Lieb und Leid teilen

von Brüder Grimm

~3 Min

Es war ein­mal ein Schnei­der, der war ein zänkisch­er Men­sch, und seine Frau, die gut, fleis­sig und fromm war, kon­nte es ihm niemals recht machen. Was sie tat, er war unzufrieden, brummte, schalt, raufte und schlug sie. Als die Obrigkeit endlich davon hörte, liess sie ihn vor­fordern und ins Gefäng­nis set­zen, damit er sich bessern sollte. Er sass eine Zeit­lang bei Wass­er und Brot, dann wurde er wieder freige­lassen, musste aber geloben, seine Frau nicht mehr zu schla­gen, son­dern friedlich mit ihr zu leben, Lieb und Leid zu teilen, wie sichs unter Eheleuten gebührt. Eine Zeit­lang ging es gut, dann aber geri­et er wieder in seine alte Weise, war mür­risch und zänkisch. Und weil er sie nicht schla­gen durfte, wollte er sie bei den Haaren pack­en und raufen. Die Frau entwischte ihm und sprang auf den Hof hin­aus, er lief aber mit der Elle und Schere hin­ter ihr her, jagte sie herum und warf ihr die Elle und Schere, und was ihm son­st zur Hand war, nach. Wenn er sie traf, so lachte er, und wenn er sie fehlte, so tobte und wet­terte er. Er trieb es so lange, bis die Nach­barn der Frau zu Hil­fe kamen. Der Schnei­der ward wieder vor die Obrigkeit gerufen und an sein Ver­sprechen erin­nert. Liebe Her­ren,‘ antwortete er, ich habe gehal­ten, was ich gelobt habe, ich habe sie nicht geschla­gen, son­dern Lieb und Leid mit ihr geteilt.‘ Wie kann das sein,‘ sprach der Richter, da sie aber­mals so grosse Klage über Euch führt?‘ Ich habe sie nicht geschla­gen, son­dern ihr nur, weil sie so wun­der­lich aus­sah, die Haare mit der Hand käm­men wollen: sie ist mir aber entwichen und hat mich bös­lich ver­lassen. Da bin ich ihr nachgeeilt und habe, damit sie zu ihrer Pflicht zurück­kehre, als eine gut­ge­meinte Erin­nerung nachge­wor­fen, was mir eben zur Hand war. Ich habe auch Lieb und Leid mit ihr geteilt, denn sooft ich sie getrof­fen habe, ist es mir lieb gewe­sen und ihr leid: habe ich sie aber gefehlt, so ist es ihr lieb gewe­sen, mir aber leid.‘ Die Richter waren mit dieser Ant wort nicht zufrieden, son­dern liessen ihm seinen ver­di­en­ten Lohn auszahlen.