Ole Luk-Oie

von Hans Christian Andersen

~20 Min

Es gibt Nie­man­den in der ganzen weit­en Welt, der so viele Geschicht­en weiß, als Olé Luk-Oie. — Der kann gehörig erzählen!

So gegen Abend hin, wenn die Kinder noch so nett am Tis­che oder auf ihrem Schemel sitzen, kommt Olé Luk-Oie. Er kommt sachte die Treppe her­auf, denn er geht auf Sock­en; er macht ganz leise die Thüren auf, und husch! da spritzt er den Kindern süße Milch in die Augen hinein, und das so fein, so fein, aber doch immer genug, sodaß sie die Augen nicht aufhal­ten und ihn deshalb auch nicht sehen kön­nen. Er schle­icht sich ger­ade hin­ter sie, bläst ihnen sachte in den Nack­en, und davon wer­den sie schw­er im Kopf. O ja! aber es thut nicht weh, denn Olé Luk-Oie meint es ger­ade gut mit den Kindern; er will nur, daß sie ruhig sein sollen, und das sind sie am ersten, wenn man sie zu Bette gebracht hat; sie sollen stille sein, damit er ihnen Geschicht­en erzählen kann.

Wenn die Kinder dann schlafen, set­zt sich Olé Luk-Oie auf ihr Bett. Er ist gut gek­lei­det; sein Rock ist von Sei­den­zeug, aber es ist unmöglich, zu sagen, von welch­er Farbe, denn er glänzt grün, roth und blau, jenach­dem er sich wen­det. Unter jedem Arme hält er einen Regen­schirm; den einen, mit Bildern darauf, span­nt er über die guten Kinder aus, und dann träu­men sie die ganze Nacht die her­rlich­sten Geschicht­en; aber einen andern Schirm hat er, wo dur­chaus nichts darauf ist; den stellt er über die unar­ti­gen Kinder, dann schlafen sie so dumm und haben am Mor­gen, wenn sie erwachen, nicht das Allerg­er­ing­ste geträumt.

Nun wer­den wir hören, wie Olé Luk-Oie an jedem Abend in ein­er ganzen Woche zu einem kleinen Knaben kam, welch­er Hjal­mar hieß, und was er ihm erzählte. Es sind sieben Geschicht­en, denn es sind sieben Tage in der Woche

Mon­tag


Höre ein Mal!” sagte Olé Luk-Oie am Abend, als er Hjal­mar zu Bette gebracht hat­te; nun werde ich auf­putzen!” Und da wur­den alle Blu­men in den Blu­men­töpfen zu großen Bäu­men, welche ihre lan­gen Zweige unter der Zim­merdecke und längs den Wän­den ausstreck­ten, sodaß die ganze Stube wie ein prächtiges Lusthaus aus­sah; und alle Zweige waren voller Blu­men, und jede Blume war noch schön­er, als eine Rose, duftete so lieblich, und wollte man sie essen, so war sie noch süßer, als Eingemacht­es! Die Früchte glänzten wie Gold, und es waren da Kuchen, die vor lauter Rosi­nen platzten. Es war unver­gle­ich­lich schön! Aber zu gle­ich­er Zeit ertönte ein schreck­lich­es Jam­mern aus dem Tis­chkas­ten her, wo Hjal­mar’s Schul­büch­er lagen.

Was ist nur das?” sagte Olé Luk-Oie und ging hin nach dem Tis­che und zog den Kas­ten auf. Es war die Schiefertafel, in der es riß und wühlte, denn es war eine falsche Zahl in das Rech­enex­em­pel gekom­men, sodaß es nahe daran war, auseinan­der zu fall­en; der Grif­fel hüpfte und sprang an seinem Bande, ger­ade als ob er ein klein­er Hund wäre, der dem Rech­enex­em­pel helfen möchte; aber er kon­nte es nicht! — Und dann jam­merte es auch in Hjal­mar’s Schreibebuch; o, es war ordentlich häßlich mit anzuhören! Auf jedem Blat­te standen der Länge nach herunter die großen Buch­staben, ein jed­er mit einem kleinen zur Seite: das war eine Vorschrift; und neben diesen standen wieder einige Buch­staben, welche eben so auszuse­hen glaubten, und diese hat­te Hjal­mar geschrieben; sie lagen aber fast ger­ade so, als ob sie über die Bleifed­er­striche gefall­en wären, auf denen sie ste­hen sollten.

Seht, so soll­tet Ihr Euch hal­ten!” sagte die Vorschrift. Seht, so schräg geneigt, mit einem kräfti­gen Schwung!”

O, wir möcht­en gern,” sagten Hjal­mar’s Buch­staben; aber wir kön­nen nicht; wir sind so jäm­mer­lich!”
Dann müßt Ihr ein­nehmen!” sagte Olé Luk-Oie.

O nein!” riefen sie, und da standen sie so schlank, daß es eine Lust war!

Ja, nun kön­nen wir keine Geschicht­en erzählen!” sagte Olé Luk-Oie; nun muß ich sie exer­ciren! Eins, zwei! Eins, zwei!” und so exer­cirte er die Buch­staben: und sie standen ganz schlank und so schön, wie nur eine Vorschrift ste­hen kann. Aber als Olé Luk-Oie ging und Hjal­mar sie am Mor­gen besah, da waren sie eben so jäm­mer­lich, wie früher.

Dien­stag


Sobald Hjal­mar zu Bette war, berührte Olé Luk-Oie mit sein­er kleinen Zauber­spritze alle Möbeln in der Stube, und sogle­ich fin­gen die an zu plaud­ern, und alle­sammt sprachen sie von sich selb­st, mit Aus­nahme des Spuck­napfes, welch­er stumm das­tand und sich darüber ärg­erte, daß sie so eit­el sein kön­nten, nur von sich selb­st zu reden, nur an sich selb­st zu denken und dur­chaus keine Rück­sicht auf Den zu nehmen, der doch so beschei­den in der Ecke stand und sich bespuck­en ließ.

Ueber der Kom­mode hing ein großes Gemälde in einem ver­gold­e­ten Rah­men, das war eine Land­schaft; man sah darauf große, alte Bäume, Blu­men im Grase und einen bre­it­en Fluß, welch­er um den Wald herum­floß, an vie­len Schlössern vor­bei, und weit hin­aus in das wilde Meer.

Olé Luk-Oie berührte mit sein­er Zauber­spritze das Gemälde, und da began­nen die Vögel darauf zu sin­gen, die Baumzweige bewegten sich und die Wolken zogen ordentlich weit­er; man kon­nte ihren Schat­ten über die Land­schaft hin­gleit­en sehen.

Nun hob Olé Luk-Oie den kleinen Hjal­mar zu dem Rah­men empor und stellte seine Füße in das Gemälde, ger­ade in das hohe Gras, und da stand er; die Sonne beschien ihn durch die Zweige der Bäume. Er lief hin zum Wass­er und set­zte sich in ein kleines Boot, welch­es dort lag; es war roth und weiß angestrichen, die Segel glänzten wie Sil­ber, und sechs Schwäne, alle mit Gold­kro­nen um den Hals und einem strahlen­den blauen Stern auf dem Kopfe, zogen das Boot an dem grü­nen Walde vor­bei, wo die Bäume von Räu­bern und Hex­en und die Blu­men von den niedlichen kleinen Elfen und von Dem, was die Schmetter­linge ihnen gesagt hat­ten, erzählten.

Die her­rlich­sten Fis­che, mit Schup­pen wie Sil­ber und Gold, schwammen dem Boote nach; mitunter macht­en sie einen Sprung, sodaß es im Wass­er plätscherte, und Vögel, roth und blau, klein und groß, flo­gen in zwei lan­gen Rei­hen hin­ter­her; die Mück­en tanzten und die Maikäfer sagten: Bum! Bum!” Sie woll­ten Hjal­mar Alle fol­gen, und sie Alle hat­ten eine Geschichte zu erzählen.

Das war eine Lust­fahrt! Bald waren die Wälder so dicht und so dunkel, bald waren sie wie der her­rlich­ste Garten mit Son­nen­schein und Blu­men; und da lagen große Schlöss­er von Glas und von Mar­mor; auf den Alta­nen standen Prinzessin­nen, und diese waren Alle kleine Mäd­chen, die Hjal­mar gut kan­nte; er hat­te früher mit ihnen gespielt. Sie streck­ten jede die Hand aus und hiel­ten das niedlich­ste Zuck­er­herz hin, welch­es je eine Kuchen­frau verkaufen kon­nte; und Hjal­mar faßte die eine Seite des Zuck­er­herzens an, indem er vor­bei­fuhr, und die Prinzessin hielt recht fest, und so bekam Jed­er ein Stück: sie das kle­in­ste, Hjal­mar das aller­größte. Bei jedem Schlosse standen kleine Prinzen Schildwache; sie schul­terten mit Gold­sä­beln und ließen Rosi­nen und Zinnsol­dat­en reg­nen; das sah man ihnen an, daß es ächte Prinzen waren!

Bald segelte Hjal­mar durch Wälder, bald durch große Säle, oder mit­ten durch eine Stadt; er kam auch durch die, in welch­er sein Kin­der­mäd­chen wohnte, welch­es ihn getra­gen hat­te, da er noch ein ganz klein­er Knabe war, und das ihm immer so gut gewe­sen; und sie nick­te und wink­te und sang den niedlichen kleinen Vers, den sie selb­st gedichtet und Hjal­mar gesandt hatte:

Ich denke Dein­er so manch­es Mal,
Mein teur­er Hjal­mar, Du Lieber!
Ich gab Dir Küsse ja ohne Zahl
Auf Stirne, Mund, Augen­lid­er.
Ich hörte Dich lallen das erste Wort,
Doch mußt’ ich Dir Abschied sagen.
Es seg­ne der Herr Dich an jedem Ort,
Du Engel, den ich getragen!

Und alle Vögel san­gen mit, die Blu­men tanzten auf den Stie­len und die alten Bäume nick­ten, ger­ade als ob Olé Luk-Oie ihnen auch Geschicht­en erzählte.

Mittwoch


Nein, wie strömte der Regen draußen hernieder! Hjal­mar kon­nte es im Schlafe hören; und da Olé Luk-Oie ein Fen­ster öffnete, stand das Wass­er ger­ade her­auf bis an das Fen­ster­brett; es war ein ganz­er See da draußen, aber das prächtig­ste Schiff lag dicht am Hause.

Willst Du mit­segeln, klein­er Hjal­mar?” fragte Olé Luk- Oie, so kannst Du diese Nacht nach frem­den Län­dern gelan­gen und mor­gen wieder hier sein!”

Und da stand Hjal­mar plöt­zlich in seinen Son­ntagsklei­dern mit­ten auf dem prächti­gen Schiffe, und sogle­ich wurde das Wet­ter schön, und sie segel­ten durch die Straßen, kreuzten um die Kirche, und nun war Alles eine große, wilde See. Sie segel­ten so lange, bis kein Land mehr zu erblick­en war, und sie sahen einen Flug Störche, die kamen auch aus der Heimath und woll­ten nach den war­men Län­dern; ein Storch flog immer hin­ter dem andern, und sie waren schon so weit, so weit geflo­gen! Ein­er von ihnen war so ermüdet, daß seine Flügel ihn kaum noch zu tra­gen ver­mocht­en; es war der aller­let­zte in der Rei­he, und bald blieb er ein großes Stück zurück; zulet­zt sank er mit aus­ge­bre­it­eten Flügeln tiefer und tiefer; er machte noch ein paar Schläge mit den Schwin­gen, aber es half nichts; nun berührte er mit seinen Füßen das Tauw­erk des Schiffes, nun glitt er vom Segel herab, und bums! da stand er auf dem Verdecke.
Nun nahm der Schiff­sjunge ihn und set­zte ihn in das Hüh­n­er­haus, zu den Hüh­n­ern, Enten und Truthäh­nen; der arme Storch stand ganz befan­gen mit­ten unter ihnen.

Sieh den Kerl an!” sagten alle Hühner.

Und der kalekutis­che Hahn blies sich so dick auf, wie er kon­nte, und fragte, wer er wäre; und die Enten gin­gen rück­wärts und pufften einan­der: Rap­pel Dich! Rap­pel Dich!”

Und der Storch erzählte vom war­men Afri­ka, von den Pyra­mi­den und vom Strauße, der einem wilden Pferde gle­ich die Wüste durch­laufe; aber die Enten ver­standen nicht, was er sagte, und dann pufften sie einan­der: Wir sind doch wohl Alle der­sel­ben Mei­n­ung, näm­lich, daß er dumm ist?”

Ja, sich­er ist er dumm!” sagte der Truthahn, und dann kollerte er. Da schwieg der Storch ganz stille und dachte an sein Afrika.

Das sind ja her­rliche dünne Beine, die Ihr habt!” sagte der Kalekute. Was kostet die Elle davon?”
Skrat, skrat, skrat!” grin­sten alle Enten; aber der Storch that, als ob er es gar nicht höre.

Ihr kön­nt immer mit­lachen,” sagte der Kalekute zu ihm; denn es war sehr witzig gesagt! Oder war es Euch vielle­icht zu hoch? Ach, ach! er ist nicht viel­seit­ig! Wir wollen inter­es­sant unter uns selb­st bleiben!” Und dann kluck­te er, und die Enten schnat­terten: Gik, gak! Gik, gak!” Es war erschreck­lich, wie sie sich selb­st belustigten.

Aber Hjal­mar ging nach dem Hüh­n­er­hause, öffnete die Türe, rief den Storch, und der hüpfte zu ihm her­aus auf das Verdeck. Nun hat­te er ja aus­geruht, und es war gle­ich­sam, als ob er Hjal­mar zunicke, um ihm zu danken. Darauf ent­fal­tete er seine Schwin­gen und flog nach den war­men Län­dern; aber die Hüh­n­er kluck­ten, die Enten schnat­terten und der kalekutis­che Hahn wurde ganz feuer­roth im Kopfe.

Mor­gen wer­den wir Suppe von Euch kochen!” sagte Hjal­mar, und damit erwachte er und lag in seinem kleinen Bette. Es war doch eine son­der­bare Reise, die Olé Luk-Oie ihn diese Nacht hat­te machen lassen

Don­ner­stag


Weißt Du was?” sagte Olé Luk-Oie. Werde nur nicht furcht­sam! Hier wirst Du eine kleine Maus sehen!” Und dann hielt er ihm seine Hand hin, mit dem leicht­en, niedlichen Thiere in der­sel­ben. Sie ist gekom­men, um Dich zur Hochzeit einzu­laden. Hier sind diese Nacht zwei kleine Mäuse, die in den Stand der Ehe treten wollen. Sie wohnen unter Dein­er Mut­ter Speisekam­mer­fuß­bo­den: das soll eine schöne Woh­nung sein!”

Aber wie kann ich durch das kleine Mäuse­loch im Fuß­bo­den kom­men?” fragte Hjalmar.

Da laß mich nur sor­gen!” sagte Olé Luk-Oie. Ich werde Dich schon klein machen!” Und nun berührte er Hjal­mar mit sein­er Zauber­spritze, worauf dieser sogle­ich klein­er und klein­er wurde; zulet­zt war er keinen Fin­ger lang. Nun kannst Du Dir die Klei­der des Zinnsol­dat­en lei­hen; ich denke, sie wer­den Dir passen, und es sieht so gut aus, Uni­form anzuhaben, wenn man in Gesellschaft ist!”

Ja freilich!” sagte Hjal­mar, und da war er im Augen­blick wie der niedlich­ste Zinnsol­dat angek­lei­det.
Wollen Sie nicht so gut sein und sich in Ihrer Mut­ter Fin­ger­hut set­zen,” sagte die kleine Maus; dann werde ich die Ehre haben, Sie zu ziehen!”

Gott, wollen sich das Fräulein selb­st bemühen!” sagte Hjal­mar; und so fuhren sie zur Mäuse­hochzeit.
Zuerst kamen sie unter dem Fuß­bo­den in einen lan­gen Gang, der gar nicht höher war, als daß sie ger­ade mit dem Fin­ger­hut dort fahren kon­nten; und der ganze Gang war mit faulem Holze illu­minirt.
Riecht es hier nicht her­rlich?” fragte die Maus, die ihn zog. Der ganze Gang ist mit Speckschwarten geschmiert wor­den! Es kann nichts Schöneres geben!”

Nun kamen sie in den Braut­saal hinein. Hier standen zur Recht­en alle kleinen Mäusedamen; und die wis­perten und pis­perten, als ob sie einan­der zum Besten hät­ten. Zur Linken standen alle Mäuse­herren und strichen sich mit der Pfote den Schnauzbart; mit­ten in dem Saale aber sah man das Braut­paar; die standen in ein­er aus­ge­höhlten Käserinde und küßten sich gar erschreck­lich viel vor Aller Augen, denn sie waren ja Ver­lobte und soll­ten nun gle­ich Hochzeit halten.

Es kamen immer mehr und mehr Fremde; die eine Maus war nahe daran, die andere todt zu treten, und das Braut­paar hat­te sich mit­ten in die Thüre gestellt, sodaß man wed­er hin­aus noch here­in gelan­gen kon­nte. Die Stube war eben so wie der Gang mit Speckschwarten eingeschmiert; das war die ganze Bewirthung; aber zum Dessert wurde eine Erb­se vorgezeigt, in die eine Maus aus der Fam­i­lie den Namen des Braut­paares einge­bis­sen hat­te, das heißt: den ersten Buch­staben. Das war etwas ganz Außerordentliches!

Alle Mäuse sagten, daß es eine schöne Hochzeit sei, und daß die Unter­hal­tung sehr angenehm gewe­sen wäre.

Und dann fuhr Hjal­mar wieder nach Hause; er war wahrlich in vornehmer Gesellschaft gewe­sen, aber er hat­te auch ordentlich zusam­menkriechen, sich klein machen und Zinnsol­date­nuni­form anziehen müssen.

Fre­itag


Es ist unglaublich, wie viele ältere Leute es gibt, die mich gar zu gern haben möcht­en!” sagte Olé Luk-Oie. Es sind beson­ders Die, welche etwas Bös­es verübt haben. ““Guter, klein­er Olé,”” sagen sie zu mir; ““wir kön­nen die Augen nicht schließen, und so liegen wir die ganze Nacht und sehen alle unsere bösen That­en, die wie häßliche kleine Kobolde auf der Bettstelle sitzen und uns mit heißem Wass­er bespritzen; möcht­est Du doch kom­men und sie fort­ja­gen, damit wir einen guten Schlaf bekä­men;”” und dann seufzen sie so tief; ““wir möcht­en es wahrlich gern bezahlen; gute Nacht, Olé! das Geld liegt im Fen­ster!”” Aber ich thue es nicht für Geld,” sagte Olé Luk-Oie.

Was wollen wir nun diese Nacht vornehmen?” fragte Hjalmar.

Ja, ich weiß nicht, ob Du diese Nacht wieder Lust hast, zur Hochzeit zu gehen; es ist eine andere Art, als die gestrige war. Dein­er Schwest­er große Puppe, die, welche wie ein Mann aussieht und Her­rmann genan­nt wird, will sich mit der Puppe Bertha ver­heira­then. Es ist oben­drein der Puppe Geburt­stag, und deshalb wer­den sie sehr viele Geschenke bekommen!”

Ja, das kenne ich schon,” sagte Hjal­mar. Immer wenn die Pup­pen neue Klei­der brauchen, dann läßt meine Schwest­er sie ihren Geburt­stag feiern oder Hochzeit hal­ten; das ist sich­er schon hun­dert Mal geschehen!”

Ja, aber in dieser Nacht ist es die hun­dert und erste Hochzeit, und wenn hun­dert und eins aus ist, dann ist Alles vor­bei! Deshalb wird auch diese so beispiel­los schön. Sieh nur einmal!”

Und Hjal­mar sah nach dem Tis­che. Da stand das kleine Pap­phaus mit Licht in den Fen­stern, und draußen davor präsen­tirten alle Zinnsol­dat­en das Gewehr. Das Braut­paar saß ganz gedanken­voll, wozu es wohl Ursache hat­te, auf dem Fuß­bo­den, und lehnte sich gegen das Tis­chbein. Aber Olé Luk-Oie, in der Groß­mut­ter schwarzen Rock gek­lei­det, traute sie. Als die Trau­ung vor­bei war, stimmten alle Möbel in der Stube fol­gen­den schö­nen Gesang an, welch­er von der Bleifed­er geschrieben war; er ging nach der Melodie des Zapfenstreiches.

Das Lied ertöne, wie der Wind;
Dem Braut­paar Hoch! das sich verbind’t;
Sie prangen Bei­de steif und blind,
Da sie von Hand­schuh­led­er sind!
:,:Hur­rah, Hur­rah! ob taub und blind,
Wir sin­gen es in Wet­ter und Wind!:,:

Und nun beka­men sie Geschenke; aber sie hat­ten sich alle Speise­waren ver­beten, denn sie hat­ten an ihrer Liebe genug.

Wollen wir nun eine Som­mer­woh­nung beziehen oder auf Reisen gehen?” fragte der Bräutigam. Und da wurde die Schwalbe, die so viel gereist war, und die alte Hofhenne, welche fünf Mal Küch­lein aus­ge­brütet hat­te, zu Rathe gezo­gen. Und die Schwalbe erzählte von den her­rlichen war­men Län­dern, wo die Wein­trauben so groß und schw­er hin­gen, wo die Luft so mild sei und die Berge Far­ben hät­ten, wie man sie hier gar nicht an densel­ben kenne!

Sie haben doch nicht unsern Braunkohl!” sagte die Henne. Ich war einen Som­mer lang mit allen meinen Küch­lein auf dem Lande; da war eine Sand­grube, in der wir umherge­hen und kratzen kon­nten; und dann hat­ten wir Zutritt zu einem Garten mit Braunkohl! O, wie war der her­rlich! Ich kann mir nichts Schöneres denken.”

Aber der eine Kohlstrunk sieht ger­ade so aus, als der andere,” sagte die Schwalbe; und dann ist hier so oft schlecht­es Wetter!”

Ja, daran ist man gewöh­nt!” sagte die Henne.

Aber hier ist es kalt, und es friert!”

Das ist gut für den Kohl!” sagte die Henne. Übri­gens kön­nen wir es auch warm haben! Hat­ten wir nicht vor vier Jahren einen Som­mer, der fünf Wochen lang währte; es war hier so heiß, man kon­nte nicht ath­men! Und dann haben wir nicht alle die gifti­gen Thiere, die sie dort haben! Und wir sind von Räu­bern frei! Der ist ein Bösewicht, der nicht find­et, daß unser Land das schön­ste ist! Er ver­di­ent wahrlich nicht, hier zu sein!” Und dann weinte die Henne und fuhr fort: Ich bin auch gereist! Ich bin in ein­er Bütte über zwölf Meilen gefahren! Es ist dur­chaus kein Vergnü­gen beim Reisen!”

Ja, die Henne ist eine vernün­ftige Frau!” sagte die Puppe Bertha. Ich halte auch nichts davon, Berge zu bereisen, denn das geht nur hin­auf und dann wieder herunter! Nein, wir wollen hin­aus vors Thor in die Sand­grube ziehen und im Kohl­gar­ten spazieren!“
Und dabei blieb es.

Sonnabend


Bekomme ich nun Geschicht­en zu hören?” fragte der kleine Hjal­mar, sobald Olé Luk-Oie ihn in den Schlaf gebracht hatte.

Diesen Abend haben wir nicht Zeit dazu,” sagte Olé Luk-Oie und span­nte seinen schön­sten Regen­schirm über ihm auf. Betra­chte nun diese Chi­ne­sen!” Und der ganze Regen­schirm sah aus, wie eine große chi­ne­sis­che Schaale mit blauen Bäu­men und spitzen Brück­en und mit kleinen Chi­ne­sen darauf, die das­tanden und mit dem Kopfe nick­ten. Wir müssen die ganze Welt zu mor­gen schön aufgeputzt haben,” sagte Olé Luk-Oie; es ist ja dann ein Feiertag, es ist Son­ntag. Ich will nach den Kirchthür­men hin, um zu sehen, ob die kleinen Kirchenkobolde die Glock­en poliren, damit sie hüb­sch klin­gen; ich will hin­aus auf das Feld und sehen, ob die Winde den Staub von Gras und Blät­tern blasen; und was die größte Arbeit ist, ich will alle Sterne herun­ter­holen, um sie zu poliren. Ich nehme sie in meine Schürze; aber erst muß ein jed­er numerirt wer­den, und die Löch­er, worin sie da oben sitzen, müssen auch numerirt wer­den, damit sie wieder auf den recht­en Fleck kom­men kön­nen, son­st wür­den sie nicht fest­sitzen, und wir bekä­men zu viele Stern­schnup­pen, indem der eine nach dem andern herun­ter­purzeln würde!”

Hören Sie, wis­sen Sie was, Herr Luk-Oie!” sagte ein altes Por­trait, welch­es an der Wand hing, wo Hjal­mar schlief; ich bin Hjal­mar’s Urgroß­vater; ich danke Ihnen, daß Sie dem Knaben Geschicht­en erzählen, aber Sie müssen seine Begriffe nicht ver­drehen. Die Sterne kön­nen nicht herun­tergenom­men und polirt wer­den! Die Sterne sind Weltkugeln, eben so wie unsere Erde, und das ist ger­ade das Gute an ihnen.”

Ich danke Dir, Du alter Urgroß­vater!” sagte Olé Luk- Oie; ich danke Dir! Du bist ja das Haupt der Fam­i­lie; Du bist das Urhaupt; aber ich bin doch älter, als Du! Ich bin ein alter Hei­de; Römer und Griechen nan­nten mich den Traum­gott! Ich bin in die vornehm­sten Häuser gekom­men und komme noch dahin! Ich weiß sowohl mit Gerin­gen, wie mit Großen umzuge­hen! Nun kannst Du erzählen!” — Und da ging Olé Luk-Oie und nahm seinen Regen­schirm mit.

Nun! Nun! Man darf wohl gar seine Mei­n­ung nicht mehr sagen!” brummte das alte Por­trait.
Und da erwachte Hjal­mar.

Son­ntag


Guten Abend!” sagte Olé Luk-Oie, und Hjal­mar nick­te und sprang dann hin und kehrte das Por­trait des Urgroß­vaters gegen die Wand um, damit es nicht, wie gestern, mit hinein­sprechen möchte.

Nun mußt Du mir Geschicht­en erzählen: von den fünf grü­nen Erb­sen, die in ein­er Schote wohn­ten, und von dem Hah­nen­fuß, der dem Hüh­n­er­fuße den Hof machte, und von der Stopf­nadel, die so vornehm that, daß sie sich ein­bildete, eine Näh­nadel zu sein!”

Man kann auch des Guten zu viel bekom­men!” sagte Olé Luk-Oie. Du weißt doch wohl, daß ich Dir am lieb­sten etwas zeige! Ich will Dir meinen Brud­er zeigen. Er heißt auch Olé Luk-Oie, aber er kommt zu Nie­mand öfter, als ein­mal, und zu wem er kommt, den nimmt er mit auf seinem Pferde und erzählt ihm Geschicht­en. Er ken­nt nur zwei; die eine ist so außeror­dentlich schön, daß Nie­mand in der Welt sie sich denken kann, und die andere ist so häßlich und gräulich — es ist gar nicht zu beschreiben!” Und dann hob Olé Luk-Oie den kleinen Hjal­mar zum Fen­ster hin­auf und sagte: Da wirst Du meinen Brud­er sehen, den andern Olé Luk-Oie! Sie nen­nen ihn auch den Tod! Siehst Du, er sieht gar nicht so schlimm aus, wie in den Bilder­büch­ern, wo er nur ein Knochen­gerippe ist! Nein, das ist Sil­ber­stick­erei, die er auf dem Klei­de hat; das ist die schön­ste Husare­nuni­form; ein Man­tel von schwarzem Sam­met fliegt hin­ten über das Pferd! Sieh’, wie er im Galopp reitet.”

Und Hjal­mar sah, wie dieser Olé Luk-Oie davon­ritt und sowohl junge wie alte Leute auf sein Pferd nahm; Einige set­zte er vorn, Andere hin­ten auf, aber immer fragte er erst: Wie ste­ht es mit dem Censurbuch?”

Gut!” sagten sie allesammt.

Ja, laß mich selb­st sehen!” sagte er; und dann mußten sie ihm das Buch zeigen; und alle Die, welche Sehr gut” und Aus­geze­ich­net gut” hat­ten, kamen vorne aufs Pferd und beka­men die her­rliche Geschichte zu hören; Die aber, welche Ziem­lich gut” und Mit­telmäßig” hat­ten, mußten hin­ten auf, und beka­men die gräuliche Geschichte; sie zit­terten und wein­ten, sie woll­ten vom Pferde sprin­gen, kon­nten es aber nicht, denn sie waren sogle­ich daran fest gewachsen.

Aber der Tod ist ja der prächtig­ste Olé Luk-Oie!” sagte Hjal­mar. Vor ihm bin ich nicht bange!”

Das sollst Du auch nicht!” sagte Olé Luk-Oie. Sieh nur zu, daß Du ein gutes Zen­sur­buch hast!”

Ja, das ist lehrre­ich!” murmelte des Urgroß­vaters Por­trait. Es hil­ft doch, wenn man seine Mei­n­ung sagt!” Und nun gab er sich zufrieden.

Sieh, das ist die Geschichte vom Olé Luk-Oie; nun mag er Dir selb­st diesen Abend mehr erzählen!