Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

von Brüder Grimm

~19 Min

Ein Vater hat­te zwei Söhne, davon war der älteste klug und gescheit, und wusste sich in alles wohl zu schick­en. Der jüng­ste aber war dumm, kon­nte nichts begreifen und ler­nen, und wenn ihn die Leute sahen, sprachen sie: Mit dem wird der Vater noch seine Last haben!“ Wenn nun etwas zu tun war, so musste es der älteste allzeit aus­richt­en; hiess ihn aber der Vater noch spät oder gar in der Nacht etwas holen, und der Weg ging dabei über den Kirch­hof oder son­st einen schau­ri­gen Ort, so antwortete er wohl: Ach nein, Vater, ich gehe nicht dahin, es gruselt mir!“ Denn er fürchtete sich. Oder wenn abends beim Feuer Geschicht­en erzählt wur­den, wobei einem die Haut schaud­ert, so sprachen die Zuhör­er manch­mal: Ach, es gruselt mir!“ Der jüng­ste sass in ein­er Ecke und hörte das mit an und kon­nte nicht begreifen, was es heis­sen sollte. Immer sagen sie, es gruselt mir, es gruselt mir! Mir gruselt’s nicht. Das wird wohl eine Kun­st sein, von der ich auch nichts verstehe.“

Nun geschah es, dass der Vater ein­mal zu ihm sprach: Hör, du in der Ecke dort, du wirst gross und stark, du musst auch etwas ler­nen, wom­it du dein Brot ver­di­enst. Siehst du, wie dein Brud­er sich Mühe gibt, aber an dir ist Hopfen und Malz ver­loren.“ – Ei, Vater,“ antwortete er, ich will gerne was ler­nen; ja, wenn’s angin­ge, so möchte ich ler­nen, dass mir’s gruselte; davon ver­ste­he ich noch gar nichts.“ Der älteste lachte, als er das hörte und dachte bei sich: Du lieber Gott, was ist mein Brud­er für ein Dumm­bart, aus dem wird sein Leb­tag nichts. Was ein Häkchen wer­den will, muss sich beizeit­en krüm­men. Der Vater seufzte und antwortete ihm: Das Gruseln, das sollst du schon ler­nen, aber dein Brot wirst du damit nicht verdienen.“

Bald danach kam der Küster zu Besuch ins Haus. Da klagte ihm der Vater seine Not und erzählte, wie sein jüng­ster Sohn in allen Din­gen so schlecht beschla­gen wäre, er wüsste nichts und lernte nichts. Denkt Euch, als ich ihn fragte, wom­it er sein Brot ver­di­enen wollte, hat er gar ver­langt, das Gruseln zu ler­nen.“ – Wenn’s weit­er nichts ist,“ antwortete der Küster, das kann er bei mir ler­nen; tut ihn nur zu mir, ich werde ihn schon abho­beln.“ Der Vater war es zufrieden, weil er dachte: Der Junge wird doch ein wenig zuges­tutzt. Der Küster nahm ihn also ins Haus, und er musste die Glock­en läuten. Nach ein paar Tagen weck­te er ihn um Mit­ter­nacht, hiess ihn auf­ste­hen, In den Kirch­turm steigen und läuten. Du sollst schon ler­nen, was Gruseln ist, dachte er, ging heim­lich voraus, und als der Junge oben war und sich umdrehte und das Glock­en­seil fassen wollte, so sah er auf der Treppe, dem Schal­loch gegenüber, eine weisse Gestalt ste­hen. Wer da?“ rief er, aber die Gestalt gab keine Antwort, regte und bewegte sich nicht. Gib Antwort,“ rief der Junge, oder mache, dass du fortkommst, du hast hier in der Nacht nichts zu schaf­fen!“ Der Küster aber blieb unbe­weglich ste­hen, damit der Junge glauben sollte, es wäre ein Gespenst. Der Junge rief zum zweit­en­mal: Was willst du hier? Sprich, wenn du ein ehrlich­er Kerl bist, oder ich werfe dich die Treppe hinab.“ Der Küster dachte: Das wird so schlimm nicht gemeint sein, gab keinen Laut von sich und stand, als wenn er von Stein wäre. Da rief ihn der Junge zum drit­ten­mal an, und als das auch verge­blich war, nahm er einen Anlauf und stiess das Gespenst die Treppe hinab, dass es zehn Stufen hin­ab­fiel und in ein­er Ecke liegen­blieb. Darauf läutete er die Glocke, ging heim, legte sich ohne ein Wort zu sagen ins Bett und schlief fort. Die Küster­frau wartete lange Zeit auf ihren Mann, aber er wollte nicht wiederkom­men. Da ward ihr endlich angst, sie weck­te den Jun­gen und fragte: Weisst du nicht, wo mein Mann geblieben ist? Er ist vor dir auf den Turm gestiegen.“ – Nein,“ antwortete der Junge, aber da hat ein­er dem Schal­loch gegenüber auf der Treppe ges­tanden, und weil er keine Antwort geben und auch nicht wegge­hen wollte, so habe ich ihn für einen Spitzbuben gehal­ten und hin­un­tergestossen. Geht nur hin, so werdet Ihr sehen, ob er’s gewe­sen ist, es sollte mir leid tun.“ Die Frau sprang fort und fand ihren Mann, der in ein­er Ecke lag und jam­merte und ein Bein gebrochen hatte.

Sie trug ihn herab und eilte mit lautem Geschrei zu dem Vater des Jun­gen. Euer Junge,“ rief sie, hat ein gross­es Unglück angerichtet, meinen Mann hat er die Treppe hin­abge­wor­fen, dass er ein Bein gebrochen hat. Schafft den Tau­genichts aus unserm Hause!“ Der Vater erschrak, kam her­beige­laufen und schalt den Jun­gen aus. Was sind das für got­t­lose Stre­iche, die muss dir der Böse eingegeben haben.“ – Vater,“ antwortete er, hört nur an, ich bin ganz unschuldig. Er stand da in der Nacht wie ein­er, der Bös­es im Sinne hat. Ich wusste nicht, wer’s war, und habe ihn dreimal ermah­nt, zu reden oder wegzuge­hen.“ – Ach,“ sprach der Vater, mit dir erleb ich nur Unglück, geh mir aus den Augen, ich will dich nicht mehr anse­hen.“ – Ja, Vater, recht gerne, wartet nur bis Tag ist, da will ich aus­ge­hen und das Gruseln ler­nen, so ver­steh ich doch eine Kun­st, die mich ernähren kann.“ – Lerne, was du willst,“ sprach der Vater, mir ist alles ein­er­lei. Da hast du fün­fzig Taler, damit geh in die weite Welt und sage keinem Men­schen, wo du her bist und wer dein Vater ist, denn ich muss mich dein­er schä­men.“ – Ja, Vater, wie Ihr’s haben wollt, wenn Ihr nicht mehr ver­langt, das kann ich leicht tun.“

Als nun der Tag anbrach, steck­te der Junge seine fün­fzig Taler in die Tasche, ging hin­aus auf die grosse Land­strasse und sprach immer vor sich hin: Wenn mir’s nur gruselte! Wenn mir’s nur gruselte!“ Da kam ein Mann her­an, der hörte das Gespräch, das der Junge mit sich sel­ber führte, und als sie ein Stück weit­er waren, dass man den Gal­gen sehen kon­nte, sagte der Mann zu ihm: Siehst du, dort ist der Baum, wo sieben mit des Seil­ers Tochter Hochzeit gehal­ten haben und jet­zt das Fliegen ler­nen: setz dich darunter und warte, bis die Nacht kommt, so wirst du schon noch das Gruseln ler­nen.“ – Wenn weit­er nichts dazu gehört,“ antwortete der Junge, das ist leicht getan; lerne ich aber so geschwind das Gruseln, so sollst du meine fün­fzig Taler haben; komm nur mor­gen früh wieder zu mir.“ Da ging der Junge zu dem Gal­gen, set­zte sich darunter und wartete, bis der Abend kam. Und weil ihn fror, machte er sich ein Feuer an. Aber um Mit­ter­nacht ging der Wind so kalt, dass er trotz des Feuers nicht warm wer­den wollte. Und als der Wind die Gehenk­ten gegeneinan­der­stiess, dass sie sich hin und her bewegten, so dachte er: Du frierst unten bei dem Feuer, was mögen die da oben erst frieren und zap­peln. Und weil er mitlei­dig war, legte er die Leit­er an, stieg hin­auf, knüpfte einen nach dem andern los und holte sie alle sieben herab. Darauf schürte er das Feuer, blies es an und set­zte sie ring­sherum, dass sie sich wär­men soll­ten. Aber sie sassen da und regten sich nicht, und das Feuer ergriff ihre Klei­der. Da sprach er: Nehmt euch in acht, son­st häng ich euch wieder hin­auf.“ Die Toten aber hörten nicht, schwiegen und liessen ihre Lumpen fort­bren­nen. Da ward er bös und sprach: Wenn ihr nicht acht­geben wollt, so kann ich euch nicht helfen, ich will nicht mit euch ver­bren­nen,“ und hing sie nach der Rei­he wieder hin­auf. Nun set­zte er sich zu seinem Feuer und schlief ein, und am andern Mor­gen, da kam der Mann zu ihm, wollte die fün­fzig Taler haben und sprach: “ Nun, weisst du, was Gruseln ist?“ – Nein,“ antwortete er, woher sollte ich’s wis­sen? Die da droben haben das Maul nicht auf getan und waren so dumm, dass sie die paar alten Lap­pen, die sie am Leibe haben, bren­nen liessen.“ Da sah der Mann, dass er die fün­fzig Taler heute nicht davon­tra­gen würde, ging fort und sprach: So ein­er ist mir noch nicht vorgekommen.“

Der Junge ging auch seines Wegs und fing wieder an, vor sich hin zu reden: Ach, wenn mir’s nur gruselte! Ach, wenn mir’s nur gruselte!“ Das hörte ein Fuhrmann, der hin­ter ihm her schritt, und fragte: Wer bist du?“ – Ich weiss nicht,“ antwortete der Junge. Der Fuhrmann fragte weit­er: Wo bist du her?“ – Ich weiss nicht.“ – Wer ist dein Vater?“ – Das darf ich nicht sagen.“ – Was brummst du beständig in den Bart hinein?“ – Ei,“ antwortete der Junge, ich wollte, dass mir’s gruselte, aber nie­mand kann mich’s lehren.“ – Lass dein dummes Geschwätz,“ sprach der Fuhrmann. Komm, geh mit mir, ich will sehen, dass ich dich unter­bringe.“ Der Junge ging mit dem Fuhrmann, und abends gelangten sie zu einem Wirtshaus, wo sie über­nacht­en woll­ten. Da sprach er beim Ein­tritt in die Stube wieder ganz laut: Wenn mir’s nur gruselte! Wenn mir’s nur gruselte!“ Der Wirt, der das hörte, lachte und sprach: Wenn dich danach lüstet, dazu sollte hier wohl Gele­gen­heit sein.“ – Ach, schweig stille,“ sprach die Wirts­frau, so manch­er Vor­witzige hat schon sein Leben einge­büsst, es wäre Jam­mer und Schade um die schö­nen Augen, wenn die das Tages­licht nicht wieder sehen soll­ten.“ Der Junge aber sagte: Wenn’s noch so schw­er wäre, ich will’s ein­mal ler­nen, deshalb bin ich ja aus­ge­zo­gen.“ Er liess dem Wirt auch keine Ruhe, bis dieser erzählte, nicht weit davon stände ein ver­wün­scht­es Schloss, wo ein­er wohl ler­nen kön­nte, was Gruseln wäre, wenn er nur drei Nächte darin wachen wollte. Der König hätte dem, der’s wagen wollte, seine Tochter zur Frau ver­sprochen, und die wäre die schön­ste Jungfrau, welche die Sonne beschien; in dem Schlosse steck­ten auch grosse Schätze, von bösen Geis­tern bewacht, die wür­den dann frei und kön­nten einen Armen sehr reich machen. Schon viele wären wohl hinein, aber noch kein­er wieder her­aus­gekom­men. Da ging der Junge am andern Mor­gen vor den König und sprach: Wenn’s erlaubt wäre, so wollte ich wohl drei Nächte in dem ver­wün­scht­en Schlosse wachen.“ Der König sah ihn an und weil er ihm gefiel, sprach er: Du darf­st dir noch dreier­lei aus­bit­ten, aber es müssen leblose Dinge sein, und das darf­st du mit ins Schloss nehmen.“ Da antwortete er: So bitt ich um ein Feuer, eine Drehbank und eine Schnitzbank mit dem Messer.“

Der König liess ihm das alles bei Tage in das Schloss tra­gen. Als es Nacht wer­den wollte, ging der Junge hin­auf, machte sich in ein­er Kam­mer ein helles Feuer an, stellte die Schnitzbank mit dem Mess­er daneben und set­zte sich auf die Drehbank. Ach, wenn mir’s nur gruselte,“ sprach er, aber hier werde ich’s auch nicht ler­nen.“ Gegen Mit­ter­nacht wollte er sich sein Feuer ein­mal auf­schüren, wie er so hinein­blies, da schrie’s plöt­zlich aus ein­er Ecke: Au, miau! Was uns friert!“ – Ihr Nar­ren,“ rief er, was schre­it ihr? Wenn euch friert, kommt, set­zt euch ans Feuer und wärmt euch.“ Und wie er das gesagt hat­te, kamen zwei grosse schwarze Katzen in einem gewalti­gen Sprunge her­bei, set­zten sich ihm zu bei­den Seit­en und sahen ihn mit feuri­gen Augen ganz wild an. Über ein Weilchen, als sie sich gewärmt hat­ten, sprachen sie: Kam­er­ad, wollen wir eins in der Karte spie­len?“ – Warum nicht?“ antwortete er, aber zeigt ein­mal eure Pfoten her.“ Da streck­ten sie die Krallen aus. Ei,“ sagte er, was habt ihr lange Nägel! Wartet, die muss ich euch erst abschnei­den.“ Damit pack­te er sie beim Kra­gen, hob sie auf die Schnitzbank und schraubte ihnen die Pfoten fest. Euch habe ich auf die Fin­ger gese­hen,“ sprach er, da verge­ht mir die Lust zum Karten­spiel,“ schlug sie tot und warf sie hin­aus ins Wass­er. Als er aber die zwei zur Ruhe gebracht hat­te und sich wieder zu seinem Feuer set­zen wollte, da kamen aus allen Eck­en und Enden schwarze Katzen und schwarze Hunde an glühen­den Ket­ten, immer mehr und mehr, dass er sich nicht mehr bewe­gen kon­nte. Die schrien greulich, trat­en ihm auf sein Feuer, zer­rten es auseinan­der und woll­ten es aus­machen. Das sah er ein Weilchen ruhig mit an, als es ihm aber zu arg ward, fasste er sein Schnitzmess­er und rief: Fort mit dir, du Gesin­del,“ und haute auf sie los. Ein Teil sprang weg, die andern schlug er tot und warf sie hin­aus in den Teich. Als er wiedergekom­men war, blies er aus den Funken sein Feuer frisch an und wärmte sich. Und als er so sass, woll­ten ihm die Augen nicht länger offen bleiben und er bekam Lust zu schlafen. Da blick­te er um sich und sah in der Ecke ein gross­es Bett. Das ist mir eben recht,“ sprach er, und legte sich hinein. Als er aber die Augen zutun wollte, so fing das Bett von selb­st an zu fahren und fuhr im ganzen Schloss herum. Recht so,“ sprach er, nur bess­er zu.“ Da rollte das Bett fort, als wären sechs Pferde vorges­pan­nt, über Schwellen und Trep­pen auf und ab: auf ein­mal, hopp hopp! warf es um, das Unter­ste zuoberst, dass es wie ein Berg auf ihm lag.

Aber er schleud­erte Deck­en und Kissen in die Höhe, stieg her­aus und sagte: Nun mag fahren, wer Lust hat,“ legte sich an sein Feuer und schlief, bis es Tag war. Am Mor­gen kam der König, und als er ihn da auf der Erde liegen sah, meinte er, die Gespen­ster hät­ten ihn umge­bracht und er wäre tot. Da sprach er: Es ist doch schade um den schö­nen Men­schen.“ Das hörte der Junge, richtete sich auf und sprach: So weit ist’s noch nicht!“ Da Ver­wun­derte sich der König, freute sich aber, und fragte, wie es ihm gegan­gen wäre. Recht gut,“ antwortete er, eine Nacht wäre herum, die zwei andern wer­den auch herumge­hen.“ Als er zum Wirt kam, da machte der grosse Augen. Ich dachte nicht,“ sprach er, dass ich dich wieder lebendig sehen würde; hast du nun gel­ernt, was Gruseln ist?“ – Nein,“ sagte er, es ist alles verge­blich. Wenn mir’s nur ein­er sagen könnte!“

Die zweite Nacht ging er aber­mals hin­auf ins alte Schloss, set­zte sich zum Feuer und fing sein altes Lied wieder an: Wenn mir’s nur gruselte!“ Wie Mit­ter­nacht her­ankam, liess sich ein Lärm und Gepolter hören; erst sachte dann immer stärk­er, dann war’s ein biss­chen still, endlich kam mit lautem Geschrei ein hal­ber Men­sch den Schorn­stein herab und fiel vor ihn hin. Heda!“ rief er, noch ein hal­ber gehört dazu, das ist zu wenig.“ Da ging der Lärm von frischem an, es tobte und heulte und fiel die andere Hälfte auch herab. Wart,“ sprach er, ich will dir erst das Feuer ein wenig anblasen.“ Wie er das getan hat­te und sich wieder umsah, da waren die bei­den Stücke zusam­menge­fahren und sass da ein greulich­er Mann auf seinem Platz. So haben wir nicht gewet­tet,“ sprach der Junge, “ die Bank ist mein.“ Der Mann wollte ihn weg­drän­gen, aber der Junge liess sich’s nicht gefall­en, schob ihn mit Gewalt weg und set­zte sich wieder auf seinen Platz. Da fie­len noch mehr Män­ner herab, ein­er nach dem andern, die holten neun Toten­beine und zwei Totenköpfe, set­zten auf und spiel­ten Kegel. Der Junge bekam auch Lust und fragte: Hört ihr, kann ich mit sein?“ – Ja, wenn du Geld hast.“ – Geld genug,“ antwortete er, aber eure Kugeln sind nicht recht rund.“ Da nahm er die Totenköpfe, set­zte sie in die Drehbank und drehte sie rund. So, jet­zt wer­den sie bess­er schüp­peln,“ sprach er, hei­da! nun geht’s lustig!“ Er spielte mit und ver­lor etwas von seinem Geld, als es aber zwölf schlug, war alles vor seinen Augen ver­schwun­den. Er legte sich nieder und schlief ruhig ein. Am andern Mor­gen kam der König und wollte sich erkundi­gen. Wie ist dir’s dies­mal gegan­gen?“ fragte er. Ich habe gekegelt,“ antwortete er, und ein paar Heller ver­loren.“ – Hat dir denn nicht gegruselt?“ – Ei was,“ sprach er, lustig hab ich mich gemacht. Wenn ich nur wüsste, was Gruseln wäre!“

In der drit­ten Nacht set­zte er sich wieder auf seine Bank und sprach ganz ver­driesslich: Wenn es mir nur gruselte!“ Als es spät ward, kamen sechs grosse Män­ner und bracht­en eine Toten­lade hereinge­tra­gen. Da sprach er: Ha, ha, das ist gewiss mein Vet­terchen, das erst vor ein paar Tagen gestor­ben ist,“ wink­te mit dem Fin­ger und rief, komm, Vet­terchen, komm!“ Sie stell­ten den Sarg auf die Erde, er aber ging hinzu und nahm den Deck­el ab: da lag ein tot­er Mann darin. Er fühlte ihm ans Gesicht, aber es war kalt wie Eis. Wart,“ sprach er, ich will dich ein biss­chen wär­men,“ ging ans Feuer, wärmte seine Hand und legte sie ihm aufs Gesicht, aber der Tote blieb kalt. Nun nahm er ihn her­aus, set­zte sich ans Feuer, legte ihn auf seinen Schoss und rieb ihm die Arme, damit das Blut wieder in Bewe­gung kom­men sollte. Als auch das nichts helfen wollte, fiel ihm ein, wenn zwei zusam­men im Bett liegen, so wär­men sie sich,“ brachte ihn ins Bett, deck­te ihn zu und legte sich neben ihn. Über ein Weilchen ward der Tote warm und fing an sich zu regen. Da sprach der Junge: Siehst du, Vet­terchen, hätt ich dich nicht gewärmt!“ Der Tote aber hub an und rief: Jet­zt will ich dich erwür­gen.“ – Was,“ sagte er, ist das mein Dank? Gle­ich sollst du wieder in deinen Sarg,“ hub ihn auf, warf ihn hinein und machte den Deck­el zu; da kamen die sechs Män­ner und tru­gen ihn wieder fort. Es will mir nicht gruseln,“ sagte er, hier lerne ich’s mein Leb­tag nicht.“

Da trat ein Mann here­in, der war gröss­er als. alle anderen, und sah fürchter­lich aus; er war aber alt und hat­te einen lan­gen weis­sen Bart. O du Wicht,“ rief er, nun sollst du bald ler­nen, was Gruseln ist, denn du sollst ster­ben.“ – Nicht so schnell,“ antwortete der Junge, soll ich ster­ben, so muss ich auch dabei sein.“ – Dich will ich schon pack­en,“ sprach der Unhold. – Sachte, sachte, mach dich nicht so bre­it; so stark wie du bin ich auch, und wohl noch stärk­er.“ – Das wollen wir sehn,“ sprach der Alte, bist du stärk­er als ich, so will ich dich gehn lassen; komm, wir wollen’s ver­suchen.“ Da führte er ihn durch dun­kle Gänge zu einem Schmiede­feuer, nahm eine Axt und schlug den einen Amboss mit einem Schlag in die Erde. Das kann ich noch bess­er,“ sprach der Junge, und ging zu dem andern Amboss. Der Alte stellte sich neben­hin und wollte zuse­hen, und sein weiss­er Bart hing herab. Da fasste der Junge die Axt, spal­tete den Amboss auf einen Hieb und klemmte den Bart des Alten mit hinein. Nun hab ich dich,“ sprach der Junge, jet­zt ist das Ster­ben an dir.“ Dann fasste er eine Eisen­stange und schlug auf den Alten los, bis er wim­merte und bat, er möchte aufhören, er wollte ihm grosse Reichtümer geben. Der Junge zog die Axt raus und liess ihn los. Der Alte führte ihn wieder ins Schloss zurück und zeigte ihm in einem Keller drei Kas­ten voll Gold. Davon,“ sprach er, ist ein Teil den Armen, der andere dem König, der dritte dein.“ Indem schlug es zwölfe, und der Geist ver­schwand, also dass der Junge im Fin­stern stand. Ich werde mir doch her­aushelfen kön­ner,“ sprach er, tappte herum, fand den Weg in die Kam­mer und schlief dort bei seinem Feuer ein. Am andern Mor­gen kam der König und sagte: Nun wirst du gel­ernt haben, was Gruseln ist?“ – Nein,“ antwortete er, was ist’s nur? Mein tot­er Vet­ter war da, und ein bär­tiger Mann ist gekom­men, der hat mir da unten viel Geld gezeigt, aber was Gruseln ist, hat mir kein­er gesagt.“ Da sprach der König: Du hast das Schloss erlöst und sollst meine Tochter heirat­en.“ – Das ist alles recht gut,“ antwortete er, aber ich weiss noch immer nicht, was Gruseln ist.“

Da ward das Gold her­aufge­bracht und die Hochzeit gefeiert, aber der junge König, so lieb er seine Gemahlin hat­te und so vergnügt er war, sagte doch immer: Wenn mir’s nur gruselte! Wenn mir’s nur gruselte!“ Das ver­dross sie endlich. Ihr Kam­mer­mäd­chen sprach: Ich will Hil­fe schaf­fen, das Gruseln soll er schon ler­nen.“ Sie ging hin­aus zum Bach, der durch den Garten floss, und liess sich einen ganzen Eimer voll Gründlinge holen. Nachts, als der junge König schlief, musste seine Gemahlin ihm die Decke wegziehen und den Eimer voll kalt Wass­er mit den Gründlin­gen über ihn her­schüt­ten, dass die kleinen Fis­che um ihn herum zap­pel­ten. Da wachte er auf und rief: Ach, was gruselt mir, was gruselt mir, liebe Frau! Ja, nun weiss ich, was Gruseln ist.“