Marienkind

von Brüder Grimm

~9 Min

Vor einem grossen Walde lebte ein Holzhack­er mit sein­er Frau, der hat­te nur ein einziges Kind, das war ein Mäd­chen von drei Jahren. Sie waren aber so arm, dass sie nicht mehr das tägliche Brot hat­ten und nicht wussten, was sie ihm soll­ten zu essen geben. Eines Mor­gens ging der Holzhack­er voller Sor­gen hin­aus in den Wald an seine Arbeit, und wie er da Holz hack­te, stand auf ein­mal eine schöne grosse Frau vor ihm, die hat­te eine Kro­ne von leuch­t­en­den Ster­nen auf dem Haupt und sprach zu ihm: Ich bin die Jungfrau Maria, die Mut­ter des Christkindleins: du bist arm und dürftig, bring mir dein Kind, ich will es mit mir nehmen, seine Mut­ter sein und für es sor­gen.“ Der Holzhack­er gehorchte, holte sein Kind und über­gab es der Jungfrau Maria, die nahm es mit sich hin­auf in den Himmel. 

Da ging es ihm wohl, es ass Zucker­brot und trank süsse Milch, und seine Klei­der waren von Gold, und die Englein spiel­ten mit ihm. Als es nun vierzehn Jahr alt gewor­den war, rief es ein­mal die Jungfrau Maria zu sich und sprach: Liebes Kind, ich habe eine grosse Reise vor, da nimm die Schlüs­sel zu den dreizehn Türen des Him­mel­re­ichs in Ver­wahrung: zwölf davon darf­st du auf­schliessen und die Her­rlichkeit­en darin betra­cht­en, aber die dreizehnte, wozu dieser kleine Schlüs­sel gehört, die ist dir ver­boten: hüte dich, dass du sie nicht auf­schliess­est, son­st wirst du unglücklich.“ 

Das Mäd­chen ver­sprach, gehor­sam zu sein, und als nun die Jungfrau Maria weg war, fing sie an und besah die Woh­nun­gen des Him­mel­re­ichs: jeden Tag schloss es eine auf, bis die zwölfe herum waren. In jed­er aber sass ein Apos­tel, und war von grossem Glanz umgeben, und es freute sich über all die Pracht und Her­rlichkeit, und die Englein, die es immer begleit­eten, freuten sich mit ihm. Nun war die ver­botene Tür allein noch übrig, da emp­fand es eine grosse Lust zu wis­sen, was dahin­ter ver­bor­gen wäre, und sprach zu den Englein: Ganz auf­machen will ich sie nicht und will auch nicht hineinge­hen, aber ich will sie auf­schliessen, damit wir ein wenig durch den Ritz sehen.“ – Ach nein,“ sagten die Englein, das wäre Sünde: die Jungfrau Maria hats ver­boten, und es kön­nte leicht dein Unglück wer­den.“ Da schwieg es still, aber die Begierde in seinem Herzen schwieg nicht still, son­dern nagte und pick­te ordentlich daran und liess ihm keine Ruhe. Und als die Englein ein­mal alle hin­aus­ge­gan­gen waren, dachte es: Nun bin ich ganz allein und kön­nte hinein­guck­en, es weiss es ja nie­mand, wenn ich’s tue. Es suchte den Schlüs­sel her­aus, und als es ihn in der Hand hielt, steck­te es ihn auch in das Schloss, und als es ihn hineingesteckt hat­te, drehte es auch um. Da sprang die Türe auf, und es sah da die Dreieinigkeit im Feuer und Glanz sitzen. Es blieb ein Weilchen ste­hen und betra­chtete alles mit Erstaunen, dann rührte es ein wenig mit dem Fin­ger an den Glanz, da ward der Fin­ger ganz gold­en. Als­bald emp­fand es eine gewaltige Angst, schlug die Türe heftig zu und lief fort. Die Angst wollte auch nicht wieder weichen, es mochte anfan­gen, was es wollte, und das Herz klopfte in einem fort und wollte nicht ruhig wer­den: auch das Gold blieb an dem Fin­ger und ging nicht ab, es mochte waschen und reiben, soviel es wollte.

Gar nicht lange, so kam die Jungfrau Maria von ihrer Reise zurück. Sie rief das Mäd­chen zu sich und forderte ihm die Him­melss­chlüs­sel wieder ab. Als es den Bund hin­re­ichte, blick­te ihm die Jungfrau in die Augen und sprach: Hast du auch nicht die dreizehnte Tür geöffnet?“ – Nein,“ antwortete es. Da legte sie ihre Hand auf sein Herz, fühlte, wie es klopfte, und merk­te wohl, dass es ihr Gebot übertreten und die Türe aufgeschlossen hat­te. Da sprach sie noch ein­mal: Hast du es gewiss nicht getan?“ – Nein,“ sagte das Mäd­chen zum zweit­en­mal. Da erblick­te sie den Fin­ger, der von der Berührung des himm­lis­chen Feuers gold­en gewor­den war, sah wohl, dass es gesündigt hat­te, und sprach zum drit­ten­mal: Hast du es nicht getan?“ – Nein,“ sagte das Mäd­chen zum drit­ten­mal. Da sprach die Jungfrau Maria: Du hast mir nicht gehorcht, und hast noch dazu gel­o­gen, du bist nicht mehr würdig, im Him­mel zu sein.“

Da ver­sank das Mäd­chen in einen tiefen Schlaf, und als es erwachte, lag es unten auf der Erde, mit­ten in ein­er Wild­nis. Es wollte rufen, aber es kon­nte keinen Laut her­vor­brin­gen. Es sprang auf und wollte fort­laufen, aber wo es sich hin­wen­dete, immer ward es von dicht­en Dorn­heck­en zurück­ge­hal­ten, die es nicht durch­brechen kon­nte. In der Einöde, in welche es eingeschlossen war, stand ein alter hohler Baum, das musste seine Woh­nung sein. Da kroch es hinein, wenn die Nacht kam, und schlief darin, und wenn es stürmte und reg­nete, fand es darin Schutz: aber es war ein jäm­mer­lich­es Leben, und wenn es daran dachte, wie es im Him­mel so schön gewe­sen war, und die Engel mit ihm gespielt hat­ten, so weinte es bit­ter­lich. Wurzeln und Wald­beeren waren seine einzige Nahrung, die suchte es sich, so weit es kom­men kon­nte. Im Herb­st sam­melte es die her­abge­fal­l­enen Nüsse und Blät­ter und trug sie in die Höh­le, die Nüsse waren im Win­ter seine Speise, und wenn Schnee und Eis kam, so kroch es wie ein armes Tierchen in die Blät­ter, dass es nicht fror. Nicht lange, so zer­ris­sen seine Klei­der und fiel ein Stück nach dem andern vom Leibe herab. Sobald dann die Sonne wieder warm schien, ging es her­aus und set­zte sich vor den Baum, und seine lan­gen Haare bedeck­ten es von allen Seit­en wie ein Man­tel. So sass es ein Jahr nach dem andern und fühlte den Jam­mer und das Elend der Welt.

Ein­mal, als die Bäume wieder in frischem Grün standen, jagte der König des Lan­des in dem Wald und ver­fol­gte ein Reh, und weil es in das Gebüsch geflo­hen war, das den Wald­platz ein­schloss, stieg er vom Pferd, riss das Gestrüppe auseinan­der und hieb sich mit seinem Schw­ert einen Weg. Als er endlich hin­durchge­drun­gen war, sah er unter dem Baum ein wun­der­schönes Mäd­chen sitzen, das sass da und war von seinem gold­e­nen Haar bis zu den Fussze­hen bedeckt. Er stand still und betra­chtete es voll Erstaunen, dann redete er es an und sprach: Wer bist du? warum sitzest du hier in der Einöde?“ Es gab aber keine Antwort, denn es kon­nte seinen Mund nicht auf­tun. Der König sprach weit­er: Willst du mit mir auf mein Schloss gehen?“ Da nick­te es nur ein wenig mit dem Kopf. Der König nahm es auf seinen Arm, trug es auf sein Pferd und ritt mit ihm heim, und als er auf das königliche Schloss kam, liess er ihm schöne Klei­der anziehen und gab ihm alles im Über­fluss. Und ob es gle­ich nicht sprechen kon­nte, so war es doch schön und hold­selig, dass er es von Herzen lieb gewann, und es dauerte nicht lange, da ver­mählte er sich mit ihm.

Als etwa ein Jahr ver­flossen war, brachte die Köni­gin einen Sohn zur Welt. Darauf in der Nacht, wo sie allein in ihrem Bette lag, erschien ihr die Jungfrau Maria und sprach: Willst du die Wahrheit sagen und geste­hen, dass du die ver­botene Tür aufgeschlossen hast, so will ich deinen Mund öff­nen und dir die Sprache wiedergeben: ver­harrst du aber in der Sünde und leugnest hart­näck­ig, so nehm ich dein neuge­bornes Kind mit mir.“ Da war der Köni­gin ver­liehen zu antworten, sie blieb aber ver­stockt und sprach: Nein, ich habe die ver­botene Tür nicht aufgemacht,“ und die Jungfrau Maria nahm das neuge­borne Kind ihr aus den Armen und ver­schwand damit. Am andern Mor­gen, als das Kind nicht zu find­en war, ging ein Gemurmel unter den Leuten, die Köni­gin wäre eine Men­schen­fresserin und hätte ihr eigenes Kind umge­bracht. Sie hörte alles und kon­nte nichts dage­gen sagen, der König aber wollte es nicht glauben, weil er sie so lieb hatte.

Nach einem Jahr gebar die Köni­gin wieder einen Sohn. In der Nacht trat auch wieder die Jungfrau Maria zu ihr here­in und sprach: Willst du geste­hen, dass du die ver­botene Türe geöffnet hast, so will ich dir dein Kind wiedergeben und deine Zunge lösen: ver­harrst du aber in der Sünde und leugnest, so nehme ich auch dieses neuge­borne mit mir.“ Da sprach die Köni­gin wiederum: Nein, ich habe die ver­botene Tür nicht geöffnet,“ und die Jungfrau nahm ihr das Kind aus den Armen weg und mit sich in den Him­mel. Am Mor­gen, als das Kind aber­mals ver­schwun­den war, sagten die Leute ganz laut, die Köni­gin hätte es ver­schlun­gen, und des Königs Räte ver­langten, dass sie sollte gerichtet wer­den. Der König aber hat­te sie so lieb, dass er es nicht glauben wollte, und befahl den Räten bei Leibes- und Lebensstrafe, nicht mehr darüber zu sprechen.

Im näch­sten Jahr gebar die Köni­gin ein schönes Töchter­lein, da erschien ihr zum drit­ten­mal nachts die Jungfrau Maria und sprach: Folge mir.“ Sie nahm sie bei der Hand und führte sie in den Him­mel, und zeigte ihr da ihre bei­den ältesten Kinder, die lacht­en sie an und spiel­ten mit der Weltkugel. Als sich die Köni­gin darüber freute, sprach die Jungfrau Maria: Ist dein Herz noch nicht erwe­icht? wenn du eingestehst, dass du die ver­botene Tür geöffnet hast, so will ich dir deine bei­den Söhn­lein zurück­geben.“ Aber die Köni­gin antwortete zum drit­ten­mal: Nein, ich habe die ver­botene Tür nicht geöffnet.“ Da liess sie die Jungfrau wieder zur Erde hin­ab­sinken und nahm ihr auch das dritte Kind.

Am andern Mor­gen, als es ruch­bar ward, riefen alle Leute laut: Die Köni­gin ist eine Men­schen­fresserin, sie muss verurteilt wer­den,“ und der König kon­nte seine Räte nicht mehr zurück­weisen. Es ward ein Gericht über sie gehal­ten, und weil sie nicht antworten und sich nicht vertei­di­gen kon­nte, ward sie verurteilt, auf dem Scheit­er­haufen zu ster­ben. Das Holz wurde zusam­menge­tra­gen, und als sie an einen Pfahl fest­ge­bun­den war und das Feuer ring­sumher zu bren­nen anf­ing, da schmolz das harte Eis des Stolzes und ihr Herz ward von Reue bewegt, und sie dachte: kön­nt ich nur noch vor meinem Tode geste­hen, dass ich die Tür geöffnet habe,“ da kam ihr die Stimme, dass sie laut aus­rief: Ja, Maria, ich habe es getan!“ Und als­bald fing der Him­mel an zu reg­nen und löschte die Feuer­flam­men, und über ihr brach ein Licht her­vor, und die Jungfrau Maria kam herab und hat­te die bei­den Söhn­lein zu ihren Seit­en und das neuge­borene Töchter­lein auf dem Arm. Sie sprach fre­undlich zu ihr: Wer seine Sünde bereut und eingeste­ht, dem ist sie vergeben,“ und reichte ihr die drei Kinder, löste ihr die Zunge und gab ihr Glück für das ganze Leben.