Herzeleid

von Johann Wilhelm Wolf

~5 Min

Es ist eigentlich eine Geschichte in zwei Teilen, mit der wir hier aufwarten; der erste Teil kön­nte recht gut fort­fall­en, – aber er gibt uns die Vorken­nt­nisse, und die sind nützlich!

Wir hiel­ten uns weit­er drin­nen auf dem Lande auf einem Her­ren­hofe auf. Da traf es sich, daß die Herrschaft dort für einen Tag fort­fuhr und an dem­sel­ben Tage aus dem benach­barten Fleck­en eine Frau mit ihrem Mops kam. Sie kam, wie sie sagte, um Aktien auf ihre Ger­berei aufzunehmen. Ihr Papiere hat­te sie mit­ge­bracht und wir rieten ihr, einen Umschlag darum zu tun und den Namen des Guts­be­sitzers darauf zu schreiben: Gen­er­alkriegskom­mis­sar, Rit­ter etc.“

Sie tat, wie wir ihr sagten, sie ergriff die Fed­er, stock­te und bat uns, die Auf­schrift noch ein­mal zu wieder­holen, aber langsam. Wir tat­en es und sie schrieb. Aber mit­ten im Gen­er­alkriegs“ blieb sie steck­en, seufzte und sagte: Ich bin nur ein Frauen­z­im­mer.“ Den Mops hat­te sie auf den Fuß­bo­den geset­zt, während sie schrieb, und er knur­rte. Er war wegen sein­er Gesund­heit und um seines Vergnü­gens willen mitgenom­men wor­den, und dann will man nicht auf den Fuß­bo­den geset­zt wer­den. Stumpf­nase und Speck­rück­en waren seine äußeren Kennzeichen.

Er beißt nicht!“ sagte die Frau, er hat keine Zähne. Er ist wie jemand, der zur Fam­i­lie gehört, treu und bis­sig, aber dazu ist er von meinen Enkelkindern gebracht wor­den. Sie spie­len immer Hochzeit, und er soll Brautjungfer sein, das strengt ihn zu sehr an, das alte Tier!“

Und sie ließ ihre Papiere da und nahm den Mops auf den Arm. Das ist der erste Teil der eigentlich ent­behrlich war. Der Mops starb!“ das ist der zweite Teil.

Es war eine Woche später; wir kamen in den Fleck­en und zogen in einen Gasthof. Unsere Fen­ster gin­gen auf den Hof hin­aus, der durch einen Bret­terza­un in zwei Teile geteilt war. In dem einen hin­gen Felle und Häute, rohe und gegerbte, und hier standen auch alle Mate­ri­alien zu ein­er Ger­berei; sie gehörte der Witwe. – Der Mops war an diesem Mor­gen gestor­ben und hier im Hofe begraben wor­den. Der Witwe Enkelkinder, daß heißt also der Ger­ber­witwe, denn der Mops war nicht ver­heiratet gewe­sen, klopften das Grab zu. Es war ein schönes Grab, es mußte wahrlich ein Vergnü­gen sein, darin zu ruhen.

Das Grab war mit Topf­scher­ben einge­faßt und mit Sand bestreut. Oben darauf hat­ten sie eine kleine Bier­flasche mit dem Halse nach oben geset­zt, aber es war nicht alle­gorisch gemeint.

Die Kinder tanzten rund um das Grab und der älteste der Knaben, ein prak­tis­ch­er Jüngling von sieben Jahren, schlug vor, daß das Grab des Mopses aus­gestellt wer­den solle, und zwar für alle Kinder aus der Straße. Der Ein­tritt mußte mit einem Knopf bezahlt wer­den, das war etwas, was jed­er Knabe besaß und was er auch den kleinen Mäd­chen liefern kon­nte, und der Vorschlag wurde ein­stim­mig angenommen.

Und alle Kinder aus der Straße und der Neben­straße kamen und gaben ihren Knopf. Da kam manch­er dazu, den ganzen Nach­mit­tag lang mit nur einem Hosen­träger herumzu­laufen, aber dafür hat­te man auch des Mopses Grab gese­hen, und das war es wohl wert.

Doch draußen vor dem Ger­ber­hofe, dicht an der Pforte, stand ein kleines zer­lumptes Mäd­chen, so hüb­sch und niedlich, mit dem schön­sten Lock­en­haar und Augen so blau und so klar, daß es eine Lust war. Sie sagte nicht ein Wort, sie weinte auch nicht, aber sie machte so lange Augen, wie sie nur kon­nte, jedes­mal, wenn die Tür geöffnet wurde. Sie wußte genau, daß sie keinen Knopf besaß und blieb deshalb trau­rig draußen ste­hen. Dort stand sie, bis alle fort­ge­gan­gen waren; dann set­zte sie sich nieder, hielt die kleinen, braunen Händ­chen vor die Augen und brach in Trä­nen aus. Sie allein hat­te des Mopses Grab nicht gese­hen. Das war ein Herzeleid, so groß wie es oft die Erwach­se­nen nicht haben.

Wir sahen es von oben – und von oben gese­hen – ja, über diese, wie über viele unser­er und ander­er Sor­gen – kon­nten wir lächeln! Das ist die Geschichte, und wer sie nicht ver­ste­ht, kann Aktien auf die Ger­berei der Witwe nehmen.