Katze und Maus in Gesellschaft

von Brüder Grimm

~5 Min

Eine Katze hat­te Bekan­ntschaft mit ein­er Maus gemacht und ihr soviel von gross­er Liebe und Fre­und­schaft vorge­sagt, die sie zu ihr trüge, dass die Maus endlich ein­willigte, mit ihr zusam­men in einem Haus zu wohnen und gemein­schaftliche Wirtschaft zu führen. Aber für den Win­ter müssen wir Vor­sorge tra­gen, son­st lei­den wir Hunger,“ sagte die Katze. Du, Mäuschen, kannst dich nicht über­all­hin wagen und gerätst mir am Ende in eine Falle.“ 

Der gute Rat wurde also befol­gt und ein Töpfchen mit Fett angekauft. Sie wussten aber nicht, wohin sie es stellen soll­ten. Endlich, nach langer Über­legung, sprach die Katze: Ich weiss keinen Ort, wo es bess­er aufge­hoben wäre, als die Kirche; da getraut sich nie­mand etwas wegzunehmen. Wir stellen es unter den Altar und rühren es nicht eher an, als bis wir es nötig haben.“ Das Töpfchen wurde also in Sicher­heit gebracht. 

Aber es dauerte nicht lange, so trug die Katze Gelüste danach und sprach zur Maus: Was ich dir sagen wollte, Mäuschen, ich bin von mein­er Base zum Gevat­ter gebeten. Sie hat ein Söh­nchen zur Welt gebracht, weiss mit braunen Fleck­en, das soll ich über die Taufe hal­ten. Lass mich heute aus­ge­hen und besorge du das Haus allein!“ – Ja, ja,“ antwortete die Maus, geh in Gottes Namen! Wenn du was Gutes isst, so denk an mich! Von dem süssen roten Fes­t­wein tränk ich auch gern ein Tröpfchen!“ Es war aber alles nicht wahr. Die Katze hat­te keine Base und war nicht zum Gevat­ter gebeten. Sie ging ger­adewegs nach der Kirche, schlich zu dem Fet­töpfchen und leck­te die fette Haut ab. Dann machte sie einen Spazier­gang auf den Däch­ern der Stadt, streck­te sich her­nach in der Sonne aus und wis­chte sich den Bart, sooft sie an das Fet­töpfchen dachte. Erst als es Abend war, kam sie wieder nach Hause. Nun, da bist du ja wieder!“ sagte die Maus. Du hast gewiss einen lusti­gen Tag gehabt.“ – Es ging an,“ antwortete die Katze. Was hat denn das Kind für einen Namen bekom­men?“ fragte die Maus. Hautab,“ sagte die Katze ganz trock­en. Hautab,“ rief die Maus, das ist ja ein selt­samer Name! Ist der in eur­er Fam­i­lie gebräuch­lich?“ – Was ist da weit­er!“ sagte die Katze. Er ist nicht schlechter als Bröseldieb, wie deine Pat­en heissen.“

Nicht lange danach überkam die Katze wieder ein Gelüste. Sie sprach zur Maus: Du musst mir den Gefall­en tun und nochmals das Hauswe­sen allein besor­gen; ich bin zum zweit­en­mal zum Gevat­ter gebeten, und da das Kind einen weis­sen Ring um den Hals hat, so kann ich’s nicht abschla­gen.“ Die gute Maus willigte ein, die Katze aber schlich hin­ter der Stadt­mauer zu der Kirche und frass den Fet­topf halb aus. Es schmeckt nichts bess­er,“ sagte sie, als was man sel­ber isst,“ und war mit ihrem Tagew­erk ganz zufrieden. Als sie heimkam, fragte die Maus: Wie ist denn dieses Kind getauft wor­den?“ – Hal­baus,“ antwortete die Katze. Hal­baus! Was du sagst! Den Namen habe ich mein Leb­tag noch nicht gehört. Ich wette, der ste­ht nicht im Kalender.“

Der Katze wässerte das Maul bald wieder nach der Leck­erei. Aller guten Dinge sind drei,“ sprach sie zu der Maus. Ich soll wieder Gevat­ter ste­hen. Das Kind ist ganz schwarz und hat bloss weisse Pfoten, son­st kein weiss­es Haar am ganzen Leib. Das trifft sich alle paar Jahre nur ein­mal. Du läss­est mich doch aus­ge­hen?“ – Hautab, Hal­baus,“ antwortete die Maus, es sind selt­same Namen, die machen mich nach­den­klich.“ – Da sitzest du daheim in deinem dunkel­grauen Flaus­rock und deinem lan­gen Haar­zopf,“ sprach die Katze, und fängst Grillen. Das kommt davon, wenn man bei Tag nicht aus­ge­ht!“ Die Maus räumte während der Abwe­sen­heit der Katze auf und brachte das Haus in Ord­nung; die naschhafte Katze aber frass den Fet­topf rein aus. Wenn erst alles aufgezehrt ist, so hat man Ruhe,“ sagte sie zu sich selb­st und kam satt und dick erst in der Nacht nach Hause. Die Maus fragte gle­ich nach dem Namen, den das dritte Kind bekom­men habe. Er wird dir wohl auch nicht gefall­en,“ sagte die Katze; er heisst Gan­zaus.“ – Gan­zaus!“ rief die Maus. das ist der allerbe­den­klich­ste Name, gedruckt ist er mir noch nicht vorgekom­men. Gan­zaus! Was soll das bedeuten?“ Sie schüt­telte den Kopf, rollte sich zusam­men und legte sich schlafen.

Von nun an wollte nie­mand mehr die Katze zum Gevat­ter bit­ten. Als aber der Win­ter herangekom­men und draussen nichts mehr zu find­en war, gedachte die Maus ihres Vor­rats und sprach: Komm, Katze, wir wollen zu unserm Fet­topf gehen, den wir uns aufges­part haben! Der wird uns schmeck­en.“ – Jawohl,“ erwiderte die Katze, der wird dir schmeck­en, als wenn du deine feine Zunge zum Fen­ster hin­ausstreckst.“ Sie macht­en sich auf den Weg, und als sie anlangten, stand zwar der Fet­topf noch an seinem Platz, war aber leer. Ach,“ sagte die Maus, jet­zt merke ich, was geschehen ist! jet­zt kommt’s an den Tag. Du bist mir eine wahre Fre­undin! Aufge­fressen hast du alles, während du behauptetest, Gevat­ter zu ste­hen: erst Haut ab, dann halb aus, dann…“ – Willst du schweigen!“ rief die Katze. Noch ein Wort, und ich fresse dich auf!“

Ganz aus,“ hat­te die arme Maus schon auf der Zunge. Kaum war es her­aus, tat die Katze einen Satz nach ihr, pack­te sie und schlang sie hin­unter. Siehst du, so geht’s in der Welt.