sehen oder hören. Am Tor hing eine Tafel. Aha! dachte er, wie gewöhn­lich! Wenn man an einem recht schö­nen Garten vor­beikommt, wo die Tore ein­ladend offen­ste­hen, dann hängt immer eine Tafel daneben, worauf ste­ht, daß der Ein­tritt ver­boten ist. Zu sein­er Über­raschung sah er jedoch, daß er sich dies­mal täuschte: denn auf der Tafel stand weit­er nichts als: Hier darf nicht geweint wer­den!“ – So, so“, sagte er, eine när­rische Inschrift“, zog das Taschen­tuch heruas und rieb sich ein wenig die Augen; denn er war nicht ganz sich­er, ob nicht in ein­er Ecke irgend­wo doch eine halbe Träne sitzenge­blieben sei. Darauf trat er in den Garten ein. Der große bre­ite Weg, der schnurstracks aufs Schloß zulief, machte ihn bek­lom­men. Er schlug lieber einen Seit­en­gang mit­ten zwis­chen hohen Jas­min- und Rosen­heck­en ein. Den ver­fol­gte er und gelangte in einen kleinen Wald, aus dem ein Weg mit vie­len Win­dun­gen zu einem Hügel hin­auf­führte. Als er jet­zt aber­mals um eine Ecke bog, lag die Spitze des Hügels vor ihm, und auf dem Hügel im Grase saß ein wun­der­schönes Mäd­chen. Sie hat­te eine gold­ene Kro­ne auf dem Schoß, auf die sie fortwährend hauchte. Dann nahm sie ihre sei­dene Schürze, rieb die Kro­ne mit ihr, und als sie sah, daß sie wieder ganz blank wurde, klatschte sie vor Freude in die Hände, strich sich ihre lan­gen Haare hin­ter die Ohren und set­zte sich die Kro­ne wieder auf. Den armen Pechvo­gel über­fiel bei ihrem Anblicke eine son­der­bare Angst. Sein Herz pochte so laut, als wenn es zer­sprin­gen wollte. Er trat hin­ter einen Busch und duck­te sich nieder. Aber es war eine Berber­itze, und ein Zweig legte sich ihm ger­ade quer übers Gesicht. Und wie der Wind den Busch leise hin und her bewegte, kitzelte ihm ein Dorn fortwährend an der Nasen­spitze herum, so daß er laut niesen mußte. Erschrock­en drehte sich das Mäd­chen mit der Kro­ne um und sah Pechvo­gel hin­ter dem Busche kauern. Warum ver­steckst du dich?“ rief sie. Willst du mir etwas Bös­es tun, oder fürcht­est du dich vor mir?“ Da trat Pechvo­gel zit­ternd wie Espen­laub hin­ter dem Busche her­vor. Du tust mir nichts!“ sagte sie lachend. Komm her, set­ze dich ein wenig zu mir; meine Gespielin­nen sind alle fort­ge­laufen und haben mich allein gelassen. Du kannst mir etwas recht Hüb­sches erzählen, aber was zum Lachen! Hörst du? – Aber du siehst ja so trau­rig aus! Was fehlt dir denn? Wenn du kein so fin­steres Gesicht macht­est, wärst du wirk­lich ein ganz hüb­sch­er Men­sch.“ Wenn du es haben willst“, antwortete Pechvo­gel, will ich mich wohl einen Augen­blick zu dir set­zen. Aber wer bist du denn? Ich habe ja mein Leb­tag noch nie etwas so Schönes und Her­rlich­es gese­hen wie dich!“ Ich bin die Prinzessin Glück­skind, und dies ist meines Vaters Garten.“ Was machst du denn hier so allein?“ Ich füt­tere meine Rehe und Hirsche und putze meine Kro­ne.“ Und nach­her?“ Dann füt­tere ich meine Gold­fis­che!“ Und wenn du damit fer­tig bist?“ Dann kom­men meine Gespielin­nen wieder, und dann lachen wir und sin­gen und tanzen!“ Ach, was du für ein glück­seliges Leben führst! Und das geht so alle Tage?“ Ja, alle Tage! Nun sage aber auch ein­mal, wer du bist und wie du heißt.“ Ach, aller­schön­ste Prinzessin, ver­langt nur das nicht von mir! Ich bin der allerunglück­lich­ste Men­sch unter der Sonne und habe den aller­häßlich­sten Namen.“ Pfui!“ sagte sie, ein häßlich­er Name ist sehr häßlich! In meines Vaters Län­dern gibt es einen, der heißt Enten­grütze, und einen anderen, der heißt Fet­tfleck; du wirst doch nicht etwa so heißen?“ Nein“, antwortete er, Enten­grütze heiße ich nicht, auch nicht Fet­tfleck. Mein Name ist noch viel häßlich­er. Ich heiße Pechvo­gel.“ Pechvo­gel? Das ist ja zum Tot­lachen! Kannst du denn keinen andeen Namen kriegen? Höre, ich will mir ein­mal einen recht hüb­schen Namen für dich aus­denken, und dann will ich meinen Vater bit­ten, daß er dir erlaubt, ihn zu tra­gen. Mein Vater kann alles, was er will; denn er ist König. Aber nur unter der Bedin­gung tu ich es, daß du ein ganz vergnügtes Gesicht machst. Nimm doch die Hand vom Gesicht; du mußt dir nicht immer so an der Nase herumzupfen! Du hast eine ganz hüb­sche Nase und wirst sie dir noch ganz und gar verder­ben. Stre­ich dir ein­mal die Haare aus der Stirn1 So! Nun siehst du doch einiger­maßen vernün­ftig aus. – Sage ein­mal, warum bist du eigentlich so trau­rig? Denn ich bin immer vergnügt, und jed­er, mit dem ich rede, freut sich. Nur dir sieht man‘s gar nicht an!“ Warum ich so trau­rig bin? Weil ich mein ganzes Leben trau­rig war und stets Unglück habe. Und du bist immer lustig? Wie fängst du das an?“ Mich hat eine Fee über die heilige Taufe gehal­ten, der hat­te mein Vater früher ein­mal einen großen Dienst erwiesen. Sie nahm mich auf den Arm, küßte mich auf die Stirn und sagte zu mir: Du sollst immer­dar fröh­lich sein und alle Welt fröh­lich machen. Wenn dich ein recht trau­riger Men­sch ansieht, soll er sein Unglück vergessen! Glück­skind sollst du heißen!‘ – Dich aber hat wohl keine Fee geküßt?“ Nein, nein!“ antwortete er hastig, niemals!“ Darauf wurde die Prinzessin sehr still und nach­den­klich und sah ihn mit ihren großen blauen Augen so son­der­bar an, daß es ihm eiskalt den Rück­en hin­un­ter­lief. Dann hub sie wieder an: Ob es auch immer eine Fee sein muß? Eine Prinzessin ist auch etwas. Komm her, knie dich ein­mal hin; denn du bist mir zu groß.“ Darauf trat sie vor ihn, gab ihm einen Kuß und lief lachend fort. Ehe sich Pechvo­gel noch recht besin­nen kon­nte, war sie ver­schwun­den. Langsam stand er auf. Es war ihm, als wenn er aus einem Traum erwachte; und doch fühlte er, daß es kein Traum sein könne, denn eine wun­der­bare Fröh­lichkeit war über sein Herz gekom­men. Wenn ich nur meinen Hut hätte“, sagte er, daß ich ihn in die Luft wer­fen kön­nte. Vielle­icht fin­ge er an zu trillern und flöge als Lerche davon! Zumut ist mir‘s so. Ich glaube wirk­lich, ich bin lustig. Das wäre doch zu merk­würdig.“ – Er pflück­te sich noch einen großen Blu­men­strauß im Garten und wan­derte sin­gend die Land­straße weit­er. Sobald er in die näch­ste Stadt kam, kaufte er sich ein rot­samtnes Wams mit Atlass­chlitzen und ein Barett mit ein­er lan­gen weißen Fed­er, besah sich im Spiegel und sagte: Pechvo­gel heiße ich? Wir wollen doch sehen, ob ich nicht einen anderen Namen bekomme. Aber den schön­sten, den es gibt, son­st nehm‘ ich ihn nicht an.“ Dann stieg er auf ein Pferd, gab ihm die Sporen, daß es lustig dahin­tanzte, und set­zte seine Reise fort. Prinzessin Glück­skind aber, nach­dem sie dem Pechvo­gel den Kuß gegeben hat­te, lief und lief. Dann ging sie langsamer und langsamer, und zulet­zt set­zte sie sich auf eine Bank unweit vom Schlosse und fing an, bit­ter­lich zu weinen. Als ihre Gespielin­nen zurück­kehrten und sie fan­den, weinte sie immer noch. Sie ver­sucht­en sie zu trösten, aber es half nichts. Da liefen sie in ihrer Angst zum König und riefen: Um Gottes Willen, Herr König! Ein Unglück für das ganze Land! Prinzessin Glück­skind sitzt im Garten und weint, und nie­mand kann ihr helfen.“ Als dies der König hörte, wurde er vor Schreck­en blaß und sprang eilig die Treppe in den Garten hin­unter. Da saß die Prinzessin weinend auf der Bank und hat­te die Kro­ne auf dem Schoß, und es waren auf sie so viele Trä­nen gefall­en, daß sie in der Sonne blitzte, als wenn sie mit tausend Dia­man­ten beset­zt wäre. Der König nahm seine Tochter in den Arm und tröstete sie und redete ihr zu; aber sie weinte immer­fort. Er führte sie in das Schloß und ließ ihr aus dem ganzen Lande alles, was es nur Schönes und Kost­bares gab, kom­men; doch sie blieb trau­rig; und so oft er sie auch bat, ihm doch zu sagen, welch ein schw­eres Herzeleid ihr wider­fahren sei, sie antwortete nicht. Aber der König fragte immer wieder, und zulet­zt mußte sie es sagen; und sie erzählte, wie sie im Garten gesessen und wie ein junger Men­sch gekom­men wäre, der so über­aus trau­rig aus­ge­se­hen, und wie sie ihn geküßt hätte, um zu sehen, ob er dadurch nicht vielle­icht etwas fröh­lich­er würde. Da schlug der König die Hände über dem Kopf zusam­men. Einen frem­den, herge­laufe­nen Men­schen, wahrschein­lich einen ganz gewöhn­lichen Handw­erks­burschen! Mit schlecht­en Klei­dern; und noch dazu ohne Hut! Es ist unglaublich!“ Er dauerte mich so sehr!“ Ein hüb­sch­er Grund für eine Prinzessin, den ersten besten Strolch zu küssen! Und Pechvo­gel heißt er? Uner­hört! Aber den Men­schen muß ich haben, und wenn ich ihn habe, wird er geköpft. Das ist die allerg­er­ing­ste Strafe, die ihn tre­f­fen kann!“ Darauf befahl der König seinen Reit­ern, das Land nach allen Rich­tun­gen hin zu durch­streifen und auf den armen Pechvo­gel zu fah­n­den. Wenn ihr einen jun­gen Men­schen find­et, der aussieht, als hät­ten ihm die Mäuse das Brot wegge­fressen, und keinen Hut hat, der ist‘s! Den bringt ihr sofort hier­her!“ Und die Reit­er sto­ben auseinan­der wie Spreu, in die der Wind fährt, und durch­zo­gen das ganze Land. Manche von ihnen kamen auch an Pechvo­gel vor­bei, der in sein­er vornehmen Klei­dung stolz auf dem Pferde saß; aber sie erkan­nten ihn nicht, und die meis­ten von ihnen kehrten unver­richte­ter­dinge in das Schloß zurück, wo sie der König zornig anfuhr und alberne, ungeschick­te Men­schen schalt, die zu gar nichts zu gebrauchen seien. Die Prinzessin aber blieb trau­rig wie zuvor und kam jeden Mit­tag mit ver­wein­ten Augen zu Tisch; und der König tat auch weit­er nichts, als daß er immer wieder seine schöne, trau­rige Tochter ansah, und ließ darüber Suppe und Brat­en kalt wer­den. So ging es Woche um Woche. Eines Tages jedoch enstand plöt­zlich ein Lär­men auf dem Schloßhofe. Alles lief zusam­men, und ehe noch der König Zeit gehabt, ans Fen­ster zu treten, um nach der Ursache zu sehen, führten schon zwei Reit­er den armen Pechvo­gel in sein Zim­mer. Sie hat­ten ihm die Hände auf dem Rück­en zusam­menge­bun­den, aber sein Gesicht strahlte, als wenn ihm in seinem Leben noch nie etwas Lieberes wider­fahren wäre. Er verneigte sich vor dem Könige und richtete sich dann stolz auf, abwartend, was er über ihn beschließen würde. Wir haben den sauberen Vogel gefan­gen, Majestät!“ sagte der ältere der bei­den Reit­er. Er muß sich aber inzwis­chen gemausert haben; denn Eure Beschrei­bung paßt wie die Faust aufs Auge! Gewiß hät­ten wir ihn auch nie gefun­den, wenn uns nicht der dumme Tölpel, als wir im Wirtshaus mit ihm zusam­men­trafen, die ganze Geschichte selb­st erzählt hätte. Und wißt ihr, was er getan hat, nach­dem wir ihn gefan­gen und gebun­den? Weit­ergelacht und weit­erge­sun­gen! Und wie wir ihn auf sein Pferd geset­zt, zwis­chen unsere Pferde genom­men und hier­herge­jagt? Geschimpft und gezankt, daß wir so langsam rit­ten! Als wenn er es nicht erwarten könne, bis er geköpft würde. Wenn das der trau­rig­ste Men­sch in der ganzen Chris­ten­heit sein soll, Majestät, so möchte ich wohl den aller­lustig­sten sehen. Der muß sich dann zum Früh­stück die Beine aus­reißen und in den Kaf­fee tauchen. Alles andere hat der hier schon unter­wegs gemacht!“ Als der König dies gehört, trat er vor Pechvo­gel mit gekreuzten Armen hin und sagte: Also du bist der Men­sch, der die Frech­heit gehabt hat, sich von der Prinzessin küssen zu lassen?“ Ja, Herr König! Und ich bin seit­dem der aller­glück­selig­ste Men­sch der Welt gewor­den!“ Werft ihn in den Turm, er soll mor­gen geköpft wer­den!“ Hier­auf führten die Reit­er Pechvo­gel hin­aus und in den Turm; der König aber ging mit lan­gen Schrit­ten in seinem Zim­mer auf und ab. Das ist ein schlim­mer Han­del“, sagte er. Haben tu ich ihn, und geköpft wird er; aber davon allein wird mein Glück­skind nicht wieder lustig.“ Dann ging er leise bis an das Zim­mer sein­er Tochter, sah durchs Schlüs­sel­loch, schüt­telte den Kopf, ging wieder lange auf und ab und ließ endlich seinen Geheimen Rat kom­men. Als dieser alles gehört, besann er sich und sagte: Ich weiß nicht, ob‘s hil­ft, aber man kön­nte es ver­suchen. Daß der Pechvo­gel vorher trau­rig war und jet­zt lustig ist, ist sich­er; eben­so, daß unsere schöne Prinzessin früher stets fröh­lich war und nun fortwährend weint. Daß der Kuß daran schuld ist, ist doch sehr wahrschein­lich. Also, der Pechvo­gel muß der Prinzessin den Kuß wiedergeben. Majestät, das ist meine untertänig­ste Mein­ng!“ Das ist ja ganz unmöglich“, erwiderte der König ärg­er­lich, und ganz gegen die Sitte meines Haus­es!“ Ew. Majestät müssen die Sache nur als Staat­sakt betra­cht­en, dann geht es wohl, und nie­mand kann etwas dage­gen ein­wen­den.“ Der König über­legte sich die Angele­gen­heit noch etwas, dann sagte er: Gut, wir wollen es ver­suchen. Rufe alle Grafen und Rit­ter ins Thronz­im­mer und laß den Gefan­genen her­auf­führen!“ Darauf legte der König seine Staatsklei­dung an und nahm auf dem Throne Platz. Neben ihm stand die Prinzessin, der er gar nicht gewagt hat­te zu sagen, weshalb er sie hat­te rufen lassen, und um ihn herum in großem Kreise der ganze Hof; lauter vornehme Her­ren in goldge­stick­ten Klei­dern mit Ster­nen und Schär­pen. Alles war ganz still. Da ging die Tür auf, und Pechvo­gel wurde hereinge­bracht. Du wirst mor­gen geköpft“, fuhr ihn der König an, aber zuvor wirst du augen­blick­lich und vor allen diesen edlen und erlaucht­en Her­ren mein­er Tochter den Kuß wiedergeben, den sie dir unüber­legter­weise gegeben hat!“ Wenn Ihr nur das wün­scht, Herr König“, ent­geg­nete Pechvo­gel, so will ich es her­zlich gern tun, und wenn es möglich ist, daß ein Men­sch noch glück­lich­er wer­den kann, als ich es jet­zt schon bin, so werde ich es gewiß wer­den!“ Das wollen wir erst ein­mal sehen“, unter­brach ihn der König barsch. Dies­mal kön­ntest du dich verech­net haben!“ Darauf schritt Pechvo­gel auf die Prinzessin zu, umarmte sie und gab ihr einen Kuß. Sie aber nahm seine Hand, sah ihn sehr fre­undlich an, und bei­de blieben vor dem Throne ste­hen. Bist du nun wieder vergnügt, meine liebe Tochter?“ fragte der König. Ein klein bißchen, Herr Vater“, ent­geg­nete sie. Aber es wird gewiß nicht lange vorhal­ten.“ Ja, ja!“ sagte der König trau­rig, ich sehe es schon. Er ist ja nicht wieder trau­rig gewor­den, wie es sein müßte, wenn‘s richtig wäre. Er ste­ht ja noch immer da und lächelt und macht immer noch das unver­schämt vergnügte Gesicht! Was nun anfan­gen?“ Da schlug die Prinzessin die Augen nieder und sagte leise: Ich weiß es, Vater, und will es dir sagen; aber bloß ins Ohr.“ Darauf ging der König mit der Prinzessin auf den Vor­saal, und wie sie wieder here­in­trat­en, nahm er die Hand Pechvo­gels, legte sie in die der Prinzessin und sagte zu allen den ver­sam­melten Her­ren und Grafen: Es ist nicht zu ändern, Gottes Wille geschehe; dies ist mein lieber Sohn, der König wird, wenn ich ein­mal sterbe.“ – Und Pechvo­gel wurde Prinz und später König. Er wohnte in dem gold­e­nen Schlosse und gab der Prinzessin so viele Küsse, daß sie noch viel fröh­lich­er wurde als zuvor. Prinzessin Glück­skind aber schenk­te ihm für seinen häßlichen Namen die aller­schön­sten; jeden Tag einen anderen. Nur zuweilen, wenn sie recht über­mütig lustig war, sagte sie zu ihm: Weißt du noch, wie du früher hießest?“ und dann wollte sie sich tot­lachen. Er aber hielt ihr den Mund zu und sprach: Still! was sollen die Leute denken, wenn sie es hören? Ich ver­liere ja allen Respekt!“