Oda und die Schlange

von Ludwig Bechstein

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Es war ein­mal ein Mann, der hat­te drei Töchter, von denen hieß die jüng­ste Oda. Nun wollte der Vater dieser drei ein­mal zu Mark­te fahren und fragte seine Töchter, was er ihnen mit­brin­gen sollte. Da bat die Älteste um ein goldnes Spin­nrad, die zweite um eine goldne Haspel, Oda aber sagte: »Bringe mir das mit, was unter deinem Wagen wegläuft, wenn du auf dem Rück­weg bist.« Da kaufte denn nun der Vater auf dem Markt ein, was sich die älteren Mäd­chen gewün­scht, und fuhr heim, und siehe, da lief eine Schlange unter den Wagen, die fing der Mann und brachte sie Oda mit. Er warf sie unten­hin in den Wagen und nach­her vor die Haustür, wo er sie liegen ließ.

Wie nun Oda her­aus kam, da fing die Schlange an zu sprechen: »Oda! Liebe Oda! Soll ich nicht hinein auf die Diele?«

»Was?« sagte Oda. »Mein Vater hat dich bis an unsere Türe mitgenom­men, und du willst auch here­in auf die Diele?« Aber sie ließ sie doch ein.

Da nun Oda nach ihrer Kam­mer ging, so rief die Schlage wieder: »Oda, liebe Oda! Soll ich nicht vor dein­er Kam­mertüre liegen?«

»Ei, seht doch!« sagte Oda, »mein Vater hat dich bis an die Haustür gebracht, ich habe dich herein­ge­lassen auf die Diele, und nun willst du auch noch vor mein­er Kam­mertür liegen? Doch es mag drum sein!«

Wie nun Oda in ihre Schlafkam­mer einge­hen wollte und die Kam­mertür öffnete, da rief die Schlange wieder: »Ach, Oda, liebe Oda! Soll ich nicht in deine Kammer?«

»Wie?« rief Oda, »hat dich mein Vater nicht bis an die Haustür mitgenom­men? Hab ich dich nicht auf die Diele gelassen und vor meine Kam­mertür? Und nun willst du auch noch mit in die Kam­mer? Aber, wenn du nun zufrieden sein willst, so komm nur here­in, liege aber stille, das sag ich dir!«

Damit ließ Oda die Schlange ein und fing an sich auszuk­lei­den. Wie sie nun ihr Bettchen besteigen wollte, so rief die Schlange doch wieder: »Ach, Oda, lieb­ste Oda! Soll ich denn nicht mit in dein Bette?«

»Nun wird es aber zu toll!« rief Oda zornig aus. »Mein Vater hat dich bis an die Haustür mitgenom­men; ich habe dich auf die Diele gelassen, nach­her vor die Kam­mertür, nach­her here­in in die Kam­mer – und nun willst du gar noch ins Bett zu mir? Aber du bist wohl erfroren? Nun, so komm mit here­in und wärme dich, du armer Wurm!«

Und da streck­te die gute Oda selb­st ihre weiche warme Hand aus und hob die kalte Schlange zu sich her­auf in ihr Bette. Da mit einem Male ver­wan­delte sich die Schlange, die eine lange Zeit verza­ubert gewe­sen war und die nur erlöst wer­den kon­nte, wenn alles das geschah, was mit ihr sich zuge­tra­gen hat­te – in einen jun­gen und schö­nen Prinzen, der alsobald die gute Oda zu sein­er Frau nahm.