Lohn und Strafe

von Josef Haltrich

~5 Min


In einem Dorfe lebten zwei Nach­barn, von denen hat­te der eine hun­dert Schafe, der andere nur drei. Da sprach der Arme zum Reichen: Lasse doch meine Schafe bei deinen wei­den, das wirst du ja nicht spüren“; denn er selb­st hat­te keinen Wei­de­platz. Der Reiche wollte nicht recht, ließ es aber endlich zu; der Knabe des Armen trieb die drei Schafe aufs Feld zu den Schafen des Nach­bars und blieb da zur Hut.

Nach einiger Zeit geschah es, daß der König zum reichen Manne schick­te und von ihm ein fettes Schaf ver­langte. Der Reiche kon­nte das dem König nicht abschla­gen, aber es fiel ihm doch auch zu schw­er, von seinen hun­dert Schafen eines zu ver­lieren;
drum befahl er seinen Knecht­en, eines von den dreien des armen Mannes zu fan­gen und den Dienern des Königs zu übergeben. So tat­en die Knechte; aber der Junge des Armen weinte sehr, als man sein Schaf fortschleppte.

Bald darauf ver­langte der König ein zweites Schaf vom reichen Mann; der befahl wieder seinen Knecht­en, man solle eines von denen des Armen geben. So geschah es, und der Junge weinte noch mehr, als man sein zweites Schaf wegführte. Er dachte aber bei sich: Der König wird bald noch ein Schaf wollen, und die Knechte des reichen Nach­bars wer­den dir auch das let­zte nehmen; bess­er ist es, du machst dich damit beizeit­en fort!“ So tat er auch und zog weit, weit weg auf ein hohes Gebirg; da war Wei­de genug und frisches Wass­er, und sein Schaf hat­te es gut. 

Nach eini­gen Tagen sprach der Arme bei sich: Du willst ein­mal hin­aus­ge­hen und sehen, was dein Junge und deine Schafe machen!“ Als er aber zur Herde kam und die Knechte nach seinem Jun­gen fragte, sagten sie: Zwei von Euren Schafen haben wir auf Befehl unsers Her­rn dem König geschickt; mit dem let­zten ist Euer Junge fort in die Welt!“ Da jam­merte der Arme und sprach: Wo werde ich ihn nun find­en?“ Er machte sich aber gle­ich auf und ging fort, um ihn zu suchen; doch sah er lange keine Spur. Er fragte nun die Sonne, ob sie ihm nicht Weg und Steg zeigen könne. Die wußte es lei­der nicht; endlich kam er zum Wirbel­wind, der sah ganz wild aus. Der Arme fragte ihn auch, ob er nicht wisse, wo sein Sohn sich aufhalte. Ei, freilich weiß ich’s; ich ziehe eben hin und nehme dich mit!“ Indem hob ihn der Wirbel­wind auf und rührte ihn im Nu aufs Gebirg zu seinem Sohn, der war in einem Tal, welch­es die Sonne nie beschien. Der Arme freute sich, als er ihn sah und hörte, wie er das Schaf gerettet habe. Jet­zt aber“, sprach er, wollen wir bei­de hier bleiben und darauf sor­gen, denn das ist nun unser ganz­er Reich­tum!“
Nach einiger Zeit geschah es, daß zwei Wan­der­er über das Gebirge herka­men und bei dem Armen anhiel­ten und sich lagerten; es waren aber Chris­tus und Petrus. Da sprach Chris­tus : Wir sind weit gereist und müde und so hun­grig, daß wir ster­ben müssen, wenn wir nicht bald ein wenig Fleisch bekom­men.“ Der Arme erbarmte sich und sprach sogle­ich: Da kann ich helfen!“ Er ging schnell und brachte sein Schaf und schlachtete es und machte ein Feuer an und bri­et davon ein gutes Stück für seine Gäste, und das schmeck­te diesen auch ganz vortr­e­f­flich. Nach dem Mahle sprach Chris­tus zum Knaben des Armen, er solle nur die Knochen zusam­men­le­sen und alle ins Schafs­fell leg­en. Das tat der Junge, und darauf legten sie sich miteinan­der zum Schlafen. Ganz früh aber stand Chris­tus mit Petrus auf, seg­neten den Armen mit seinem Jun­gen und zogen still ab. Als der Arme mit seinem Jun­gen erwachte, sah er um sich eine große Herde Schafe, und vorn stand sein Schaf, das er am Abend geschlachtet hat­te, ganz frisch und gesund und trug einen Zettel auf der Stirn; darauf stand: Alle gehören dem Armen und seinem Jun­gen!“ Drei Hunde sprangen um sie herum und tat­en fre­undlich. Der Arme kon­nte seine Freude und sein Glück nicht ver­bor­gen hal­ten; er zog mit der Herde heim.

Da kam das ganze Dorf zusam­men, als er anlangte, um die vie­len und schö­nen Schafe zu sehen, und der Arme mußte oft und oft erzählen, wie er durch die zwei armen Wan­der­er zu dem Glück gekom­men sei. Dem reichen Nach­bar ließ aber der Neid keine Ruhe; er dachte bei sich: Wenn das so ist, so mußt du bald noch mehr bekom­men!“ Er ging hin­aus, ließ alle armen Wan­der­er und Bet­tler zusam­men­rufen, schlachtete alle Schafe und bri­et ihnen das Fleisch und set­zte es ihnen vor. Dann legte er sorgfältig alle Knochen zusam­men, in das Fell eines jeden Schafes diejeni­gen, die hinge­hörten, und legte sich dann mit den Wan­der­ern und Bet­tlern nieder. Allein er kon­nte nicht schlafen, son­dern über­rech­nete in seinen Gedanken immer­fort bis an den Mor­gen, wieviele Schafe er mehr haben müsse als sein Nach­bar, da er hun­dert geschlachtet habe und jen­er nur eines.

Als der neue Tag sich entzün­dete, sprang er auf und wollte die große Herde überse­hen. Aber da lagen noch alle Knochen im Fell und nichts regte und rührte sich. Ha“, dachte er, jet­zt weißt du, woran es hängt: Die Wan­der­er und Bet­tler hät­ten schon fort sein müssen!“ – Auf, ihr Lumpen, packt euch ein­mal!“ Aber die rührten sich nicht, bis die Sonne hoch am Him­mel stand, und seine Schafe waren dahin und hat­ten sich nicht ver­hun­dert­fältigt. Nun jam­merte und fluchte er, daß er um all sein Gut gekom­men war, ging hin und ersäufte sich.

Der Arme aber blieb reich und glück­lich, und man erzählt noch, sein Junge habe später die Königstochter geheiratet.