Meister Pfriem

von Brüder Grimm

~7 Min

Meis­ter Pfriem war ein klein­er hager­er, aber leb­hafter Mann, der keinen Augen­blick Ruhe hat­te. Sein Gesicht, aus dem nur die aufgestülpte Nase vor­ragte, war pocken­nar­big und leichen­blass, sein Haar grau und strup­pig, seine Augen klein, aber sie blitzten unaufhör­lich rechts und links hin. Er bemerk­te alles, tadelte alles, wusste alles bess­er und hat­te in allem recht. Ging er auf der Strasse, so rud­erte er heftig mit bei­den Armen, und ein­mal schlug er einem Mäd­chen, das Wass­er trug, den Eimer so hoch in die Luft, dass er selb­st davon begossen ward. Schaf­skopf,‘ rief er ihr zu, indem er sich schüt­telte, kon­ntest du nicht sehen, dass ich hin­ter dir herkam?‘ Seines Handw­erks war er ein Schus­ter, und wenn er arbeit­ete, so fuhr er mit dem Draht so gewaltig aus, dass er jedem, der sich nicht weit genug in der Ferne hielt, die Faust in den Leib stiess. Kein Geselle blieb länger als einen Monat bei ihm, denn er hat­te an der besten Arbeit immer etwas auszuset­zen. Bald waren die Stiche nicht gle­ich, bald war ein Schuh länger, bald ein Absatz höher als der andere, bald war das Led­er nicht hin­länglich geschla­gen. Warte,‘ sagte er zu dem Lehrjun­gen, ich will dir schon zeigen, wie man die Haut weich schlägt,‘ holte den Riemen und gab ihm ein paar Hiebe über den Rück­en. Faulen­z­er nan­nte er sie alle. Er sel­ber brachte aber doch nicht viel vor sich, weil er keine Vier­tel­stunde ruhig sitzen blieb. War seine Frau früh­mor­gens aufge­s­tanden und hat­te Feuer angezün­det, so sprang er aus dem Bett und lief mit blossen Füssen in die Küche. Wollt ihr mir das Haus anzün­den?‘ schrie er, das ist ja ein Feuer, dass man einen Ochsen dabei brat­en kön­nte! oder kostet das Holz etwa kein Geld?‘ Standen die Mägde am Waschfass, lacht­en und erzählten sich, was sie wussten, so schalt er sie aus da ste­hen die Gänse und schnat­tern und vergessen über dem Geschwätz ihre Arbeit. Und wo zu die frische Seife? heil­lose Ver­schwen­dung und oben­drein eine schändliche Faul­heit: sie wollen die Hände scho­nen und das Zeug nicht ordentlich reiben.‘ Er sprang fort, stiess aber einen Eimer voll Lauge um, so dass die ganze Küche über­schwemmt ward. Richtete man ein neues Haus auf, so lief er ans Fen­ster und sah zu. Da ver­mauern sie wieder den roten Sand­stein,‘ rief er, der niemals aus­trock­net; in dem Haus bleibt kein Men­sch gesund. Und seht ein­mal, wie schlecht die Gesellen die Steine auf­set­zen. Der Mör­tel taugt auch nichts: Kies muss hinein, nicht Sand. Ich erlebe noch, dass den Leuten das Haus über dem Kopf zusam­men­fällt.‘ Er set­zte sich und tat ein paar Stiche, dann sprang er wieder auf, hak­te sein Schurzfell los und rief ich will nur hin­aus und den Men­schen ins Gewis­sen reden.‘ Er geri­et aber an die Zim­mer­leute. Was ist das?‘ rief er, ihr haut ja nicht nach der Schnur. Meint ihr, die Balken wür­den ger­ad ste­hen? es weicht ein­mal alles aus den Fugen.‘ Er riss einem Zim­mer­mann die Axt aus der Hand und wollte ihm zeigen, wie er hauen müsste, als aber ein mit Lehm beladen­er Wagen herange­fahren kam, warf er die Axt weg und sprang zu dem Bauer, der neben­her ging. Ihr seid nicht recht bei Trost,‘ rief er, wer span­nt junge Pferde vor einen schw­er belade­nen Wagen? die armen Tiere wer­den Euch auf dem Platz umfall­en.‘ Der Bauer gab ihm keine Antwort, und Pfriem lief vor Ärg­er in seine Werk­stätte zurück. Als er sich wieder zur Arbeit set­zen wollte, reichte ihm der Lehrjunge einen Schuh. Was ist das wieder?‘ schrie er ihn an, habe ich euch nicht gesagt, ihr soll­tet die Schuhe nicht so weit auss­chnei­den? wer wird einen solchen Schuh kaufen, an dem fast nichts ist als die Sohle? ich ver­lange, dass meine Befehle unman­gel­haft befol­gt wer­den.‘ Meis­ter,‘ antwortete der Lehrjunge, Ihr mögt wohl recht haben, dass der Schuh nichts taugt, aber es ist der­selbe, den Ihr zugeschnit­ten und selb­st in Arbeit genom­men hab t. Als Ihr vorhin aufge­sprun­gen seid, habt Ihr ihn vom Tisch her­abge­wor­fen, und ich habe ihn nur aufge­hoben. Euch kön­nte es aber ein Engel vom Him­mel nicht recht machen.‘

Meis­ter Pfriem träumte in ein­er Nacht, er wäre gestor­ben und befände sich auf dem Weg nach dem Him­mel. Als er anlangte, klopfte er heftig an die Pforte: es wun­dert mich,‘ sprach er, dass sie nicht einen Ring am Tor haben, man klopft sich die Knöchel wund.‘ Der Apos­tel Petrus öffnete und wollte sehen, wer so ungestüm Ein­lass begehrte. Ach, Ihr sei­ds, Meis­ter Pfriem,‘ sagte er, ich will Euch wohl ein­lassen, aber ich warne Euch, dass Ihr von Eur­er Gewohn­heit ablasst und nichts tadelt, was Ihr im Him­mel seht: es kön­nte Euch übel bekom­men.‘ Ihr hät­tet Euch die Ermah­nung sparen kön­nen,‘ erwiderte Pfriem, ich weiss schon, was sich ziemt, und hier ist, Gott sei Dank, alles vol­lkom­men und nichts zu tadeln wie auf Erden.‘ Er trat also ein und ging in den weit­en Räu­men des Him­mels auf und ab. Er sah sich um, rechts und links, schüt­telte aber zuweilen mit dem Kopf oder brummte etwas vor sich hin. Indem erblick­te er zwei Engel, die einen Balken wegtru­gen. Es war der Balken, den ein­er im Auge gehabt hat­te, während er nach dem Split­ter in den Augen ander­er suchte. Sie tru­gen aber den Balken nicht der Länge nach, son­dern quer. Hat man je einen solchen Unver­stand gese­hen?‘ dachte Meis­ter Pfriem; doch schwieg er und gab sich zufrieden: es ist im Grunde ein­er­lei, wie man den Balken trägt, ger­adeaus oder quer, wenn man nur damit durchkommt, und wahrhaftig, ich sehe, sie stossen nir­gend an.‘ Bald her­nach erblick­te er zwei Engel, welche Wass­er aus einem Brun­nen in ein Fass schöpften, zugle­ich bemerk­te er, dass das Fass durch­löchert war und das Wass­er von allen Seit­en her­aus­lief. Sie tränk­ten die Erde mit Regen. Alle Hagel!‘ platzte er her­aus, besann sich aber glück­licher­weise und dachte vielle­icht ists bloss­er Zeitvertreib; machts einem Spass, so kann man der­gle­ichen unnütze Dinge tun, zumal hier im Him­mel, wo man, wie ich schon bemerkt habe, doch nur faulen­zt.‘ Er ging w eit­er und sah einen Wagen, der in einem tiefen Loch steck­en geblieben war. Kein Wun­der,‘ sprach er zu dem Mann, der dabei­s­tand, wer wird so unvernün­ftig aufladen? was habt Ihr da?‘ Fromme Wün­sche,‘ antwortete der Mann, ich kon­nte damit nicht auf den recht­en Weg kom­men, aber ich habe den Wagen noch glück­lich her­aufgeschoben, und hier wer­den sie mich nicht steck­en lassen.‘ Wirk­lich kam ein Engel und span­nte zwei Pferde vor. Ganz gut,‘ meinte Pfriem, aber zwei Pferde brin­gen den Wagen nicht her­aus, viere müssen wenig­stens davor.‘ Ein ander­er Engel kam und führte noch zwei Pferde her­bei, span­nte sie aber nicht vorn, son­dern hin­ten an. Das war dem Meis­ter Pfriem zu viel. Tol­patsch,‘ brach er los, was machst du da? hat man je, solange die Welt ste­ht, auf diese Weise einen Wagen her­aus­ge­zo­gen? da meinen sie aber in ihrem dünkel­haften Über­mut alles bess­er zu wis­sen.‘ Er wollte weit­erre­den, aber ein­er von den Him­mels­be­wohn­ern hat­te ihn am Kra­gen gepackt und schob ihn mit unwider­stehlich­er Gewalt hin­aus. Unter der Pforte drehte der Meis­ter noch ein­mal den Kopf nach dem Wagen und sah, wie er von vier Flügelpfer­den in die Höhe gehoben ward.

In diesem Augen­blick erwachte Meis­ter Pfriem. Es geht freilich im Him­mel etwas anders her als auf Erden,‘ sprach er zu sich selb­st, und da lässt sich manch­es entschuldigen, aber wer kann geduldig mit anse­hen, dass man die Pferde zugle­ich hin­ten und vorn anspan­nt? freilich, sie hat­ten Flügel, aber wer kann das wis­sen? Es ist übri­gens eine gewaltige Dummheit, Pfer­den, die vier Beine zum Laufen haben, noch ein paar Flügel anzuheften. Aber ich muss auf­ste­hen, son­st machen sie mir im Haus lauter verkehrtes Zeug. Es ist nur ein Glück, dass ich nicht wirk­lich gestor­ben bin.‘