Lügenwette

von Josef Haltrich

~5 Min

Ein Edel­mann fuhr eines Tages spazieren und hat­te an seinem Wagen sehr schlechte Pferde, da sah er einen Bauer[n] beim Pflug, der hat­te sehr schöne. Willst du nicht tauschen mit mir ?“ rief der Edel­mann; deine Rosse passen bess­er an meinen Wagen und meine an deinen Pflug!“ – Das mag sein!“ sprach der Bauer, allein gebt Euch doch nur keine Mühe!“ Der Edel­mann aber ließ nicht nach und set­zte ihm zu, endlich kamen sie übere­in, die Pferde des einen soll­ten dem von ihnen gehören, welch­er am besten lügen würde.

Der Edel­mann war froh und glaubte schon, er habe gewon­nen, denn er dachte: aufs Lügen hätte er doch mehr studiert. Der Bauer ließ ihm die Ehre anz­u­fan­gen, da erzählte er: Mein Vater hat­te sieben Her­den Stuten und so viel Milch, daß er sieben Mühlen damit treiben ließ und alles Korn im Lande mahlen kon­nte.“ – Das ist alles leicht möglich!“ sagte der Bauer und wun­derte sich gar nicht im ger­ing­sten, aber mein Vater hat­te so viele Bienen­stöcke, daß er sie nicht hätte zählen kön­nen, auch wenn er fünfhun­dert Jahre gelebt hätte. Ich mußte ein­mal die Bienen hüten, da geschah es, daß eine Biene abends nicht heimkehrte. Mein Vater merk­te es gle­ich und schick­te mich aus, sie zu suchen und nicht heimzukehren, bis ich sie fände. Ich ging nun über­all auf der ganzen Erde herum und fand sie nicht, da machte ich mich auf und stieg in den Him­mel und durch­suchte alle Räume; auch hier war sie nicht. Nun hat­te ich keine Ruhe und dachte: die kann jet­zt nur in der Hölle sein, du mußt zu guter Let­zt auch da noch suchen! So stieg ich hin­unter in die Hölle, allein es war umson­st, sie war nicht da.

Miß­mutig kehrte ich um und wollte nach Hause gehen und kam durch einen Wald, und siehe, da traf ich nur ein­mal meine Biene. Einem Manne hat­te der Wolf einen Ochsen gefressen, der hat­te an dessen Stelle neben den anderen Ochsen gle­ich die Biene einges­pan­nt und fuhr mit ein­er Fuhre Holz heimwärts, Hoho! guter Mann‘, rief ich sogle­ich, Ihr werdet verzei­hen, daß ich Euch aufhalte, die Biene ist mein, span­nt sie nur gle­ich aus!‘ Der Mann gehorchte, ohne ein Wort zu sprechen, denn er war froh, daß ich mit ihm so schön redete. Aber das Joch hat­te meine Biene wund gerieben, ich streute nun ein wenig Erde darauf, und als­bald war es geheilt. Mein Vater hat­te große Freude, wie ich ihm das ver­lorne Tierchen brachte, das kann man sich denken. Aber ich mußte nun erzählen, was ich im Him­mel und in der Hölle gese­hen hat­te. Im Him­mel saßen an ein­er lan­gen Tafel lauter Bauern und tranken süßen Wein, und in der Hölle waren lauter Edelleute, die wur­den von den Teufeln am Spieß gebrat­en!“ Da kon­nte sich der Edel­mann nicht länger hal­ten und schrie: Du lügst! du lügst!“ – Das wollte ich ja eben, und so habe ich die Wette gewon­nen!“ Er nahm dem Edel­mann als­bald die Pferde, span­nte sie statt der seinen an den Pflug, und der stolze Herr mußte seinen Wagen selb­st nach Hause ziehen.