Helene

von Ludwig Bechstein

~9 Min

Es war ein­mal ein schönes Mäd­chen, das hieß Helene. Ihre Mut­ter war früh gestor­ben, und die Stief­mut­ter, die sie bekom­men hat­te, tat ihr alles gebran­nte Herzeleid an. Helene gab sich alle Mühe, ihre Liebe zu gewin­nen, sie ver­richtete die schw­eren Arbeit­en, die ihr aufer­legt wur­den, fleißig und unver­drossen, aber die böse Stief­mut­ter blieb in ihrem harten Herzen ungerührt und ver­langte immer mehr von ihr. Denn weil Helene so emsig und uner­müdlich war, daß sie immer bei Zeit­en mit ihrer Arbeit fer­tig wurde, so glaubte sie, was sie ihr aufer­legt habe, sei noch zu leicht und zu ger­ing gewe­sen, und sann auf neue schwere Beschäf­ti­gun­gen. Eines Tages ver­langte die Alte von Helene, diese solle zwölf Pfund Fed­ern in einem Tage abschleißen, und dro­hte ihr mit harten Strafen, wenn sie abends nach Hause zurück­käme und die Arbeit sei nicht getan.

Das arme gequälte Mäd­chen set­zte sich mit Angst und Trä­nen zu ihrer Arbeit und kon­nte vor Kum­mer kaum einen Anfang machen. Wenn sie aber endlich ein Häufchen geschlis­sener Fed­ern vor sich liegen hat­te, da mußte sie wieder an ihre Not denken und bit­ter­lich weinen, und dann sto­ben die Fed­ern von ihrem Seufzen auseinan­der. So ging es ihr immer wieder, und ihre Angst stieg auf das Höch­ste. Sie bedeck­te ihr Gesicht mit bei­den Hän­den, bück­te sich über den Tisch und rief weinend aus: »Ach! Ist denn nie­mand auf Gottes Erd­bo­den, der sich mein­er erbarme?«

Da antwortete auf ein­mal eine san­fte Stimme: »Tröste dich, mein Kind, ich bin gekom­men dir zu helfen.« Erschrock­en sah Helene auf und erblick­te eine Fee, die fre­undlich fragte: »Was weinst du so?« Helene hat­te lange kein fre­undlich­es Wort gehört, sie faßte Ver­trauen zu der Erschei­n­ung und erzählte, was ihr für eine Arbeit aufgegeben sei und daß sie damit unmöglich zur bes­timmten Zeit fer­tig wer­den könne. »Sei ohne Sor­gen, mein Kind!« sprach die fre­undliche Fee, »lege dich ruhig schlafen; unter­dessen will ich deine Arbeit ver­richt­en.« Helene legte sich zur Ruhe, und unter den Hän­den der Fee flo­gen die Fed­ern selb­st von den Kie­len, so daß die Arbeit lange vor der geset­zten Frist fer­tig war. Darauf weck­te die Fee Helene, die allen Kum­mer ver­schlafen hat­te, und ver­schwand, als diese ihr danken wollte. Am Abend kam die böse Stief­mut­ter nach Hause. Wie erstaunte sie, als sie Hele­nen neben der fer­ti­gen Arbeit ruhig sitzend fand. Sie lobte zwar ihren Fleiß, dachte aber bei sich auf neue und schw­erere Arbeiten.

Am andern Tag befahl sie Helene, einen großen Teich, der in der Nähe lag, mit einem Löf­fel auszuschöpfen, und der Löf­fel, den sie ihr dazu gab, war durch­löchert. Helene machte sich an ihre Arbeit, aber bald sah sie ein, daß es unmöglich war, das Gebot ihrer bösen und tück­ischen Stief­mut­ter zu erfüllen. Voll tiefer Küm­mer­nis und Angst wollte sie schon den Löf­fel von sich wer­fen, als plöt­zlich die gute Fee vor ihr stand und sie fre­undlich fragte, warum sie so betrübt sei? Als Helene ihr von dem Gebote der Stief­mut­ter erzählt hat­te, sprach sie: »Ver­laß dich auf mich; ich will deine Arbeit für dich ver­richt­en. Lege dich unter­dessen ruhig schlafen.« Helene war getröstet und legte sich zur Ruhe, aber bald ward sie von der Fee leise geweckt und erblick­te das voll­brachte Werk. Voller Freuden eilte sie zu ihrer Stief­mut­ter und hoffte, ihr Herz würde sich endlich erwe­ichen. Aber diese ärg­erte sich darüber, daß ihre Tücke so wun­der­bar vere­it­elt wor­den war, und sann auf noch schwierigere Aufgaben.

Als es Mor­gen gewor­den war, befahl sie Helene, bis zum Abende ein schönes Schloß zu bauen, das sogle­ich bezo­gen wer­den könne und an dem nichts fehlen dürfe, wed­er Küche noch Keller noch irgend etwas. Helene set­zte sich niedergeschla­gen auf den Felsen, der ihr zum Bau angewiesen war, und tröstete sich nur mit der Hoff­nung, daß ihr die gute Fee auch dies­mal aus ihrer Not helfen werde. So geschah es auch. Die Fee erschien, ver­sprach, das Schloß zu bauen und schick­te Helene wieder zur Ruhe. Auf das Wort der Fee erhoben sich Felsen und Steine und fügten sich ineinan­der, so daß bald ein prächtiges Schloß da stand. Vor Abend war auch inwendig alles fer­tig und in vollem Glanze. Wie dankbar und freudig war Helene, als sie die schwere Auf­gabe ohne ihr Zutun erfüllt sah Aber die Stief­mut­ter freute sich nicht, son­dern ging schnüf­fel­nd und spürend durch das Schloß von oben bis unten, ob sie nicht irgen­deinen Fehler fände, wegen dessen sie Helene auss­chel­ten und strafen kön­nte. Endlich wollte sie auch den Keller betra­cht­en, aber in dem Augen­blicke, wo sie die Falltüre erhoben hat­te und hin­ab­steigen wollte, schlug die schwere Türe plöt­zlich zurück, so daß die böse Stief­mut­ter die Treppe hin­ab­stürzte und sich zu Tode fiel.

Nun war Helene sel­ber Her­rin des Schloss­es und lebte in Ruhe und Frieden. Bald kamen viele Freier, die von ihrer großen Schön­heit gehört hat­ten. Unter ihnen war auch ein Königssohn mit Namen Laß­mann, und dieser erwarb sich die Liebe der schö­nen Helene. Eines Tages saßen bei­de ver­traulich vor dem Schlosse unter ein­er hohen Linde beisam­men, und Laß­mann sagte Helene, daß er von ihr zu seinen Eltern reisen müsse, um ihre Ein­willi­gung zu sein­er Heirat sich zu holen, und bat sie unter der Linde sein­er zu warten. Er schwur ihr, sobald als möglich zu ihr zurück­zukehren. Helene küßte ihn beim Abschiede auf die linke Backe und bat ihn, so lange er von ihr ent­fer­nt sein werde, sich von nie­mand anderem auf diese Backe küssen zu lassen . Unter der Linde wolle sie ihn erwarten.

Helene baute felsen­fest auf Laß­manns Treue und saß ganz­er drei Tage lang von Mor­gen bis zum Abende unter der Linde . Als aber ihr Bräutigam immer noch nicht kam, geri­et sie in schwere Sorge und beschloß, sich auf den Weg zu machen und ihn zu suchen. Sie nahm von ihrem Schmucke so viel sie kon­nte, auch von ihren Klei­dern nahm sie drei der schön­sten, eins mit Ster­nen, das andere mit Mon­den, das dritte mit lauter Son­nen von reinem Golde gestickt – Weit und bre­it wan­derte sie durch die Welt, aber nir­gends geri­et sie auf eine Spur ihres Bräutigams. Am Ende verzweifelte sie ganz daran, ihn zu find­en, und gab ihr Suchen auf, aber nach ihrem Schlosse wollte sie doch nicht heimkehren, weil ihr dort ohne ihren Bräutigam alles öde und ver­lassen vorkom­men mußte; lieber wollte sie in der Fremde bleiben. Sie ver­mi­etete sich bei einem Bauern als Hirtin und ver­grub ihren Schmuck und ihre schö­nen Klei­der an einem ver­bor­ge­nen Orte.

So lebte sie nun als Hirtin und hütete ihre Herde, indem sie an ihren Bräutigam dachte. Sie gewöh­nte ein Käl­bchen von der Herde an sich, füt­terte es aus ihrer Hand und richtete es ab, vor ihr nieder zu knien, wenn sie zu ihm sprach:

»Käl­bchen, knie nieder Und vergiß dein­er Ehre nicht, wie der Prinz Laß­mann die arme Helene ver­gaß, Als sie unter der grü­nen Linde saß.«

Nach eini­gen Jahren, die sie so ver­lebte, hörte sie, die Tochter des Königs in dem Lande, wo sie jet­zt wohnte, werde ein Königssohn mit Namen Laß­mann heirat­en. Darüber freuten sich alle Leute, aber Helene über­fiel ein noch viel größer­er Schmerz, als sie bish­er erlit­ten hat­te, denn sie hat­te immer noch auf Laß­manns Treue ver­traut. Nun traf es sich, daß der Weg zur Königsstadt nicht weit von dem Dorfe vor­beig­ing, wo Helene sich als Hirtin verd­ingt hat­te und so geschah es oft­mals, wenn sie ihre Herde hütete, daß Laß­mann an ihr vorüber­ritt, ohne sie zu beacht­en, indem er ganz in Gedanken an seine Braut ver­sunken war. Da fiel es Helene ein, sein Herz auf die Probe zu stellen und zu ver­suchen, ob es nicht möglich sei, ihn wieder an sie zu erin­nern. Nicht lange darauf kam Laß­mann wieder ein­mal vorüber; da sprach Helene zu Ihrem Kälbchen:

»Käl­bchen, knie nieder Und vergiß dein­er Ehre nicht, wie der Prinz Laß­mann die arme Helene ver­gaß, Als sie unter der grü­nen Linde saß.«

Als Laß­mann Hele­nens Stimme hörte, da war es ihm, als solle er sich auf etwas besin­nen, aber hell wurde ihm nichts, und deut­lich hat­te er auch nicht die Worte ver­nom­men, da Helene nur leise und mit zit­tern­der Stimme gere­det hat­te. So war auch ihr Herz viel zu bewegt gewe­sen, als daß sie hätte acht­geben kön­nen, welchen Ein­druck ihre Worte macht­en, und als sie sich faßte, war Laß­mann schon wieder weit von ihr fort. Doch sah sie noch, wie er langsam und nach­den­klich ritt, und deshalb gab sie sich noch nicht ganz verloren.

In diesen Tagen sollte in der Königsstadt mehrere Nächte hin­durch ein großes Fest gegeben wer­den. Darauf set­zte sie ihre Hoff­nung und beschloß, dort ihren Bräutigam aufzusuchen. Als es Abend war, machte sie sich heim­lich auf, ging zu ihrem Ver­stecke und legte das Kleid, das mit gold­e­nen Son­nen geziert war, und ihr Geschmei­de an, und ihre schö­nen Haare, die sie bish­er unter einem Tuche ver­bor­gen hat­te, ließ sie fes­sel­los rollen. So geschmeckt ging sie in die Stadt zum Feste. Als sie sich zeigte, da wandten sich aller Augen auf sie, alles ver­wun­dene sich über ihre Schön­heit, aber nie­mand wußte, wer sie war. Auch Laß­mann war von ihrer Schön­heit wie verza­ubert, ohne zu ahnen, daß er einst mit diesem Mäd­chen ein Herz und eine Seele gewe­sen war. Bis zum Mor­gen wich er nicht von ihrer Seite, und nur mit großer Mühe kon­nte sie in dem Gedränge ihm entkom­men, als es Zeit war heimzukehren. Laß­mann suchte sie über­all und erwartete sehn­lich die näch­ste Nacht, wo sie ver­sprochen hat­te, sich wieder einzufind­en. Am andern Abende begab sich die schöne Helene wiederum so zeit­ig, als sie kon­nte, auf den Weg. Dies­mal hat­te sie das Gewand an, das mit lauter sil­ber­nen Mon­den geziert war, und einen sil­ber­nen Halb­mond trug sie über ihrer Stirne. Laß­mann war froh, sie wiederzuse­hen, sie schien ihm noch viel schön­er zu sein als gestern, und die ganze Nacht tanzte er allein mit ihr . Als er sie aber nach ihrem Namen fragte, antwortete sie, sie dürfe ihn nicht nen­nen, wenn er nicht erschreck­en solle. Darauf bat er sie inständig, den näch­sten Abend wiederzukom­men, und dies ver­sprach sie ihm. Am drit­ten Abend war Laß­mann vor Ungeduld frühzeit­ig in dem Saale und ver­wandte kein Auge von der Tür. Endlich kam Helene in einem Gewande, das mit lauter gold­e­nen und sil­ber­nen Ster­nen gestickt war und von einem Ster­nengür­tel fest­ge­hal­ten wurde; ein Ster­nen­band hat­te sie um ihre Haare geschlun­gen. Laß­mann war noch mehr als vorher von ihr entzückt und drang in sie mit Bit­ten, sich ihm endlich zu erken­nen zu geben. Da küßte Helene ihn schweigend auf die linke Backe, und nun erkan­nte Laß­mann sie auf ein­mal wieder und bat voll Reue um ihre Verzei­hung; und Helene, froh ihn wiederge­won­nen zu haben, ließ ihn nicht lange darauf warten.