Märchen von der Unke

von Brüder Grimm

~3 Min

I

Es war ein­mal ein kleines Kind, dem gab seine Mut­ter jeden Nach­mit­tag ein Schüs­selchen mit Milch und Weck­brock­en, und das Kind set­zte sich damit hin­aus in den Hof. Wenn es aber anf­ing zu essen, so kam die Hausunke aus ein­er Mauer­ritze her­vorgekrochen, senk­te ihr Köpfchen in die Milch und ass mit. Das Kind hat­te seine Freude daran, und wenn es mit seinem Schüs­selchen dasass und die Unke kam nicht gle­ich her­bei, so rief es ihr zu 
Unke, Unke, komm geschwind, 
komm her­bei, du kleines Ding, 
sollst dein Bröckchen haben, 
an der Milch dich laben.‘

Da kam die Unke gelaufen und liess es sich gut schmeck­en. Sie zeigte sich auch dankbar, denn sie brachte dem Kind aus ihrem heim­lichen Schatz aller­lei schöne Dinge, glänzende Steine, Perlen und gold­ene Spiel­sachen. Die Unke trank aber nur Milch und liess die Brock­en liegen. Da nahm das Kind ein­mal sein Löf­felchen, schlug ihr damit san­ft auf den Kopf und sagte Ding, iss auch Brock­en.‘ Die Mut­ter, die in der Küche stand, hörte, dass das Kind mit jemand sprach, und als sie sah, dass es mit seinem Löf­felchen nach ein­er Unke schlug, so lief sie mit einem Scheit Holz her­aus und tötete das gute Tier.

Von der Zeit an ging eine Verän­derung mit dem Kinde vor. Es war, solange die Unke mit ihm gegessen hat­te, gross und stark gewor­den, jet­zt aber ver­lor es seine schö­nen roten Back­en und magerte ab. Nicht lange, so fing in der Nacht der Toten­vo­gel an zu schreien, und das Rotkehlchen sam­melte Zwei­glein und Blät­ter zu einem Totenkranz, und bald her­nach lag das Kind auf der Bahre.

II

Ein Waisenkind sass an der Stadt­mauer und spann, da sah es eine Unke aus der Öff­nung unten an der Mauer her­vorkom­men. Geschwind bre­it­ete es sein blau­sei­denes Hal­stuch neben sich aus, das die Unken gewaltig lieben und auf das sie allein gehen. Alsobald die Unke das erblick­te, kehrte sie um, kam wieder und brachte ein kleines gold­enes Krönchen getra­gen, legte es darauf und ging dann wieder fort. Das Mäd­chen nahm die Kro­ne auf, sie glitzerte und war von zartem Goldge­spinst. Nicht lange, so kam die Unke zum zweit­en­mal wieder: wie sie aber die Kro­ne nicht mehr sah, kroch sie an die Wand und schlug vor Leid ihr Köpfchen so lange daw­ider, als sie nur noch Kräfte hat­te, bis sie endlich tot dalag. Hätte das Mäd­chen die Kro­ne liegen lassen, die Unke hätte wohl noch mehr von ihren Schätzen aus der Höh­le herbeigetragen. 
III

Unke ruft huhu, huhu,‘ Kind spricht komm herut.‘ Die Unke kommt her­vor, da fragt das Kind nach seinem Schwest­erchen hast du Rot­strümpfchen nicht gese­hen?‘ Unke sagt né, ik og nit: wie du denn? huhu, huhu, huhu.‘